E-Book, Deutsch, 583 Seiten
Swindells Die Rose von Dover
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-389-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Ein bewegender Frauenschicksalsroman
E-Book, Deutsch, 583 Seiten
ISBN: 978-3-96655-389-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Madge Swindells wuchs in England auf und zog für ihr Studium der Archäologie, Anthropologie und Wirtschaftswissenschaften nach Cape Town, Südafrika. Später gründete sie einen Verlag und brachte vier neue Zeitschriften heraus, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Bereits ihr erster Roman, »Ein Sommer in Afrika«, wurde ein internationaler Bestseller, dem viele weitere folgten. Die Website der Autorin: www.madgeswindells.com Bei dotbooks veröffentlichte Madge Swindells ihre großen Familien- und Schicksalsromane »Ein Sommer in Afrika«, »Die Sterne über Namibia« und »Die Löwin von Johannesburg« - auch als Sammelband erhältlich -, »Eine Liebe auf Korsika«, »Die Rose von Dover«, »Liebe in Zeiten des Sturms« und »Das Geheimnis von Bourne-on-Sea« sowie ihre Spannungsromane »Zeit der Entscheidung«, »Im Schatten der Angst«, »Gegen alle Widerstände« und »Der kalte Glanz des Bösen«.
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Kapitel 6
Sobald sie vom Haus aus nicht mehr gesehen werden konnten, nahm Robert Marjories Hand. Beide saßen schweigend im Wagen. Es war warm und kaum eine Wolke am Himmel zu sehen. Felder, kleine Wäldchen und Dörfer huschten an ihnen vorbei. Auf den Wiesen wuchsen Klatschmohn und violetter Fingerhut; Ringelblumen und Löwenzahn zauberten Farbtupfer in die Felder und in den Hecken blühte der Weißdorn.
»Du machst bald deinen Schulabschluss«, ergriff Robert schließlich das Wort.
»Ja, und ich habe Angst davor.«
»Was machst du danach?«
Sie wandte sich stirnrunzelnd ab. Er sah, wie sie sich auf die Lippe biss, und ahnte, dass sie sich Sorgen um ihre Zukunft machte. »Mir wurde ein College-Platz in Bristol angeboten – wahrscheinlich ist das abhängig von meinen Noten im Abschlusszeugnis, aber ich glaube, die sind ganz in Ordnung. Das Problem ist nur, dass Mum in letzter Zeit Andeutungen macht, ich sollte mir bald meinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Ich weiß nicht, wieso sie so was sagt. Wir haben letztes Jahr ausführlich darüber gesprochen. Jetzt warte ich erst mal mein Zeugnis ab, und dann ...« Sie brach ab. »Aber erzähl mir lieber was von dir«, fuhr sie eilends fort und er merkte, dass sie das Thema nicht weiterverfolgen wollte. »Du hast noch nie von deinem Zuhause gesprochen. Warum hast du dir ausgerechnet das Dover College ausgesucht? Eine komische Wahl für einen angehenden Dichter.«
Er lachte. »Ja, wahrscheinlich. Ich bin der dritte Sohn in der Familie. Der älteste übernimmt den Familienbetrieb. Der zweite studiert Jura und der dritte, das bin, ich, geht zur Navy. Das ist Familientradition bei uns. Aber ich werde nicht zur Navy gehen. Ich möchte schreiben. Als ich die Grundschule verließ, wusste ich das noch nicht, deshalb erschien mir die Navy damals eine gute Idee zu sein. Inzwischen hab’ ich mich verändert. Das tun wir doch alle irgendwie, oder?« Er drückte ihre Hand. »Versprich mir, dass du dich nie veränderst. Ich wünsche mir, dass du bis in alle Ewigkeiten so bleibst, wie du jetzt bist.« Wie ungehobelt, so was zu sagen, aber er meinte es ehrlich. Er sah, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.
»Nimm die Wünsche in die eine Hand und spuck in die andere, dann wart ab, welche sich zuerst füllt. Das sagt meine Mum immer.«
Die rauen Worte rückten ihre ganze traurige Familiengeschichte in den Mittelpunkt. Plötzlich verspürte er Widerwillen und ließ ihre Hand los, dabei fragte er sich, ob sie mehr wie ihre Eltern war, als es zunächst den Anschein gehabt hatte. Mit einem Mal war es sehr wichtig für ihn, das herauszufinden.
»Marjorie«, begann er nach langem Schweigen. »Hat es dir jemals etwas ausgemacht, ein Haustier zu halten – ich meine so ein lahmes und süßes Tier wie den armen Frank – und es dann aufzuessen?«
»Oh!« Wenn sie rot wurde, schien ihr ganzer Körper davon betroffen zu sein. Robert wäre fast von der Straße abgekommen, als er beobachtete, wie die weiße Haut über ihren Brüsten einen rosigen Schimmer annahm.
»Die Wahrheit ist, ich gebe mir die größte Mühe, sie mir gar nicht anzusehen«, stammelte sie. »Als ich klein war, hatte ich ein eigenes, ganz besonderes Kaninchen. Es war weiß und hatte einen schwarzen Fleck über einem Auge, deshalb nannte ich es Nelson. Ich liebte Nelson, aber als ich eines Tages von der Schule nach Hause kam, hing er von oben bis unten aufgeschlitzt an den Hinterpfoten in der Tür zum Garten. Seither sehe ich mir keins unserer Kaninchen mehr an. Auf diese Weise tut es nicht so weh, wenn sie geschlachtet werden, verstehst du?«
Ein Teil von Robert bedauerte dieses süße Mädchen, das so göttlich sang und einmal ein Kaninchen geliebt hatte, der andere Teil quälte sich noch immer und sehnte sich danach, sich ein für alle Mal Klarheit zu verschaffen. »Hast du das Kaninchen gegessen? Ich meine dein Kaninchen?«
»Oh, hör auf damit, Robert«, protestierte sie ungehalten. »Worauf willst du hinaus? Du piesackst mich – das ist nicht fair. Und meinen Eltern gegenüber bist du auch nicht fair. Dad hält die Kaninchen in unserem Schrebergarten. Alles dort ist für uns zum Essen da – Kohl, Zwiebeln, Salat und jede Menge anderes. Es hilft uns zurechtzukommen. Wir haben nie genug Geld, musst du wissen. Meine Familie ist nicht reich. Dad bringt immer ein Kaninchen mit nach Hause, damit wir es ordentlich füttern können.« Sie hielt inne und biss sich auf die Lippe. »Was ist daran falsch? Du bist kein Vegetarier, nehme ich an. Ich wette, du gehst auf die Jagd und siehst zu, wie die Hundemeute diese armen kleinen Füchse in Stücke reißt, hab’ ich recht?«
Sie hatte recht und er spürte, wie seine Wangen heiß wurden. Was sollte er dazu sagen?
»Aber die Antwort auf deine Frage ist ›nein‹, Robert. Mir ist damals der Appetit gründlich vergangen. Und zwar für einige Tage, aber Dad meinte, es wäre die beste Pastete gewesen, die Mum seit Langem zubereitet hatte. Weißt du was? Ich habe Mum insgeheim mehr Vorwürfe gemacht als Dad, weil sie so gute Sachen gekocht und zugelassen hat, dass Dad mein Kaninchen schlachtet. Verstehst du – sie hat alles gewusst und mich verstanden, Dad hatte keine Ahnung, deshalb war er sozusagen unschuldig.«
»Du bist kein bisschen wie sie«, behauptete er – es tat ihm leid, dass ihre Mutter sie so verraten hatte.
»Wie? Was meinst du damit? Glaubst du, du mit deinem hochtrabenden Gerede und deinem versnobten Akzent hättest das Recht, sie zu kritisieren? Wage es bloß nicht, auf meine Eltern herabzuschauen, sonst hast du mich die längste Zeit gesehen.«
»Tut mir leid«, entschuldigte er sich verlegen.
Er gab sich die größte Mühe, die Gedanken an ihre schrecklichen Eltern abzuschütteln. Eine ganze Zeit wechselten sie kein Wort miteinander und als er die Hand nach ihrer ausstreckte, zuckte sie zurück. Er bremste ab, lenkte den Wagen auf den Randstreifen, dann blieb er ganz stehen und sah sie an. Sie funkelte ihn aus großen, feindseligen Augen an und presste die Lippen fest zusammen.
»Es gibt kein Gesetz, das mir vorschreibt, den Vater des Mädchens zu mögen, in das ich mich verknallt hab’, oder? Ist es denn so schrecklich für dich, wenn er mir nicht sympathisch ist? Dafür mag ich dich umso mehr.«
Er zog sie fest an sich und die Hitze ihres Körpers traf ihn wie ein Schock. Das plötzliche Begehren blendete alles andere aus. Er war ganz benommen, unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen – er spürte nur noch das lodernde Feuer, das sie in ihm entfacht hatte. Seine Haut glühte und seine Lippen brannten vor Sehnsucht, die ihren zu berühren. Er hob ihr Kinn und spürte die weiche, klebrige Süße ihrer Lippen, als sie mit seinen verschmolzen. Er schauderte und hätte beinahe laut gestöhnt vor Lust.
Schließlich richtete er sich auf, aber sie klammerte sich an ihn. »Oh«, seufzte er. »Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe nie zuvor so gefühlt. Lass uns aussteigen und einen Spaziergang machen.«
Sie blieb unsicher neben dem Wagen stehen, aber er nahm ihre Hand und zog sie die grasbewachsene Böschung hinunter. Arm in Arm wanderten sie ungeschickt und mit steifen Beinen den Bach entlang – beide sehnten sich nach sexueller Erfüllung, spürten, wie das Blut heiß durch ihre Adern pulsierte, und dachten nur an eines: Wo können wir uns vor unerwünschten Blicken verstecken?
Robert half ihr durch eine Lücke in der Weißdornhecke und sie kamen auf ein im leichten Wind wogendes Gerstenfeld. Am Rand blieb er stehen, zog seine Jacke aus und legte sie ins Gras.
»Wir können uns hersetzen, wenn du willst.«
Zögernd ließ sie sich nieder. »Ich dachte, wir wollen reiten. Wir sind nicht sehr weit gekommen, was?« Sie klang gereizt.
»Wir reiten noch. Bald. Ich konnte so nicht weiterfahren, verstehst du?« Er versuchte, ihr alles zu erklären. »Es war wie ein Waldbrand. Ein Funke, und alles gerät außer Kontrolle. Hast du das genauso wie ich gespürt?«
»Ich spüre das jedes Mal, wenn ich an dich denke. Ich träume jede Nacht von dir.« Sie sah ihn vertrauensvoll an.
Da war er wieder, dieser unglaubliche Mut. Man braucht Mumm, um so ehrlich zu sein, dachte er. »Ich auch«, gab er zu. »Aber da im Auto – das war etwas anderes. Erschreckend! Hast du schon mal?«
»Nein.«
»Ich auch nicht.«
»Du darfst nicht glauben, dass ich es jemals will. Ich mache es nie«, behauptete sie in drollig altjüngferlicher Art.
»Ich bin nicht mit dir hergefahren, um dich zu verführen«, beteuerte er. »Ich bin selbst vollkommen überrascht worden.«
Er zog ihr Top ein paar Zentimeter hoch, presste die Lippen auf ihre Haut und kitzelte sie mit der Zunge. Er war sich nicht sicher, ob sie Einwände erheben würde, aber sie wand sich wohlig und kicherte. Irgendwie kam er sich mit einem Mal viel älter vor als sie. Sie war ein Kind. Er musste auf sie aufpassen und sie beschützen. Es war die reinste Qual, von ihr zu lassen und sich aufzusetzen.
»Ich habe mich ein bisschen abgekühlt. Lass uns fahren.«
Sie lächelte und versuchte, ihn wieder an sich zu ziehen.
»Komm schon. Du möchtest doch reiten lernen, oder etwa nicht? Wenn ich dich noch einmal küsse, kommen wir nie zum Reiterhof. Ich würde höchstens losrasen und dich so schnell wie möglich zurückbringen.«
Bis zu diesem Tag hatte er von Mädchen nur eines erwartet – dass sie sich mit ihm verabredeten. Er hatte keine Schwestern und nie viel mit Mädchen zu tun gehabt, aber Marjorie war wirklich großartig. Sie lernte ohne Probleme die Grundbegriffe der Reiterei und als das Pferd mit ihr davongaloppierte und sie in einen Teich abwarf, lachte sie nur und kletterte sofort wieder in den Sattel. Ihr Haar trocknete in...




