Swyler | Das Geheimnis der Schwimmerin | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Swyler Das Geheimnis der Schwimmerin

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-15954-2
Verlag: Limes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-641-15954-2
Verlag: Limes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Um einen Fluch zu bannen, musst du seine Quelle finden

Simon Watson lebt allein in einem verwitterten Haus an der Küste Long Islands. Eines Tages findet er ein altes Buch auf seiner Türschwelle, das ihn sofort in seinen Bann zieht. Die brüchigen Seiten erzählen von einer großen Liebe, vom dramatischen Tod einer Schwimmerin und vom tragischen Schicksal einer ganzen Familie – Simons eigener Familie. Denn wie es scheint, finden die Watson-Frauen seit 250 Jahren im Wasser den Tod – immer am 24. Juli. Auch Simons Mutter ertrank in den Fluten des Atlantiks. Als nun seine Schwester Enola zu Besuch kommt, scheint sie seltsam verändert – und der 24. Juli steht unmittelbar bevor …

Erika Swyler besuchte die New York University und hat bereits für die Bühne sowie diverse Literaturmagazine und Anthologien geschrieben. Geboren und aufgewachsen in Long Island, lernte sie schwimmen, noch bevor sie laufen konnte. Vor Kurzem zog sie von Brooklyn zurück in ihren Heimatort, der sie zu ihrem Debüt Das Geheimnis der Schwimmerin inspirierte.
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1

20. Juni

Vorn auf dem Hochufer hockt das Haus und ist in Gefahr. Der Sturm letzte Nacht hat Land weggerissen und das Wasser aufgewühlt, der Strand liegt voller Flaschen, Seetang und Panzer von Pfeilschwanzkrebsen. Der Ort, an dem ich mein gesamtes Leben zugebracht habe, wird die Herbststürme wohl nicht überstehen. Ich sehe hinaus auf den Long Island Sound, er ist durchsetzt mit den Resten von Häusern und Lebzeiten, die er in seinem gierigen Schlund zu Sand zermahlen hat. Sein Hunger ist unermesslich.

Maßnahmen hätten ergriffen, Befestigungen gebaut, Abstufungen des Geländes vorgenommen werden müssen – nichts ist geschehen. Die Antriebslosigkeit meines Vaters hat mir ein unlösbares Problem hinterlassen, viel zu teuer für einen Bibliothekar in Napawset, doch wir Bibliothekare sind für unseren Einfallsreichtum bekannt.

Ich gehe zur Holztreppe hinüber, die hinunter auf den Sand führt. Ich habe meine Schwielen dieses Jahr nicht gepflegt, und meine Füße schmerzen auf den harten Steinen. An der Nordküste sind wenige Dinge wichtiger als harte Füße. Meine Schwester Enola und ich sind im Sommer immer so lange barfuß herumgerannt, bis die Straße so heiß wurde, dass unsere Zehen im Teer versanken. Wer nicht von hier ist, kommt auf dieser Küste barfuß nicht weiter.

Unten an der Treppe steht Frank McAvoy und winkt mir zu, bevor er den Blick aufs Steilufer richtet. Er hat sein Skiff dabei, ein wunderschönes Boot, das aussieht wie aus einem einzigen Stück Holz geschnitzt. Frank ist Bootsbauer und ein guter Kerl, er kannte meine Familie schon, als es mich noch gar nicht gab. Wenn er lacht, wird sein Gesicht zur verwitterten, fleckigen Faltensammlung eines Iren, der zu viele Jahre in der Sonne verbracht hat. Die Brauen biegen sich nach oben und verschwinden unter der Krempe des alten Leinenhutes, den er nie abzusetzen scheint. Wäre mein Vater älter geworden, über sechzig, hätte er vielleicht wie Frank ausgesehen, mit den gleichen vergilbten Zähnen und rötlichen Sommersprossen.

Wenn ich Frank ansehe, muss ich daran denken, wie ich als kleiner Kerl zwischen dem Holz für ein großes Lagerfeuer herumgekrochen bin und mich seine riesige Hand von einem umkippenden Balken weggezogen hat. Sofort denke ich auch an meinen Vater und sehe ihn über einen Grill gebeugt Maiskolben wenden. Ich rieche die verkohlten Blätter und Grannen. Frank erzählte uns Fischergeschichten, und natürlich log er, dass sich die Balken bogen. Meine Mutter und seine Frau stachelten ihn an, und ihr Lachen verschreckte die Möwen. Zwei von diesen Menschen leben nicht mehr. Ich sehe Frank an und sehe meine Eltern vor mir, und ich stelle mir vor, dass es ihm nicht anders geht, und er mich nicht ansehen kann, ohne an seine verstorbenen Freunde denken zu müssen.

»Sieht so aus, als hätte dich der Sturm übel erwischt«, sagt er.

»Ich weiß. Ich hab anderthalb Meter verloren.« Das ist noch untertrieben.

»Ich habe deinem Dad gesagt, dass er das befestigen und Bäume pflanzen muss.« Das Grundstück der McAvoys liegt westlich von meinem Haus, weiter vom Wasser weg, und das Ufer davor ist terrassiert, befestigt und bepflanzt, um Franks Haus vor Tod, Teufel und Hochwasser zu schützen.

»Dad war nie gut darin, auf andere Leute zu hören.«

»Nein, das war er nicht. Trotzdem, die eine oder andere Verstärkung des Ufers hätte dir eine Menge Ärger erspart.«

»Du weißt doch, wie er war.« Das Schweigen, die Resignation.

Frank saugt Luft durch die Zähne und lässt dabei einen trockenen Pfeifton hören. »Wahrscheinlich hat er gedacht, er hätte mehr Zeit, um die Dinge zu richten.«

»Wahrscheinlich«, sage ich. Wer weiß schon, was mein Vater gedacht hat?

»Die letzten paar Jahre kommt das Wasser aber auch besonders hoch rein.«

»Ich muss was unternehmen. Kennst du eine Baufirma, der man trauen kann?«

»Absolut. Ich kann jemanden vorbeischicken.« Er kratzt sich am Nacken. »Ich will dir allerdings nichts vormachen: Billig wird das nicht.«

»Nichts ist heutzutage mehr billig, oder?«

»Nein, das stimmt wohl.«

»Vielleicht muss ich am Ende verkaufen.«

»Das würde mir gar nicht gefallen.« Frank zieht die Stirn in Falten und damit den Hut tiefer in die Augen.

»Das Grundstück ist schon was wert, selbst ohne Haus.«

»Denk ein bisschen drüber nach.«

Frank kennt meine finanziellen Zwänge. Seine Tochter Alice arbeitet ebenfalls in der Bibliothek. Die rothaarige Alice sieht gut aus, hat das Lächeln ihres Vaters geerbt und einen guten Draht zu Kindern. Sie kommt ganz allgemein besser mit Leuten zurecht, weshalb sie sich um die Veranstaltungen kümmert. Ich bin fürs Nachschlagen und Recherchieren zuständig. Aber wir sind nicht wegen Alice oder wegen der heiklen Lage meines Hauses hier, sondern um die Bojen neu zu setzen, die den Schwimmbereich abgrenzen. Seit zehn Jahren kümmern wir uns darum. Der Sturm war so stark, dass er die Dinger mit ihren Ankern auf den Strand geworfen hat. Ein Haufen rostiger Ketten voller Seepocken und verwickelter orangefarbener Seile liegt da. Kein Wunder, dass ich Land verloren habe.

»Sollen wir?«, frage ich.

»Warum nicht. Was getan ist, ist getan.«

Ich ziehe mein Hemd aus, hieve mir die Ketten und Seile über die Schulter und beginne meinen langsamen Gang ins Wasser.

»Bist du sicher, dass ich nicht mit anfassen soll?«, fragt Frank und schiebt sein Boot ins Wasser. Der Kiel knirscht durch den Sand.

»Nein danke, ich hab’s schon.« Ich könnte es auch allein machen, aber es ist sicherer, wenn Frank mir folgt. Er ist nicht wirklich meinetwegen hier, sondern aus dem gleichen Grund, aus dem ich das immer wieder mache: um meiner Mutter zu gedenken, Paulina, die hier ertrunken ist.

Dafür, dass wir Juni haben, ist der Sund eisig, aber ich fühle mich gut, als ich erst einmal im Wasser bin, und meine Füße und Zehen legen sich um die algenbedeckten Steine, als wären sie dafür gemacht. Die Ankerketten wiegen schwer, Frank bleibt rudernd auf meiner Höhe. Ich gehe, bis das Wasser meine Brust erreicht, den Hals, und kurz bevor ich untertauche, atme ich aus und tief ein, genau wie meine Mutter es mir vor langer Zeit an einem warmen Julimorgen beigebracht hat (und ich es später meiner Schwester).

Der Trick beim Luftanhalten ist es, durstig zu sein.

»Schnell und kräftig ausatmen«, sagte meine Mutter mit sanfter Stimme direkt neben meinem Ohr. Ihr dickes schwarzes Haar trieb in Ranken durchs flache Wasser. Ich war fünf Jahre alt. Sie drückte auf meinen Magen, bis der Muskel sich nach innen stülpte und der Nabel beinahe das Rückgrat berührte. Sie drückte fest, ihre scharfen Fingernägel piksten. »Und jetzt einatmen, schnell. Schnell, schnell, schnell. Dehn die Rippen weit aus. Denk es. Weit.« Sie atmete ein, und ihr Brustkorb weitete sich, vogeldünne Knochen weiteten sich, bis ihr Leib einem Fass glich. Ihr Badeanzug war ein helles weißes Leuchten im Wasser. Ich blinzelte. Sie klopfte mit einem Finger auf mein Brustbein. Klopf, klopf, klopf. »Du atmest oben, Simon. Wenn du oben atmest, ertrinkst du. Damit blockierst du den Raum im Bauch.« Eine sanfte Berührung. Ein kleines Lächeln. Meine Mutter sagte, ich solle mir vorstellen, durstig zu sein, völlig ausgetrocknet und leer, und dann die Luft in mich hineintrinken. Dehn die Knochen, trink sie weit und tief in dich hinein. Und als sich mein Leib zu einer fetten Tonne rundete, flüsterte sie: »Wundervoll, wundervoll. Jetzt tauch unter.«

Ich tauche unter. Weiche Lichtstrahlen dringen um den Schatten von Franks Boot nach unten. Manchmal höre ich sie noch, wie sie durchs Wasser treibt, und hin und wieder erhasche ich auch einen flüchtigen Blick auf sie, hinter Algenvorhängen, das schwarze Haar durchsetzt mit Tang.

Mein Atem fährt mir als feiner Nebel über die Haut.

Paulina, meine Mutter, war eine Zirkusartistin und Kirmesattraktion, eine Zaubererassistentin und Wassernixe, die ihr Geld damit verdiente, die Luft anzuhalten. Sie brachte mir bei, wie ein Fisch zu schwimmen, und zauberte ein Lächeln auf das Gesicht meines Vaters. Oft verschwand sie, gab einen Job auf oder hatte gleich zwei, drei auf einmal, wohnte in Hotels, nur um andere Betten auszuprobieren. Mein Vater Daniel war Maschinenschlosser und ihr fester Halt im Leben. Er blieb zu Hause, lächelte, wartete auf ihre Rückkehr und darauf, dass sie ihn Liebling nannte.

Simon, Liebling. Mich nannte sie auch so.

An dem Tag, als sie ins Wasser ging, war ich sieben Jahre alt. Ich habe versucht, es zu vergessen, doch es ist meine intensivste Erinnerung an sie. Sie verließ uns morgens, nachdem sie das Frühstück gemacht hatte. Hart gekochte Eier, die seitlich am Teller angeschlagen und mit den Fingernägeln gepellt werden mussten. Kleine Stückchen blieben darunter hängen. Ich pellte auch das Ei meiner Schwester und schnitt es in Scheiben, damit sie es mit ihren Kleinkinderfingern besser zu fassen bekam. Dazu gab es trockenen Toast und Orangensaft. Die frühen Sommerstunden machten die Schatten dunkler, die Gesichter heller und alle Höhlungen noch hohler. Paulina war an dem Morgen eine Schönheit, schwanengleich und wie nicht von dieser Welt. Dad war in der Fabrik, sie war allein mit uns, sah uns zu und nickte, als ich Enolas Ei schnitt.

»Du bist ein guter großer Bruder, Simon. Pass auf Enola auf. Sie wird dir davonlaufen wollen. Versprich mir, dass du sie nicht lässt.«

»Versprochen.«

»Was für ein wundervoller Junge du bist. Ich hätte das nie erwartet. Ich habe dich überhaupt...


Löcher-Lawrence, Werner
Werner Löcher-Lawrence studierte Journalismus, Literatur und Philosophie, arbeitete als Lektor in verschiedenen Verlagen. Heute ist er als literarischer Agent und Übersetzer tätig. Zu den von ihm übersetzten Autoren gehören u.a. John Boyne, Hilary Mantel, Hisham Matar, Benjamin Myers und Ann Napolitano.

Swyler, Erika
Erika Swyler besuchte die New York University und hat bereits für die Bühne sowie diverse Literaturmagazine und Anthologien geschrieben. Geboren und aufgewachsen in Long Island, lernte sie schwimmen, noch bevor sie laufen konnte. Vor Kurzem zog sie von Brooklyn zurück in ihren Heimatort, der sie zu ihrem Debüt Das Geheimnis der Schwimmerin inspirierte.



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