E-Book, Deutsch, Band 1, 688 Seiten
Reihe: Die Chroniken von Scar
Sykes Sieben schwarze Klingen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99762-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 688 Seiten
Reihe: Die Chroniken von Scar
ISBN: 978-3-492-99762-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sam Sykes, geboren 1984, schreibt bereits seit früher Jugend phantastische Geschichten und entwirft nebenbei Comics. Er lebt mit seinen beiden Hunden in Arizona. »Sieben schwarze Klingen« bildet den Auftakt seiner neuen High-Fantasy-Trilogie »Die Chroniken von Scar«.
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1. KAPITEL
WEHRTURM
Alle liebten gute Hinrichtungen.
Von den Mauern des Imperialen Cathama bis hin zu den entlegensten Ecken der Revolution gab es keinen Bürger der Scar, der sich einen angenehmeren Zeitvertreib für den Nachmittag vorstellen konnte, als zuzusehen, wie Bröckchen von Dissidenten an die Mauern klatschten. Hinter ebendiesen Mauern des revolutionären Ortes Wehrturm lag eine Spannung in der Luft, die für jeden Bürger spürbar war.
Die Menge der Schaulustigen sammelte sich und verfolgte, wie die noch feuchten Reste von der gestrigen Hinrichtung vom Pfahl gewischt wurden. Das Erschießungskommando saß ein Stück abseits. Die Männer polierten ihre Bajonette und schlossen Wetten darauf ab, wer ins Herz des armen Arschlochs treffen würde, das heute an den Pfahl kam. Nicht weit entfernt priesen Händler lautstark ihre Waren an; sie verkauften alles, angefangen von Erfrischungen bis hin zu Souvenirs, damit die Leute sich an diesen Tag zurückerinnern konnten, an dem sie ihre Arbeit ein paar Stunden ruhen ließen, um zuzusehen, wie ein weiterer Feind der Revolution aufgeknüpft oder erschossen wurde.
Außerdem gab es seit einiger Zeit in Wehrturm nicht viel zu tun.
Milizgouverneurin Tretta Stern gab sich derweil Mühe, all das zu ignorieren: die Menge, die sich unter ihrem Fenster vor dem Gefängnis versammelte, die schrillen Stimmen, die nach Blut schrien, die weinenden Kinder und die lachenden Männer. Zivilisten konnte man eine solch primitive Blutgier nachsehen, Offiziere der Revolution dagegen dienten einem höheren Ziel.
Ihr schwarzes kurz geschorenes Haar war geölt und lag dicht an ihrem Kopf an, wie es einem Offizier anstand. Die Jacke war fest zugeschnallt, die Hose frisch gepresst und gegürtet, ihr Säbel hing an der Hüfte, und nirgendwo an ihr fand sich auch nur eine Spur von Staub, Fusseln oder Rost. Vor allem blickte ihr das Gesicht der Frau, die Hunderte von Feinden mit einem einzigen Wort unter die Erde geschickt hatte, ungerührt aus dem Spiegel entgegen.
Man konnte sich fragen, ob es sinnvoll war, sich für eine Exekution derartig aufwendig zurechtzumachen. Den kriminellen Abschaum, der in knapp sechs Stunden in einem flachen Grab verscharrt werden würde, kümmerte das schließlich nicht die Bohne. Aber als Offizier der Revolution hatte man gewisse Maßstäbe zu erfüllen. Und Tretta hatte ihre Position wahrhaftig nicht durch Nachlässigkeit erlangt.
Sie nahm sich einen Moment Zeit, die Orden auf ihrem Revers zu richten, bevor sie ihr Quartier verließ. Die beiden Wachen an der Tür salutierten zackig, bevor sie ihre Gewehre schulterten und ihr mit exakt drei Schritten Abstand folgten. Die Morgensonne fiel durch die Fenster, als sie die Treppen zum Kommandostab hinuntergingen. Wachen und Offiziere nahmen Haltung an, wenn sie vorbeimarschierten, und hoben ihre Arme zum Salut. Sie nickte ihnen flüchtig zu und gab den Befehl, bequem zu stehen, während sie der Tür am gegenüberliegenden Ende des Raums zustrebte.
Der Revolutionswächter davor blickte hoch. »Milizgouverneurin!« Er salutierte.
»Sergeant«, antwortete Tretta. »Wie verhält sich die Gefangene?«
»Aufsässig und respektlos«, antwortete er. »Als Erstes heute Morgen hat sie den ihr zugeteilten Haferschleim auf die Schließer geworfen, einen Schwall von Obszönitäten von sich gegeben und unverblümte Andeutungen gemacht, was das berufliche und persönliche Verhalten der Mutter des Schließers anging.« Er schnaubte verächtlich. »Alles in allem mehr oder weniger das, was wir von einem Vagranten erwarten.«
Tretta ließ sich nicht anmerken, dass sie beeindruckt war. Angesichts der Situation hatte sie weit Schlimmeres erwartet.
Sie machte eine Handbewegung, woraufhin der Revolutionswächter die schwere Eisentür mit einem Schlüssel öffnete und sie aufstieß. Tretta und ihre Eskorte stiegen über die Treppe in die Dunkelheit des Gefängnisses von Wehrturm hinab. Das Schweigen leerer Zellen begrüßte sie.
Wie alle revolutionären Außenposten war beim Bau von Wehrturm daran gedacht worden, Raum für Gefangene zu schaffen: für imperiale Aggressoren, Konterrevolutionäre, verbrecherische Gesetzlose und sogar den ein oder anderen Vagranten. Im Unterschied zu den meisten anderen revolutionären Außenposten jedoch lag Wehrturm von den Schlachtfeldern der Scar weit entfernt und hatte nicht viel Verwendung für seine zahlreichen Zellen. Jeder gefangene Gesetzlose wurde für gewöhnlich relativ kurz nach seiner Ergreifung wegen Verbrechen gegen die Revolution hingerichtet, da die Zivilisten ohne die unterhaltsamen Hinrichtungen zur Unruhe neigten.
Während ihrer gesamten Dienstzeit in Wehrturm hatte Tretta das Gefängnis genau zweimal aufgesucht, einschließlich des heutigen Tages. Das erste Mal hatte sie einem Spion des Imperiums, der sich als Bandit getarnt hatte, Gnade im Austausch gegen Informationen angeboten. Dreißig Minuten später hatte sie ihn vor das Exekutionskommando geschickt. Bis dahin war er der am längsten einsitzende Gefangene in Wehrturm gewesen.
Diesbezüglich hatte ihre derzeitige Gefangene den Rekord bereits um zwei Tage überschritten.
Das Verhörzimmer lag am Ende der Zellenreihe. Die beiden Wachen salutierten zackig, bevor sie die Tür aufzogen.
Das Verhörzimmer maß etwa sieben mal sieben Meter und enthielt nur einen Tisch mit zwei Stühlen. Durch einen schmalen Fensterschlitz fiel ein einziger Lichtstrahl. Das Fenster befand sich unmittelbar unter der Decke und ließ so gut wie keine Luftzirkulation zu, sodass es in dem Raum erstickend heiß war.
Was man nach einem Blick auf die Gefangene nicht vermutet hätte.
Die Frau, Tretta schätzte sie auf etwa Ende zwanzig, saß an einem Ende des Tisches. Sie trug eine schmutzige Hose und ebenso schmutzige Stiefel. Die Ärmel und der Saum ihres weißen Hemdes waren abgetrennt und zeigten die Tätowierungen auf ihren Unterarmen und den größten Teil der langen Narbe, die von ihrem Schlüsselbein bis zum Bauch führte. Ihr Haar war nach imperialer Mode weiß, an den Seiten kurz geschoren und im Nacken zu einem unordentlichen Zopf geflochten. Trotz der erstickenden Hitze war sie ruhig, wirkte gelassen und so bleich wie Eis.
Es gab nichts an dieser Frau, was Tretta nicht verabscheute.
Sie blickte nicht hoch, als die Milizgouverneurin eintrat, und achtete ebenso wenig auf die beiden Revolutionswächter, die ihr folgten. Ihre zusammengeketteten Hände lagen ruhig auf dem Tisch. Selbst als Tretta sich ihr gegenüber an den Tisch setzte, nahm sie das kaum zur Kenntnis. Die Augen der Gefangenen waren so blassblau wie flaches Wasser, und ihr Blick war woandershin gerichtet. Ihr Gesicht, schmal, kantig und von einer langen Narbe über ihrem rechten Auge entstellt, wirkte selbst im Angesicht ihres unmittelbar bevorstehenden grausamen Todes vollkommen ungerührt.
Das ärgerte Tretta mehr, als sie zuzugeben bereit war.
Die Milizgouverneurin beugte sich vor, faltete die Hände vor sich auf dem Tisch und gab der Frau Gelegenheit zu erkennen, in was für einer gewaltigen Scheiße sie steckte. Nach einer Minute Stille streckte Tretta eine Hand aus. Einen Moment später drückte einer der Wächter ihr ein paar Blätter Papier hinein. Sie legte den Stapel vor sich auf den Tisch und blätterte ihn gemächlich durch.
»Ich werde dir nicht weismachen, dass du dich retten könntest«, sagte sie nach einer Weile. »Ein Offizier der Revolution sagt stets die Wahrheit.« Sie warf einen Blick auf die Frau, die nicht reagierte. »Du wirst innerhalb von sechs Stunden wegen Verbrechen gegen die Glorreiche Revolution der Faust und der Flamme exekutiert. Nichts, was du sagst, kann daran etwas ändern. Du verdienst den Tod für deine Verbrechen.« Sie kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. »Und du wirst ihn erleiden.«
Jetzt endlich reagierte die Frau. Ihre Handfesseln klapperten etwas, als sie die Hände hob und an den Narben auf ihrem Gesicht kratzte.
Tretta verzog höhnisch das Gesicht und sprach weiter: »Allerdings: Im Austausch gegen Informationen über die Ereignisse in der Woche vom elften bis zum zwanzigsten Masens bis zum und einschließlich des Massakers an der Bevölkerung der Siedlung Starks Murmeln, der Vernichtung der Freistatt Lohstaff und dem Verschwinden von Revolutions-Untersergeant Cavric Stolz bin ich bereit, dir im Namen des Kaders einen schnellen und humanen Tod zu gewähren.«
Sie legte das Papier zur Seite und beugte sich vor. Die Frau starrte einfach links an Tretta vorbei.
»Wegen dir sind sehr viele Menschen gestorben«, fuhr diese fort. »Und einer unserer Soldaten ist deinetwegen verschwunden. Bevor diese sechs Stunden verstrichen sind und du tot und begraben bist, passieren noch zwei Dinge: Ich werde genau herausfinden, was geschehen ist, und du wirst dich entscheiden, ob du durch eine Kugel oder einhundert Klingen stirbst.« Sie legte die Hände flach auf den Tisch. »Was du als Nächstes sagst, entscheidet, wie viel von deinem Blut wir heute zu sehen bekommen. Denk sehr sorgfältig nach, bevor du sprichst.«
Jetzt endlich sah die Frau Tretta in die Augen. Aber in ihrem Blick lag keine Furcht. Sie wirkte genauso ruhig und gelassen wie zuvor. Sie klang geschwächt, als sie antwortete.
»Kann ich vielleicht einen Schluck bekommen? Es ist heiß hier.«
Tretta zog die Augen zu Schlitzen zusammen, hob aber gleichzeitig die Hand. Einer der Revolutionswächter verließ rasch den Raum und kehrte mit einem Krug und einem Glas zurück. Er füllte das Glas und schob es der Gefangenen hin. Sie nahm es, trank einen Schluck, schmatzte und blickte dann in das Glas.
»Was verflucht ist das?«
»Wasser.« Tretta runzelte die Stirn. »Was sollte es sonst sein?«
»Ich hätte eher Gin oder etwas Derartiges erwartet«, erwiderte...




