Sykes | Zehn eiserne Pfeile | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 640 Seiten

Reihe: Die Chroniken von Scar

Sykes Zehn eiserne Pfeile


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-99836-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 640 Seiten

Reihe: Die Chroniken von Scar

ISBN: 978-3-492-99836-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gefangen im Krieg zweier verfeindeter Imperien verliert Sal Kakophonie - Gesetzlose, Ausgestoßene, Vagrantin - alles, was sie liebt: Ihre Verbündeten, ihre große Liebe ... Alles, was ihr geblieben ist, ist ihre magische Waffe und der alles verzehrende Wunsch nach Rache an denen, die ihr ihre Macht gestohlen und ihr alles genommen haben. Doch als ein geheimnisvoller Gönner ihr einen Auftrag anbietet, findet sie eine neue Bestimmung: Sie soll ein magisches Artefakt von der berüchtigten Luftschiffflotte Zehn Pfeile stehlen, das möglicherweise den Krieg beenden kann. Sal Kakophonie begibt sich auf eine unmögliche Mission. »Actionreiches Fantasyepos mit einem unvergleichbaren Setting und tiefgründigen Figuren!« Publishers Weekly »Mit Sal Kakophonie hat Sykes die Heldin einer neuen Epoche geschaffen.« Pierce Brown

Sam Sykes, geboren 1984, schreibt bereits seit früher Jugend phantastische Geschichten und entwirft nebenbei Comics. Er lebt mit seinen beiden Hunden in Arizona. »Sieben schwarze Klingen« bildet den Auftakt seiner neuen High-Fantasy-Trilogie »Die Chroniken von Scar«.
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1. KAPITEL


JAMMERTAL


Der Tag, an dem es Feuer vom Himmel regnete, begann wie jeder andere.

Meret erwachte wie immer vor Sonnenaufgang und machte sich daran, die Kräuter zu zerreiben, die er getrocknet hatte, und sie in Salben und Tinkturen zu mischen. Er packte die Arznei, die er brauchte – einen Balsam für Rodics Verbrennungen, die er sich in der Schmiede geholt hatte, eine Salbe für das schlimme Knie des alten Erton und wie immer eine Flasche Avonin-Whiskey für unvorhergesehene Ereignisse des Tages, in seinen Beutel und machte seine Runde, wie immer seit seiner Ankunft in Jammertal vor drei Monaten.

Der Name war etwas ungerecht, fand er. Immerhin war es schon sehr lange her, dass eine Frau eine Scheune neben dem Grabhügel ihres einzigen Kindes errichtet hatte, um darin zu leben. Seitdem waren viele Menschen in das fruchtbare Tal gekommen und hatten sich hier niedergelassen, sodass Jammertal zu einer blühenden Siedlung angewachsen war, die einen würdigeren Namen verdient gehabt hätte.

Es war nicht so groß wie Terassus oder die größeren Städte im Tal, aber Jammertal war einer der besseren Orte, in die sein Beruf ihn geführt hatte. Die Menschen waren nett, die Winter milde und der Wald um die Siedlung herum lieferte Wildbret, war aber nicht so groß, dass größere Bestien hier herumschnüffelten. Jammertal war insgesamt ganz nett. Und Meret sagte sich gern, dass er dazu beigetragen hatte.

»Verdammich, Junge, du hast deine wahre Berufung als Folterknecht verpasst!«

Einige waren da freilich anderer Ansicht.

Er blickte von dem frischen, antiseptischen Verband um Sindras Knie zu ihrem schmerzverzerrten Gesicht hoch und hoffte nur, sie sah, wie satt er diesen Scherz hatte.

»Und ich hätte gedacht«, sagte er zu seiner neuesten Patientin, »Soldaten wären aus härterem Holz geschnitzt.«

»Wäre mein Name Sindra Hart, würde ich dir zustimmen«, knurrte die Frau. »Da der Große General aber geruhte, mich Sindra Ehrlich zu nennen, erkläre ich dir, dass das hier …«, sie deutete auf den Verband, »verflucht wehtut.«

»Er schmerzt erheblich weniger, als es die Infektion tun würde, die diese Salbe verhindert.« Meret befestigte den Verband und wagte es, die Frau spöttisch anzugrinsen. »Ich hatte dir eingeschärft, wie wichtig es ist, die Wunde sauber zu halten, also darf ich sagen: Ich habe es dir gesagt.«

Sindras Blick haftete eine unbehagliche Sekunde auf ihm, bevor sie ihr Knie ansah. Und als er dann über ihr Bein glitt, verfinsterte sich ihre ohnehin schon gereizte Miene.

Der Verband markierte die Stelle, wo ihr Bein endete und die Prothese aus Metall und Holz begann, die man ihr vor Monaten angepasst hatte. Sie bewegte den Fuß, als wäre sie immer noch nicht überzeugt, dass die Prothese tatsächlich real sein könnte. Eine kleine Reihe von Sigillen glühte schwach auf.

»Verfluchte Magie!« Sie schnaubte verächtlich. »Ich bin nicht sicher, ob ich mit nur einem Bein nicht besser dran wäre.«

»Ich bin sicher, dass du ohne die Prothese nicht so vielen Menschen helfen könntest«, erwiderte Meret. »Und genau genommen handelt es sich bei Bannschrieb nicht um Magie.«

»Ich war Revolutionärin, Junge.« Sindra zog verächtlich das Hosenbein über die Prothese. »Ich erkenne beschissene Magie, wenn ich sie sehe!«

»Ich dachte, die Soldaten der Grandiosen Revolution von Faust und Flamme – so heißt sie doch, oder? – wären so rein und idealistisch, dass ihnen keine vulgären Ausdrücke über die Lippen kämen.«

Sindras dunkelhäutiges und vorzeitig gealtertes Gesicht verzog sich zu einer säuerlichen Grimasse. Es passte jedoch zum Rest ihres Körpers. Breite Schultern und kräftige muskulöse Arme zeichneten sich unter ihrem alten Militärhemd deutlich ab. Sie zeugten von harter Arbeit, harten Kämpfen und noch härteren Feinden. Ihr Haar war vorzeitig ergraut, ihr Stiefel vorzeitig durchgelaufen – und ihr Herz war vorzeitig desillusioniert. Der einzige Teil an ihr, der nicht vorzeitig auseinanderfiel, war das Schwert an ihrer Hüfte. Das musste ebenso scharf sein wie ihre Zunge.

»Es heißt Die Glorreiche Revolution der Faust und der Flamme, du kleiner Scheißkerl«, murmelte sie. »Und es ist nur gut, dass ich nicht mehr dabei bin, stimmt’s?«

»Wahrlich«, brummte Meret. »Sonst könnte ich dich kaum behandeln.«

»Ja, ich beschissener Glückspilz«, knurrte Sindra. »Ich hätte nichts gegen ein bisschen Alchemie von unseren Kader-Heilern. Eine Dosis, und ich könnte die ganze Nacht kämpfen.«

»Ich bin nur ein bescheidener Apotheker, Madame«, gab er zurück. »Und obwohl Kräuter und Bandagen länger brauchen, heilen sie genauso gut.«

Sindra stand seufzend auf. Ihre Prothese knarrte. »Du hast Glück, dass die Alternative lautet, dich um mich zu haben oder Soldaten. Hätte ich die Wahl zwischen einem vorlauten Apotheker, der kein bisschen heilen kann, und einem Hornschädel, der schon seit Tagen nicht gefressen hat, würde ich mich freiwillig in Soße wälzen und eigenhändig sein Maul aufsperren.«

Er stimmte ihr zu, behielt es aber für sich.

Jammertal hatte das Glück gehabt, von den Kämpfen zwischen der Revolution und seinem hasserfüllten Feind, dem Imperium, der den Rest des Tales verwüstet hatte, bislang verschont geblieben zu sein. Die Wildnis um die Siedlung herum war angeblich hart umkämpft und die Scheune von Bauer Renson von einem verirrten Kanonenschuss zerschmettert worden. Aber im Großen und Ganzen kämpften die beiden Fraktionen hauptsächlich um Städte und Ressourcen. Eine Siedlung wie Jammertal war höchstens ein paar Scharmützel zwischen Angehörigen eines Revolutionskaders und ein paar Magiern des Imperiums wert.

Und ein solches Scharmützel hatte Sindra vor zwei Jahren hierhergeführt. Bei einem Kampf mit einem imperialen Greifmagus war sie schwer verletzt und von Kameraden und Feinden als tot zurückgelassen worden. Die Bewohner der Siedlung hatten sie gerettet, sie aufgepäppelt und sie angefleht, ihr Schwert und ihre Kraft zur Verteidigung ihrer Siedlung einzusetzen. Auch wenn sie innerlich nach Genugtuung lechzte, hatte sie schließlich zögernd eingewilligt.

Meret vermutete, dass die Geschichte weit weniger dramatisch gewesen war, erwähnte es jedoch nicht. Sollte der Krieg jedoch jemals in dieses Tal kommen, würde eine mittelalte Frau mit einem Schwert ihn schwerlich aufhalten können. Das vermochten nicht mal hundert Kämpfer.

Er war im Tal gewesen und hatte die durch Magie zerschmetterten Panzer gesehen, die durch Kanonenbeschuss zerstörten Ruinen von Städten und Ortschaften, all die Friedhöfe und die Leichen auf den Straßen.

Aber das hatte ihn nicht abhalten können. Wegen all der Verletzten war er in das Tal gekommen, nachdem das Imperium wieder angefangen hatte, es zu besiedeln. Er fragte sich, ob er nur deshalb so lange in Jammertal blieb, weil er nie wieder die Chance bekam, so viele Verletzungen zu heilen.

»Ich kann dich nicht bezahlen, ist dir das klar?«

Sindra riss ihn aus seiner Träumerei. Die Frau beugte sich über den kleinen Tisch, der mit dem kleinen Stuhl, der kleinen Kommode und einem kleinen Bett die ganze Möblierung in ihrem kleinen Haus war. Sie starrte mit gesenktem Kopf auf ihre Hände, aber er sah die Scham in ihrem Gesicht.

»Das hier ist nicht Terassus«, sagte sie leise. »Hier gibt es keine Reichtümer, und auch wenn du mehr für diese Siedlung getan hast, als wir verdient haben …«

Sie konnte den Satz nicht beenden, und er drängte sie nicht. Er hatte gelernt, dass es zwei Arten von Wunden gab. Verletzungen, die Kräuter und Verbände und Tinkturen heilen konnten, wenn man Glück hatte. Wenn nicht, musste man Wunden heilen, wie Sindra sie hatte, und alle Soldaten.

Überall im Tal fand man sie: Soldaten, die miterlebt hatten, wie ihren Freunden die Gesichter vom Kopf schmolzen, die nachts von den Geistern all jener verfolgt wurden, die sie getötet hatten, und keinen Grund mehr sahen, aufzustehen.

Sindra war eine starke Frau, eine der stärksten, wenn nur die Hälfte ihrer Geschichten zutraf. Trotzdem hatte man sie, das Schwert der Revolution, zurückgelassen, weil sie ihren Kameraden nicht mehr helfen konnte.

Wie heilte man ein Schwert, das nicht mehr töten konnte?

Meret wusste es nicht. Er wusste nur, was sein Meister ihn gelehrt hatte: Wie man verhinderte, dass sich Wunden entzündeten, wie man Knochen zusammenfügte und vor allem eine Kur anzuwenden, die fast nie ihre Wirkung verfehlte.

»Hast du Becher?«

Sindra blickte ihn verwirrt an. »Was?«

»Becher, Gläser. Von mir aus auch Näpfe, wenn du sonst nichts anderes in dieser Bruchbude hast.« Er holte den Whiskey aus seiner Tasche und schwenkte die Flasche. »Du willst mich bezahlen? Ich habe gerade meine Runde beendet, und ich trinke nicht gern allein.«

Sindra grinste. »Mach die Scheißtür zu. Es schneit bald.«

Er lächelte, ging zur Tür und blickte zu den Wolken hoch. Sie hatte recht. Der Winter hielt wie jedes Jahr früh Einzug im Tal. Es schneite sacht, und eine Schicht aus kalten schwarzen Flocken viel sanft auf die Dächer der Siedlung …

»Moment mal!« Meret kniff die Augen zusammen. »Schwarz?«

Irgendwo weit entfernt in dem dichten, erdrückenden Grau des Himmels hörte er Lärm. Wie von einem Voccaphon, dachte er. Dieses sonderbare, knisternde, maschinenartige Gemurmel, das nie ganz menschlich klang. Es war ein Lied, das lauter wurde, eines, das er schon einmal gehört hatte.

»Ist das …« Sindra warf einen Blick aus dem Fenster. »Ist das nicht die Hymne der Revolutionäre?«

Im nächsten Moment explodierte der Himmel.

Zuerst kamen die Geräusche. Dröhnen, Ächzen von splitterndem Holz und...



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