E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Mörderischer Osten
Sylvester Adel verzichtet
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95958-720-4
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kökkenmöddingers zweiter Fall. Ein Dresden-Krimi
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Mörderischer Osten
ISBN: 978-3-95958-720-4
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christine Sylvester, geboren 1969, ist Journalistin und lebt als freie Autorin, Dozentin und Bodyguard eines ängstlichen Schäferhundes in Dresden. Mit dem 1. Platz im Dresden-Krimiwettbewerb 2005/06 stieg sie ins mörderische Belletristik-Fach ein. Neben fünf Krimis um die Kommissarin Lale Petersen - zuletzt PsychopathenPolka (2014) - hat sie sich mit Krimianthologien sowie preisgekrönten Kurzkrimis einen Namen gemacht.
Autoren/Hrsg.
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Fasanenjagd
Kökkenmöddinger hatte seine obligatorische Lektüre – Philosophiebücher – im Handschuhfach durch einige Reiseführer über Dresden und Umgebung ersetzt. Einen solchen Auftrag bekam man nicht alle Tage, und er war nicht nur einträglich, sondern auch eine willkommene Abwechslung.
Bereits um zehn vor acht stand er mit seinem Taxi vor dem Eingang des Hotels Kempinski. Um diese Uhrzeit waren in den Gassen der Altstadt nur Lieferwagen unterwegs.
Kökkenmöddinger nahm einen seiner Reiseführer aus dem Handschuhfach. Er würde dem Grafen heute Moritzburg näherbringen. Schließlich hatte er sich am Vortag von seinen Kollegen bereits viel von Dresden zeigen lassen.
Er stellte fest, dass das Fasanenschlösschen, im Stil des Rokoko erbaut, als Sommerresidenz von August I. genutzt worden war, und fragte sich wieder einmal, welcher dieser vielen Augusts das gewesen sein mag … Es musste »der Gerechte« gewesen sein, denn »der Starke« hatte lange vor der Errichtung regiert. Ach, und das Fasanenschlösschen hatte bis Kriegsende den Wettinern gehört … Plötzlich wurde eine hintere Autotür aufgerissen.
»Das wurde aber auch Zeit! Seit einer Stunde muss ich mich schon langweilen!«, schnauzte eine zierliche alte Dame erstaunlich stimmgewaltig. Sie fuchtelte mit einem Gehstock herum und kletterte dann auf die Rückbank. »Los, los! Ich bin keine zwanzig mehr. Ich habe keine Zeit zu vertrödeln.«
»Guten Morgen.« Kökkenmöddinger schmunzelte. »Es tut mir leid, gnädige Frau, aber ich bin nicht frei. Mein Wagen ist reserviert.«
Sie zog die Tür zu. »Sie wollen eine gehbehinderte alte Frau zu Fuß gehen lassen? Das ist ja lächerlich. Los, fahren Sie!«
Kökkenmöddinger schnaufte leise. »Meine liebe Dame, es tut mir wirklich außerordentlich leid, aber wie ich schon sagte: Ich bin fest gebucht und erwarte einen Fahrgast. Ich werde Ihnen einen meiner Kollegen rufen …« Er tippte die Kurzwahl der Zentrale.
»Sagen Sie mal, haben Sie Abitur?«, fragte die alte Dame unvermittelt.
Kökkenmöddinger hielt sich das Handy ans Ohr. Bei Sarah war besetzt. »Ja, aber ich bezweifle, dass das wichtig ist.«
»Natürlich ist das wichtig«, entgegnete sie energisch. »Ich möchte wetten, dass die meisten Ihrer Kollegen kein Abitur haben. Haben Sie auch studiert?«
Kökkenmöddinger wählte erneut die Kurzwahl. »Ja, ich habe auch studiert.«
»Und warum haben Sie Ihr Studium nicht abgeschlossen?«, bohrte sie weiter.
Jetzt ging der Ruf raus, aber Sarah meldete sich nicht. Kökkenmöddinger wurde langsam ungeduldig. »Gute Frau, ich habe mein Studium abgeschlossen. Und wenn Sie es genau wissen wollen: Ich habe mein Studium mit einer Promotion abgeschlossen. Und dennoch muss ich Sie jetzt bitten, meinen Wagen zu verlassen. Ich werde Ihnen so schnell wie möglich einen Kollegen schicken lassen. Wenn Sie das unbedingt wünschen, auch einen mit Abitur.«
»Einen mit abgebrochenem Studium?« Die Dame klang beleidigt. »Vergessen Sie es! Ich nehme keinen Fahrer ohne akademischen Grad, wenn ich mit einem Doktor wie Ihnen fahren kann.«
Kökkenmöddinger schloss kurz die Augen, um sich zur Ruhe zu ermahnen.
»Ich habe Ansprüche. Und ich denke gar nicht daran, mich mit weniger zufriedenzugeben«, verkündete sie.
Als Kökkenmöddinger die Augen wieder öffnete, sah er den Grafen aus dem Hotel eilen. Er sah sich kurz um, wirkte etwas irritiert und kam dann schnurstracks auf das Taxi zu.
Kökkenmöddinger beeilte sich, auszusteigen und um das Taxi herumzulaufen, doch der Graf riss bereits die hintere Wagentür auf.
»Hier steckst du also!« Er klang empört. »Und ich warte vor deiner Suite!«
»Guten Morgen, Herr, ähm Graf von Gundermark, Sie müssen entschuldigen …« Kökkenmöddinger stutzte.
»Mutter, du hast mir einen riesigen Schrecken eingejagt.« Dann wandte er sich Kökkenmöddinger zu. »Guten Morgen. Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit. Darf ich Ihnen meine Frau Mutter vorstellen? Gräfin Gundula von Gundermark …«
Kökkenmöddinger deutete eine Verbeugung an.
»Sie gestatten, dass ich Platz behalte«, sagte die alte Dame spitz. »Horst, dieser Mann verweigert mir seine Dienste.«
»Nun«, warf Kökkenmöddinger ein. »Ich nehme an, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt.«
»Aber nein.« Der Graf lächelte jovial. »Ich habe Sie für meine Frau Mutter gebucht. Ich wollte sie zu Ihnen bringen. Aber sie war schneller.«
Kökkenmöddinger grinste schief. Daher wehte also der Wind. Er war sich unschlüssig, ob er diesen Fahrgastwechsel begrüßen sollte. Er deutete erneut eine Verbeugung an. »Gnädige Frau, es ist mir ein Vergnügen. Kökkenmöddinger, mein Name.«
»DOKTOR Kökkenmöddinger«, korrigierte sie. »Das sollten Sie nicht unter den Teppich kehren, guter Mann. Kökkenmöddinger … Der Name klingt interessant. Aber er sagt mir nichts.« Sie räusperte sich. »Nachdem mein Sohn sinnlos unseren gemeinsamen Tag verzögert hat, sollten wir nicht länger herumtrödeln. Dafür bin ich zu alt.«
»Nicht doch, Mutter.«
Sie schloss die Autotür vor der Nase ihres Sohnes.
»Entschuldigen Sie bitte die Unannehmlichkeiten«, verlangte der Graf von Kökkenmöddinger. »Ich erhöhe die Tagespauschale auf tausend Euro, wenn Sie meine Frau Mutter am Abend ins Konzert oder Theater begleiten.«
Kökkenmöddinger schmunzelte. »Kein Problem.«
Die Gräfin klopfte ungeduldig von innen an die Scheibe.
»Bis heute Abend.« Kökkenmöddinger stieg ein. »Nun bin ich ganz für Sie da, gnädige Frau. Wohin soll es denn gehen?«
»Das ist mir gleich«, sagte sie bestimmt. »Bieten Sie mir Kunst, Kultur, Geschichte und Geschichten.«
»Selbstverständlich.« Kökkenmöddinger ließ den Wagen an. Als er losfuhr, winkte Horst von Gundermark ihnen nach.
Als Kökkenmöddinger die Gräfin gegen Mittag aus dem Moritzburger Fasanenschlösschen führte, schimpfe sie wie ein Rohrspatz.
»Unglaublich, dass man in diesen lebensgefährlichen Filzlatschen herumschlittern muss. Und dann die lächerlichen Handschuhe! Als ob ich diesen Kitsch antatschen würde.« Sie fuchtelte mit ihrem edelhölzernen Gehstock herum. »Und das alles wegen ein paar alberner Zimmerchen. Das ist kein Schloss, das ist eine Puppenstube!«
Kökkenmöddinger lächelte. »Es heißt ja auch Schlösschen und diente der Jagdgesellschaft und sicher auch allerhand kleineren Festlichkeiten.« Er deutete auf das in der Tat kleine Gebäude. »Im Vergleich zu all dem pompösen Barock empfinde ich die exotische Innenausstattung und die Elemente des Rokoko als willkommene Abwechslung.«
»Ach was«, winkte die Gräfin ab. »Es ist mickrig. Und diese Rokoko-Dekoration ist purer Kitsch. Aber in einem Punkt hatten Sie recht: Der Blick von der Westseite auf das Moritzburger Schloss ist herrlich.«
»Wollen wir dann vielleicht doch noch das Moritzburger Schloss besuchen?«, fragte er. Schließlich war das sein ursprünglicher Plan gewesen. Doch Gräfin von Gundermark hatte sich geweigert, den langen Weg vom Taxi zum Schlosseingang zu Fuß zu absolvieren.
»Sie wissen doch, dass das nichts für mich ist. Der weite Weg, die Treppen.« Sie klang gereizt.
»Dann beschweren Sie sich nicht«, verlangte Kökkenmöddinger schmunzelnd. »Dann war das Fasanenschlösschen genau das Richtige für Sie.«
Sie blieb neben einer der Steinfiguren am Weg stehen. »Wo Sie die gerade erwähnen, diese Fasanen …«
»Wussten Sie, dass diese Tiere eigens aus Mittel- und Ostasien zu Jagdzwecken in Europa eingebürgert wurden?«, unterbrach Kökkenmöddinger sie.
»Jetzt hören Sie doch mal auf, Herr Dr. Kökkenmöddinger«, sagte sie barsch. »Ich weiß, dass Sie gut vorbereitet sind und eine umfassende Bildung besitzen.«
»Fasanen waren schon in der Antike ein Leckerbissen«, fuhr Kökkenmöddinger unbeirrt fort. Sein Magen knurrte leise.
»Genau.« Die Gräfin stützte sich auf ihren Stock. »Wenn ich an dieses Federvieh denke, bekomme ich Hunger.«
»Da sind wir uns einig.« Kökkenmöddinger lachte und wollte weitergehen, doch die Gräfin betrachtete eingehend die steinerne Figur: eine fast nackte Frau hielt einen kräftigen Engel.
»Diese Putten mag ich«, sagte die Gräfin. »Solche dicken nackten Knaben erinnern mich immer an meinen Horst. Sie müssen wissen: Horst war ein pummeliges Kind. Ein richtig strammer Bursche. Schade, dass davon so gar nichts geblieben ist.«
»Sie hätten gern einen dicken Sohn?«, fragte Kökkenmöddinger belustigt. »Warum das? Die meisten Männer im Alter Ihres Sohnes wären froh, so schlank zu sein.« Er zog unwillkürlich seinen Bauch ein.
»Ja, ich hätte gerne einen kräftigen Sohn, der etwas praktisch veranlagt ist«, erklärte die Gräfin. »Nicht so einen verhuschten Schöngeist. Der Junge hat nicht einmal eine Frau. Da macht man sich als Mutter schon seine Gedanken.«
Kökkenmöddinger spürte erneut die Forderungen seines Magens. »Kommen Sie.« Er bot ihr den Arm an.
Die Gräfin hakte sich ein. »Sie sind doch auch gebildet und kultiviert und dennoch ein stattlicher Kerl.«
»Gnädige Frau, ich stamme von den Wikingern ab. Das sind meine dänischen Gene«, sagte er grinsend. »Man kann sich seine Herkunft nicht aussuchen.«
»Papperlapapp.« Sie fuchtelte erneut mit dem Gehstock. »Man kann etwas daraus machen. Der Name Kökkenmöddinger … Ihr Name kommt mir bekannt vor. Sind Sie verwandt mit...




