E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Mörderischer Osten
Sylvester Neue Meister, alte Sünden
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86789-599-6
Verlag: BEBUG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kökkenmöddingers erster Fall. Ein Dresden-Krimi
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Mörderischer Osten
ISBN: 978-3-86789-599-6
Verlag: BEBUG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christine Sylvester, geboren 1969, ist Journalistin und lebt als freie Autorin, Dozentin und Bodyguard eines ängstlichen Schäferhundes in Dresden. Mit dem 1. Platz im Dresden-Krimiwettbewerb 2005/06 stieg sie ins mörderische Belletristik-Fach ein. Neben fünf Krimis um die Kommissarin Lale Petersen - zuletzt PsychopathenPolka (2014) - hat sie sich mit Krimianthologien sowie preisgekrönten Kurzkrimis einen Namen gemacht.
Autoren/Hrsg.
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9. Hummeln oder Schmetterlinge?
»Echte Freundschaft entsteht aus einem idealen Gemisch aus Liebe und Freude.« Kökkenmöddinger nahm Teller aus der Spülmaschine und reichte sie Jelena. »Daraus wird dann ein nicht enden wollender Enthusiasmus.«
»Enthusiasmus also?« Jelena lachte und verstaute die Teller im Schrank. »Bevor du mich hier in eine deiner Diskussionen verwickelst und mir dann die Worte im Mund verdrehst …«
»Kennst du die Unterscheidung zwischen der Nutzenfreundschaft, der Lustfreundschaft und der wahren Freundschaft?«, fragte er. »Die hat schon Aristoteles …«
»Klar kenne ich die«, unterbrach Jelena ihn gutgelaunt. »Jetzt die Weingläser.« Sie nahm zwei Gläser entgegen. »Allerdings fängt es doch erst bei der Freundschaft an, interessant zu werden. Sich paaren können auch Hunde.«
Kökkenmöddinger stutzte. »Welcher Denker hat das denn gesagt?«
Jelena stellte die Gläser zur Seite und wandte sich um. »Hildegard Knef.«
Kökkenmöddinger schmunzelte und nahm Besteck aus der Maschine. »Aua, verdammt!« Er betrachtete seinen Daumen. Blut quoll aus der Kuppe hervor. »Musst du die Küchenmesser immer mit der Spitze nach oben einräumen?«
»Sonst werden sie doch nicht sauber«, entgegnete Jelena und reichte ihm ein Papiertuch.
»Das war schon das dritte Mal in dieser Woche«, knurrte Kökkenmöddinger. »Machst du das eigentlich absichtlich?«
»Natürlich.« Jelena grinste breit. »Es ist wirklich nicht leicht, dich aus dem Weg zu schaffen. Du bist ein zäher Brocken. Und nun bist du mir auch noch auf die Schliche gekommen.«
Kökkenmöddinger wickelte das Küchentuch um seinen Daumen und fixierte es mit einem Haushaltsgummi. »Wusstest du, dass die wirklichen Verbrechen immer aus Liebe geschehen? Es gibt also nichts Gefährlicheres als Liebe.«
»Na klar, das leuchtet mir ein.« Jelena kicherte. »Und wer hat das verkündet? Kommissar Derrick?«
»Ach, wo du gerade Kommissar und Krimi erwähnst …« Kökkenmöddinger fühlte sich befreit. Er hatte schon befürchtet, ihre Freundschaft habe ernsthaften Schaden genommen. »Ich war in der Redaktion der Tagespost. Jochen ist dort wohl gefeuert worden, aber niemand wusste Genaueres.«
»Ist das denn wichtig?« Jelena schwang sich auf den Tisch und ließ die Beine baumeln.
»Ich denke schon.« Kökkenmöddinger seufzte. »Ich muss irgendwie an die Chefredakteurin herankommen, eine offenbar recht anstrengende Dame namens Zickenbarth …«
»Zickenbarth?« Jelena schaute neugierig. »Also die kenne ich nicht. Aber hey, wo ist meine Tasche?« Sie lief aus der Küche, holte ihre große Handtasche und kramte einen Kalender hervor. Nach einigem Blättern schien sie gefunden zu haben, wonach sie gesucht hatte. »Bingo! Klaus.«
»Klaus?« Kökkenmöddinger musterte sie aufmerksam.
»Klaus arbeitet in der Chefredaktion der Tagespost.« Jelena griff zu ihrem Handy und gab eine Nummer ein. »Vielleicht kann der dir weiterhelfen.« Sie fuhr sich durch die Haare und räusperte sich. »Klaus? Hallo! Ich bin es, Jelena Jankow …«
Zwei Stunden später saßen sie vor Bier und Rotwein in einer Kneipe in der Neustadt. Kökkenmöddinger beobachtete argwöhnisch den Mann, der sich als Klaus und stellvertretender Chefredakteur der Tagespost vorgestellt hatte. So wie der Typ Jelena ansah, wunderte es ihn inzwischen nicht mehr, dass er sofort zu einem Treffen bereit gewesen war. Außerdem war er unsympathisch und arrogant. Kökkenmöddinger schnaufte. Wieso war Jelena mit solchen Gestalten befreundet?
»Wir mussten ihm kündigen. Er hat sich immer mehr hineingesteigert. Wenn ihr mich fragt, hat er sich Verschwörungstheorien zurechtgezimmert.« Der Stellvertreter der sogenannten »Zicke« schien seine Aufmerksamkeit ganz auf Jelena zu konzentrieren.
»Und sein Tod gibt Ihnen nicht zu denken?«, mischte Kökkenmöddinger sich ein. »Vielleicht war ja etwas dran an seinen vermeintlichen Verschwörungstheorien und man hat ihn beseitigt.«
»Glauben Sie mir, Wegbaum hatte einen Psychoschuss. Der hat sich selbst umgebracht und es bewusst so aussehen lassen, als sei er ein Opfer.«
»Ein Opfer ist er doch in jedem Fall«, warf Jelena ein. »Wenn er tatsächlich so abgedreht ist, dann hätte man ihm doch helfen müssen.«
»Das stimmt allerdings!« Kökkenmöddinger sah den stellvertretenden Chefredakteur an. »Außerdem könnte es ebenso umgekehrt sein. Vielleicht wurde ja auch nur ein Mord als Selbstmord inszeniert.« Er beobachtete, wie der stellvertretende Chefredakteur Jelena von oben bis unten betrachtete. Ach was, der zog sie doch förmlich mit seinen Blicken aus. »Es ist schon eine seltsame Personalpolitik, einen angeblich Kranken einfach zu feuern. Macht ihr das in eurem Laden immer so?«, setzte Kökkenmöddinger in scharfem Ton hinzu.
»Hören Sie, wir können keinen durchgeknallten Schreiberling beschäftigen, der überall herumrennt und freistaatliche Institutionen des organisierten Verbrechens bezichtigt«, entgegnete der Kerl. »Was meinen Sie, was ich mir schon von den Öffentlichkeitsarbeitern anhören durfte? Wegbaum hat dem Image der Tagespost und dem des ganzen Verlages geschadet.«
»Stimmt, wo kommen wir denn hin, wenn eine Zeitung plötzlich als investigativ verschrien ist?«, höhnte Kökkenmöddinger. »Ich dachte, es sei die Aufgabe der Presse, staatlichen Institutionen auf die Finger zu klopfen.«
Der stellvertretende Chefredakteur verdrehte die Augen. »Jelena, würdest du deinem …«
»Freund!«, sagten Jelena und Kökkenmöddinger im Chor.
»Würdest du ihm bitte sagen, dass Praxis und Theorie in der Medienwelt wenig miteinander zu tun haben?«
»Natürlich ist die Praxis anders«, bestätigte Jelena. »Allerdings klingst du inzwischen genauso wie die Typen, die wir früher immer gemieden haben.« Sie beugte sich über den Tisch, und Kökkenmöddinger registrierte missmutig, dass der Kerl prompt in ihr Dekolleté schielte. »Klaus, jetzt mal Hand aufs Herz! Glaubst du wirklich, dass Jochen Wegbaum sich das alles nur ausgedacht hat? Oder machst du Männchen für deine Chefin?«
»Du solltest wissen, dass ich niemals Männchen mache.« Der Stellvertreter grinste schmierig. »Aber Wegbaums Geschichte war wirklich mehr als abstrus. Außerdem hatte er weder stichhaltige Hinweise noch vertrauenswürdige Informanten.«
»Was für eine Geschichte war es denn?«, wollte Kökkenmöddinger endlich wissen. Dieser Klaus ging ihm auf den Wecker. Und je mehr er hörte, desto mehr war er geneigt, dem toten Jochen zu glauben, egal, worum es in dieser Angelegenheit ging.
»Ach, Kulturkram«, winkte Klaus ab. »Das kam ja noch mit hinzu. Die Spinner aus der Kultur haben doch alle so ein Aufmerksamkeitsdefizit, weil sich niemand für ihren Alibi-Journalismus interessiert.«
»Klaus, bitte«, verlangte Jelena. Sie wirkte ebenfalls gereizt. »An was für einer Geschichte war dein toter Ex-Kollege dran?«
Der Stellvertreter grinste schief. »Kunstmafia … Er witterte einen internationalen Fälscherring und riesige kriminelle Verwicklungen in Dresdner Museen.« Er lachte. »So ein Quatsch! Ich möchte wetten, von den Kulturheinies in den Kunstsammlungen hat nicht einmal einer Punkte in Flensburg.«
»Hm«, machte Jelena. »Klingt in der Tat ziemlich abgehoben.«
Kökkenmöddinger runzelte die Stirn und zog es vor, nichts zu sagen. Seiner Erfahrung nach gab es nichts, was es nicht gab. Und sein Bauchgefühl hatte Jochen sofort vertraut. Wenn er ihn beim Frühstück nur nicht so einfach hätte gehen lassen, würde er möglicherweise noch leben …
»Wie ist es? Ziehen wir noch ein bisschen um die Häuser?« Stellvertreter-Klaus klopfte Jelena auf die Schulter, und Kökkenmöddinger verspürte den Impuls, die Finger zur Faust zu ballen.
»Nein, lieber nicht.«
Glück gehabt! Er lächelte Jelena an.
»Ich muss morgen früh raus«, setzte Jelena hinzu. »Ich will nach Hause.«
»Ja, lass uns gehen.« Kökkenmöddinger erhob sich und zückte sein Portemonnaie. »Sie sind natürlich eingeladen. Danke für die Information.« Er wandte sich zur Theke und bezahlte die Getränke.
Vor der Kneipe wurde er schon von Jelena erwartet, die gerade dabei war, sich eine Zigarette anzuzünden.
»Du rauchst wieder?« Kökkenmöddinger rümpfte die Nase.
»Nur gelegentlich.« Jelena blies Rauch in die Luft. »Wenn ich gewisse Männer auf Distanz halten muss.«
Kökkenmöddinger überhörte ihre Spitze geflissentlich. »Woher kennst du den Kerl eigentlich?«
»Klaus? Vom Studium. Er war ein paar Semester über mir, und später sind wir uns in einigen Redaktionen wieder begegnet.«
»Lass uns nach Hause laufen.« Kökkenmöddinger setzte sich in Bewegung. »Ihr wirkt so vertraut.«
»Wie meinst du das denn?« Jelena folgte ihm rauchend.
»So, als ob ihr euch näher kennt …«
»Wir kennen uns ja auch näher. Er war Redakteur bei der Zeitung, bei der ich damals mein Volontariat gemacht habe. Hat mir an einigen Stellen sehr geholfen.«
»Wie nah?«
»Kökkenmöddinger!« Jelena warf die halbgerauchte Zigarette auf die Straße und trat danach. »Genau das meine ich! Genau deshalb ärgere ich mich jedes Mal, wenn wir ein bisschen Spaß miteinander haben! Du stellst Ansprüche!«
»Nein, tue ich nicht. Ich möchte es doch nur wissen.«
»Eben. Du musst es aber nicht wissen. Es geht dich nichts an. Es muss dir egal sein, wie nah mir...




