Szatrawska | Die Tiefe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 450 Seiten

Szatrawska Die Tiefe


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-86391-458-5
Verlag: Verlag Voland & Quist
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 450 Seiten

ISBN: 978-3-86391-458-5
Verlag: Verlag Voland & Quist
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Die Tiefe' erzählt die Geschichte mehrerer Generationen einer Familie, deren Schicksal tief mit dem einstigen Ostpreußen verwoben ist, einer Region, wo sich seit Jahrhunderten polnische, masurische, deutsche und litauische Identitäten miteinander verflechten: die Geschichte der Großmutter Janka, der Aristokratin Gudrun, ihres Geliebten Max, eines deutschen Chirurgen, der Tante Gertraud, die von Jankas Sohn, Wolf, und Alicja, dem jüngsten Familienmitglied und einer Anthropologin, die nur schwer damit zurechtkommt, das Elternhaus an der Guber zu verkaufen - ein geheimnisumwobenes Gebäude voller Erinnerungen. Wir folgen den Lebensschicksalen der Protagonistinnen und Protagonisten, beginnend mit der Zeit des Krieges - dem Fall von Königsberg und Rastenburg sowie dem unaufhaltsamen Vorrücken der Roten Armee -, über die Ära des kommunistischen Polens, in der über die Vergangenheit gar nicht oder nur im Flüsterton gesprochen wird, bis hin zur Gegenwart, in der sich ein neuer Konflikt entwickelt.

Ishbel Szatrawska, 1981 in Olsztyn (ehemals Allenstein, Polen) geboren, studierte polnische Literatur und Theaterwissenschaft an der Jagiellonen-Universität in Krakau, wo sie heute lebt und schreibt. Sie ist Autorin von sechs Theaterstücken, u.a. 'The Life and Death of Mr. Hersh Libkin from Sacramento, CA' (Eurodram 2022 Selections). Ihr Debütroman 'To?' (dt. 'Die Tiefe') stand auf Platz eins der Bestsellerliste für polnische Literatur und wurde zu einem der '10 besten Bücher des Jahres' gewählt.
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»Nimm nichts von Deutschen.«

Alicja erstarrte, sie hielt ein bunt verpacktes Schokoladenbonbon in ihrer Faust. Sie brauchte sich nicht umzudrehen. Auch so wusste sie, dass Großmutter Janka mit der Zigarette in der Hand unter dem Vordach stand, unbewegt, bedrohlich. Obgleich der Sommer in diesem Jahr ein typisch preußischer war, mäßig warm, wolkig, mit unangenehm kühlem Wind aus Norden, spürte sie, wie ihr heiß wurde.

»Nimm nichts von Deutschen. Bist doch kein Affe.«

Die messerscharfe Stimme der Großmutter zerschnitt die Luft. Alle schauten zu ihnen herüber: die Nachbarn der Piekuts, deren Kinder und die deutsche Touristengruppe, die mit Fahrrädern auf Heimwehtour war, wie es die Erwachsenen nannten. Die Bedeutung dieses Ausdrucks, bei dem es sich um eine bestimmte Form des Radausflugs handeln musste, hatte sich Alicja noch nicht erschlossen.

Mit einem entschuldigenden Lächeln und überraschend wenig Akzent flüsterte sie: »I am sorry«, und gab das Bonbon wieder zurück.

Der alte Deutsche blickte zu der Frau im Hintergrund. Die Großmutter rührte sich nicht. Trotz ihrer schlanken, zierlichen Figur schien sie die Anwesenden zu überragen. Der Deutsche begriff, dass es keinen Sinn hatte, mit ihr zu diskutieren.

Alicja wusste jedoch, dass in dem Moment, in dem sie an die Touristen herangetreten war und sie mit entwaffnend kindlicher Direktheit angesprochen hatte, ein Vertrag geschlossen worden war. Und sie wusste genau, was weiter geschehen würde: Großmutter würde sich umdrehen und im Schlund des großen braunen Backsteinhauses verschwinden, woraufhin sie die Deutschen, während diese an den Stallungen entlangspazierten, einholen würde. Sie war auf dem Hof das einzige Kind, das ein paar Brocken Englisch beherrschte. Sie war das einzige Kind, das sich verständigen konnte. Von ihrem Verhandlungsgeschick und sprachlichen Können hing es ab, ob die Rasselbande des Gestüts von den Fremden Süßigkeiten bekäme.

Großmutter war eine Frau der Ehre. Sie nahm nichts von anderen an, sie gab, wenn sie um etwas gebeten wurde, und wenn sie sich etwas lieh, zahlte sie das, was sie schuldig war, und noch ein wenig mehr zurück. Alicja war zwar erst zehn, doch ihr war bereits klar, dass sie keine Ehre besaß. Beides zugleich ging nicht, man musste sich entscheiden: entweder für die Ehre oder für Ritter Sport.

Am Danziger Flughafen ging alles überraschend schnell. Sein Pass wurde kontrolliert, sein Corona-Impfausweis, und ehe er sichs versah, saß er auch schon im Mietwagen. Als Erstes rief er Kathleen an.

»Ich bin gelandet«, sagte er, als sie ranging.

»Great«, antwortete sie mit ihrem markanten Akzent, »ich komme gerade vom Einkaufen zurück. Ich wollte nicht, dass das Gleiche wie letztes Jahr passiert. Im ganzen Haus hatte ich nicht einmal eine Packung Kekse.«

»Lass ein paar Shortbread für mich übrig.«

Sie lachte. Im Kopfhörer knackte es. Er wartete, dass die Störgeräusche verschwanden, als im Auto die monotone Stimme des Navis ertönte.

»Du fährst gerade«, sagte sie. Es klang verzerrt. »Ich lege auf. Vergiss nicht, Alicja Bescheid zu geben.«

Er hatte keine Lust, Alicja anzurufen. Seit nun schon fast drei Monaten war er im Gespräch mit ihr und hatte das Gefühl, gegen eine Wand zu reden. Er drang mit seinen Argumenten nicht zu ihr durch. »Wir müssen das Haus verkaufen«, sagte er immer wieder. Weil sie ihn nicht mit Argumenten überzeugen konnte, probierte sie es auf die Mitleidstour, was er als emotionale Erpressung empfand. Seit August hatten sie darüber diskutiert, aber er wusste nicht, was er noch tun sollte, damit sie endlich Vernunft annahm. Er hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass das Haus seit Jahren leer stand. Dass es keinen Sinn hatte, es nach Jankas Tod und dem von Tante Gertraud, die ihre letzten Lebensjahre dort verbracht hatte, weiter zu unterhalten. Aber Alicja hatte sich taub gestellt. So vergingen August, September und Oktober. Er hatte bereits einen Käufer gefunden, einen Notartermin vereinbart und sogar die Besichtigung des Hauses organisiert, ohne dass er dafür extra aus Schottland hatte kommen müssen. Sie hatte eingewilligt, beim Ausräumen des Hauses zu helfen. Immerhin etwas.

Er holte mehrmals tief Luft, bog Richtung Süden ab und rief sie erst hinter Tczew an.

»Hallo, Papa«, meldete sich eine müde Stimme.

»Rate mal, wo ich bin«, gab er sich fröhlich. »Ich fahre gerade über die Nogat und schaue auf die Marienburg.«

Er warf einen schnellen Blick auf die andere Seite des Flusses.

»Die Marienburg?«, wunderte sich Alicja. »Fährst du nicht Richtung Nowy Dwór Gdanski

»Laut GPS gibt es furchtbare Staus, also düse ich Richtung Malbork, Elblag und dann die normale Strecke, an der Grenze entlang.«

»Pass auf dich auf. Denk an die Verrückten, die zu Allerheiligen unterwegs sind …«

Er seufzte. »Ich weiß, ich bin fünfundsiebzig und habe das Reaktionsvermögen eines Tattergreises …«

»Papa«, fiel sie ihm ins Wort. »Ich meine es ernst.«

Die plötzlich eintretende Stille wurde durch das Klappern der Betonplatten auf der Brücke unterbrochen. Aus dem Grau des Nebels tauchten die Wehrtürme der Burg wie aus Rauchwolken auf.

»Wir sollten uns besser nicht unterhalten. Konzentrier dich lieber auf die Straße.«

Erneut betretenes Schweigen.

»Wann fährst du los?«

»Morgen«, sagte sie kurz und unmissverständlich. Sie wollte das Gespräch beenden.

»Allein?«

»Natürlich allein …«

»Und Jarek?«

»Können wir das bitte lassen?«, zischte sie. »Ich bin morgen da, ich melde mich, wenn ich in Olsztyn umsteige.«

Kurz darauf legte sie auf. Er hatte gerade noch ein unbeholfenes »Ich liebe dich« gestammelt. In zwei Teile durchtrennt, blieb der Satz irgendwo zwischen den Sendern im Äther hängen.

Es ging um das Haus. Natürlich ging es um das Haus. Um das Gebäude, um den Ort, um alles. Er wollte vernünftig handeln, fühlte sich aber so, als würde er sie um etwas berauben. Beide trugen in sich nur diesen einen einzigen Raum. Den einen, in dem der Geruch von schwerem Harz so intensiv war, dass er in der Nase kitzelte, und in dem die Welt einen Stich ins Blaue hatte, selbst im sommerlichen Sonnenschein, als ob über allem, so weit das Auge reichte, der Geist eines Gletschers läge.

Er war sich nicht sicher, was seine früheste Erinnerung war. Das Knarren der Dielen, wenn man vom Wohnzimmer in die Küche ging? Der Geruch von Knoblauch und Dill, der einem von dort entgegenströmte? Oder Mutters Stimme? Er hatte sie noch deutlich im Ohr: »Nicht anfassen, Wolf, lass die Finger davon, du verbrennst dich sonst!« Es musste eine seiner ersten Erinnerungen gewesen sein, denn Jankas Stimme klang sehr jugendlich, mädchenhaft, mit einem leichten östlichen Akzent. Einige Jahre später hatte sie ihn sich abtrainiert, er wusste eigentlich nicht, warum.

Das Haus lag etwas abseits. Von der Straße bog man in einen Waldweg ein, der zum Fluss führte. Das niedrige Steingebäude wirkte gedrungen, unmittelbar neben der Schlucht, in der die Guber rauschte. Es war kein schönes Haus, doch von solider masurischer Bauweise. Weiß getüncht, selbst für die unmittelbare Umgebung untypisch, in der alles aus rotem Backstein gebaut war, stand es auf einem Moränenhügel, von dem ein steiler Hang zum Fluss abfiel, und dahinter, auf der anderen Uferseite, lag der düstere preußische Urwald, ein Meer aus dicht gedrängten Fichten, Kiefern und Lärchen. Sie bildeten eine eigentümliche Mauer, ihre emporstrebenden Baumkronen glichen einem Zug gotischer Türme, und verdeckten den Weg, auf dem man, nach dreißig bis vierzig Minuten Fußmarsch, zum Staatlichen Landwirtschaftsbetrieb in Nakomiady gelangte.

Er hatte sich nie gefragt, warum er dort mit seiner Mutter allein gelebt hatte. Vor Jahren hatte er einmal gehört, dass die Behörden bei ihnen Untermieter einquartieren wollten. Schließlich bestand das Haus aus fünf Zimmern – in dem langen, schmalen Gebäude hätte eine gar nicht so kleine Familie Platz gefunden. Und dennoch war nie jemand, weder aus eigenem Willen noch von Amts wegen, zu ihnen gezogen. In den Dörfern der Umgebung erzählte man sich, dass niemand bei ihnen wohnen wollte. Er war der Sache nie auf den Grund gegangen. Er und seine Mutter lebten allein, und nur abends kam der Alte Marcin vorbei, Mutters Liebhaber, was jeder wusste und niemand kommentierte. Und manchmal ein paar enge Freunde.

Aus frühen Kindertagen war ihm auch die Großmutter in Erinnerung geblieben. Dünn und schwach, mit den Jahren immer gebrechlicher, wechselte sie nurmehr den Ort, an dem sie ihre Knochen wärmte. Im Sommer saß sie vor dem Haus, im Winter versank sie, in eine Decke gehüllt, in einem alten, tiefen Sessel, von dem sie selbst sagte, dieser könne sich noch gut an die Deutschen erinnern. Sie war der Mutter keine Hilfe, dazu fehlte ihr die Kraft, eine rätselhafte Krankheit zehrte an ihr, Jahr um Jahr und noch ein weiteres Lebensjahr. Gelegentlich nahm sie eine Nadel zur Hand, farbige Fäden, und stickte schweigend: wilde Tiere, rote Sonnen, exotische Blumen. Sie sprach leise, als hätte sie Angst vor etwas. Er erinnerte sich daran, dass sie für ihn immer Bonbons bereithielt, die sie in den überraschendsten Momenten hervorkramte.

Janka kam allein zurecht. Eigentlich war sie immer allein. Auch wenn sich tagsüber die Bäuerinnen der umliegenden Dörfer die Klinke in die Hand gaben und danach das Rattern der Singer-Nähmaschine das Haus...


Volk, Andreas
Andreas Volk, 1971 in Idar-Oberstein geboren, lebt seit bald zwanzig Jahren als Literaturübersetzer in Warschau. Er übersetzte bereits Ishbel Szatrawskas Theaterstück "Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod". 2013 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Vereinigung der polnischen Bühnenautoren und -komponisten Zaiks und 2022 mit dem Karl-Dedecius-Preis ausgezeichnet.

Szatrawska, Ishbel
Ishbel Szatrawska, 1981 in Olsztyn (ehemals Allenstein, Polen) geboren, studierte polnische Literatur und Theaterwissenschaft an der Jagiellonen-Universität in Krakau, wo sie heute lebt und schreibt. Sie ist Autorin von sechs Theaterstücken, u.a. "The Life and Death of Mr. Hersh Libkin from Sacramento, CA" (Eurodram 2022 Selections). Ihr Debütroman "Ton" (dt. "Die Tiefe") stand auf Platz eins der Bestsellerliste für polnische Literatur und wurde zu einem der "10 besten Bücher des Jahres" gewählt.

Ishbel Szatrawska, 1981 in Olsztyn (ehemals Allenstein, Polen) geboren, studierte polnische Literatur und Theaterwissenschaft an der Jagiellonen-Universität in Krakau, wo sie heute lebt und schreibt. Sie ist Autorin von sechs Theaterstücken, u.a. "The Life and Death of Mr.
Hersh Libkin from Sacramento, CA" (Eurodram 2022 Selections). Ihr Debütroman "Ton" (dt. "Die Tiefe") stand auf Platz eins der Bestsellerliste für polnische Literatur und wurde zu einem der "10 besten Bücher des Jahres" gewählt.



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