Szczygielski | Hinter der blauen Tür | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Szczygielski Hinter der blauen Tür


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7336-0247-5
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7336-0247-5
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hinter der blauen Tür - Anklopfen auf eigene Gefahr! Lukasz' Leben steht Kopf: Seit einem Autounfall liegt seine Mutter im Koma und er selbst ist seit einem halben Jahr im Krankenhaus. Dann taucht plötzlich eine geheimnisvolle Frau auf, die behauptet, seine Tante zu sein. Sie nimmt ihn mit auf eine heruntergekommene Pension auf dem Land, wo Lukasz eine folgenreiche Entdeckung macht: Wenn er im richtigen Rhythmus an die blaue Tür klopft, öffnet sich ein faszinierendes silbriges Universum voller Harmonie, bewohnt von sonderbaren Schlangenvögeln und einem Schneider mit magischen Kräften. Doch die friedliche Fassade der Silberwelt trügt. Als Lukasz ein Silberfädchen mit in seine Welt nimmt, verwandelt sich seine Tante in ein spinnenartiges Monster. Es gibt nur einen Weg, sie zu retten: Lukasz muss zurück in die Silberwelt und das Böse besiegen. Marcin Szczygielskis mehrfach ausgezeichnetes Fantasy-Abenteuer Hinter der blauen Tür besticht durch raffinierte Wendungen und eine Prise Grusel. Eine fesselnde Geschichte über Familie, Freundschaft und den Mut, seine Ängste zu überwinden.

Marcin Szczygielski, geboren 1972 in Warschau, ist ein preisgekrönter Journalist und Autor und schreibt seit 2009 auch sehr erfolgreich Kinderbücher. Literaturpreise: ?Flügel aus Papier? - Die Besten 7 (April 2015) - Jugendbuch des Monats Juli 2015 (Akademie für Kinder- und Jugendliteratur) - Kinderbuchpreis 2015 der Jury der Jungen Leser ?Hinter der blauen Tür? - Der große Dong (Polen, 2010) - internationale IBBY-Ehrenliste (2012) - erfolgreiche Verfilmung
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Die Fahrt, die Libelle und die Zwiebel


Immer wieder muss ich an diesen Tag denken, obwohl er schon über ein Jahr zurückliegt. Aber irgendwie ist es auch klar – schließlich ist damals mein ganzes Leben über den Haufen geworfen worden. Ich war gerade mal elf Jahre alt und konnte viele Dinge noch nicht so gut verstehen. Der Tag war sehr wichtig für mich, ich hatte lange auf ihn gewartet, monatelang. Es war der erste Tag unseres gemeinsamen Urlaubs, den Mama mir an Heiligabend versprochen hatte. Ihr denkt jetzt bestimmt, mit seiner Mutter in Urlaub zu fahren sei nichts Besonderes, sondern ganz normal, wenn man klein ist. Für mich war es aber eine große Sache. Mama hatte nie Zeit gehabt, Urlaub mit mir zu machen, weil sie sehr viel arbeitete, eigentlich immer. Sogar zu Hause saß sie die ganze Zeit am Computer. Manchmal war ich ihr deshalb böse, aber nur manchmal. Ich wusste ja, dass sie so viel arbeitete, damit es uns gutging und dass sie das auch für mich tat – damit ich in eine gute Schule gehen und wir uns etwas leisten konnten. Damit wir eine große Wohnung und ein anständiges Auto hatten. Sie war ganz auf sich allein gestellt, wir waren nämlich nur zu zweit. Meinen Vater habe ich nie gesehen, nicht mal auf einem Foto, und Mama erzählte nur ungern von ihm, obwohl ich sie immer wieder gelöchert habe. Meine Klassenkameraden in der Grundschule in Warschau hatten Väter, allerdings wohnte kaum noch einer bei den Kindern – die meisten Eltern waren geschieden. Trotzdem kannten sie ihre Väter und wussten etwas über sie, zum Beispiel wie alt sie waren oder wie sie hießen. Ich wusste überhaupt nichts, aber wenn es mich gab, musste ich auch einen Vater haben. Mama regte sich immer auf, wenn ich mit meinen Fragen ankam, deshalb ließ ich es irgendwann sein. Alles, was sie mir verriet, war, dass ich sein dunkles Haar geerbt habe, dass er wie ich sehr hartnäckig sein konnte, wenn ihn etwas gepackt hatte, und dass er leicht an die Decke ging. Ich stellte mir zuerst eine Art Spiderman vor, der die Wände hochlaufen und an der Decke kleben kann – ich war ja noch ziemlich klein damals –, doch dann wurde mir klar, dass sie etwas ganz anderes gemeint hatte. Aber ich schweife ab, das ist mein altes Problem: dass ich nicht bei der Sache bleiben kann, sondern beim Erzählen immer vom Hundertsten ins Tausendste komme.

Jener Tag fing genauso an, wie er anfangen sollte. Mama weckte mich früh um sieben, die Sonne strahlte, kein Wölkchen stand am Himmel. In der Diele stapelte sich das Gepäck: Mamas grauer Rollkoffer, mein blauer, der Weidenkorb mit Deckel und Lederriemen, zwei Plastiktüten mit Wechselschuhen, die Playstation mit Schutzhülle, die Laptop-Tasche und noch ein paar andere Taschen. Ich muss das nicht weiter ausführen, es spielt sowieso keine Rolle – die üblichen Sachen eben, die man für zwei Wochen Urlaub in einem Häuschen am See mitschleppt. Aber ich sehe diesen Gepäckstapel noch genau vor mir, als hätte ich ein Bild davon in meinem Kopf. In fünf Minuten könnte ich es auf ein Blatt Papier malen, na, vielleicht in sieben. Wir frühstückten, Mama trank ihren Milchkaffee und fragte:

»Bist du so weit?«

Nie zuvor war ich so weit gewesen wie an diesem Morgen. Wir schafften das Gepäck zum Aufzug, Mama schloss ab und rüttelte noch zweimal am Türknauf, um sicherzugehen, dass die Tür auch wirklich zu war. Das machte sie immer so. Dann fuhren wir mit dem Aufzug in die Garage und verstauten unser Gepäck in Mamas silbernem Audi. Alles passte rein.

Es war ein Sonntag, und in Warschau war kaum jemand unterwegs, weil die Leute entweder noch schliefen oder schon im Urlaub waren. Ab und zu meldete sich die Navi-Frau mit ihrer sanften, etwas künstlichen Stimme aus dem Gerät unter der Frontscheibe: »Dem Straßenverlauf 100 Meter folgen, links abbiegen, rechts abbiegen, dem Straßenverlauf 300 Meter folgen.« Mama antwortete ihr, weil sie immer mit dem Navi redet und überhaupt ständig plappert, wenn sie am Steuer sitzt – wenn nicht mit der Navi-Frau, dann mit anderen Autofahrern oder Fußgängern, obwohl die sie natürlich nicht hören. Ich finde das toll, weil Mama meistens lustige Sachen sagt, wenn sie nicht gerade gestresst oder wütend ist. Dann sagt sie gar nichts und schimpft höchstens leise vor sich hin, damit ich es nicht höre, aber ich …

Na prima, jetzt bin ich schon wieder woanders gelandet. Also zurück zu jenem Tag.

Ich saß angeschnallt auf der Rückbank, bestens gelaunt, mit einer Tüte Erdnussflips, zwei neuen Spielen auf meinem iPhone, die Sonnenbrille auf der Nase. Am Fenster zogen Bäume vorbei, die Navi-Frau redete, und Mama gab ihr lustige Antworten. Der Audi war neu und roch gut – Mama hatte ihn auf Kredit gekauft. Die Sitze waren blau-türkis, aus dem silbernen Armaturenbrett schauten runde Anzeiger mit hellblauen Leuchten hervor. Wir fuhren aus Warschau hinaus Richtung Danzig, das weiß ich noch genau, weil Mama sagte: »Jetzt sind wir auf der Straße nach Danzig.« Mama gab ordentlich Gas, weil wir fast alleine unterwegs waren. Ich riss die Flipstüte auf und dachte an die Spiele auf meinem iPhone, spielte aber noch nicht, weil ich sie noch eine Weile aufsparen wollte. Außerdem dachte ich an meine Sonnenbrille, meine erste richtige Erwachsenensonnenbrille, und natürlich an die zwei Wochen mit Mama im Häuschen am See, die vor uns lagen. Ich sah nicht, wie es passierte, weil ich ein paar Sekunden vorher doch noch beschlossen hatte, ein bisschen zu spielen und herauszufinden, worum es bei den neuen Spielen eigentlich ging. Statt auf die Straße schaute ich nur noch auf das Display meines iPhones. Mama sagte:

»Aber nicht, dass es dich gluckst!«

Als ich noch ganz klein war, ist mir im Auto oft schlecht geworden, und ich habe dann immer gerufen, dass es mich gluckst. Aber das ist schon ewig her, seit vier Jahren war nichts mehr. Mir wird überhaupt nicht mehr schlecht beim Autofahren.

»Nein, woher denn?«, antwortete ich, ohne von meinem iPhone aufzublicken.

»Aber sag mir Bescheid, wenn dir schlecht wird.« Mama trat aufs Gaspedal, und es drückte mich noch ein wenig tiefer ins Polster.

»Ist gut«, brummte ich.

Und dann überschlug sich die Welt mit einem entsetzlich lauten Knall. Es dauerte nur einen Wimpernschlag – eben saß ich noch hinten und baute mein Tower-Bloxx-Hochhaus, dann hing ich im Sicherheitsgurt auf der Seite, den Kopf im Gras. Ich spürte ein seltsames Summen unter der Schädeldecke und fühlte mich, als hätte mir jemand Piroggen in die Ohren gestopft. Das klingt bescheuert, aber ich weiß noch genau, dass ich dachte: »Als hätte ich Piroggen in den Ohren.« Mit dem Sitz vor mir war etwas nicht in Ordnung. Er stand ganz schief, außerdem war das Lederpolster aufgerissen und aus der Kopfstütze kamen Schaumstoff und ganze Knäuel zerrupfter Fäden. Aus dem Augenwinkel nahm ich im Gras eine Bewegung wahr. Ich drehte den Kopf ein wenig und entdeckte direkt neben meiner Stirn eine große himmelblaue Libelle. Ihre Flügel waren gebrochen, aber das hatte sie offenbar noch nicht verstanden, denn sie versuchte loszufliegen. Sie war es, die so laut summte, nicht mein Kopf …

Ich begriff überhaupt nicht, was passiert war, und schaute nicht einmal zu Mama, sondern nur auf das Gras um meinen Kopf, weil es mir so sonderbar vorkam, dass das Gras plötzlich nicht mehr nur vor dem Autofenster wuchs, sondern auch hier drin. Zumal das Fenster eben noch geschlossen war. Erst später ging mir auf, dass wir von der Straße abgekommen waren und uns überschlagen hatten. Dabei hatte ich keinerlei Schmerzen, nichts. Natürlich nur damals, später ging es dann los, im Krankenhaus. Ich sah mir die Libelle ganz genau an, sie war riesig. Mein Kopf kam mir furchtbar schwer vor, als ich versuchte, ihn weiter zu drehen.

»Dem Straßenverlauf 500 Meter folgen«, sagte die Navi-Frau.

Dann wurde es dunkel.

* * *

Ich heiße Lukasz Borski und bin zwölf Jahre alt. Geboren bin ich in Warschau, aber jetzt wohne ich in Brzeg, einem kleinen Ostseebad unweit von Kamien. Ich hoffe allerdings, dass sich das bald ändert und ich wieder in unser Haus in Warschau zurückkann, wenn nicht, ist sowieso alles egal. Alles hängt davon ab, ob wir mit dem Scheinder in der Silberwelt hinter der blauen Tür von Zimmer Nr. 18 in der ersten Etage der Pension , Piaskowa-Straße 3 in Brzeg, fertig werden und ob wir Tante Agata befreien können. Nein, nicht wir, obwohl Floh, Mona und Biss mir dabei helfen, sondern ich. Ich habe nämlich den Scheinder erst in unsere Welt gelassen, also muss vor allem ich gegen ihn kämpfen. Und es bleibt nicht mehr viel Zeit …

Aber wenn wir es nicht schaffen, schafft es vielleicht jemand von euch, jemand, der diese Geschichte über jene sonderbaren grauen Herbstwochen liest, die Geschichte darüber, was sich in dieser kleinen verschlafenen Ostseestadt gleich nach der Urlaubssaison abgespielt hat. Und lasst euch eines gesagt sein: Klopft nie zu lange an eine Tür! Denn selbst wenn auf der anderen Seite niemand sein sollte, kann euch doch jemand öffnen. Und was euch dann hinter dieser gewöhnlichen Tür erwartet, ist alles andere als gewöhnlich und könnte euch ganz und gar nicht gefallen.

Aber vielleicht erzähle ich am besten der Reihe nach …

Wir hatten einen Unfall. Das andere Auto kam plötzlich auf unsere Spur, Mama versuchte noch auszuweichen, doch es war zu spät. Sie hat das andere Auto erwischt, nur ganz leicht, aber das hat genügt, sie war nämlich ziemlich schnell, wenn auch nicht schneller als erlaubt. Unser Audi wurde herumgeschleudert, hat sich überschlagen und ist über die Leitplanke...


Szczygielski, Marcin
Marcin Szczygielski, geboren 1972 in Warschau, ist ein preisgekrönter Journalist und Autor und schreibt seit 2009 auch sehr erfolgreich Kinderbücher.

Literaturpreise:

›Flügel aus Papier‹
- Die Besten 7 (April 2015)
- Jugendbuch des Monats Juli 2015 (Akademie für Kinder- und Jugendliteratur)
- Kinderbuchpreis 2015 der Jury der Jungen Leser

›Hinter der blauen Tür‹
- Der große Dong (Polen, 2010)
- internationale IBBY-Ehrenliste (2012)
- erfolgreiche Verfilmung

Marcin SzczygielskiMarcin Szczygielski, geboren 1972 in Warschau, ist ein preisgekrönter Journalist und Autor und schreibt seit 2009 auch sehr erfolgreich Kinderbücher.

Literaturpreise:

›Flügel aus Papier‹
- Die Besten 7 (April 2015)
- Jugendbuch des Monats Juli 2015 (Akademie für Kinder- und Jugendliteratur)
- Kinderbuchpreis 2015 der Jury der Jungen Leser

›Hinter der blauen Tür‹
- Der große Dong (Polen, 2010)
- internationale IBBY-Ehrenliste (2012)
- erfolgreiche Verfilmung



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