Tabucchi | Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Tabucchi Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-446-27243-9
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-446-27243-9
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Zigeunerkönig Manolo macht eines Morgens eine unheimliche Entdeckung: Im Park liegt eine Leiche ohne Kopf! Firmino, der sich im Grunde viel lieber mit portugiesischer Literatur beschäftigt als mit Mordfällen, wird von seiner Zeitung nach Porto geschickt, um über das Verbrechen zu berichten. Und tatsächlich stößt er mit Hilfe seiner mütterlichen Pensionswirtin Dona Rosa und des renommierten Anwalts Don Fernando auf Dinge, die selbst die Polizei nicht zu wissen scheint. Unversehens gerät er vom neutralen Berichterstatter zum Kämpfer gegen Korruption und Verbrechen. Bis plötzlich ein Augenzeuge des Mordes auftaucht.

Antonio Tabucchi (1943-2012), eine der bedeutendsten Stimmen der europäischen Literatur, war Autor von Romanen, Kurzgeschichten, Essays und Bühnenstücken und Herausgeber der italienischen Ausgabe der Werke Fernando Pessoas. Er lehrte Portugiesische Sprache und Literatur und schrieb für zahlreiche italienische und ausländische Zeitungen. Sein Werk wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, darunter der Premio Campiello, der Prix Médicis Etranger, der Prix Européen de Littérature und der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur. Bei Hanser erschienen u.a. Lissabonner Requiem (2002), Es wird immer später (Roman in Briefform, 2002), Tristano stirbt (Roman, 2005), Die Zeit altert schnell (Erzählungen, 2010), Die Autobiographien der anderen (Über die Bücher und das Leben, Edition Akzente 2013), Für Isabel (Ein Mandala, 2014), Reisen und andere Reisen (2016) und Geschichten zu Bildern (2019).
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1


Manolo der Zigeuner schlug die Augen auf, blickte in das schwache Licht, das durch die Ritzen der Baracke drang, und stand auf, wobei er versuchte, keinen Lärm zu machen. Er brauchte sich nicht anzuziehen, denn er schlief angezogen, die orange Jacke, die er von Agostinho da Silva geschenkt bekommen hatte, der im Zirkus Maravilhas zahnlose Löwen bändigte und Franz der Deutsche genannt wurde, diente ihm inzwischen als Oberbekleidung und als Pyjama. Im schwachen Licht des Morgens suchte er tastend seine Sandalen, die nur noch als Schlappen zu gebrauchen waren und die er anstelle von Schuhen trug. Er fand sie und schlüpfte hinein. Er kannte die Baracke in- und auswendig und fand sich auch im Halbdunkel zurecht, denn er wußte genau, wo sich die armseligen Möbel befanden, mit denen sie eingerichtet war. Er ging leise zur Tür, und in diesem Augenblick stieß er mit dem Fuß gegen eine Petroleumlampe, die auf dem Boden stand. Scheißweiber, stieß Manolo der Zigeuner zwischen den Zähnen hervor. Seine Frau hatte die Petroleumlampe am Abend davor neben ihrer Liege stehenlassen, unter dem Vorwand, im Dunklen hätte sie Alpträume und ihr würden die toten Verwandten erscheinen. Wenn die Lampe ganz schwach brannte, sagte sie, getrauten sich die Geister der Toten nicht, sie heimzusuchen, und ließen sie in Ruhe schlafen.

— Was macht El Rey um diese Zeit — Gott sei der Seele unserer andalusischen Toten gnädig?

Die Stimme seiner Frau war belegt und undeutlich, wie von jemandem, der gerade aufgewacht ist. Wenn seine Frau mit ihm sprach, verwendete sie immer geringonça, einen Mischmasch aus Zigeunersprache, Portugiesisch und Andalusisch. Und sie nannte ihn El Rey, den König.

König einer schönen Scheiße, hätte Manolo am liebsten erwidert, sagte jedoch nichts. König einer schönen Scheiße, ja, früher einmal war er tatsächlich ein König gewesen, als die Zigeuner angesehene Leute waren, als sie frei durch die Ebenen Andalusiens zogen, Kupferschmuck herstellten und in den Dörfern verkauften, als sich sein Volk schwarz kleidete, mit vornehmen Filzhüten, und das Messer in der Tasche nicht zur Verteidigung diente, sondern ein Schmuckstück aus ziseliertem Silber war. Ja, das war die Zeit des Rey gewesen. Aber jetzt? Jetzt waren sie gezwungen, sonstwo herumzuziehen, jetzt, wo man ihnen in Spanien das Leben unmöglich machte und in Portugal, wohin sie sich geflüchtet hatten, vielleicht sogar noch mehr, jetzt, wo es ihnen nicht mehr möglich war, Schmuckstücke und Mantillas herzustellen, jetzt, wo sie sich mit kleinen Diebstählen und Drogenhandel über Wasser halten mußten — was zum Teufel war er, Manolo, da für ein König? König einer schönen Scheiße, wiederholte er bei sich. Die Gemeinde hatte ihnen dieses von Papierfetzen übersäte Grundstück am Stadtrand überlassen, hinter den letzten Häusern, sie hatte es ihnen gnädigerweise überlassen, er erinnerte sich gut an das Gesicht des Gemeindebeamten, der die Genehmigung mit einem Ausdruck der Herablassung und zugleich des Mitleids unterzeichnet hatte, zwölf Monate zu einem symbolischen Preis, aber er solle ja nicht glauben, daß die Gemeinde für Infrastruktur sorge, an Wasser und Licht brauche er gar nicht zu denken, und zum Scheißen sollten sie in den Wald gehen, das waren die Zigeuner ja gewohnt, so düngten sie wenigstens den Boden, und aufgepaßt, die Polizei wußte über ihre kleinen Geschäfte Bescheid und hielt die Augen offen.

König einer schönen Scheiße, dachte Manolo, in diesen Pappbaracken mit dem Blechdach, die im Winter vor Feuchtigkeit trieften und im Sommer Backöfen waren. Die trockenen, sauberen Höhlen von Granada, wo er in seiner Kindheit gewohnt hatte, gab es nicht mehr, das hier war ein Flüchtlingslager, wenn nicht gar ein Konzentrationslager, sagte sich Manolo, König einer schönen Scheiße.

— Was macht El Rey um diese Zeit — Gott sei der Seele unserer andalusischen Toten gnädig? wiederholte seine Frau.

Inzwischen war sie völlig aufgewacht, und ihre Augen waren weit aufgerissen. Mit ihren grauen Haaren, die sie zum Schlafengehen auf der Brust ausbreitete, nachdem sie die Kämme aus dem Knoten gezogen hatte, und dem rosa Schlafrock, in dem sie schlief, sah sie selbst aus wie ein Gespenst.

— Ich gehe pissen, antwortete Manolo lakonisch.

— Das tut dir gut, sagte seine Frau.

Manolo rückte sein Geschlecht in der Unterhose zurecht, das hart und prall war und so stark auf seine Hoden drückte, daß es weh tat.

— Ich könnte noch immer finfar, sagte er, jeden Morgen wache ich so auf, mit einem mangalho, der so hart ist wie ein Strang, ich könnte noch immer finfar.

— Das ist die Blase, antwortete seine Frau, du bist alt. Rey, du hältst dich für jung, aber du bist alt, älter als ich.

— Ich könnte noch immer finfar, erwiderte Manolo, aber dich kann ich nicht finfar, dein Loch ist voller Spinnweben.

— Dann geh pissen, sagte seine Frau abschließend.

Manolo kratzte sich am Kopf. Seit einigen Tagen hatte er einen Ausschlag, der aus kleinen rosa Bläschen bestand und sich vom Nacken bis zur Glatze ausgebreitet hatte und unerträglich juckte.

— Soll ich Manolito mitnehmen? flüsterte er seiner Frau zu.

— Laß das arme Kind schlafen, antwortete seine Frau.

— Manolito geht gern mit seinem Großvater pissen, rechtfertigte sich Manolo.

Er warf einen Blick auf die Liege, auf der Manolito schlief, und spürte, wie er von Zärtlichkeit übermannt wurde. Manolito war acht Jahre alt und der einzige Nachkomme, der ihm geblieben war. Dabei sah er nicht einmal wie ein Zigeuner aus. Er hatte zwar dunkle, glatte Haare wie ein richtiger Zigeuner, aber seine Augen waren blaugrün; die hatte er wahrscheinlich von seiner Mutter geerbt, die Manolo nie kennengelernt hatte. Sein Sohn Paco, sein einziger Sohn, hatte ihn mit einer Prostituierten aus Faro gezeugt, einer Engländerin, wie er sagte, die in Gibraltar auf den Strich ging und deren Zuhälter Paco gewesen war. Dann war das Mädchen nach England verschwunden, weil die Polizei sie abgeschoben hatte, und Paco hatte mit dem Kind dagestanden. Da er an der Algarve ein wichtiges Geschäft zu erledigen hatte — er handelte mit Zigaretten —, hatte er es bei den Großeltern abgeladen, war jedoch von seiner Geschäftsreise nie wieder zurückgekehrt. Und Manolito war bei ihnen geblieben.

— Er sieht gerne den Sonnenaufgang, beharrte Manolo hartnäckig auf seinem Vorhaben.

— Laß das arme Kind schlafen, es ist noch so früh, hast du denn gar kein Herz? Geh deine Blase entleeren.

Manolo der Zigeuner öffnete die Tür der Baracke und trat in die Morgenluft hinaus. Der Platz war menschenleer. Das ganze Lager schlief. Der kleine Mischlingshund, der sich im Lager eingenistet hatte, erhob sich von seinem Sandhaufen und kam schwanzwedelnd auf ihn zugelaufen. Manolo schnalzte mit den Fingern, und der kleine Hund stellte sich auf die Hinterbeine und wedelte noch mehr. Mit dem Hündchen im Gefolge ging Manolo über den Platz und bog auf den Weg ein, der am Pinienhain entlangführte. Der Hain gehörte der Gemeinde und bedeckte jenen Teil des Hügels, der zum Douro hin abfiel. Es waren nur ein paar Hektar, aber man hatte sie großspurig Stadtpark getauft und als grüne Lunge vermarktet. In Wirklichkeit handelte es sich um ungenutztes Gelände, das nicht bewacht und wo in keinerlei Weise für Sicherheit gesorgt wurde. Jeden Morgen fand Manolo Präservative und Spritzen am Boden, die einzusammeln sich die Stadtverwaltung nicht die Mühe machte. Er ging den kleinen Weg hinunter, der von üppigen Ginsterbüschen gesäumt wurde. Es war August, und aus irgendeinem Grund blühte der Ginster noch immer, als wäre es Frühling. Manolo schnupperte sachkundig. Er war imstande, die unterschiedlichsten Gerüche der Natur wahrzunehmen, wie er es durch sein Leben im Freien gelernt hatte. Er zählte auf: Ginster, Lavendel, Rosmarin. Unter ihm, am Ende des Abhangs, schillerte der Douro im schräg einfallenden Licht der Sonne, die hinter den Hügeln aufging. Zwei oder drei Lastkähne, die aus dem Landesinneren kamen und Richtung Porto unterwegs waren, schienen auf dem Fluß stillzustehen, der sich wie ein Band dahinschlängelte. Manolo wußte, daß sie die Kellereien der Stadt mit Fässern voller Wein belieferten, der dann in Portweinflaschen abgefüllt und in alle Welt versandt wurde. Manolo verspürte eine große Sehnsucht nach der großen weiten Welt, die er nie kennengelernt hatte. Ferne, unbekannte, wolkenverhangene Häfen, auf die sich Nebel senkte, wie er einmal in einem Film gesehen hatte. Er hingegen kannte nur dieses gleißend weiße iberische Licht, das Licht seines Andalusiens und das Licht Portugals, die...


Tabucchi, Antonio
Antonio Tabucchi (1943-2012), eine der bedeutendsten Stimmen der europäischen Literatur, war Autor von Romanen, Kurzgeschichten, Essays und Bühnenstücken und Herausgeber der italienischen Ausgabe der Werke Fernando Pessoas. Er lehrte Portugiesische Sprache und Literatur und schrieb für zahlreiche italienische und ausländische Zeitungen. Sein Werk wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, darunter der Premio Campiello, der Prix Médicis Etranger, der Prix Européen de Littérature und der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur. Bei Hanser erschienen u.a. Lissabonner Requiem (2002), Es wird immer später (Roman in Briefform, 2002), Tristano stirbt (Roman, 2005), Die Zeit altert schnell (Erzählungen, 2010), Die Autobiographien der anderen (Über die Bücher und das Leben, Edition Akzente 2013), Für Isabel (Ein Mandala, 2014), Reisen und andere Reisen (2016) und Geschichten zu Bildern (2019).

Antonio Tabucchi, 1943 in Pisa geboren, lehrte portugiesische Sprache und Literatur an der Universität in Genua. Er ist Herausgeber der italienischen Ausgabe der Werke von Fernando Pessoa. Ausgezeichnet mit den wichtigsten italienischen Literaturpreisen, gilt er als einer der interessantesten und bedeutendsten Schriftsteller der jüngeren Generation.



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