Tabucchi | Erklärt Pereira | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Tabucchi Erklärt Pereira

Eine Zeugenaussage
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-446-25377-3
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Zeugenaussage

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-446-25377-3
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lissabon in der Zeit der faschistischen Diktatur Ende der dreißiger Jahre: Das Leben des politisch desillusionierten, zurückgezogen lebenden Kulturredakteurs Pereira ändert sich, als er den jungen Widerstandskämpfer Monteiro Rossi trifft. In ihm erkennt Pereira das Abbild der eigenen verschütteten jugendlichen Ideale. Ein langsamer Entwicklungsprozeß setzt ein, der ihn aus der Lethargie führt und zur Handlung veranlaßt. Der Roman wurde in Italien mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt.

Antonio Tabucchi (1943-2012), eine der bedeutendsten Stimmen der europäischen Literatur, war Autor von Romanen, Kurzgeschichten, Essays und Bühnenstücken und Herausgeber der italienischen Ausgabe der Werke Fernando Pessoas. Er lehrte Portugiesische Sprache und Literatur und schrieb für zahlreiche italienische und ausländische Zeitungen. Sein Werk wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, darunter der Premio Campiello, der Prix Médicis Etranger, der Prix Européen de Littérature und der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur. Bei Hanser erschienen u.a. Lissabonner Requiem (2002), Es wird immer später (Roman in Briefform, 2002), Tristano stirbt (Roman, 2005), Die Zeit altert schnell (Erzählungen, 2010), Die Autobiographien der anderen (Über die Bücher und das Leben, Edition Akzente 2013), Für Isabel (Ein Mandala, 2014), Reisen und andere Reisen (2016) und Geschichten zu Bildern (2019).
Tabucchi Erklärt Pereira jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


3

Pereira erklärt, daß die Stadt an diesem Abend in der Hand der Polizei zu sein schien. Er begegnete ihr überall. Er nahm ein Taxi zum Terreiro do Paço, und unter den Arkaden standen Jeeps und Polizisten mit Karabinern. Vielleicht hatten sie Angst vor Demonstrationen oder vor Menschenansammlungen auf den Plätzen, und deshalb überwachten sie die strategischen Punkte der Stadt. Er wäre gern zu Fuß weitergegangen, denn der Kardiologe hatte ihm gesagt, er brauche Bewegung, aber er hatte nicht den Mut, an den unheimlichen Soldaten vorbeizugehen, und so nahm er die Straßenbahn, die die Rua dos Fanqueiros hinunterfuhr und deren Endstation sich auf der Praça da Figueira befand. Hier stieg er aus, erklärt er, und traf wiederum Polizei an. Diesmal mußte er an den Truppen vorbeigehen, und das verursachte ihm leichtes Unbehagen. Im Vorbeigehen hörte er, wie ein Offizier zu den Soldaten sagte: Und denkt daran, Jungs, daß die Subversiven ständig auf der Lauer liegen, ihr tut gut daran, die Augen offenzuhalten.

Pereira blickte sich um, als ob dieser Rat für ihn bestimmt gewesen wäre, und er hatte nicht den Eindruck, daß er die Augen offenhalten mußte. Die Avenida da Liberdade war ruhig, der Eiskiosk war geöffnet, und an den Tischchen saßen Leute, die die kühle Luft genossen. Er begann ruhig den Gehsteig in der Mitte entlangzuspazieren, und in diesem Augenblick, erklärt er, hörte er die Musik. Es war eine sanfte und melancholische Musik, Gitarren aus Coimbra, und diese Verbindung aus Musik und Polizei erschien ihm merkwürdig. Er dachte, sie komme von der Praça da Alegria, und so war es auch tatsächlich, denn je näher er kam, desto lauter wurde die Musik.

Der Platz sah nicht gerade aus, als befände er sich in einer belagerten Stadt, erklärt Pereira, denn er sah keine Polizei, ganz im Gegenteil, er sah nur einen Nachtwächter, der betrunken zu sein schien und auf einer Bank ein Schläfchen machte. Der Platz war mit Papiergirlanden geschmückt, und gelbe und grüne Glühbirnen hingen von Drähten, die von einem Fenster zum anderen gespannt waren. Ein paar Tischchen standen im Freien, und einige Paare tanzten. Dann sah er ein Transparent, das zwischen zwei Bäumen des Platzes gespannt war und auf dem riesengroß geschrieben stand: Francisco Franco zu Ehren. Und darunter, in kleineren Buchstaben: Den portugiesischen Soldaten in Spanien zu Ehren.

Pereira erklärt, erst in diesem Augenblick habe er verstanden, daß es sich um ein Fest von Parteigängern Salazars handelte und daß es deshalb nicht von der Polizei überwacht werden mußte. Und erst jetzt bemerkte er, daß viele Menschen ein grünes Hemd und ein Tuch um den Hals trugen. Er blieb entsetzt stehen, und in einem Augenblick dachte er an viele Dinge gleichzeitig. Er dachte, daß Monteiro Rossi vielleicht einer der Ihren war, er dachte an den Fuhrmann aus dem Alentejo, der seine Melonen mit seinem Blut besudelt hatte, er dachte daran, was Pater António sagen würde, wenn er ihn hier sähe. An all das dachte er, und er setzte sich auf die Bank, auf der der Nachtwächter sein Schläfchen hielt, und gab sich seinen Gedanken hin. Oder besser gesagt, er gab sich der Musik hin, denn die Musik gefiel ihm trotz allem. Da waren zwei alte Männer, die spielten, einer Geige und der andere Gitarre, und sie spielten herzzerreißende Melodien aus Coimbra, die aus seiner Jugend stammten, als er Student war und an die Zukunft wie an ein strahlendes Abenteuer dachte. Und auch er hatte damals bei Studentenfesten Geige gespielt, er war dünn und beweglich gewesen und hatte den Mädchen den Kopf verdreht. Wie viele schöne Mädchen waren verrückt nach ihm gewesen. Er hingegen hatte sich in ein zerbrechliches, bleiches Mädchen verliebt, das Gedichte schrieb und oft Kopfweh hatte. Und dann dachte er an andere Dinge aus seinem Leben, aber darüber will Pereira nicht sprechen, denn er erklärt, sie gingen ihn und nur ihn etwas an und fügten jenem Abend und jenem Fest, auf dem er gegen seinen Willen gelandet war, nichts hinzu. Und dann, erklärt Pereira, habe er irgendwann gesehen, wie sich von einem der Tischchen ein großer und schlanker junger Mann in einem hellen Hemd erhob und sich zwischen die beiden alten Musikanten stellte. Und er spürte, wer weiß, warum, einen Stich ins Herz, vielleicht weil er sich in diesem jungen Mann wiederzuerkennen glaubte, vielleicht weil es ihm schien, sich selbst zu der Zeit von Coimbra wiederzufinden, denn irgendwie ähnelte er ihm, nicht in den Zügen, sondern in der Art und Weise, wie er sich bewegte und die Haare trug. Und der junge Mann, dem eine Locke in die Stirn fiel, begann ein italienisches Lied zu singen, O sole mio, dessen Worte Pereira zwar nicht verstand, das jedoch ein Lied voller Kraft und Leben war, schön und klar, und er verstand nur die Worte »o meine Sonne« und sonst nichts, und derweil sang der junge Mann, eine leichte Atlantikbrise hatte sich wieder erhoben, und der Abend war kühl, und alles erschien ihm schön, sein bisheriges Leben, von dem er nicht sprechen möchte, Lissabon, die Kuppel des Himmels, die man über den bunten Glühbirnen sah, und er verspürte eine große Sehnsucht, aber Pereira will nicht sagen, wonach. Auf jeden Fall begriff er, daß er am Nachmittag mit dem jungen Mann, der sang, telefoniert hatte, und sobald dieser zu singen aufgehört hatte, erhob sich Pereira von der Bank, denn die Neugier war größer als seine Zurückhaltung, ging zu dem Tischchen und sagte zu dem jungen Mann: Herr Monteiro Rossi, nehme ich an. Monteiro Rossi machte Anstalten aufzustehen, stieß gegen das Tischchen, das Bierglas, das vor ihm stand, fiel um, und er bekleckerte völlig seine schöne weiße Hose. Ich bitte Sie um Entschuldigung, stammelte Pereira. Ich bin es, der unachtsam war, sagte der junge Mann, so etwas passiert mir oft, Sie sind Doktor Pereira von der Lisboa, vermute ich, ich bitte Sie, nehmen Sie Platz. Und er streckte ihm die Hand hin.

Pereira erklärt, er sei verlegen gewesen, als er sich an das Tischchen setzte. Insgeheim dachte er, daß er hier fehl am Platz war, daß es absurd war, einen Unbekannten bei diesem nationalistischen Fest zu treffen, daß Pater António sein Verhalten nicht gebilligt hätte; und daß er am liebsten schon wieder zu Hause gewesen wäre, um mit dem Bild seiner Frau zu sprechen und sie um Verzeihung zu bitten. Und das, was er dachte, gab ihm den Mut, eine direkte Frage zu stellen, nur um ins Gespräch zu kommen, und ohne sich allzu viele Gedanken zu machen, fragte er Monteiro Rossi: Das hier ist ein Fest der Salazar-Jugend, gehören Sie zur Salazar-Jugend?

Monteiro Rossi strich die Haarlocke zurück, die ihm in die Stirn fiel, und antwortete: Ich bin Doktor der Philosophie, ich interessiere mich für Philosophie und Literatur, aber was hat das hier mit der Lisboa zu tun? Viel, erklärt Pereira, gesagt zu haben, denn wir machen eine freie und unabhängige Zeitung und wollen uns nicht in die Politik einmischen.

Inzwischen begannen die beiden alten Männer wieder zu spielen, sie entlockten ihren melancholischen Saiten ein falangistisches Lied, aber Pereira begriff in diesem Augenblick, daß er sich auf ein Spiel eingelassen hatte und daß er weiterspielen mußte. Und merkwürdigerweise begriff er, daß er imstande war, es zu tun, daß er die Situation im Griff hatte, denn er war der Doktor Pereira von der Lisboa, und der junge Mann, der ihm gegenübersaß, hing an seinen Lippen. Und so sagte er: Ich habe Ihren Artikel über den Tod gelesen, er erschien mir sehr interessant. Ich habe eine Dissertation über den Tod geschrieben, antwortete Monteiro Rossi, dazu muß ich allerdings sagen, daß sie nicht zur Gänze auf meinem Mist gewachsen ist, den Ausschnitt, den die Zeitung veröffentlicht hat, habe ich abgeschrieben, ich gestehe es Ihnen, teilweise von Feuerbach und teilweise von einem französischen Spiritualisten, nicht einmal mein Professor hat es gemerkt, wissen Sie, die Professoren sind gar nicht so gebildet, wie man glaubt. Pereira erklärt, er habe hin und her überlegt, bis er die Frage stellte, die er den ganzen Abend hatte stellen wollen, aber schließlich entschloß er sich, und davor bestellte er bei dem jungen Kellner im grünen Hemd, der sie bediente, etwas zu trinken. Entschuldigen Sie, sagte er zu Monteiro Rossi, aber ich trinke keinen Alkohol, ich trinke nur Limonade, ich nehme eine Limonade. Und während er seine Limonade schlürfte, fragte er leise, als ob ihn jemand hören und zensieren könnte: Aber Sie, entschuldigen Sie, aber ich möchte Sie das fragen, Sie interessieren sich für den Tod?

Monteiro Rossi lächelte über das ganze Gesicht, und das brachte ihn in Verlegenheit, erklärt Pereira. Aber was sagen Sie da, Doktor Pereira, rief Monteiro Rossi laut aus, mich interessiert das Leben. Und dann fuhr er leiser fort: Hören Sie, Doktor Pereira, den Tod habe ich satt, vor zwei Jahren starb meine Mutter, die Portugiesin war und an einer Volksschule unterrichtet hat, sie ist von einem Tag auf den anderen gestorben, an einem Aneurysma im Hirn, ein kompliziertes Wort, um auszudrücken, daß eine Ader platzt, mit einem Wort, ganz plötzlich, voriges Jahr starb mein Vater, der Italiener war und als Schiffsingenieur in den Hafendocks von Lissabon gearbeitet hat, er hat mir etwas hinterlassen, aber dieses Etwas ist bereits aufgebraucht, ich habe noch eine Großmutter, die in Italien lebt, aber ich habe sie nicht mehr gesehen, seit ich zwölf war, und ich habe keine Lust, nach Italien zu fahren, mir scheint, die Situation dort ist noch schlimmer als bei uns, ich habe den Tod satt, Doktor Pereira, entschuldigen Sie, wenn ich ehrlich zu Ihnen bin, aber wozu auch diese Fage?

Pereira...


Tabucchi, Antonio
Antonio Tabucchi (1943-2012), eine der bedeutendsten Stimmen der europäischen Literatur, war Autor von Romanen, Kurzgeschichten, Essays und Bühnenstücken und Herausgeber der italienischen Ausgabe der Werke Fernando Pessoas. Er lehrte Portugiesische Sprache und Literatur und schrieb für zahlreiche italienische und ausländische Zeitungen. Sein Werk wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, darunter der Premio Campiello, der Prix Médicis Etranger, der Prix Européen de Littérature und der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur. Bei Hanser erschienen u.a. Lissabonner Requiem (2002), Es wird immer später (Roman in Briefform, 2002), Tristano stirbt (Roman, 2005), Die Zeit altert schnell (Erzählungen, 2010), Die Autobiographien der anderen (Über die Bücher und das Leben, Edition Akzente 2013), Für Isabel (Ein Mandala, 2014) und Reisen und andere Reisen (2016).

Antonio Tabucchi, 1943 in Pisa geboren, lehrte portugiesische Sprache und Literatur an der Universität in Genua. Er ist Herausgeber der italienischen Ausgabe der Werke von Fernando Pessoa. Ausgezeichnet mit den wichtigsten italienischen Literaturpreisen, gilt er als einer der interessantesten und bedeutendsten Schriftsteller der jüngeren Generation.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.