Tampke | Skin - Das Lied der Kendra | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 480 Seiten

Tampke Skin - Das Lied der Kendra

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-17005-9
Verlag: Penhaligon
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Roman

E-Book, Deutsch, 480 Seiten

ISBN: 978-3-641-17005-9
Verlag: Penhaligon
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Niemand weiß, woher sie kommt. Niemand weiß, zu wem sie gehört. Und doch ist sie ihrer aller Rettung.
Eine Tierhaut zu tragen bedeutet für den Stamm der Caer Cad alles: Sie steht für den Glauben der Menschen, für ihre Vorfahren, für ihr Land. Nur die vierzehnjährige Waise Ailia hat niemanden, der ihr eine Haut hätte vererben können, und ist damit eine Außenseiterin - bis sie durch eine geheimnisvolle Begegnung auf den Weg geführt wird, der ihr seit jeher vorherbestimmt ist. Sie soll zur Kendra werden, zur größten Wissenshüterin des alten Glaubens. Für Ailia beginnt eine Reise in eine ihr unbekannte Welt, wo sie nicht nur ihrer großen Liebe begegnet, sondern ihr Land auch vor einer großen Gefahr retten muss ...


llka Tampke wurde 1969 in Sydney geboren. Sie studierte Theaterwissenschaften und begann im Anschluss ein weiterführendes Studium in Kreativem Schreiben. 2012 wurde sie mit der Glenfern Fellowship ausgezeichnet. Ihre Kurzgeschichten und Artikel sind in mehreren Anthologien veröffentlicht worden. Sie lebt in Woodend, Australien.

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Weitere Infos & Material


1 Die große Flut Die Welt wurde aus einer großen Flut geboren. Diese Wasser waren Wahrheit und überschwemmten alles. Manche sahen das Herannahen des Stroms und waren klug genug, sich in Lachse zu verwandeln. Auf diese Art retteten sie ihr Leben. Das waren die Weisen. Südwest-Britannien, 28 n. Chr. Ich war noch keinen Tag alt, als Kochmutter mich auf der Schwelle zur Küche der Stammeskönigin fand. Sie war gerade auf dem Weg in unseren Kräutergarten, denn sie hatte beim Abschmecken des Schweinefleischeintopfs Rosmarin vermisst. Fast wäre sie mit ihrer Ledersandale auf mich getreten, bevor sie mich dort in Windeln liegen sah. Ich kannte die Geschichte gut. »Oh Mütter der Erde!« Sie trug mich hinein, legte mich auf den Tisch und schälte mich aus meinen vom Frost weißen Tüchern. Ich war ein Mädchen. Mit Sicherheit missgebildet, denn warum hätte man mich wohl sonst ausgesetzt, damit sich die Diener der Stammeskönigin um mich kümmerten? Kochmutter strich mir mit ihren schwieligen Fingern über den runzligen Rücken, die zappelnden Ärmchen und Beinchen und den geschwollenen Bauch. Meine Nabelschnur war durchgerissen worden, das zurückgebliebene Ende war noch wund und blutverkrustet, und meine Augen waren vor Durst tief in die Höhlen eingesunken. Aber sonst war kein Makel an mir zu finden. Ich war wohlgestaltet. Dann also eine arme oder entehrte Mutter? Aber Kochmutter konnte sich nicht erinnern, dass irgendeine Frau aus der Randsiedlung ein Kind erwartet hatte. Ich weinte, als ich sie roch. Ich hatte noch nie die Berührung einer Mutter gespürt oder ihre Milch gekostet. Sie öffnete ihr Oberteil, ihren Léine, um mich an ihre von Adern durchzogene Brust zu legen, die für das neue Kind des zweiten Kriegers noch prallvoll mit Milch war. Ich saugte gierig. Als sie meinen Mund wegreißen musste, um sich um den brodelnden Kochkessel zu kümmern, legte sie mich auf ein Ziegenfell vor dem Feuer. Dort hatte Dachsin, die alte, schwarz-weiß gefleckte Hündin vor den Mäulern ihrer eigenen hungrigen Welpen, die draußen geblieben waren, Zuflucht gesucht. Als ich laut plärrte – ich war, nach zwei Stunden mitten im Winter auf einer steinernen Türschwelle, so gründlich durchgefroren, dass ich die Berührung eines anderen Lebewesens brauchte, außerdem hatte ich noch nicht genug getrunken – legte Kochmutter mich an Dachsins schlaffen Bauch, und mit meinem Mund fand ich mühelos eine Zitze. Dachsin hob den Kopf und beschnüffelte mich neugierig, zu erschöpft von sieben Würfen dicht nacheinander, um mich mit der Schnauze wegzustupsen. In den darauffolgenden Monaten wurde ich oft auf diese Weise gestillt. Kochmutter sagte, ich sei zur Hälfte mit Hundemilch großgezogen worden. Sie fragte sich, ob das wohl zum Teil erklärte, wie ich wurde. Vielleicht, weil ich wohlgestaltet war, oder auch, weil nach der letzten Ernte alle gute Laune hatten, blieb ich in der Küche und bei Kochmutter. Sie hatte sich schon um viele ausgesetzte Babys gekümmert und sie dann an Familien von Kriegern weitergegeben, oder, wenn sie zu schwach waren, an die Bauleute, denn eine Kinderseele im Fundament versprach großartigen Schutz für ein neues Haus. Doch ich lag in einer mit Lammfell gepolsterten Zunderkiste, während Kochmutter das Korn mahlte, das Fleisch trocknete und die Küche der Stammeskönigin führte. Sie war von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang beschäftigt, und mein Plärren wurde oft mit einem scharfen Wort und einem in Schweinefett oder gesalzene Butter getauchten Finger gestillt. Doch am Ende jeden Tages durfte ich mich zwischen den Fellen ihres eigenen Lagers in den Schlaf nuckeln, und das Gemurmel ihrer Träume war mein Gutenachtlied. Ihr Zorn konnte jäh aufflammen, und oft brannte meine Wange von ihrer Hand, aber als ich mir im Alter von zwei Sommern die Handgelenke am Rand des Kochkessels verbrannte, da war sie es, die mir einen frischen Breiumschlag machte, während ich mich schreiend wand. Und als der Schmerz nachts unerträglich wurde, da hielt sie mich in ihren Armen. Und als dann die Stammeskönigin Mädchen von wachem Verstand suchte, um sie als Dienerinnen zu einem der östlichen Stammeskönige zu schicken, sperrte sie mich in eine Holztruhe ein, sagte mir, ich solle mich still verhalten, und erzählte dem Boten, ich würde derzeit immer wieder in der Randsiedlung umherwandern, und niemand könne wissen, was ich mir da für Krankheiten einfinge. Kochmutter war rund und warm wie eine frisch gefüllte Wurst. Obwohl sie eher anzusehen war, als blicke man auf eine hässliche Kröte, mit ihrem zahnlosen Lachen und der Haut, die mit den Pickeln an Haferbrei erinnerte. Ihre Beine (die ich sah, wenn ich mich vor einem polternden Bauern oder einem frei umherlaufenden Stier unter ihren Röcken versteckte), waren von einem so knorrigen Geflecht überzogen, dass ich in der Unschuld meiner frühesten Kindheit glaubte, sie sei mit den Bäumen verwandt. Das war, bevor ich etwas über die Vorgänge im Körper lernte und erfuhr, dass diese dunklen, verästelten Wurzelstränge die Wege des Blutes waren. Das Stammesland, in dem ich aufwuchs, war Durotriga in Südbritannien. Durotriga war in viele Regionen unterteilt, und unsere hieß Sommer – eine Auenlandschaft, die ihren Namen von dem üppigen Ertrag an Gerste, Hafer und Weizen hatte, in der das Gras so dicht wie ein Tierpelz wuchs und die von Flüssen durchzogen war. Die Stadt, in der ich aufwuchs – auf der Hochebene des Cad-Berges gelegen – hieß Caer Cad. Sie war eine der größten Bergsiedlungen Durotrigas. Die Wälle und tiefen Gräben, die sie umschlossen, wurden allmählich baufällig, denn dieser Stamm lebte schon seit vielen Jahren im Frieden. Die einzigen Fremden, die nun durch die Tore kamen, waren die Händler aus den Ostländern. Sie lachten über unsere Rundhäuser aus Lehmflechtwerk, die alle gleich aussahen und deren Eingänge nach der aufgehenden Mittwintersonne hin ausgerichtet waren, nannten sie Ameisenhaufen und hielten uns für einfältig. Aber unsere Gereisten stellten ihre Fähigkeiten nicht mit mächtigen Bauwerken zur Schau. Ihre Größe zeigte sich anders. Ich war ein wissbegieriges Kind mit wachem Blick. Am besten gefiel es mir, das Leben an seinem Ursprung zu beobachten: Dachsin und den endlosen Strom von Welpen, die aus ihren schlaffen Bauchfalten purzelten, die Eiskristalle im winterlichen Fluss und die Schwärme junger Fische, die ihn im Frühling füllten. Angst machte es mir, allein zu sein. Fünf Menschen lebten in unserem Haus. Von meinen drei Küchenschwestern war Bebin mir die liebste. Sie war ausgeglichen und verscheuchte mich nie, wenn ich ihr zum Markt oder zum Schlafhaus der Stammeskönigin folgte. Weniger gern mochte ich Cah, die scharfzüngig und so launisch wie der Westwind war. Ianna war unsere Spinnerin, für etwas anderes fehlte ihr das Geschick. Wir schliefen in der Küche Seite an Seite, dicht beim knisternden Herd. Manchmal schlief eines der Mädchen im Stall, wenn die Nacht warm war oder der Gestank der aneinandergedrängten Leiber zu groß wurde. Aber ich wollte nie allein schlafen. Ich brauchte den Trost des Feuers und die Nähe der anderen. Trotz meiner Ängste blieb mir Kochmutters raue Fürsorge erhalten. Sie sagte mir immer, Angst lasse sich mit Neugier bekämpfen. Trage deine Fragen wie eine Fackel vor dir her. Wenn wir abends unseren Haferbrei gegessen hatten, hörte ich am liebsten Geschichten von den Haut-Totems. »Erzähl mir vom Reh!«, bat ich Kochmutter und rollte mich auf ihrem mächtigen Schoß zusammen. »Anmutig. Sanft. Die Rehe sind eine Sippe der Wälder und brauchen zum Leben Stille.« »Und der Lachs?«, bedrängte ich sie weiter. »Ah, die Königin aller Häute«, erklärte sie, denn sie selbst war lachshäutig. »Hüter der Weisheit. Wir bewahren die Vergangenheit und die Sehnsucht nach der Heimat.« »Und was ist mit meinem?«, fragte ich immer und schlang ihr die Ärmchen um den Hals. Sie erzählte mir dann jedes Mal, dass ich zu keinem Totem gehörte. Dass ich nichts und niemandem angehörte außer ihr. Obgleich sie beinahe jedes Kind der Krieger gestillt hatte, gab es keinen jungen Menschen, der sie jemals Mutter genannt hatte. Ich war diejenige, so flüsterte sie mir jeden Abend ins Ohr, die wirklich zu ihr gehörte. Sie nannte mich Ailia, das bedeutet Licht. Ich war sieben Sommer alt, als mein Leben zum zweiten Mal verschont wurde. Es war Wintersonnwende. Die Zeit der Versammlung. Wie jedes siebte Jahr war das Volk Durotrigas zusammengekommen, um die Gemeinschaft unseres Stammes neu zu festigen. Sechs Nächte lang hatten wir in unseren Gesängen unsere Stammesgebiete miteinander verwoben und unsere Tierverwandten beschworen. Wir hatten zusammen gegessen und getrunken. Jetzt war der siebte Tag gekommen, an dem wir die Gabe darbringen würden, die unsere Dankbarkeit gegenüber unserem Land und seinen Müttern am besten ausdrückte, die Gabe, die unsere Stammesbande bis zu unserem nächsten Treffen festigen würde. Ich hoffte bei den Müttern, dass es nicht mich treffen würde. Es war kurz vor Tagesanbruch und bitterkalt, als wir uns in einem Kreis von Feuern zu Hunderten um einen hohen Erdhügel herum versammelten. Der Cad-Berg lag südlich von uns. Wir befanden uns jetzt im Land der Mütter, auf dem heiligsten Grund von ganz Sommer. Ihn tränkte unser Fluss Nain und hielt die Mütter in unserer Nähe. Viele waren tagelang gereist, um hierherzukommen. Wir dagegen mussten nur durch das nördliche Stadttor gehen, dann waren wir da. Das Gelände war von Bäumen und...



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