E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Tannert Ausgeliefert - Roman der numerischen Welt
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86913-581-6
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-86913-581-6
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elmar Tannert, 1964 in München geboren, absolvierte ein Studium der Musikwissenschaft und Romanistik. Seit 2003 arbeitet er als freier Schriftsteller sowie u. a. beim Bayerischen Rundfunk. Bei ars vivendi erschienen von ihm Der Stadtvermesser (1998), Keine Nacht, kein Ort (2002), Ausgeliefert (2005) und die gemeinsam mit Petra Nacke verfassten Romane Rache, Engel! (2008), Blaulicht (2010) sowie Der Mittagsmörder (2012). Er erhielt 1999 einen Literaturförderpreis des Freistaats Bayern und den Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg sowie 2001 den Kulturförderpreis des Bezirks Mittelfranken.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Wer wird Millionär
Die Frau des Fürsten von Großreuth und Gaismannshof sagt vor Gericht aus, daß sie in jenem Moment, in dem ihr Mann vor dem Fernseher sagte, eben falle ihm ein, er habe die Moritz von der Wallensteinstraße 101 versehentlich unbekannt verzogen geschrieben, vor sich sah, wie sie mit ihm seine Ruhestandsjahre verbringen würde: »Er wird«, sagt sie, »als gewesener Fürst schon vor dem Frühstück den blauen Arbeitsmantel anziehen, den er täglich beim Sortieren und Einladen der Post getragen hat, und wird sich nach dem Frühstück eine Virginier anzünden.« Sie wird am unabgeräumten Frühstückstisch nicht nur das städtische Telefonbuch, sondern auch die Telefonbücher der Stadtperipherie zur Hand nehmen müssen, denn bevor ihr Mann Fürst von Großreuth und Gaismannshof wurde, sei er nicht nur Stellvertreter der Fürsten von Gostenhof, Sündersbühl und Leyh gewesen, sondern auch der Fürsten von Feucht, Burgthann und Schwarzenbruck. Sie wird Familiennamen nennen müssen, und ihr Mann, der gewesene Fürst, wird zu jedem Namen die Adresse nennen, gegebenenfalls nach dem Vornamen fragen. Er wird sagen: zu Schliep oder Vitzthum, Schilfarth oder Abraham fielen ihm Dutzende von Adressen ein, denn dort heiße jeder zweite Schliep, jeder dritte Vitzthum und von denen, die übrigblieben, jeder zweite entweder Schilfarth oder Abraham. Er wird über Namen dozieren, er wird sagen: »Ellenschläger, Trumheller, Geiger, Staufert sind immer Rußlanddeutsche«; und an den Abenden, während Quizkandidaten im Fernsehen mit der Frage ringen werden, ob der Fuchs, der Wolf oder der Bär die Gans gestohlen hat, wird der gewesene Fürst darüber räsonieren, was für Schreibfehler auf Adreßaufklebern ihm im Laufe der Zeit untergekommen sind. Er wird sagen: Tag für Tag hat er an Elserbrennt-Strömstraße für Elsa-Brändström-Straße, an Witsch-Emil-Ludwig-Straße für Witschelstraße, an Guntikastraße für Gundekarstraße abgelesen, daß immer mehr Menschen die Welt schief im Kopf haben, als ob er selbst nicht auch die Welt schief im Kopf hätte, so schief, daß er den Choke am Automobil Joker nennt, und er wird bedauern, daß in keiner Fernsehsendung ein Fürst über sein Fürstentum befragt wird, über Namen auf Klingeltafeln und Briefkastenreihen von links oben bis rechts unten; er würde sofort die Gelegenheit nutzen, wenigstens nach seinem Dasein als Fürst zum Millionär zu werden.
In jenem Augenblick abends vor dem Fernseher, in dem ihr vom Fürstentum verfolgter Mann sagte, er habe die Moritz von der Wallensteinstraße 101 irrtümlich unbekannt verzogen geschrieben, hat die Frau des Fürsten von Großreuth und Gaismannshof beschlossen, Recherchen anzustellen über die fürstlichen Gründer der Post. Es hat sich herausgestellt, sagt sie vor Gericht, daß die Post von Debilen, von Schwachsinnigen, mithin Unzurechnungsfähigen einerseits, von europaweit verschwägerten und verschwisterten Verschwörern andererseits gegründet wurde; daß von den sogenannten Fürsten in Wahrheit die wenigsten wirkliche Fürsten waren, da die meisten Fürstensöhne der Liaison einer Fürstin mit einem Reitknecht oder einem Stallburschen entsprungen waren, woher ihr Schwachsinn und Irrsinn rührt, der jeden, der im Dienst der fürstlichen Familie steht, infiziert. Die schlimmsten Schäden sind nicht die Bandscheibenschäden, die einem bleiben, wenn man den Bestellerinnen vierzig Jahre lang Hantelscheiben und Lattenroste, Veloursteppiche und Schubkastenkommoden in den dritten oder vierten Stock getragen hat, sondern die Gehirnschäden vom Leben in der haus- und bestellnumerierten Welt.
Der Fürst von Schwarzenbruck sagte in der Gerichtsverhandlung über das umadressierte Paket, er habe der Weisert von der St.-Gundekar-Straße 12 den letzten Wunsch erfüllen wollen.
Sie wird sich verbrennen lassen, hat die schielende, bucklige Weisert, der man ansehen konnte, daß sie einmal ein hübsches Mädchen, eine hübsche junge Frau gewesen sein mußte, zu ihrem Fürsten gesagt, kurz bevor sie sich zu Tode bestellte, und hat ihn gebeten: »Wenn das Urnenpaket mit meiner Asche vom Städtischen Krematorium kommt, so schicken Sie es nach Venlo, überkleben Sie die Adresse Gemeindefriedhof Schwarzenbruck und adressieren Sie das Paket nach Venlo.« Dann wollte sie dem Fürsten ihren Kellerschlüssel aushändigen: »Räumen Sie mein Kellerabteil leer, Durchlaucht, laden Sie alle Pakete in Ihren Postwagen, bringen Sie alles nach Venlo zurück, lassen Sie die Pakete in Geld zurückverwandeln, das Geld soll Ihnen gehören.«
Noch keinen Wunsch hat er lieber erfüllt als den, dem niederländischen Millionär die Asche eines seiner Opfer zu senden; doch den anderen Wunsch, sagte der Fürst von Schwarzenbruck, habe er ihr nicht erfüllen können. Wissen Sie nicht, habe er damals zur Weisert gesagt, daß für die Fürsten die Welt dort aufhört, wo es keine Adressen mehr gibt? Kein Mensch weiß, was geschieht, wenn man mit dem Postwagen die adressierte Welt verläßt; kein Fürst hat es jemals versucht. Das Spiel, in dem es nichts Namenloses gibt, ist Welt geworden, und das Namenlose wurde aus der Welt verbannt.
Die Weisert hat sich aus der örtlichen Bibliothek immer wieder dieselben beiden Niederlande-Reiseführer ausgeliehen; in jedem von ihnen war eine Ansicht von Venlo. »Ist Venlo nicht eine schöne Stadt, Durchlaucht? Eine Stadt, in die man gerne reisen würde? Würden Sie nicht gern eine Reise nach Venlo unternehmen, Fürst?«
Der Fürst hatte zugeben müssen, daß man tatsächlich Lust bekommen konnte, nach Venlo zu reisen, wenn man die Bilder in den Reiseführern ansah, Venlo sieht sympathisch aus, anheimelnd, gar nicht nach einer todbringenden Stadt und vor allem ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Als Fürst stellt man sich unter Venlo einen Gewerbepark vor, eine Ansammlung von Lagerhallen und Bürotrakten; nur der Fürst von Gostenhof denkt, wenn er das Wort Venlo von einem Paket abliest, an blonde holländische Mädchen, die rund um die Uhr damit beschäftigt sind, Daten aus deutschen Telefonbüchern in Adreßaufkleber auf Paketen zu verwandeln.
Der Fürst von St. Leonhard und Schweinau behauptet, er habe alle Vorstellungen, bis auf die Vorstellung von Venlo, aus seinem Kopf ausradiert. Bevor er Fürst von St. Leonhard und Schweinau wurde, hat er oft genug am frühen Morgen die Frachthalle betreten mit der Vorstellung, durch das Fürstentum Leyh zu fahren, hat den Wagen schon aufgesperrt und mit dem Sortieren und Einladen der Post begonnen, als der Dienstregler kam und ihm sagte, er solle nicht in das Fürstentum Leyh, sondern Feucht, nicht in das Fürstentum Großreuth, sondern Höfen fahren, und er mußte vom einen Augenblick auf den anderen das eine Fürstentum im Kopf gegen das andere austauschen, den Obst- und Gemüsegroßmarkt, die Gebrauchtwagenhändler und die geduckte Siedlung zwischen der Leyher Straße und der Stadtautobahn gegen das ehemalige Munitionsfabrikgelände und die verschlafene Siedlung Moosbach, die Nachkriegssiedlung an der Marconistraße und die Hochhäuser an der Elsa-Brändström-Straße gegen das Gewerbegebiet Höfen, was vor allem dann bitter war, wenn der Vorabend ein Freitagabend war, den man mit dem Fürsten von Feucht verbracht hatte, wenn man sich beim Sirtakitanzen und Ouzotrinken gesagt hatte: am nächsten Tag ist man ja nur in Gebersdorf oder Höfen unterwegs, Fürstentümer, die aus mehr Gewerbe- als Privatstraßen bestehen, in denen also der größte Teil der Samstagspost bis Montag liegenbleibt und das Sortieren, Einladen und Zustellen der Post bis halb elf erledigt sein kann; und wenn, während man sich am frühen Samstagmorgen halbtot an den Paketen festhält, der Dienstregler kommt und sagt, man habe nach Wendelstein oder Reichelsdorf zu fahren, Fürstentümer ohne jeden Gewerbeanteil, in denen der samstägliche Weg des Fürsten nicht vormittags um halb elf, sondern nachmittags um halb drei zu Ende ist.
Man muß sich als Fürst von allen Vorstellungen lösen, sagte der Fürst von St. Leonhard und Schweinau, sonst vorstellt man sich zu Tode, was schlimmer ist, als sich zu Tode zu bestellen, und vor allem darf man sich nicht das Leben vom Blacha, vom Vasall, vom Wollenschläger vorstellen. Die meisten aber, die kommen, um ein Fürst zu werden, kommen mit Vorstellungen vom Leben der Fürsten, die sich sämtlich als falsche Vorstellungen erweisen. Sie haben sich das Fahren des Postwagens vorgestellt, aber nicht die Wohnung von der Papst in der Marconistraße 6 mit den herabhängenden Tapeten, nicht die Wohnung von der Hoffend im Feigenweg 10 mit dem durchlöcherten Fußbodenbelag, nicht die Wohnung vom Grischa in der Drosselstraße 16 mit der bis auf einen Herd, in den die Essensreste von Jahren eingebrannt sind, völlig unmöblierten Küche; nicht die steilen Treppenstufen zur Kroker in der Schwabacher Straße 66a und nicht den Geruch, der einem aus der Wohnung von der Heilberger in der Albertstraße 5 entgegenschlägt. Sie haben sich nicht vorgestellt, der Pindl von der Schweinauer Hauptstraße 142 zwei Matratzen mitsamt Lattenrosten in den vierten Stock zu tragen und drei Tage später wieder abzuholen, weil sie falsch gemessen hat, der Kellerer von der Rosenstraße 12 jeden Tag ein Yves-Rocher-Paket in den vierten Stock zu tragen, täglich die neuen Nachsendemerkkarten in die Kartei einzusortieren, einmal im Monat die abgelaufenen Karten auszusortieren und dabei darüber nachzudenken, wer man alles nicht sein möchte, wo überall man nicht gewohnt haben und wo überall man nicht hinziehen möchte; und am allerwenigsten haben sie sich vorgestellt, daß das Sortieren und Einladen und Zustellen der Post eine Kunst ist. Es ist eine Kunst, zur richtigen...




