E-Book, Deutsch, Band 2, 511 Seiten
Reihe: Earthborn-Chroniken
Tassi Earthborn: Der ewige Krieg
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-3028-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 511 Seiten
Reihe: Earthborn-Chroniken
ISBN: 978-3-7325-3028-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lucas und Asha haben die nahezu vollständige Auslöschung der Menschheit durch die Alien-Invasoren, die Xalaner, überlebt. Sie haben die Erde verlassen und Zuflucht bei den Soranern gesucht, die einen ewig scheinenden Krieg gegen die Xalaner führen.
Lucas und Asha werden die Erdgeborenen - 'Earthborn' - genannt und wie Helden, ja fast wie Götter, willkommen geheißen. Vor Millionen Zuschauern legen sie einen Eid ab: Rache für die Zerstörung der Erde zu nehmen und an der Seite der Soraner in den Krieg zu ziehen ...
Nach Jahren des Konsums von SF beschloss Paul Tassi, seine eigenen Geschichten zu verfassen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er sich noch nicht vorstellen, jemals ein Buch fertig zu bekommen, geschweige denn einen Verlag dafür zu finden. Inzwischen will er nie wieder mit dem Schreiben aufhören. Er ist zudem als Journalist für Forbes und andere Magazine tätig und lebt mit seiner Frau in New York City.
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1
Der Krieg war nicht vorbei. Noch nicht.
Lucas zitterte. Er konnte es nicht verhindern. Er hatte sich in den zurückliegenden Jahren mit einem Gefecht nach dem anderen konfrontiert gesehen, aber etwas wie das hier war noch nie dabei gewesen. Nichts hatte ihn auf eine solche Szene vorbereitet.
Vor wie vielen dort draußen sollten sie gleich sprechen? Eine Million? Zwei? Und die schwebenden Linsen ringsherum sendeten alles an einhundert Milliarden weitere.
Er saß auf einer gewaltigen Bühne am Ende einer langen Promenade. Man hatte ihm erzählt, dass hier in alter Zeit Könige gekrönt worden waren – damals, als die Monarchie als Herrschaftsform noch akzeptiert wurde. Einige wenige Dutzend Kolossalstatuen von Kriegern aus jener Zeit, so hoch wie Bäume, erstreckten sich etliche Meilen weit vor ihm. In der Ferne ragten die glänzenden, gigantischen Bauten auf, die das Zentrum der weitläufigen Stadt Elyria bildeten, der bei Weitem größten Stadt des Planeten. Es herrschte mildes Wetter, das sich wie ein Juni in Portland anfühlte; natürlich vor dem Ende der Welt.
Man hatte ihnen gesagt, dass es hier immer so war, einer der vielen Gründe, warum man Elyria als Hauptstadt des Planeten gewählt hatte. Weiße Wolken trieben in großer Höhe über den Himmel, aber die Sonne leuchtete hell und war fast doppelt so groß wie ihr Gegenstück über der Erde. Zum Glück war es nur halb so heiß. Es war Nachmittag, aber man sah nach wie vor die Sicheln zweier Monde am Himmel. Die drei übrigen Monde waren schon lange untergegangen.
Lucas blickte zu Boden, wo man ein archaisches Kopfsteinpflaster mit großer Sorgfalt restauriert und für genau diesen Anlass neu verlegt hatte. Seine schwarzen Schuhe wiesen keine Schnürsenkel auf, die dunkle Hose und die Jacke mit dem hohen Kragen keine Knöpfe. Er kratzte sich den Nacken, der Stunden nach einem Haarschnitt immer noch juckte. Seine ursprünglich kurz geschnittenen Haare waren gewachsen, und ein Team von Stylisten hatte eine Ewigkeit lang dafür gebraucht, bis jedes einzelne sandbraune Haar perfekt lag. Und das, nachdem er einen halben Tag in der Ankleide verbracht hatte, wo das Outfit zusammengestellt wurde, in dem man ihn der Welt vorstellen wollte.
Neben ihm saß Asha, die doppelt so viel Zeit mit ihren Ausstattern verbracht hatte, obwohl sie das gar nicht nötig hatte. Die dunklen Haare waren zu einer Reihe kunstvoller Zöpfe geflochten, ineinander verwoben wie kämpfende Schlangen. Dunkles braun-goldenes Make-up brachte den Glanz ihrer grünen Augen noch deutlicher zur Geltung als jemals zuvor. Sie sah für Lucas hinreißender aus denn je, was jedoch nicht allzu viel hieß, wenn man bedachte, dass sie den größten Teil der Zeit, die er sie kannte, mit Blut und Dreck bedeckt gewesen war. Sie trug ein durchgängig weißes Ensemble als Kontrast zu seinem dunklen Anzug. Das Kleid umschlang sie wie ein Puzzle aus Stoff, und man konnte nur schwer durchschauen, wie es genäht war. Als sie bemerkte, wie sein Bein zappelte, legte sie ihm eine Hand aufs Knie, um ihn zu beruhigen. Er fing ihren Blick auf, und sie lächelte.
Hinter ihnen stand Alpha und zog unbehagliche Blicke der Pressevertreter in den ersten paar Reihen auf sich, wie sicher auch von Milliarden weiterer Leute überall auf dem Planeten. Er hatte jeden Versuch abgelehnt, ihn in maßgeschneiderte Sachen zu stecken; solche Körperbedeckungen galten in der xalanischen Kultur als albern, abgesehen von Gefechtspanzerungen. Und ihm eine solche anzupassen, hätte auf jeden Fall die falsche Botschaft übermittelt. Die Stylisten hatten sich also damit begnügen müssen, seine natürlichen grauen Panzerplatten so gut wie möglich zu polieren, ehe er sie mit gereiztem Knurren verscheuchte.
Rechts von Lucas saß Admiral Tannon Vale, der Soldat mit dem stählernen Blick, der sie eingefangen hatte, als sie in diesem Sonnensystem aufgetaucht waren. In der Zwischenzeit hatte er sich einen hellen silbernen Bart stehen lassen und trug auf der Brust ein paar neue Auszeichnungen, die er seit ihrer ersten Begegnung erworben hatte. Ein Dutzend weitere Plätze ringsherum waren von militärischen und politischen Würdenträgern besetzt. Lucas hatte gehört, dass sich viele von ihnen seit Monaten um einen Platz auf der Bühne beworben und dabei alle möglichen Zahlungen und Vergünstigungen versprochen hatten, um an vorderster Front am bedeutsamsten Weltereignis ihrer Lebenszeit teilzunehmen.
Hochkanzlerin Talis Vale, die Herrscherin des ganzen Planeten Sora, saß neben ihrem jüngeren Bruder. Sie erhob sich, sobald ihr Staatssekretär damit fertig geworden war, sie den Massen vorzustellen. Ihre blauen Augen funkelten, als sie über Lucas glitten, und sie fasste unterwegs zum Rednerpult kurz an seine und Ashas Schulter. Sie trug ein fließendes Kleid von blasser Smaragdfarbe, das hinter ihr im Wind flatterte, als sie das Zentrum der Bühne erreichte. Stille breitete sich wie eine Meereswoge in der Menge aus, und selbst jene, die meilenweit entfernt waren, wurden tödlich still und schauten zu, wie ihre Anführerin in schwebende Mikrofone sprach.
»Grüße, Volk von Sora«, leitete sie ihre Worte ein. »Der heutige Tag markiert einen Wendepunkt nicht nur im Großen Krieg, sondern in der gesamten Geschichte unserer Zivilisation. Heute erfahren wir, dass wir nicht allein sind in diesem Kampf oder in diesem Universum. Heute werden wir Zeugen des Beginns einer neuen Epoche.«
Sechs Monate. So lange lag die schicksalhafte Schlacht an Bord der Arche zurück. Nun ja, sechs soranische Monate, von denen jeder zwanzig Tage von je siebenunddreißig Stunden Dauer umfasste.
Ungeachtet der ersten Feststellungen von Tannon Vales Wissenschaftlerteam hatte es außergewöhnlich lange gedauert, bis man den Reisenden ihre unmögliche Story abnahm; ein toter Planet, eine ausgestorbene Lebensform und eine Reise von Billionen Meilen wirkten einfach zu weit hergeholt, egal was die anfänglichen Daten aussagen mochten. Am weitesten verbreitet war die Theorie, dass sie eine Art xalanisches Wissenschaftsprojekt darstellten – ein verdecktes Experiment, der Versuch, die ursprünglichen Vorfahren der Kreaturen wiederherzustellen, nämlich die Soraner. Lucas, Asha und Noah wurden jeder auf Monate hinaus in Isolation gehalten und endlosen Tests ihrer Physiologie unterzogen. Man entnahm ihnen Rückenmarksflüssigkeit, Gehirnzellen, Muskelgewebe und alle möglichen anderen Teile, um ihre Behauptungen zu überprüfen. Zum Glück war das ein schmerzloser Vorgang, aber Lucas fürchtete um die Verfassung seiner Reisegefährten, da er für eine Zeitspanne, die ihm wie eine Ewigkeit erschien, keinerlei Informationen über sie erhielt und auch keinen Kontakt mit ihnen aufnehmen durfte.
Man fragte sie nach der Erde, und Lucas sah sich gezwungen, ein so klares Bild vom Planeten und seiner Geschichte zu zeichnen, wie er es aus dem Gedächtnis nur hinbekam. Seine anschauliche Schilderung der xalanischen Invasion passte zur eigenen Kriegsgeschichte der Soraner, aber erst, als die genetischen Testergebnisse zwanzigfach verifiziert waren, wurde ihm allmählich Glauben geschenkt. Alpha lieferte den Soranern die exakten Koordinaten der Erde, und so konnten ihre Wissenschaftler mit Hilfe der eigenen astronomischen Technologie einen Eindruck von Lucas’ ehemaliger Welt erhaschen, wenn auch den einer viel brauneren und graueren Welt, als sie in den Unterlagen gespeichert war. Ihnen mangelte es an der Fähigkeit, dorthin zu reisen, da die einzigen weißen Nullkerne auf dem Planeten, die dieser Aufgabe gewachsen gewesen wären, nach wie vor fest in zwei immer noch gefährliche xalanische Schiffe eingebaut waren. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die beiden Menschen reichten jedoch, dass die Neuankömmlige entspannter behandelt wurden und Lucas im dritten Monat der Gefangenschaft zu erlauben, dass er seine Gefährten besuchte.
Als ersten seiner alten Mannschaftsgefährten sah er Alpha, den man seiner mechanischen Hand beraubt, aber den Translatorkragen gelassen hatte, um ihn befragen zu können. Er empfing Lucas herzlich und machte sich daran, in einem Tempo, dem Lucas nicht folgen konnte, von den drei zurückliegenden Monaten zu erzählen.
Als Nächstes besuchte Lucas Asha, die ihn heftig drückte, als sie ihn erblickte. Vertraute Gefühle meldeten sich zurück. Was sie zu erzählen hatte, sprach von einer nahezu identischen Behandlung durch die Soraner, die entschieden und erschöpfend war, aber ohne Grausamkeiten auskam. Sofort war jedoch zu sehen, dass sie nicht mehr schwanger war wie beim letzten Mal, als sie zusammen gewesen waren. Ehe Lucas den Mund zu einer Frage aufbekam, wurde eine neue Tür geöffnet.
Noah, den sie als Baby aus einem Kannibalenlager im ehemaligen Norwegen gerettet hatten, war für seinen Aufenthalt in der geheimen Einrichtung einem Betreuerteam zugewiesen worden. Lucas reagierte benommen auf den Anblick des Jungen, den eine Pflegerin an der Hand führte. Das inzwischen kräftig gewachsene Kind tapste auf ihn zu und schlang ihm die Ärmchen ums Knie, während im strahlenden Gesicht ein breites Lächeln prangte. Noah, der jetzt älter als ein Jahr war, hatte ohne Asha und Lucas in der Gefangenschaft laufen gelernt.
Später wurden sie alle zu einer weiteren Sicherheitszone im unterirdischen Komplex geführt. Als sich die Schiebetür öffnete und Lucas sah, was darin zu finden war, ging ihm das Herz auf. Asha erkannte die Freude und Erleichterung in seinem Gesicht und lächelte. In einem Tank vor ihnen schwebte ein kleines Kind. Na ja, die Gestalt eines Kindes. Es war ein drei Monate alter Fötus, der in künstlichem Fruchtwasser an Schläuchen und Kabeln hing. Das war sein Kind. Ihr gemeinsames Kind.
Natürliche Geburten...




