E-Book, Deutsch, 652 Seiten
Reihe: Lübbe
Tassi Earthborn: Die Söhne Soras
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-3941-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 652 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-3941-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Noah wurde einst als Waise von der sterbenden Erde gerettet. Heute ist der Planet Sora seine Heimat. Er gehört zu den letzten 38 Menschen, die dort auf ihren Einsatz im immerwährenden Krieg gegen die Xalaner vorbereitet werden. Doch dann rettet Noah eine jungen Novizin vor einem Attentat, und plötzlich befindet er sich auf einer Odyssee durch den Weltraum. Auf der Suche nach den Hintermännern des Anschlags stoßen er und seine Begleiter auf ein finsteres Geheimnis, das alles Leben auf Sora vom Angesicht des Planeten tilgen könnte.
Nach Jahren des Konsums von Science Fiction - in Form von Büchern, Filmen, Fernsehserien und Videospielen - entschied sich Paul Tassi, den Versuch zu wagen, seine eigenen Geschichten in diesem Genre zu Papier zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er sich noch nicht vorstellen, jemals ein Buch fertig zu bekommen, geschweige denn einen Verlag dafür zu finden. Aber jetzt, wo er erst einmal angefangen hat, will er nie wieder mit dem Schreiben aufhören. Zudem verfasst er Artikel für Forbes und andere Magazine. Er lebt mit seiner überaus verständnisvollen Frau in New York City.
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1
Der Krieg tobte weiter.
Noah war umzingelt. Er konnte die anderen im Nebel nicht sehen, wohl aber ihre Schritte auf dem uralten Gestein hören. Sie rannten um seine Stellung herum, um ihm in die Flanke zu fallen. Den Rest seines Teams gab es nicht mehr; er hatte ihre Schreie im Funk gehört, ehe die Signale ausfielen.
Er war der Letzte, und er hatte keine Chance, lebend zu entrinnen.
Er warf einen prüfenden Blick aufs Magazin und wusste, dass er dem Wachmann besser zugehört hätte, als dieser davon gesprochen hatte, wie wichtig es war, Munition zu sparen. Seine reichte jetzt nur noch für eine Handvoll Schüsse. Zu viele hatte er auf einen Scharfschützen weit außerhalb seiner Reichweite vergeudet, einen Feind zudem, vor dem er letztlich doch hatte fliehen müssen, damit dieser ihm nicht den Kopf herunterpustete.
Es war heiß in der Panzerung, und der Helm schnürte ihm schier die Luft ab. Er wagte jedoch nicht, ihn abzusetzen, denn die Daten der Blickfeldanzeige hatten sich als unverzichtbar erwiesen. Das Display zeigte ihm die ungefähren Positionen der Gestalten im Wald, denn es verfolgte ihre Schritte auf dem Waldboden sowie die Wärmesignaturen. Und der Gegner benutzte die gleiche Technik, um ihn zu sehen. Sein Team hätte besser vorbereitet sein müssen. Es hätte sich einfach nicht auf diese Art und Weise ausschalten lassen dürfen.
Die umgestürzte Steinsäule, hinter der er sich versteckte, fühlte sich allmählich nach Grabstein an. Noah musste sich in den Tempel zurückziehen, wenn er irgendeine Chance haben wollte, wenigstens einige Gegner mitzunehmen, ehe er sich seinen gefallenen Teamkameraden anschloss. Er atmete schwer und pumpte sich allmählich mit genug Selbstvertrauen auf, um diesen Lauf anzutreten.
Es sind fünfzehn Meter. Ihre Sicht ist verstellt. Sie werden mich verfehlen.
Aber würden sie das wirklich? Noah bot ein größeres Ziel als die meisten Leute. Er war nach Erdjahren gerade mal neunzehn, überragte aber jedes Mitglied seiner Einheit. Die Körperkraft, die mit dieser Größe einherging, erwies sich im Kampf häufig als Segen, aber sie bot keinerlei Vorteile, wenn es darum ging, feindlichem Beschuss auszuweichen.
Sie werden mich verfehlen.
Er überzeugte sich schließlich selbst von dieser Annahme und warf seine letzte Impulsgranate über die umgestürzte Säule. Kaum hörte er sie detonieren, rannte er zu dem baufälligen gemauerten Torbogen hinter ihm. Auch wenn er nicht direkt jemanden durchgeschmort hatte, würde das Nachglühen ihre Sensoren und Zielerfassungssysteme aus dem Takt bringen. Zumindest hoffte er das.
Er hörte die beiden ersten Schüsse von irgendwo links hinter sich. Keiner traf, und er wurde nicht langsamer. Die Tür war nahe, noch sechs Meter. Noch drei. Ein Schuss zischte so dicht an seinem Kopf vorbei, dass sich ihm die Haare aufrichteten, aber er sprang durch die Tür und fand sich an einem viel besser gesicherten Platz wieder. Von draußen hörte er die bestürzten Rufe seiner Feinde, die einander vorwarfen, ihn auf seiner Flucht nicht niedergestreckt zu haben. Noah holte erleichtert Luft, ließ sich aber nicht von der gewonnenen Sicherheit blenden. Ihm war klar, dass noch viele weitere Zugänge in den Tempel führten. Er musste schnell sein.
Keine Zeit, um die Kunstfertigkeit der Wandbilder in den gemauerten Korridoren zu bewundern. Götter, Monster, Krieger, das Übliche. Ihn interessierten jedoch allein die geheimen Gänge, die Architekten aus alter Zeit angelegt hatten.
Noah sprang über einen Steinaltar, der schon lange nichts mehr erlebt hatte, was einem Opfer ähnelte, und stolperte dann beinahe über eine Gestalt, die lang ausgestreckt auf der anderen Seite lag. Er bückte sich rasch und klappte den Helm auf. Es war Kadoma, eine seiner Teamkameradinnen. Ihre dunklen Züge wirkten gelassen und ruhig, die Augen waren zu. Noah schloss den Helm rasch wieder und suchte sie dann nach irgendetwas Nützlichem ab, ohne dass sein Gesicht irgendein Gefühl bezüglich der gefallenen Verbündeten verraten hätte.
Ungeachtet seiner Körpergröße wäre es unpraktisch gewesen, ihr Gewehr als zweite Waffe an sich zu nehmen, aber er steckte das noch weitgehend volle Magazin ein. Kadoma hatte kaum eine Chance erhalten, auf irgendjemanden zu schießen, ehe es sie erwischte. Er löste zwei Impulsgranaten von ihrer Hüfte und die Seitenwaffe aus dem Brustholster. Die eigene hatte er bei einem Handgemenge verloren, aus dem er ungeschoren hervorgegangen war. Von seinem Gegner konnte man das nicht behaupten.
Weitere Schritte ertönten, und er ließ eine der Granaten fallen. Sie rollte unter den Altar. Er war gezwungen, sie dort zurückzulassen, und sprintete in einen angrenzenden Raum. Draußen wurde geflüstert, und zwei gepanzerte Gestalten schlichen in den Raum, den er soeben verlassen hatte.
»Er war hier«, sagte der Erste.
»Bist du sicher, dass du weißt, wie man diese Sensoren abliest?«, fragte der Zweite. »Vielleicht hast du nur die Leiche aufgespürt.«
Noah warf einen forschenden Blick um die Ecke und sah, wie die zweite Gestalt der am Boden liegenden Kadoma einen leichten Tritt versetzte.
»Ich kenne den Unterschied zwischen …«
Noah hatte genug gehört. Er drehte sich von der Wand weg und baute sich breitbeinig auf. Da ihm beide den Rücken zuwandten, konnte er die Schüsse aus seiner Pistole präzise platzieren.
Ein blauer Blitz detonierte von der Rückseite des Helms, den die erste Gestalt trug. Die zweite Gestalt fand gerade mal Gelegenheit zu fluchen und sich herumzuwerfen, ehe sie von zwei weiteren Schüsse niedergestreckt wurde. Jetzt lagen drei Leichen zu Füßen des Altars. Die alten Götter hätte das sicher gefreut.
Noah legte zwei Schritte zurück, ehe er ein Klicken hörte und spürte, wie ihm die Mündung einer Waffe an die Halspanzerung gedrückt wurde.
»Lass sie fallen«, sagte jemand.
Noah schüttelte den Kopf, wütend, dass er das zugelassen hatte. Widerstrebend warf er seine Pistole zu dem Leichenstapel hinüber, während eine behandschuhte Faust ihm das Gewehr vom Rücken riss. Das Kaliber des Laufs an seinem Hals deutete auf Streueinstellung hin. Diese Waffe war ein Killer auf kurze Distanz, perfekt für ein Labyrinth wie den Tempel.
»Gute Arbeit«, fand Noah.
»Hab schon eine ganze Weile niemanden mehr lebend gefasst. Gibt Pluspunkte, wurde mir gesagt«, meinte die Stimme hinter ihm. Noah traf Anstalten, einen vorsichtigen Blick über die Schulter zu werfen.
»Aber weißt du was?«, fuhr die Stimme fort. »Ich weiß nicht recht, ob ich mich darum schere.«
Noah wusste gut genug, wer in dieser Rüstung steckte, um zu begreifen, was als Nächstes geschehen würde. Der Abzug der Streuwaffe wurde in genau dem Augenblick gezogen, als Noah herumfuhr und sie mit dem Ellbogen wegschlug. Das Krachen des Schusses war ohrenbetäubend, aber Noah fand sein Gleichgewicht wieder und zielte einen Faustschlag auf den Unterarm der gepanzerten Gestalt, sodass deren Waffe auf den Boden klapperte. Der Soldat riss sofort mit der anderen Hand eine Pistole aus dem Gürtel, aber Noah blockierte seine Armbewegung, und der Schuss ging weit daneben.
Noah setzte die ganze Körperkraft ein, für die er berühmt war, packte Handgelenk und Hals des Soldaten und stieß ihn an die Wand gegenüber. Dann stemmte er ihn am Gemäuer entlang in die Höhe. Die Füße des Soldaten baumelten jetzt über dem Boden. Die Pistole fiel ihm aus der Hand, aber kaum schepperte das Metall auf dem Fußboden, da riss der Soldat beide Knie hoch und erwischte Noah voll am Kinn. Noah stolperte rückwärts, das Blickfeld voller Sterne, und die Gestalt landete wieder auf dem Boden und rieb sich den Hals, wo Noahs Griff die Panzerung schmerzhaft eingedrückt hatte.
Als Noah wieder zu Sinnen kam, versuchte er einen Schwinger zu landen, erreichte aber nicht mehr, als Splitter aus dem Gestein hinter seinem Ziel zu schlagen. Schmerzen schossen durch die Knöchel von Zeige- und Mittelfinger. Der Soldat war unglaublich flink und erwischte Noah kurz nacheinander mit zwei durch seinen Nanoanzug verstärkten Boxhieben am Brustkorb und schlug damit Risse in die Panzerplatten. Als Noah sich krümmte, brachte ihn der Soldat mit einem Kinnhaken wieder in eine aufrechte Haltung und erledigte dabei sein Helmdisplay, das in einem Kurzschluss erlosch. Ein weiterer Boxhieb riss den Helm endgültig aus der Fassung, und er hüpfte aufs Geratewohl über den Steinfußboden.
Noah gelang endlich eine Parade, und er wehrte zwei blitzschnelle Tritte der kleineren Gestalt ab. Beim dritten Versuch hämmerte er den Ellbogen auf den gegnerischen Oberschenkel, und der Soldat schrie vor Schmerzen und humpelte rückwärts. Noah nutzte die Gelegenheit und griff an. Doch der andere war ebenso wendig, wie er drahtig war, und wich flink zur Seite aus. Bei dem Manöver erwischte er Noah am Ellbogen und schleuderte ihn mit dem Kopf voran gegen die Wand. Noah sah Sterne angesichts der explodierenden Schmerzen in seinem inzwischen nicht mehr gepanzerten Schädel. Er schwankte und schaffte es kaum, das Gleichgewicht zu halten. Sein Blickfeld war voller roter und schwarzer Flecken, aber er sah, wie der Soldat mit einer Hand den Helm absetzte und mit der anderen die Streupistole auf Noah richtete, die er wieder an sich genommen hatte. Das vertraute grinsende Gesicht wurde in Noahs Sichtfeld allmählich scharf.
»In Ordnung, Erik«, sagte Noah schwer atmend. »Ich bin dein Gefangener. Du hast mich erwischt.«
Eriks dunkle Haare klebten auf der verschwitzten Stirn. Die hellgrünen Augen hoben sich von der sonnengebräunten Haut ab, und eine Mischung...




