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Tasso | Kataribe - Die Atombomben-Erzähler | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

Tasso Kataribe - Die Atombomben-Erzähler

Zum 75. Jahrestag der Bombe
3. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-3947-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Zum 75. Jahrestag der Bombe

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-7504-3947-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Am 6. und am 9. August 2020 jähren sich die Tage der Atombombenexplosionen in Hiroshima und Nagasaki zum 75. Mal. Dann allerdings werden die meisten Überlebenden der Bomben bereits verstorben sein. Nur wenige Kataribe, Atombomben-Erzähler, werden in Zukunft noch von ihren Erlebnissen berichten. 1995, zum 50. Jahrestag, habe ich für eine Hörfunksendung des WDR Tonaufnahmen mit mehreren Kataribe in Hiroshima gemacht, die ich jetzt als Buch vorlege. Damit ihre Erzählungen auch zukünftige Generationen vor den Schrecken der Atomwaffen warnen und sie möglichst davor bewahren.

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Autoren/Hrsg.


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Yoshito Matsushige - er machte als Fotograf die ersten Fotos nach der Explosion von "Little Boy"

Kurz nach Mitternacht am 6. August hatte es einen Fliegeralarm gegeben. Deshalb verbrachte ich die Nacht im Zeitungsbüro, wo ich als Kameramann für die Zeitung "Chugoku Shimbun" arbeitete. Außerdem war ich Mitglied der Mediengruppe der 5. Armee-Division. Das Zeitungsbüro war nur 900 Meter vom Hypozentrum entfernt. Als der Luftalarm morgens beendet wurde, fuhr ich vom Zeitungsbüro mit dem Fahrrad nach Hause, in den Stadtteil Midori, sieben Kilometer vom Hypozentrum entfernt. Das hat mir das Leben gerettet.

Nach dem Frühstück zu Hause wollte ich wieder zur Arbeit ins Zeitungsbüro. Da explodierte die Atombombe. Ich dachte, es sei eine normale Bombe. Ich nahm meine Frau bei der Hand, und wir verließen das Haus. Wir kauerten uns auf einem Feld zusammen. Die Gegend aber war pechschwarz, weil der Straßenstaub durch die Explosion in die Luft geschleudert worden war. Gleichzeitig fiel radioaktive Asche vom Himmel. Es war wie ein schwarzer Nebel.

Als wir auf dem Feld kauerten, hielt ich die Hand meiner Frau. Wir konnten uns nicht sehen, aber ich fühlte die Wärme der Hand meiner Frau: Sie lebte.

Als wir später wieder nach Hause gingen, hatte eine Wand unseres Hauses ein großes Loch, und der Fußboden im Innern war voller Sand. Unter dem Schutt suchte ich nach meiner Kamera, weil ich dachte, ich sollte jetzt zum Büro der 5. Division gehen.

Ich kam zu dem Ort, wo das Stadtbüro und die Westfeuerwache lagen, 1,1 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Die Stadt stand in Flammen. Wegen des Feuers konnte ich nicht näher an das Zentrum heran, deshalb ging ich zur Miyuki-Brücke, um von dort aus ins Zentrum zu gelangen. Aber auch das war wegen des Feuers nicht möglich.

Mein erstes Foto habe ich gegen elf Uhr gemacht. Ich habe es westlich von der Miyuki-Brücke aufgenommen, 2,3 Kilometer vom Hypozentrum entfernt. Das Foto zeigt eine junge Mutter, die verzweifelt nach Hilfe sucht; sie hält ihr Baby im Arm, obwohl es schon tot ist. Es öffnete seine Augen nicht. Die Mutter schüttelte das Baby und schrie es an: "Mach deine Augen auf!" Das war das erste Bild, das ich gemacht habe.

Kurz danach sah ich eine andere schreckliche Szene. Erst wollte ich ein Foto machen, aber als ich durch den Sucher der Kamera sah, war der Anblick so höllisch, dass ich den Auslöser nicht drücken konnte.

Die meisten Personen auf dem Foto sind Schüler. Zusammen mit Soldaten rissen sie Häuser ein, damit sich das Feuer nach einem Bombenangriff nicht so schnell ausbreiten konnte. Die Schüler räumten den Schutt weg, nachdem Soldaten die Häuser eingerissen hatten.

Am Morgen des 6. August war der Himmel völlig klar, keine Wolken. Unter diesem Himmel waren die Schüler den Hitzestrahlen der Atombombe ausgesetzt. Ihr Haar war verbrannt, ihre Haut hing in Fetzen von ihren Körpern. Es war sehr schwer für mich, den Auslöser zu drücken, ich fühlte mich aber verantwortlich, Fotos zu machen für die Nachwelt: als Fotograf der Zeitung und als Medienmitglied des Militärbüros.

Ich machte dort meine zweite Aufnahme. Als ich näherkam, bemerkte ich, dass die Gesichter der Schüler und Soldaten schwarz und verbrannt waren. Als ich dieses zweite Foto machte, schaute ich nicht durch den Kamerasucher, weil meine Augen mit Tränen gefüllt waren.

Nachdem ich diese beiden Fotos aufgenommen hatte, ging ich wieder nach Hause. Um zwei Uhr nachmittags, als das Feuer etwas nachgelassen hatte, versuchte ich erneut, zur Zeitung und zum Militärbüro zu gelangen. Ich nahm diesmal die Route über das Universitätsgelände. Dort kam ich an einem Swimmingpool vorbei. In jenen Tagen sammelten wir Wasser in allen möglichen Behältern. Als ich am 5. August am Swimmingpool vorbeigekommen war, war er mit Wasser gefüllt gewesen. Als ich am 6. August dort vorbeikam, war kein Wasser mehr darin, aber stattdessen fünf oder sechs Leichen. Ich stellte mir vor, dass die Menschen Schutz vor dem Feuer gesucht hatten und in den Pool gesprungen waren. Aber das Wasser war durch die Hitze der Bombe zum Kochen gebracht worden und verdampft. Die Menschen hatten ihr Leben im Pool retten wollen, aber es war zu spät gewesen. Sie blieben darinnen liegen und starben.

Ich ging weiter Richtung Zentrum. Aus dem Schutt und den Trümmern der Häuser loderten hier und da noch immer Flammen. Ich erreichte das Zeitungsgebäude. Im Gebäude war alles verbrannt, nur das Stahlgerüst des Gebäudes stand noch. Ich versuchte, in das Gebäude hinein zu kommen, aber es war kniehoch mit Asche und Schutt angefüllt; ich konnte nicht hineingelangen. Ich folgte dann den Straßenbahnschienen zum Zentrum. Da sah ich eine verbrannte Straßenbahn. Als ich näherkam, sah ich Menschen darin. Als ich genauer hineinschaute, sah ich 15 Menschen übereinander liegen, tot. Das war 200 Meter vom Hypozentrum entfernt.

Die Geschwindigkeit der Druckwelle der Explosion lag bei 440 Meter pro Sekunde: Der Druck zerdrückte Brustkörbe, so dass Menschen sofort starben. Es gab sehr viele Feuer in der Stadt, auch in der Straßenbahn. Die Menschen darin waren alle nackt, ihre Kleidung musste verbrannt sein. Ich wollte ein Foto machen, aber damals wurden Fotos toter Menschen nicht in Zeitungen abgedruckt. Obwohl ich drei Stunden durch die Stadt ging, habe ich keine weiteren Aufnahmen von Menschen nahe dem Zentrum gemacht. In diesen drei Stunden in der brennenden Stadt sah ich Unmengen von toten Menschen. Obwohl es sehr heiß war in der Stadt, erinnere ich mich nicht, dass sich mein Körper heiß angefühlt hätte. Ich glaube, meine Nerven waren taub.

Später sah ich das Foto eines anderen Fotografen. Die Hitze der Explosion hatte das Muster eines Kimonos auf die Haut einer Frau übertragen.

Ich wurde durch die Bombe nicht verletzt oder krank, bekam aber durch die Unterernährung eine Tuberkulose. Heute fehlt mir eine Lungenhälfte. Ich habe Glück, dass ich heute noch immer zu Menschen sprechen kann.

Am Eingang der Sumitomo Bank habe ich ein weiteres Foto gemacht. Am Morgen hatte dort eine Frau gesessen. Die Hitze der Explosion betrug dort drei bis viertausend Grad. Das kann einen menschlichen Körper leicht verdampfen. Die Schmelztemperatur von Eisen beträgt 1.538 Grad; die Temperatur am Boden betrug mehr als zweimal so viel, so dass alle Lebewesen im Umkreis verdampften.

Ein weiteres Foto machte ich bei der Miyuki-Brücke, die 2,3 Kilometer vom Hypozentrum entfernt ist. Hier sind die Brückengeländer auf der Nordseite durch die Explosion verbogen, und die Geländer auf der anderen Seite sind herabgefallen. Und das, obwohl diese Brücke die stärkste Brücke war, die es damals gab. Sie war aus Stein gebaut.

Das Torii-Tor eines Gokoku-Schreins direkt unterhalb des Hypozentrums habe ich fotografiert, weil das Tor die Explosion überstanden hatte. Später kam ich zur Motoyasu-Brücke, sie liegt dem Hypozentrum am nächsten. Durch die Explosion und die Hitze waren auch dort die Geländer verbogen.

Gegen 17.30 Uhr habe ich einen verletzten Polizisten fotografiert, der jemandem eine Bescheinigung über das Unglück ausstellte, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.

Ein Foto eines anderen Kameramannes der Zeitung "Chugoku Shimbun" zeigt wieder eine Brücke, die 700 Meter vom Hypozentrum entfernt lag. Die gewaltige Hitze der Explosion hatte hat den Asphaltbelag der Straße geschmolzen und das Geländer als Schatten auf der Straße eingebrannt. Das Foto ist heute im "Peace Memorial Museum" ausgestellt. Es wurde erst sieben Jahre nach der Explosion gefunden.

Am 6., 7. und 8. August starben sehr viele Menschen in Hiroshima. Viele der Toten wurden verbrannt und begraben. Manche von ihnen aber wurden irgendwo in Hiroshima vergraben. Noch Jahre später fanden Bauarbeiter beim Bau neuer Häuser immer wieder menschliche Knochen.

Auf einer Landkarte von Hiroshima ist das Gebiet, das von der Hitze der Bombe getroffen wurde, rot eingezeichnet. Die gesamte Fläche der Stadt betrug damals 72,7 Quadratkilometer. Die verbrannte Fläche nahm 13,2 Quadratkilometer ein. Die von der Atombombe auf die eine oder andere Weise betroffene...



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