Tatios | Leukippe | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 145 Seiten

Tatios Leukippe


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0359-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 145 Seiten

ISBN: 978-3-8496-0359-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Liebesroman in acht Bänden aus dem 2. Jahrhundert.

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Drittes Buch



Erstes Kapitel

 Als wir drey Tage geschifft waren, verfinsterte den hellen Himmel eine plötzliche Dunkelheit, die das Licht des Tages verlöschte. Vom Meere auf erhob sich der Wind, stieß gerade gegen das Schiff, und der Steuermann befahl, die Segelstange umzudrehen. Eilig thaten es die Schiffer. Auf der einen Seite faßten sie mit Gewalt das Segeltuch und zogen es auf die Segelstange herauf; auf der andern mußten sie es in der vorigen Lage lassen: denn vor dem immer heftiger andringenden Winde vermochten sie nicht, sie umzudrehen. Auf der Seite, wo die Segelstange nach dem Winde herumgedreht war, neigte sich schwankend der untere hohle Theil des Schiffes, und auf der andern Seite stieg es empor, und lag ganz schräg, so daß die meisten von uns befürchteten, das Schiff möchte sich bey einfallendem Winde mit einem Mahl umkehren. Wir wanderten mit unsern Sachen auf den emporgehobenen Theil des Schiffes, um es auf der einen Seite, wo es niedergesenkt war, wieder emporzurichten, und auf der andern durch unsere Schwere niederzudrücken, und so wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dieß war jedoch umsonst; denn der aufgerichtete Boden des Schiffes hob uns, anstatt sich niederzusenken, vielmehr empor. Indeß versuchten wir noch einige Zeit, das schwankende Schiff ins Gleichgewicht   niederzudrücken. Plötzlich aber wendete sich der Wind nach dem andern Theile des Schiffes hin, und tauchte es beynahe unter. Der eine Theil, der sich bisher in die Fluthen geneigt hatte, sprang mit einem heftigen Stoß in die Höhe, und der andere stürzte, so wie jener emporsprang, in die Fluthen nieder.

 Dadurch entstand ein großes Wehklagen im Schiffe. Man verließ seinen Sitz und lief mit Geschrey zu dem vorigen. So wurden wir über drey-, viermahl, wie das Schiff, unstät umhergetrieben; und ehe wir die erste Wanderschaft vollendet hatten, nöthigte uns ein plötzlicher Fall zu einer zweyten.

Zweytes Kapitel

 Den ganzen Tag trugen wir uns so mit unsern Sachen im Schiff herum, und giengen wohl doppelt denselben Gang unter unsäglichen Mühen, immer den Tod vor Augen, der uns, wie leicht einzusehen ist, sehr nahe bedrohete. Zu Mittag verschwand die Sonne ganz und gar, und nur wie im Mondenscheine konnten wir einander sehen. Vom Himmel flog Feuer herab, donnernd brüllte der Himmel, die Luft erfüllte ein dumpfes Geprassel, und von unten tönte ihm der Aufruhr der Fluthen gräßlich entgegen. Zwischen dem Himmel und dem Meere sauste und rauschte der Wind, mit sich selbst kämpfend; die Luft hatte den Schall der Salpinx, die Taue fielen um das Segeltuch, und schlugen zischelnd an einander.

 Schon war das Breterwerk zertrümmert, und wir waren in Furcht, der Bauch des Schiffes möchte sich öffnen, so bald sich die Nägel ablösten. Es überströmte uns auch noch ein starker Regen; wir breiteten daher eine Decke über das ganze Schiff aus, begaben uns unter die Bedeckung und verweilten da, wie in einer Höhle, ganz dem Schicksale hingegeben; denn schon schien uns alle Hoffnung verschwunden.

  Dreyfach anstürzende Wogen schlugen von allen Seiten, am Schnabel und am Hintertheil des Schiffes, an einander. Das Schiff stieg immer gegen das aufgethürmte Meer empor, und senkte sich gegen die abfließenden, niedrigen Ströme. Einige glichen den Bergen, andere den Schlünden. Noch furchtbarer  waren die von beyden Seiten andringenden schrägen Wogen; denn das Meer stieg gegen das Schiff empor, wälzte sich durch das Obdach, und überströmte es ganz. Die zu den Wolken emporgehobene Fluth, erschien uns von Ferne so groß, wie das Schiff; betrachtete man sie aber in der Nähe, so glaubte man, sie würde das Schiff verschlingen. Wind und Fluthen kämpften mit einander, und wir konnten nicht auf der Stelle bleiben: so sehr erschütterten sie das Schiff. Alles schrie durch einander; die Fluth brauste, der Wind rauschte; das Wehklagen der Weiber, das laute Schreyen der Männer; der Zuruf der Schiffer; überall nur Geheul und Geseufze. Der Steuermann befahl, die Ladung abzuwerfen; da sonderten wir nicht erst Silber und Gold vom Geringern ab, sondern warfen alles ohne Unterschied aus dem Schiffe. Viele Kaufleute nahmen sogar ihre Schätze, noch ihre einzige Hoffnung, und stießen sie eilig fort. Schon war das Schiff der Ladung entblößt, der Sturm aber noch nicht versöhnt.

Drittes Kapitel

 Endlich warf der Steuermann aus Verzweifelung das Steuerruder aus der Hand, überließ das Schiff der Gewalt des Meeres, rüstete schon das Boot aus, befahl den Schiffern hineinzusteigen, und stieg zuerst von der Leiter herunter; jene aber sprangen gerade herab.

 Hier entstand nun ein neues Uebel; denn man wurde bald handgemein. Die herabgestiegen waren, schnitten das Tau ab, durch welches das Boot mit dem Schiffe verbunden war, und ein jeder von den Schiffern eilte, dem Steuermanne wohin er das Tau zog, nachzuspringen. Die sich aber auf dem Boote befanden, ließen sie nicht hineinsteigen; ja sie drohten denen, die herabsteigen würden, mit Beilen und Messern. Die meisten auf dem Schiffe rüsteten sich, womit sie konnten; der eine ergriff ein Stück von einem alten Ruder, der andere von einer Ruderbank, und vertheidigte sich damit: denn das Meer machte die Gewalt zum Gesetze. Es war eine neue Art von Seeschlacht: die auf dem Boote schlugen, weil sie besorgten, es möchte durch den Haufen der Hineinsteigenden untersinken, mit Beilen und Schwerdtern nach den Herabspringenden; und diese hieben zugleich im Herabspringen mit Keulen und Rudern auf sie. Einige berührten kaum den Rand des Schiffs, und gleiteten heraus; andere kämpften, auch da sie noch in das Boot stiegen, mit denen, die sich schon darin befanden, denn es band sie keine Freundschaft, keine Achtung mehr, sondern ein jeder war nur auf  seine eigene Sicherheit bedacht; und auf Menschlichkeit nahm man keine Rücksicht. So lösten große Gefahren auch die Banden der Freundschaft.

Viertes Kapitel

 Unterdessen ergriff ein starker Jüngling auf dem Schiffe das Tau, und zog das Boot herbey. Es war dem Schiffe schon nahe, und ein jeder machte sich bereit, so bald es sich ganz nähern würde, darauf zu springen. Zwey oder drey erreichten es auch glücklich, ohne verwundet zu werden; viele aber, die es versuchten, herabzuspringen, stürzten ins Meer herab. Eilig schnitten die Schiffer das Tau ab, befreyten so das Boot, und fuhren, wohin sie der Wind trieb. Die auf dem Schiffe versuchten das Boot zu versenken; das Schiff stürzte aber vorwärts, und warf sich in den Fluthen umher. Unvermerkt wurde es an eine Meeresklippe getrieben und ganz zertrümmert. Indem das Schiff daran stieß, fiel der Mastbaum auf die andere Seite, und einiges vom Schiffe wurde zerschlagen, anderes versenkt. Die in der Meersfluth gleich umkamen, hatten ein weit erträglicheres Loos, da sie die Furcht des Todes nicht so lange quälte. Der langsame Tod auf dem Meere tödtet vorher, ehe man selbst stirbt. Das Auge, von der Unermeßlichkeit des Meeres erfüllt, dehnt die Furcht ins Gränzenlose aus, und macht so den Tod zu einem doppelten Unglück; so groß der Umfang des Meeres ist, so groß ist auch die Furcht vor dem Tode. Einige versuchten zu schwimmen, wurden aber von der Fluth an dem Felsen zerschmettert, und kamen um; viele warfen sich auf losgerissene Balken, und schwammen, wie die Fische; andere wurden schon halbtodt herumgetrieben.

Fünftes Kapitel

 Als das Schiff scheiterte, waren wir so glücklich, ein Stück vom Vordertheile zu retten. Ich und Leukippe setzten uns darauf, und wurden nach dem Strome des Meeres zu fortgeführt. Menelaos und Satyros mit den andern auf dem Schiffe trafen auf den Mastbaum, warfen sich darauf, und schifften so fort. Nahe neben uns sahen wir den Kleinias um die Segelstange herumschwimmen, und hörten ihn uns zurufen: »fasse das Holz, Kleitophon!« Kaum hatte er aber dieses gesagt, so überdeckte ihn von hinten eine Woge, und wir weinten laut.

 Auch zu uns strömte die Woge herbey; aber durch einen glücklichen Zufall lief sie, als sie sich uns näherte, unterhalb vorbey, so daß bloß das Holz in die Höhe gehoben wurde und über den Nacken der Wolke emporstieg. Jetzt sahen wir auch den Kleinias wieder.

  Seufzend sagte ich dann: »Erbarme dich unsrer, o Gebiether Poseidaon; hemme deine Gewalt gegen die Ueberbleibsel aus dem Schiffbruche; wir haben schon oft den Tod durch die Furcht bestanden; aber willst du uns tödten, so laß uns vereint sterben; eine Woge mag uns überdecken; und, wenn es das Schicksal so beschlossen hat, daß wir ein Raub der Thiere werden sollen, so mag uns ein Fisch verzehren, ein Magen uns aufnehmen, um auch in den Fischen ein gemeinschaftliches Begräbniß zu finden.«

  Bald nach diesem Gebethe ließ das Ungestüm des  Windes nach, und die Wildheit der Fluth legte...



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