E-Book, Deutsch, 292 Seiten
Tauler / Eibisch Von der Vollkommenheit aller Tugenden
2. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-8331-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Medulla animae
E-Book, Deutsch, 292 Seiten
ISBN: 978-3-7528-8331-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liebst du Gott vom Herzen, dann kannst du nicht anders, du mußt und wirst alles lassen, was ihm zuwider ist; jedes Wort, das du reden willst, überlegst du, jede Handlung, die du verrichten willst, prüfst du; und findest du das Wort oder das Werk eitel oder unnütz, du unterläßt es, du verzichtest darauf aus Liebe zu Gott und seiner Ehre, und sündigst nicht; dich ehren die Engel, dich achtet und schützt das himmlische Heer; rein ist dein Gebet, und es wird dir die Bitte gewährt, du hast freien Zugang zu Gott, du stehst im Freundesbund mit ihm, und dem du zeitlich entsagt hast, das ist dir zur Quelle des Trostes und des süßesten Seelenfriedens in Gott geworden; gestärkt ist das Herz, ermutigt alle Kräfte, kein böser Gedanke kann ferner deiner Meister werden, dich nimmermehr ziehen in tieferen Abgrund. Stirbst du in dieser heiligen Seelenstimmung, so bedarfst du keiner ferneren Reinigung, du gehst unmittelbar ein in die Freuden des himmlischen Vaterlandes. Johannes Tauler. In diesem Werk zeigt der große Lehrer der Deutschen Mystik, Johannes Tauler, dem Leser, wie dieser sein Leben und seinen Charakter so veredeln kann, daß er mit sich, seinen Mitmenschen, der Schöpfung und letztlich und am wichtigsten Gott, in innerer und äußerer Harmonie in Einklang leben kann und so zu Seelenfrieden gelangt. - Ein Meisterwerk der mittelalterlichen christlichen Mystik.
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12. Kapitel.
Von der inneren höchsten Gelassenheit, wodurch der
Geist in Gott versenkt, und mit ihm durch wahre
Armut und Entwerdung seiner selbst vereinigt wird.
B is hierher haben wir von jener Gelassenheit geredet, die die Seele haben soll, insofern sie dem Leib das Leben gibt; und wir nannten sie deshalb die äußere Gelassenheit. Nun wollen wir zu jener übergehen, die einzig des Geistes ist, und des äußeren Menschen nicht bedarf. Wir nennen sie darum die innere, weil ihre Werke und Äußerungen rein, lauter, geistig, über die Zeit erhaben, und einzig auf das unerschaffene, rein geistige Gut, welches Gott selbst ist, gerichtet sind, wo nämlich der Geist in seine Höhe erhoben, mit seiner ganzen Kraft belebt, in übernatürlicher Kraft wirkt, im übernatürlichen Licht sieht, in übernatürlicher Liebe Gottes brennt, dem allerreinsten und einfachen Wesen sich nähert, sich mit ihm einigt, und nicht mehr leuchtet für und in die Zeit, sondern ruht in der Ewigkeit, sich selbst ganz und gar entsunken, entfallen, bloß und rein allem, was er vermag, was er ist, was er kann, was er weiß, was er liebt, was er besitzt, was er schaut, was er gebraucht, das alles ist ihm in dieser inneren Gelassenheit, in diesem unermeßlichen Abgrund der Gottheit entfallen, entsunken, entgangen; in ihm ist ferner kein Bewegen, kein Leben, kein Vermögen, kein Können mehr. Für eine deutliche und genügende Erklärung dieser höchsten inneren Gelassenheit sind Worte zu arm; nur stottern, wie Kinder, können wir mit dem Propheten: „A, a, a, Herr, Herr! Ich kann nicht reden, ich bin ein Kind“ 44; doch errungen kann sie werden, wenn die Kraft des unendlichen Gottes mit uns wirkt, dem nichts unmöglich ist. Da aber die Wege zur höheren Vollkommenheit für verschiedene Menschen auch verschieden sind, so gelingt es nur wenigen, diese Höhe der Vollendung, ohne betrogen zu werden, und sich selbst zu täuschen, zu erreichen; denn die Eigenliebe blendet uns beinahe alle, wir suchen uns zu sehr, wir wollen uns selbst die Wege bereiten; aber alle, die in diesen klaren reinen Grund eindringen wollen, müssen vor allem dieser Eigenliebe durchaus entsagen; diese Eigenliebe ist eine große und ungeschickte Bürde, die überall anstößt, überall hindert am Eingehen in und durch die enge Pforte Christi. Diese enge Pforte, diesen schmalen Weg haben wir im vorhergehenden Kapitel die äußere Gelassenheit genannt, und sie ist wirklich der Vorweg und der erste Eingang zu dieser erhabenen inneren Gelassenheit. Wir kennen ja gewisse scheinbar geistliche Leute, die sich in sich selbst so behaglich fühlen, so groß und gut von sich denken, daß sie wähnen, sie hätten nun in ihrer, leider selbstgemachten Heiligkeit, diesen ersten Weg wohl längstens schon nicht nur beschritten, sondern selbst überschritten; aber sie stehen von außen und innen noch in ihrer Eigenheit, und das Wort „Abtötung seiner selbst“ ist ihnen gar sehr fremd und unbekannt. Die sind nun zu dieser höchsten Einkehr, zu dieser Höhe und Tiefe ganz unfähig; sie folgen einem Licht, wie sie sagen, aber es ist ein Irrlicht, und die Betrogenen wähnen, nun in der höchsten Vollkommenheit zu stehen. Wie weit besser und heilsamer wäre es ihnen, wenn sie sich für Anfänger hielten, und als solche sich benähmen! So aber sind sie der Spielball des bösen gefallenen Geistes, der sie mit einem falschen, blendenden Licht äfft. Das halten nun die Bedauerungswürdigen für ein Licht Gottes, ja, als Gott selbst, und beten es an. Das ist aber der schrecklichste und entsetzlichste Fall des Menschen, er betet den Teufel an in diesem Lügenlicht, er begeht die ungeheuerste Sünde. Hätte er hundertfältigen Mord begangen, er würde eher wieder erstehen aus diesem Fall, als aus solchem erbärmlichen Greuel. Gott läßt es nach seiner unerforschlichen Gerechtigkeit geschehen, daß manche von dieser höchsten Stufe mit den ehemals höchsten Engelgeistern fallen und stürzen, andere hingegen mit den heiligen und höchsten Engeln Gottes die erhabenste Seligkeit erlangen und erringen. Da trifft es ein, was Christus sagt: „In derselben Zeit werden zwei auf einem Bett liegen“45; das Bett mag wohl hier ein Sinnbild des ruhigen, süßen, erfreulichen, schauenden Lebens sein; „und einer wird aufgenommen, der andere verlassen werden“, ausgelöscht aus dem Buch des Lebens, und lachend in der furchtbaren Verblendung, wandern in das ewige Wehklagen!
Da nun dieses eine so schwere und höchst bedenkliche Sache ist, so soll ein frommes und gutes Herz dem Zug des Heiligen Geistes nicht widerstehen; denn so wie der göttliche Heilige Geist dieser hohen Kunst Meister und Lehrer ist: so ist Gott der Vater der treue Behüter, und Gott der Sohn der wahre Führer und Leiter dieser seiner geliebtesten Lehrkinder, die er „wie seinen Augapfel bewahrt“, wie er durch den Mund des Propheten spricht.46 Ein Herz, welches der Heilige Geist in diesem inneren und erhabenen Werk übt und bildet, muß demnach allezeit eine heilige und innige Ehrfurcht hegen gegen alle Worte und Aussprüche Gottes; sie müssen ihm so heilig und unvergeßlich sein, daß es eher Himmel und Erde vergesse, als die Ehrfurcht verliere gegen ein einziges der Worte des Herrn. „Ich sehe an“, spricht der Herr bei dem Propheten47, „den Armen und Elenden, und der zerbrochenen Geistes ist, und der sich fürchtet vor meinem Wort.“ Der gütige Gott hat uns ja gegen alle Verirrungen die reine Lehre Jesu Christi und der Apostel, die Heilige Schrift, die herrlichsten Beispiele an dem Leben und der Lehre der Heiligen gegeben; das ist ja wohl ein sicherer Weg, auf dem wir ohne Gefährdung wandeln können. Bist du reinen Herzens, und irgendein fremder, dir unbekannter, jedoch hoher Gedanke entsteht in dir, irgendeine Offenbarung wird dir, oder die Einbildungskraft schafft irgend etwas in dir; hasche nicht mit Eigenheit und Vorliebe danach, trage es Gott vor, befrage einen Freund Gottes, oder deinen Beichtvater, und folge ihrem Rat und ihrer Erfahrung: so bleibst du gesichert. Auch das ist eine Vorsicht und Bewahrungsregel, auch daran kannst du erkennen, ob du auf dem rechten Weg fortschreitest, wenn du darauf merkst, ob Gott in seiner Größe und Herrlichkeit deinem Herzen immer lebendiger, immer mehr gegenwärtiger werde, ob dein Geist den Herrn je größer und größer, je abgrundtiefer und abgrundtiefer, je unermeßlicher und unermeßlicher ergreife und erkenne, und dieses nicht nur so obenhin meine, sondern wahrhaft fühle und erfahre. Dieses innere Wachstum des Geistes wird dich gleichgültig machen gegen das nutzlose Aufmerken auf das Äußere, auf das Vergängliche; denn je größer und herrlicher Gott dem Geist wird, je mehr verschwinden und verkleinern sich die Kreaturen. In diesem Licht sah der ehrwürdige Vater Benedikt die ganze Welt, wie in einem einzigen Sonnenstrahl, vor sich stehen. Hier fällt die Liebe der Kreaturen ab; in diesem überschwenglichen Wunder des Geistes, wo die sinnliche und vernünftige Erkenntnis von Gott in sein wunderbares Licht geführt und aufgenommen wird, so, daß der Geist über die Natur in eine Gottförmigkeit erhoben wird, hier wird der Geist vom Licht lichtlos, vom Erkennen erkenntnislos, und vom Lieben liebelos: nicht, als wenn der Geist wahrhaftig ohne Liebe wäre, sondern in seinem Erkennen, wenn der Geist sein Schauen wieder auf sich selbst richtet, wird und ist ihm sein Wesen, sein Leben, seine Kraft, alles Erkennen, und all sein Lieben zu klein und zu unbedeutend, und mangelhaft gegen die Erkenntnis des großen Gottes. Eine Mücke ist doch wohl zu gering, die Weite des großen Himmels zu erfassen; und als solche achtet sich dieser Geist, ja, noch kleiner als diese, um den großen Gott zu begreifen, und eben dieses demütige Erkenntnis seiner Schwäche und Geringfügigkeit erhebt den Geist in die Höhe und Herrlichkeit Gottes; nur darf er dem allmächtigen Gott und seiner unendlichen Ehre die Möglichkeit, dieses höchste Wunder an ihm zu wirken, nicht absprechen, und so seiner Allmacht und Güte mißtrauen. So steht er denn vollkommen gelassen in seiner ihm eigenen Unvollkommenheit, und erkennt und bekennt seines Vaters und seines Gottes Ehre und unendliche Herrschaft. Nun verstummt alles in ihm, es ist ein tiefes Schweigen des Geistes. Worte sind nun unmöglich, weder nach außen noch innen kann er jetzt wirken, sondern der Geist leidet ein süßes, unbegreifliches, unaussprechliches Leiden in dem übergroßen Wunder der Klarheit, der Herrlichkeit und Unergründlichkeit Gottes.
Das ist ein seliges und wundervolles Spiel Gottes, wenn er das Erkenntnisvermögen des Menschengeistes zum höchsten Genuß vorbereitet und befähigt. Denn je mehr und mehr sich Gott ihm in diesem klaren und erhabenen Licht zeigt und offenbart, um so begieriger, sehnsüchtiger und hungriger wird der Geist nach der Gottheit, er wisse und fühle es nun oder nicht, und je stärker und dringender seine Sehnsucht, sein Hunger und sein Verlangen nach Gott ist, um so mehr ist er...




