E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Tausch Klare, wahre, warme Worte wagen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-7990-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aus vier Jahrzehnten als Pfarrer in West- und Ostdeutschland: Predigten und andere Texte
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-7504-7990-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pfarrer Michael Tausch, geboren 1954 und aufgewachsen in Tübingen, lebt im Ruhestand in Meiningen in Südthüringen. Nach dem Theologiestudium in Tübingen war er Vikar in Gäufelden-Öschelbronn (Kreis Böblingen) und ab 1982 Gemeindepfarrer in Niedernhall (Hohenlohekreis). Im Jahr 1991 gehörte er zu einer Gruppe von württembergischen Pfarrern, die nach Thüringen wechselten. Bis zum Jahr 2000 war er Gemeindepfarrer in Seebach (Wartburgkreis), danach Schulpfarrer in Meiningen. Pfarrer Tausch hat zwei erwachsene Kinder.
Autoren/Hrsg.
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Wenn Gott unser Weltbild erweitert:
Predigt über Apostelgeschichte 10, 21-35
am 21.Januar 1996 in Seebach
Wenn ein Kind aufwächst, wird sein Horizont immer weiter und weiter, je mehr es von der Welt mitbekommt. Immer wieder ist das Staunen dabei: „Was es alles gibt! Das hätte ich nicht gedacht!“ Jede Erweiterung des Horizonts ist eine große Überraschung. Das ist das Schöne an den Kindern, dass es bei ihnen dieses Staunen gibt, wenn sie etwas Neues entdecken, und es ist das Langweilige an uns Erwachsenen, dass wir immer wieder so tun, als würden wir schon alles kennen: „Ich hab Erfahrung, ich weiß, wie es läuft auf der Welt, mich kann nichts mehr erschüttern, mich kann nichts mehr überraschen…“ total öde, wenn ein Mensch mit keiner Erweiterung seines Horizontes mehr rechnet, mit keiner Überraschung mehr, weil er schon so klug ist und alles weiß.
Doch wer mit Gott unterwegs ist, wird immer wieder Überraschungen erleben, dessen Horizont wird immer wieder erweitert, den wird Gott immer wieder etwas erleben lassen, wo er staunend denkt: „Das hätte ich nicht gedacht, dass es das gibt!“ Wahrscheinlich deshalb hat Jesus einmal gesagt: Wer durch die Welt läuft mit der Einstellung: Ich weiß schon alles, worauf es ankommt, der wird nichts merken von Gott. In unserem heutigen Predigttext erlebt der Oberste der Apostel eine große Überraschung: Das hätte er nicht gedacht von Gott… Aber es war Zeit für Petrus, etwas Wichtiges dazu zu lernen.
Ich lese kurz die Vorgeschichte zu unserem Predigttext:
Hier beginnt nun unser eigentlicher Predigttext:
Liebe Gemeinde,
manchmal ist es schwer, über seinen Schatten zu springen. Die Älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht noch an Zeiten, wo es ein Drama war, wenn die Tochter einer evangelischen Familie einen katholischen Bräutigam daherbrachte, oder umgekehrt. Heute lächeln wir vielleicht darüber: Das ist doch klar, die Katholiken glauben an den gleichen Gott wie wir. Wir haben etwas gelernt. Aber vor ein paar Jahrzehnten war das noch ganz schwer, da stand plötzlich alles auf dem Spiel, was man gelernt hatte, was man gewohnt war, was geht und was nicht geht, was richtig ist oder falsch.
Oder welch einen Kampf hat es gekostet, bis in unseren Kirchen Frauen im Pfarramt akzeptiert wurden! Das geht doch nicht, da gibt es Dinge, die in der Bibel stehen, die dagegen sprechen, da kommt doch alles durcheinander, woran wir uns bisher gehalten haben. Heute lächeln wir darüber, aber wie schwer war es, bis wir uns wirklich überzeugt hatten, dass Gott sein Wort genauso durch den Mund einer Pastorin wie durch den Mund eines Pfarrers zu uns sprechen kann.
Es ist immer schwer, wenn Gott mit uns Grenzen überschreiten will, die für uns bisher ehern schienen, die zu ihrer Zeit auch Halt und Orientierung gegeben haben. Wie geht es uns z.B. damit, wenn heute jemand an die Kirchentüren klopft, von dem wir noch in Erinnerung haben: Der war doch früher ganz rot und hat einen Bogen um die Kirche gemacht? Nun kommt das ja nicht allzu oft vor, aber wenn es so wäre, dass ehemalige Parteigenossen in größerer Zahl an unsere Tür klopften, um getauft zu werden, um dazugehören und mitmischen zu dürfen in der Kirche, Menschen, von denen wir wissen, dass sie früher ganz woanders gestanden haben: Ob wir da nicht zuerst einmal doch die Luft anhalten würden?
Durch Erziehung und Erfahrung haben wir gelernt, vorsichtig zu sein. Manchmal ist es wichtig zu wissen, wer wo steht. Manchmal ist es wichtig, Abstand zu halten. Auch heute in der großen Narrenfreiheit ist das wichtig, wenn man bedenkt, was sich auf dem religiösen Markt alles so tummelt. Und doch kann Gott auch bei Menschen, wo wir ihn nicht vermuten, wirken und Herzen öffnen und die Grenzen überschreiten, die uns vertraut sind. Das war die Lektion, die Petrus, sein oberster Apostel, hat lernen müssen, wovon unser Predigttext erzählt.
Petrus hält auch die Luft an, als er das Haus des Kornelius betritt: Es gab gute Gründe für den Abstand, den die Juden zu den so genannten Heiden hielten. Was verehrten gerade die Römer nicht für fragwürdige Götter, und wie leicht ließ sich da auch ein Mensch zu einem Gott hochjubeln! Etliche römische Kaiser sollten das noch bestätigen: Wo nicht Gott allein geehrt wird, da schwingen sich Menschen zu Göttern auf und es gibt keine Schranke mehr für Willkür, Tyrannei und Grausamkeit. Den Römern gehörten Macht und Einfluss im Land, und die Juden und die ersten Christen, die ja von der Herkunft her Juden waren, taten wirklich gut daran, sich nicht zu sehr mit ihnen einzulassen, wenn sie wollten, dass der Glaube an den einen Gott nicht verloren geht.
Der Beginn der Begegnung zwischen Petrus und Kornelius bestätigt eher sämtliche Vorbehalte. Petrus kommt herein, und Kornelius fällt ihm zu Füßen und betet ihn an. Typisch Heide, könnte man sagen. Petrus muss ihn gleich in die Schranken weisen: Das ist das A und das O: Gott ist Gott, er...




