E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Taylor The Beasts We Bury (Band 1)
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96129-481-7
Verlag: KARIBU
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-96129-481-7
Verlag: KARIBU
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Tagsüber arbeitet die Anwältin D. L. Taylor in der Strafverteidigung und im gemeinnützigen Zivilrecht, aber in den ruhigen Stunden vor dem Morgengrauen schreibt sie gerne über Magie, Verwicklungen und moralische Zwiespälte. Obwohl sie aus dem sonnigen Kalifornien stammt, heiratete sie einen Jungen aus dem Mittleren Westen der USA und ließ sich schließlich mit ihren drei Kindern und zwei Katzen in der Nähe von Chicago nieder.
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KÜNFTIGE THRONFOLGERIN MANCELLA AMARYLLIS CLIFF
Noch 15 Tage bis zur Ernennung
Mein Vater wartet, bis wir zur Hälfte mit dem Frühstück durch sind, bevor er verkündet, dass ich heute wieder töten werde.
Vermutlich hat er darauf spekuliert, dass ich den Mund zu voll haben würde, um lauthals zu protestieren, aber ich versuche es trotzdem und verschlucke mich dabei prompt an meinem Croissant. Meine Schwester klopft mir auf den Rücken, und meine Mutter tupft sich peinlich berührt mit ihrer Seidenserviette den Mund ab, aber mein Vater redet einfach weiter. Er schwafelt davon, was für ein prachtvolles Tier er ausfindig gemacht hat und wie sehr diese Trophäe das Ansehen unserer Familie steigern wird.
Unter meiner Haut regen sich die Tiere, die ich schon erlegt habe. Zornig bäumen sie sich auf und winden sich, bis ich mir vorkomme wie ein vollgestopfter Sack, der jeden Augenblick aus allen Nähten platzt. Ich stelle mir vor, wie sich von meiner Stirn aus ein Riss bildet und meinen Körper in zwei Hälften teilt, sodass sich mein ganzes Inneres auf die Tischdecke ergießt, die Porzellanteller versaut und den Holunderblütentee entweiht. Zu guter Letzt würde dann meine leere Hülle in einem schlappen Häufchen neben meinem Stuhl liegen. Fraglich, ob mein Vater daraufhin endlich seinen Mund halten würde. Und meine Mutter ihren aufmachen.
»Die Ernennungszeremonie ist in zwei Wochen«, wende ich ein, nachdem ich endlich den Bissen meine schlagartig trockene Kehle hinuntergewürgt habe. »In nur zwei Wochen wirst du mich als deine Nachfolgerin benennen. Warum ausgerechnet jetzt?«
Mein Vater verzieht das Gesicht, bis ihm ein ausgeprägtes V auf der Stirn prangt. Und obwohl er gleich zu einer neuen Moralpredigt ansetzt – bei der ich kaum zuhöre –, gibt mir schon allein sein bewusst übertriebenes Erstaunen zu verstehen, wie lächerlich er meine Frage findet.
Die bevorstehende Ernennung ist ja gerade der Grund.
Das hätte ich wissen müssen.
Mein kaum gekautes Croissant ist noch nicht ganz in meinem Magen angekommen, als ich es mit einem neuen Protest versuche.
»Aber ich dachte …« Mehr bringe ich nicht heraus, bevor mir nach einer plötzlichen bitteren Erkenntnis die Worte im Hals stecken bleiben.
Ich hatte angenommen, die Tatsache, dass Vater mich als seine Erbin benennt, würde bedeuten, das ganze Töten hätte endlich ein Ende. Dass er zu dem Schluss gekommen wäre, ich sei jetzt stark genug und könnte nach vorne schauen. Meine neue Rolle so gestalten, wie ich es für richtig halte.
Aber da hatte ich mir wohl nur etwas vorgemacht.
»Entschuldigt mich«, sage ich, schiebe meinen Stuhl vom Tisch weg und werfe meine Serviette auf den Teller.
Ich bin schon bis zur großen Halle gekommen, als Mara mich einholt. Ich verschränke bei ihrem Erscheinen die Arme, aber meine Schwester lächelt mich nur an, mit der Hälfte ihres Mundes, die zu sehen ist. Die andere Hälfte liegt, zusammen mit ihrem linken Auge, unter einem bunten Schal verborgen.
»Haben sie dich hinter mir hergeschickt, damit ich mich nicht aus dem Staub mache?«, frage ich.
»Natürlich nicht«, erwidert sie. »Ich soll dir moralische Unterstützung geben.«
Ich schnaube verächtlich, doch der Scherz lindert meinen inneren Aufruhr ein bisschen. Ich nehme die Arme runter und werde etwas langsamer, damit sie mit mir Schritt halten kann, während ich durch die prächtigen Doppeltüren in den Innenhof hinausgehe.
Ich brauche dringend frische Luft. Allerdings kann angesichts der gewaltigen Steinmauern um das Gelände herum von Frische nicht wirklich die Rede sein. Hier draußen ist es genauso stickig wie drinnen. Wie ich diese Mauern hasse mit ihrem polierten Glanz und der übertriebenen Höhe, die ganze weitläufige Befestigungsanlage und die viel zu vielen Wachposten. Ich hasse es, wie klein sie meine Welt machen.
»Und«, fragt Mara mit aufgesetzter Fröhlichkeit, »wirst du dich aus dem Staub machen?«
Ich werfe ihr einen raschen Blick zu.
»Kommt darauf an«, erwidere ich. »Taugen deine Schuhe für eine längere Verfolgungsjagd?«
Sie zieht ihren Rock hoch und schaut nach.
»Es sind Hausschuhe«, erklärt sie mir mit der gönnerhaften Art einer großen Schwester, die auf die Albernheit der jüngeren eingeht. »Und sie sehen ziemlich empfindlich aus. Aber ich kann sie jederzeit ausziehen.«
»Und wärst du auch bereit, dich mit mir anzulegen, wenn es darauf ankommt?«, frage ich sie geradeheraus. »Würdest du den Schal vom Gesicht nehmen, um mich zu fesseln und zurückzuzerren? Würdest du notfalls Gewalt anwenden?« Mein Tonfall will nicht so ganz zu unserem harmlosen Geplänkel passen, eher zu dem herbstlichen Frost, der das Steinmosaik unter unseren Füßen überzieht.
Mara packt mich am Ellbogen, damit ich stehen bleibe. »Meinst du das jetzt ernst?«
»Und du?«, entgegne ich. »Wenn ich weglaufe, würdest du mich dann wirklich verfolgen?«
Sie schaut mich eindringlich an, während sie sich die Frage durch den Kopf gehen lässt. Ihr unverdecktes Auge erforscht meine Miene, als würde sie auf dem Markt eine Frucht begutachten, um festzustellen, ob sie auch nicht verdorben ist.
»Nein«, sagt sie schließlich.
Aber mir ist nicht entgangen, dass sie erst mal darüber nachdenken musste.
Ich schüttele ihre Hand ab und lege einen Schritt zu, während ich mir gegen die Kälte die Arme reibe, und sie wird ebenfalls wieder schneller, um mit mir mitzuhalten.
»Also wirst du es tun?«, drängt sie noch einmal.
Ich lege den Kopf in den Nacken und schaue zum Himmel hinauf, der von einer dicken Wolkendecke erstickt wird. Dahinter ist die Sonne nur noch ein matter Fleck, der verzweifelt nach Luft ringt.
Trotz allem sind die Wolken nicht dicht genug – das könnten sie auch niemals sein –, um den schleimig grünen Schimmer der Magie am nordöstlichen Horizont auszublenden. Selbst an einem so trüben Tag kriecht sie noch über die Mauern wie ätzender grüner Rostfraß, der sich an dem stahlgrauen Himmel zu schaffen macht. Ihr Licht ist so hell, dass es die Düsternis durchdringt, und so schneidend, dass es sich in mein Gedächtnis eingräbt und mich nie vergessen lässt, wie viel sich verändert hat, seit ich mich von ihr habe verschlingen lassen.
»Nein«, antworte ich. »Das war doch schließlich der Deal, oder nicht? Ein Tier pro Jahr. Ein Opfer bringen und dafür den Rest der Zeit in Ruhe gelassen werden. Ich hatte gehofft, ich könnte dieses Jahr einen Schlussstrich ziehen, aber das war eindeutig nur Wunschdenken. Warum sollte Vater jemals damit aufhören, an seinem Lieblingswerkzeug herumzuexperimentieren?« Die letzten Worte stoße ich mit besonderer Bitterkeit aus.
»Es ist immerhin besser als früher«, murmelt Mara. »Als er dich mit einem Fuchs oder einem Dachs in ein Zimmer gesperrt und erst wieder rausgelassen hat, wenn das Tier tot war.«
Der Fuchs und der Dachs in mir recken ihre kleinen Köpfe.
Köpfe, die ich mit ungeübten Kinderhänden schluchzend und verängstigt gegen Wände geschleudert habe.
»Ja«, stimme ich ihr zu. »Besser.«
Ich ändere die Richtung, aber Mara bleibt mir dicht auf den Fersen.
»Wohin gehst du denn?«, will sie wissen.
Ich zeige in eine Ecke des Geländes, und ihre Schultern entspannen sich. »Ach so. Stimmt, ja.« Sie spielt mit den Ketten um ihren Hals, und sie klirren beim Gehen. »Soll ich etwas Bindfaden besorgen?«, fragt sie schließlich.
»Ja bitte.«
Sie geht noch einmal ins Haus, und ich nehme Kurs auf die weitläufige Rasenfläche, die an den Hof grenzt. Sie ist mustergültig. Alle Halme haben die gleiche Länge, das Grün hat genau den richtigen Farbton, und die Feuchtigkeit ist perfekt für einen dichten, üppigen Wuchs.
Nicht die geringste Spur von irgendwelchen kleinen weißen Blumen, die die Gleichförmigkeit stören könnten. Aber nur deswegen, weil sie täglich aus der Erde gerissen und verbrannt werden.
Dort, wo ich hingezeigt habe, steht ein Steinofen, der schwarzen Rauch in den Himmel spuckt. Daneben liegt der heutige Haufen aus schlaffen weißen Blüten, zur Vernichtung bei Sonnenuntergang bestimmt. Man nennt sie Sternensprossen, wegen der Form ihrer Blütenblätter. Nach Ansicht meines Vaters ist es allerdings Unkraut.
Ich knie mich hin und suche mir die hübschesten raus. Die drehe ich mit den Stängeln zusammen, etwas brutaler als nötig. Als Mara mit dem Bindfaden zurückkommt, wickele ich ihn zweimal um das Sträußchen und mache dann noch eine Schleife.
Zumindest versuche ich es. Aber meine vernarbten Hände zittern heftig, und der Knoten geht immer wieder auf.
»Soll ich mal?«, fragt Mara und hält mir die Hand hin.
»Nein.« Ruckartig fahre ich zurück. »Das muss ich selbst machen.«
Sie schaut ein bisschen beleidigt drein, hält sich aber fern.
Ich zwinge meine Hände zur Ruhe, balle sie zu Fäusten, bis es wehtut, und am Ende drücke ich Mara ein Miniatursträußchen in die Hand.
»Gib das bitte der Kommandantin. Und dann kannst du Vater erzählen, ich hätte versucht zu fliehen, aber du hättest mich an den Haaren zurückgezerrt, und ich wäre gleich da.«
»Du musst nicht so bald schon reingehen«, erklärt sie. »Du könntest dir doch ein paar Stunden Zeit …«
Aber ich schüttele den Kopf. »Ich möchte es hinter mich bringen.« Denn vorher werde ich ja doch keine Ruhe finden. Werde es mir immer wieder...




