E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Teischel Das Maß der Sehnsucht
3. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8482-3648-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Versuch über das Wesen des Menschen
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-8482-3648-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Otto Teischel, *1953 in Duderstadt (Kreis Göttingen). Philosoph, Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Schriftsteller. Arbeitete als Kleinverleger, Galerist, Buchhändler, Filmkritiker, Dozent in der Erwachsenenbildung und in einer eigenen Philosophischen Praxis. Seit 2010 Psychotherapeut & Psychoanalytiker in freier Praxis in Klagenfurt am Wörthersee. Vortragstätigkeit für diverse Institutionen. Entwicklung einer Existenziellen Psychoanalyse für jede/n am Beispiel der Filmkunst im KINO. www.filmtherapie.org Kontaktdaten: Psychotherapeutische Praxis Dr. Otto Teischel Toni-Strugger-Weg 1 9020 Klagenfurt am Wörthersee 00436764246009 teischel@mailbox.org www.teischel.com
Autoren/Hrsg.
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A) DIE WEGE DER SEHNSUCHT
So wie der vorausgegangene Abschnitt die Aufgabe erfüllen sollte, auf den Grundgedanken dieses Buches und die Formen seiner Darstellung vorzubereiten – eben nicht in »das Thema« einzuführen, was unmöglich ist, weil schon jedes Wort aus ihm seine Nahrung zieht, genauso absurd wäre es, einem Neugeborenen Atemunterricht zu erteilen –, so sollen auch diese ersten Seiten eines Abschnitts bloß skizzieren, wovon er handeln wird und welche Bedeutung ihm im Rahmen des Buches zugedacht ist.
Dadurch mag sogleich der Verdacht eines vorgefertigten Plans entstehen, auch weil von Kapiteln, Einteilungen, Ober- und Unterabschnitten geredet wird und bereits ein flüchtiger Blick auf den Inhalt den Eindruck streng aufgebauter Komposition hinterläßt. Vier Hauptüberschriften sind vier Unterabteilungen zugeordnet, einem einleitenden Abschnitt scheint ein abschließender zu korrespondieren, dazwischen nichts als bestimmte Artikel und Substantive, die als Vier- oder Drei-Wort-Folge verknüpft oder gegenübergestellt sind – dahinter müsse sich ja Ordnung und System verbergen, und der gute Vorsatz sei sogleich blamiert.
Doch es war anders.
Als erstes stand nichts fest als der Titel und die in ihm bezeichnete Empfindung gleichen Namens – in umgekehrter Reihenfolge natürlich, denn bevor wir etwas bezeichnen können, muß es erst erfahren sein. Besagten Zustand erlebte ich schon längere Zeit als meinen eigenen – genaugenommen, wie ich jetzt denke, seit meiner Geburt –, aber mir fiel zunächst nichts auf als mein übermäßiger Gebrauch des Wortes, mit dem eine gesteigerte Unruhe, ein vermehrtes Getriebensein einherging – wieder andersherum selbstverständlich, das Schreiben kann offenbar die Wirklichkeit nur »verdreht« festhalten, weil es immer nachträglich geschieht.
Das heißt, die Unruhe hatte Gründe, die im Leben lagen, sie war spürbar, nicht erdacht, und hatte mit diesem Buch wie mit meinem Leben zu tun. Das wollte zuerst keine Buchform annehmen, und so konnte die Gestalt des Buches nicht lebendig werden.
Was immer blieb, war der Wunsch selbst.
Der Wunsch, über die Erfahrung dieser Situation, über die Widersprüche menschlicher Existenz und ihre gegensätzlichen Antriebskräfte zu schreiben, in dem festen Glauben, daß sich gerade darin unser gemeinsames Schicksal ausdrückt. Ohne dabei leichtfertig persönliche Not für ein allgemeines Verhängnis zu halten oder einen beliebigen Aspekt als Lebensgesetz auszugeben, ging es darum, aufmerksam der Verbindung des eigenen unstillbaren Dranges mit der Ruhelosigkeit in der nächsten Umgebung, in der Gesellschaft, ja in der Geschichte nachzuforschen, um vielleicht Parallelen oder gar einen direkten Zusammenhang zu entdecken.
Immer erst, wenn sich die eigene Erfahrung zu einem allgemeinen Eindruck verdichtet, wenn sie über sich hinaus auf ein Ganzes verweist, das nicht mehr nur die eigene Person ist, sondern schon den anderen, den nächsten einbezieht und manchmal sogar die Gemeinschaft aller, ja die Welt zu umgreifen scheint, dann drängt sie danach, sich zu äußern, wird sie Sprache oder Schrift. Und auch wo das impulsiv geschieht, wo die eigene Not oder das eigene Entzücken offenbar wieder nur Privates hervortreiben, bekundet sich noch mit jedem Äußern ein Gespür für etwas zutiefst Allgemeines: die Unvertretbarkeit der Existenz und das Recht jedes einzelnen auf seine eigene Geschichte, auf sein Leiden und seine Freude.
Dem Ausdruck zu verleihen, gibt es die vielfältigsten Möglichkeiten, vom heimlichen Tagebuch oder einem vertraulichen Gespräch, über Gedichte, Erzählungen, Romane, bis hin zu öffentlichen Vorträgen und Diskussionen, wissenschaftlichen Erörterungen und umfangreichen Traktaten. Und damit ist nur der Bereich sprachgebundener Mitteilung umrissen, unzählige Wege bieten auch alle anderen kreativen Fähigkeiten des Menschen: die Malerei, das Schauspiel, die Musik.
Wahrgenommen werden zu wollen, beachtet zu werden, weil die Tatsache der eigenen Existenz jedem zugleich sein Recht darauf verleiht, ist jenes elementare Bedürfnis, das jede Erfahrung des einzelnen trägt und begleitet, in der er sich auch als Gattungswesen begreift, als Mensch in der Gemeinschaft, als ICH in der Welt.
Ist das potentiell in jedem Augenblick möglich, verwirklicht es sich doch leider nur in Ausnahmefällen.
Denn das Empfinden der eigenen Mitte, der eigenen Bedeutung, ist zu oft schon verlorengegangen, so sehr überdeckt von Ansprüchen und Forderungen, Befehlen und Verboten, Normen und Konventionen, daß nur noch die öffentliche Rolle, die Maske des anonymen Man, einen Wert zu haben scheint und das Recht verleiht, sich zu äußern. Was persönlich bewegt, ist soweit in private Bereiche abgedrängt und herabgewürdigt, daß es sich in seiner lächerlichen Kleinheit verschweigen muß, bis es fast verstummt; und was zu verlautbaren wäre, weil es öffentlichem Interesse entspricht, erübrigt sich, weil es immer schon längst von »jemand« gesagt ist.
Die Gesellschaft, das Gesetz, die Ordnung, das System können sich zwangsläufig immer bloß selbst reproduzieren, allein die lebendige Kraft einzelner Menschen, die auf ihren Wegen zu eigenen Zielen gelangen wollen, vermag Verhältnisse zu ändern und Erstarrtes aufzulösen.
Erst im Entschluß bezeugt sich die Freiheit, im Entwurf des eigenen Lebens. Gehorsam ist auch ein Hund, und genau vorgeschriebene Aufgaben führen Roboter allemal zuverlässiger aus.
Doch geht es nicht um blinde Willkür oder Selbstverwirklichung als Eigenwert, um das Neue als das Gute – keineswegs. Das bloße Vorwärtsstreben, der unbedingte Wandel ohne Maß und Ziel, vergrößert nur den unendlichen Bestand in den Arsenalen der Machtmittel, dient nur weiterem Ausgrenzen, Übervorteilen und Erniedrigen Andersdenkender und bleibt in seiner Borniertheit eine ebensolche Gefahr für den einzelnen wie jene erstarrte Ordnung, aus der es sich zu befreien meint.
Eigene Entfaltung ist immer sogleich auf diejenige aller Menschen bezogen, auch wenn sich ein solcher Zusammenhang vielleicht nur an dem nächsten meiner unmittelbaren Umgebung erschließt; aber so wie ich auf ihn wirke und er mich beeinflußt, setzt es sich potentiell in unendlicher Reaktion fort. Nur merkt das keiner mehr, der sich selbst abhanden kam, der das Gefühl seiner eigenen Bedeutung verloren hat – und damit die Wurzel aller Werte.
Die Kostbarkeit des Lebens begreift niemand aus einem Buch, sondern sie erschließt sich aus dem Wunder des eigenen Daseins und wird dadurch zu einer universellen Erfahrung, weil in ihr wahrzunehmen ist, daß jede Existenz denselben Grundbedingungen unterliegt.
So ist die menschliche Kreativität, jenes Denken und Handeln, das oft nur noch in den eigens dafür angelegten Reservaten von Kunst und Spiel aufgehoben scheint – wobei jedoch deren Lebendigkeit durch ein solches Gettodasein wieder stark eingeschränkt wird – im Grunde der eigentliche Ausdruck unserer solidarischen Existenz. Denn Kreativität setzt den Glauben an die mögliche Gleichheit und Freiheit aller Menschen voraus, weil doch jeder mit seinem Wunsch nach Kommunikation, dem Versuch einer Mitteilung an andere – und davon lebt ja die Kunst – darauf hofft, verstanden und geliebt zu werden. So wie sie in ihrem Tun die eigene Schöpferkraft und Spontaneität ausdrückt und den eigenen Lebenswillen bezeugt, bezieht sie den Impuls für das eigene Schaffen zugleich immer auch aus der Vorstellung, etwas Allgemeines, Gültiges zu vermitteln, in dem andere entsprechende Bereiche ihrer Lebenswelt wiederentdecken können. Ursprünglich ruht sogar jede Entäußerung eines Menschen, jedes Gespräch, auf einem solchen Vertrauen, ist deshalb genauso kreativ, weil es der lebendigen Freiheit des einzelnen entstammt und dessen Versuch bedeutet, konkret Gemeinschaft mit anderen zu verwirklichen.
Tatsächlich aber ist das Bewußtsein dafür immer mehr entschwunden, sofern es überhaupt jemals anders als in Ausnahmefällen verbreitet war. Das ist nicht so sehr daran abzulesen, daß die wenigsten Menschen sich künstlerisch betätigen oder sich auch nur dafür begabt halten – denn auch das besagt noch nichts, die Kunst kann ja ebenso leicht als Herrschaftsinstrument und Abgrenzungsmechanismus mißbraucht werden. Vielmehr wird es deutlich an der mangelnden Offenheit unserer Gespräche und unserer Handlungen, daran, daß entweder fast alles Reden und Tun rein sachbezogen bleibt, funktional im Dienst bestimmter Interessen steht, oder ganz direkt auf nichts anderes abzielt als die Erniedrigung und Übervorteilung des anderen.
Das eigene Ohnmachtsgefühl versucht sich dadurch zu kompensieren, daß es andere angreift, Vorwürfe ausspricht und Fehler kritisiert, während sich selbst gleichzeitig ein Schein von Tugend und Großartigkeit beigelegt wird, was nur noch tiefer treffen soll. Dabei kann alles auf die subtilste und dafür um so perfidere Art und Weise geschehen, versteckte Sticheleien, ironische Seitenhiebe, gespielte Bescheidenheit, wohlplazierte Lügen – das Feld der Möglichkeiten auf diesem Gebiet reicht sehr...




