E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
Teller Der zehnte Fall
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-282-7
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalthriller
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
ISBN: 978-3-95576-282-7
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es ist der Prozess des Jahres: Die ehemalige Prostituierte Samara Moss ist des Mordes an ihrem Ehemann angeklagt. Mit einem gezielten Stich ins Herz soll sie den billionenschweren Industriellen niedergestreckt haben. Auf den ersten Blick scheint das Urteil bereits festzustehen: alles spricht gegen die Angeklagte. Bis Samara in letzter Minute den unkonventionellen Anwalt Jaywalker engagiert. Der würde alles tun, um seine Mandantin vor einer Verurteilung zu retten, denn auch für ihn steht mit diesem Fall alles auf dem Spiel. Doch ihm bleiben nur wenige Tage Zeit, um das Gericht zu überzeugen ...
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2. KAPITEL
Sein Name war natürlich nicht wirklich Jaywalker. Früher einmal hatte er Harrison J. Walker geheißen. Aber er hasste Harrison, ein Name, der ihm übermäßig prätentiös und elitär vorkam, seit er begonnen hatte, sich solcher Dinge bewusst zu werden. Und er hasste die Abkürzung “Harry” sogar noch mehr, die er mit Glatze, Bierbauch und dem Stummel einer alten Zigarre im Mundwinkel in Verbindung brachte. Deswegen hatte er sich vor langer Zeit selbst Jay Walker genannt, und irgendwann hatte irgendjemand Jaywalker daraus gemacht, was die englische Bezeichnung für einen unachtsamen Fußgänger war. Das fand er passend, weil er tatsächlich nie die Geduld hatte, am Straßenrand zu warten, bis die Fußgängerampel grün wurde, schließlich besaß er selbst zwei Augen, die ihm sagen konnten, ob es ungefährlich war, die Straße zu überqueren, oder nicht. Er meldete sich am Bürotelefon (seinem bald Bürotelefon) mit “Jaywalker”, reagierte ohne zu zögern auf “Mr. Jaywalker”, und wenn er auf einem Formular gebeten wurde, seinen oder einzutragen (bis heute war es ihm nicht gelungen, herauszufinden, was davon was war), schrieb er in beide Felder Jaywalker. Was dazu führte, dass er eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Briefen adressiert an Mr. Jaywalker Jaywalker erhielt. Das war ein bisschen so, wie Major Major zu heißen oder Woolly Woolly, fand er. Inzwischen war er zu dem Schluss gekommen, dass Namen völlig überschätzt wurden.
Sein Büro war eigentlich überhaupt kein Büro, sondern einer von mehreren Räumen, die um einen zentralen Flur herum angelegt waren, der wiederum abwechselnd als Konferenzzimmer, Bibliothek und Pausenraum genutzt wurde. Diese “Suite” genannte Einteilung wiederholte sich im gesamten Gebäude sowie in den Häusern der näheren Nachbarschaft und erlaubte es selbstständig arbeitenden Menschen wie ihm, auch mit knappen Mitteln einen offiziellen Eindruck zu erwecken. Für fünfhundert Dollar – fällig jeweils zum Monatsanfang – hatte er einen Raum, in den er einen Tisch und ein paar Stühle stellen konnte, eine Secondhand-Couch, einen Garderobenständer und ein paar Kartons, die er als tragbare Aktenschränke bezeichnete. Auf seinem Tisch standen das Telefon, der Anrufbeantworter, sein Computer und ein verblichenes Foto seiner verstorbenen Frau und seiner ihm nicht besonders nahestehenden Tochter. In den Kosten inbegriffen waren der genannte Konferenz-/Bibliotheks-/Pausenraum, außerdem ein bescheidenes Wartezimmer, eine Empfangsdame, Kopierer und Faxgerät, alles ungefähr Baujahr 1995, außer der Empfangsdame, die war beträchtlich älter.
Die einzigen Toiletten befanden sich im Flur neben den Aufzügen. In den Nächten, in denen Jaywalker auf dem Sofa schlief – und nachdem niemand in seiner Wohnung auf ihn wartete, war das beinahe die Regel, vor allem wenn er sich mitten in einem Fall befand –, war die Männertoilette sein persönliches Badezimmer; hier putzte er sich die Zähne und wusch und rasierte sich. Lediglich die Abwesenheit einer Dusche veranlasste ihn dazu, zwischendurch auch mal wieder nach Hause zu gehen.
Jaywalkers Suite-Kollegen waren zwei auf P. I. spezialisierte Anwälte (die Abkürzung “P. I.” stand für , Körperverletzung, eine wesentlich höflichere Abkürzung als das ebenso gebräuchliche “A. C.” für , also die Anwälte, die den Leuten bereits am Krankenwagen auflauerten); ein Einwanderungsfachmann namens Herman Greenberg, der in einem genialen Marketingeinfall seine Visitenkarte auf dem für Greencards verwendeten Papier hatte drucken lassen, woraufhin er auch gerne Herman genannt wurde; ein Konkursverwalter, der intern als “Fuck-the-Creditors”-Feinblatt bekannt war; der ältere Mann tat nichts anderes, als ununterbrochen zu rauchen und zu husten, das zu lesen und Unterschriftstermine für Grundstücksgeschäfte abzuwickeln; und eine Frau, die immerzu darauf zu warten schien, dass ihr nächster großer Fall durch die Tür marschierte, nachdem ihr letzter großer Fall vor fünfzehn Jahren sich durch ebendiese Tür verabschiedet hatte.
Jaywalker war der einzige Strafverteidiger in der Bürogemeinschaft. Aus dem einen oder anderen Grund arbeiteten Strafverteidiger fast immer allein, und jeder, der einmal versucht hatte, ein Netzwerk zu organisieren oder mehrere Strafverteidiger auch nur ein einziges Mal unter demselben Dach zu versammeln, wusste, dass es leichter war, einen Pudding an die Wand zu nageln.
Alleine zu arbeiten gefiel Jaywalker. Er war zwei Jahre bei der Legal Aid Society angestellt gewesen, einer staatlichen Einrichtung, die unvermögenden Menschen eine Rechtsberatung gewährleistete. Dort hatte er genug Kollegen und beinahe genug Bettgefährtinnen gehabt, dass es für den Rest seines Lebens reichte. Und er hatte dort gelernt, wie man einen Fall verhandelte – oder besser gesagt, wie man es tun sollte.
Nachdem er gekündigt und sich selbstständig gemacht hatte, verfeinerte Jaywalker sein Wissen immer weiter. In den folgenden zwanzig Jahren erarbeitete er sich den Ruf eines Abtrünnigen unter Abtrünnigen. Es schien beinahe so, als wollte er dem Ausdruck “unorthodox” eine ganz neue Bedeutung verleihen. Er brach jede Regel, trotzte allen Grundsätzen, die je über die richtige Verhandlung von Fällen aufgestellt worden waren, und schaffte es im Laufe der Zeit, eine Menge Staatsanwälte und normalerweise unerschütterliche Richter gegen sich aufzubringen. Doch er stellte auch eine Erfolgsbilanz auf, die außerhalb von Hollywoodfilmen ungesehen war. In einer Branche, in der die Bezirksstaatsanwälte sich mit einer Verurteilungsrate von fünfundsechzig bis fünfundneunzig Prozent brüsteten und viele Verteidiger die Worte “nicht schuldig” höchstens bei der Verlesung der Anklageschrift hörten, erreichte Jaywalker eine Freispruchrate von über neunzig Prozent.
Wie machte er das?
Hätte man ihn gefragt, hätte er es nicht ansatzweise so gut erklären können, wie er es umsetzte. Aber jedem, der ihn regelmäßig bei der Arbeit beobachtete – und die Gruppe derer, die das tat, wurde immer größer –, fiel ein spezielles Phänomen auf: Wenn die Jury sich zurückzog, um über den Fall zu beraten, hatten sie alle verstanden, verstanden, dass es nicht ihre Aufgabe war, herauszufinden, ob der Angeklagte das Verbrechen begangen hatte oder nicht. Sondern dass ihre Aufgabe darin bestand, herauszufinden, ob es der Staatsanwaltschaft gelungen war, aufgrund der oder der glaubwürdig darzulegen, dass der Angeklagte das Verbrechen begangen hatte – und zwar ohne jeden Zweifel.
Und dieser Unterschied erwies sich als erstaunlich.
Zu dem Zeitpunkt, als Jaywalker vor den drei Richtern stand, die über seine Bestrafung zu urteilen hatten, war er bereits so etwas wie eine Legende seiner Zeit in der 100 Centre Street. Für diesen Erfolg hatte er allerdings auch teuer bezahlt. Zum einen war er sich selbst gegenüber gnadenlos. Er verlangte von sich nicht nur, besser vorbereitet zu sein als sein Gegenspieler, sondern zehnmal so gut, so gut vorbereitet zu sein. Während eines Verfahrens schlief er so gut wie gar nicht, und wenn doch, dann immer mit Papier und Bleistift in Reichweite, damit er jeden noch so beiläufigen Gedanken in der Dunkelheit niederschreiben konnte, um ihn am nächsten Morgen mühsam zu entziffern. Er versuchte auf jede Eventualität vorbereitet zu sein, quälte sich mit jedem Detail und organisierte alles mit der Besessenheit des Zwangsgestörten, der er war. Wenn er nach einem weiteren Freispruch das Gerichtsgebäude verließ, schaute er hinauf in den Himmel und dankte einem Gott, an den er nicht glaubte, und betete, dass er so eine Tortur nie wieder durchmachen müsse.
Aber natürlich gab es immer ein nächstes Mal.
Sein bemerkenswerter Erfolg brachte ihm nicht nur die Bewunderung seiner Kollegen ein, sondern stellte für diese auch ein Problem dar; ungefähr so wie der Freispruch eines ehemaligen Footballstars ein Jahrzehnt zuvor ein Problem für sie gewesen war. “Wenn er das hinbekommt”, wollten ihre Mandanten wissen, “warum dann Sie nicht?” Insofern war es nicht überraschend, dass viele der Anwälte, die seiner Anhörung beigewohnt hatten – und die ihn in professioneller Hinsicht ausnahmslos bewunderten, persönlich sehr mochten und ihm von ganzem Herzen nur das Beste wünschten –, sich doch insgeheim darüber freuten, ihn wenigstens eine Zeit lang los zu sein.
Doch selbst die Erleichtertsten von ihnen fanden eine dreijährige Suspendierung eine übermäßig harte Strafe dafür, dass er einige Regeln übertreten und sich der oralen Dankbarkeit einer Mandantin nicht erwehrt hatte.
Dies alles war im September geschehen.
Jaywalker hatte bis zum darauffolgenden Juni gebraucht, um bei seinem neunten Erscheinen vor dem Disziplinarausschuss verkünden zu können, dass er fast alle seine Mandanten hatte.
Der Vierzehnjährige in dem Drogenprogramm war inzwischen fünfzehn, drogenfrei und in der Nachbetreuung. Der sudanesische Handtaschenverkäufer hatte dank der Hilfe von Herman Greencard inzwischen eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Die obdachlose Frau hatte eine Wohnung, einen Job und das Sorgerecht für ihre beiden Kinder zurück. Das ehemalige Gang-Mitglied war auf Kaution freigekommen, nach Südkalifornien abgehauen und schickte Jaywalker regelmäßig Postkarten mit knapp (oder gar nicht) bekleideten Sonnenanbetern. Die Revision des unschuldig im Gefängnis sitzenden Mannes war zugelassen...




