Templeton | Der Teufelsschatz | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 311, 144 Seiten

Reihe: Mystery

Templeton Der Teufelsschatz


1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-86349-700-2
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 311, 144 Seiten

Reihe: Mystery

ISBN: 978-3-86349-700-2
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seelenlose Blicke scheinen Jaclyn zu folgen, seit sie und ihr Vater nach Davenport gezogen sind. Sie kann es nicht erklären, aber der modrige Geruch, die toten Meerestiere ... Jemand scheint sie vor etwas warnen zu wollen. Hat es etwa mit dem legendären Piratenschatz zu tun, den ihr Vater finden will? Allmählich steigt Jaclyns Angst - obwohl ihre Freunde Jacob und Alex ihr helfen wollen. Die Zeichen werden immer bedrohlicher: Ihr Vater hat einen Unfall, dann wird jemand niedergeschlagen. Je näher Jaclyn dem Piratenschatz kommt, desto spürbarer wird die kalte Hand des Todes

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1. KAPITEL

Todtraurig blickte ihr Spiegelbild ihr entgegen, und sie fühlte sich elend. Die blonden Haare waren etwas mehr als fingerlang geschnitten und standen wirr in alle Richtungen ab. Die Augen schimmerten feucht.

So ein Mist, dachte Jaclyn, jetzt fang ich auch noch an zu heulen.

Mit dem Finger wischte sie sich eine Träne weg. Wenn sie tatsächlich so elend aussah, wäre es wahrscheinlich am besten, das Haus gar nicht erst zu verlassen. Aber das stand natürlich nicht zur Debatte.

„Jaclyn, du wirst dich zusammenreißen“, ermutigte sie sich selbst. „Es sind ja nur noch ein paar Stunden, dann hast du es hinter dir.“

Doch kaum hatte sie das ausgesprochen, fühlte sie sich noch schrecklicher als vorher. Na prima! Das war mal wieder typisch. Nicht umsonst fragte niemand sie um Rat, wenn es Probleme gab. Jaclyns Ratschläge sind echte Schläge, das hatte sie oft genug zu hören bekommen. Der Gedanke machte sie noch trauriger. Ob überhaupt jemand sie vermissen würde? Außer Jacob vielleicht, und Maggy?

Nein, das hier war alles andere als ein guter Tag. Aber so war es eben, wenn einem von heute auf morgen das ganze Leben entrissen wurde.

Und zu allem Überfluss war es auch noch eisig kalt, weil das Fenster gekippt war. Bei diesen Temperaturen wuchsen beinahe Eiszapfen am Duschkopf.

Ihrem Vater war das egal, aber sie hatte es nun einmal gern warm und liebte es, heiß zu duschen. Ob er je lernen würde, Rücksicht auf sie zu nehmen? Er hatte nur noch seine Beförderung im Kopf. Oder seine Berufung, wie er es nannte.

Toll.

Zu ihrer Frustration gesellte sich ein gutes Maß an Ärger, was die Aussicht auf diesen Tag vollends trübte. Während sie das Fenster schloss, entschied Jaclyn sich dagegen, zu duschen. Sie drehte die Heizung auf Maximaltemperatur und nahm einen Waschlappen vom Regal. Dabei stieß sie gegen ihr Haargel.

Die Dose kippte um und fiel ihr auf den nackten Fuß, direkt auf die Zehen. Der Schmerz war zwar erträglich, aber er brachte das Fass zum Überlaufen – Jaclyn konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Im selben Moment hörte sie das Knarren der Treppe. Ihr Vater kam ins Obergeschoss. Natürlich ausgerechnet jetzt.

„Jaclyn?“

Als Antwort gab sie ein undeutliches Brummen von sich; Hauptsache, er hörte nicht, dass sie weinte. Ein einziges Wort hätte ihm das wahrscheinlich verraten. Ihre Stimme würde ganz erstickt klingen, und er kannte sie zu gut, um ihr nicht sofort jede Gefühlsregung anzuhören. Manchmal hasste sie ihn dafür. Aber so war das wohl mit Menschen, die einem wirklich nahestanden. Und wen außer ihm hatte sie schon?

„Kommst du mal?“, rief er.

Na klar. Du siehst mich heulen, und das wird alles auf jeden Fall viel einfacher machen. Sie räusperte sich und drehte rasch das Wasser am Waschbecken auf. „Ich bin nicht angezogen!“

„Dann wirf dir was über. Ich muss gleich los, und …“

„Schon gut.“ Sie klatschte sich den nassen Waschlappen ins Gesicht und wischte sich die Tränen weg. Dann eilte sie zur Tür, stellte sich schräg dahinter und öffnete sie nur einen Spaltbreit – gerade so weit, dass sie in den Flur spähen konnte.

Ihr Vater trug seinen besten Anzug. Die Krawatte war korrekt gebunden, das Hemd saß perfekt. „Wie sehe ich aus?“

„Piekfein. Alle werden begeistert sein.“

„Was ist mit der Krawatte?“

„Piekfein“, wiederholte sie, leicht genervt. „Was gibt’s?“

„Ich wollte dich nur sehen, Schatz. In zwei Stunden habe ich das Gespräch mit dem Dekan der Universität.“

Jaclyn versuchte zu lächeln. „Dann beeil dich.“

„Wir … na ja … Es ist unser letzter normaler Vormittag in diesem Haus. Dein letzter Tag. Morgen ist Wochenende, das heißt, um diese Uhrzeit packen wir schon die Kisten in den Van.“

Ach, wirklich? Hinter der Tür wurde es ihr langsam unbequem. Jaclyn stützte sich mit der rechten Hand an der Wand ab. „Ob du’s glaubst oder nicht, das ist mir auch schon aufgefallen.“

„Ich wollte dich nur fragen, wie es dir geht.“

„Fantastisch.“

„Ich weiß, dass es schwierig ist. Du verlierst all deine Freundinnen und …“

„Halb so wild“, log sie. „Was sollte ich schon vermissen? Außerdem: Meinst du nicht, dass es für dieses Gespräch ein bisschen zu spät ist?“

Auf einmal sah er traurig aus. „Es gibt eine tolle Highschool in Davenport. Die Bewertungen im Internet sind alle erstklassig, und …“

Das war so ungefähr das Letzte, was sie hören wollte. „Bewertungen im Internet?“, unterbrach sie. „Super. Ist das dein Ernst?“

Er atmete tief durch, wie er es immer tat, wenn ihm unbehaglich zumute war. „Es lässt sich nun einmal nicht ändern. Wir müssen umziehen. Ich wünsche dir trotzdem einen guten Tag. Und du weißt …“

„Ja, ich weiß.“

„Ich liebe dich.“

„Ich hab dich auch lieb“, antwortete sie, ohne nachzudenken. Ich liebe dich kam ihr nicht so leicht über die Lippen wie ihrem Vater. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie es zuletzt zu ihrer Mutter gesagt, also vor mehr als zwölf Jahren, vor dem Unfall. „Aber Dad, ich muss mich jetzt fertig machen, sonst komme ich zu spät.“

„Deine Augen …“

„Was ist damit?“

„Sie sind gerötet.“

Warum war er nur so ein guter Beobachter? Ihre Freundinnen könnten sich alle wahrscheinlich farbige Kontaktlinsen einsetzen, ohne dass es ihre Väter bemerken würden. „Mir ist Seife reingelaufen. Kann ich jetzt bitte duschen gehen? Ich bin …“

„Nicht angezogen“, sagte er. „Ich weiß.“ Dabei schaute er auf den kleinen Teil ihres Unterarms, den er durch den Türschlitz sehen konnte.

Sie folgte seinem Blick. „Im Schlafanzug kann man mich wohl kaum als angezogen betrachten.“ Das klang wie eine billige Ausrede. Aber im Moment war ihr das völlig egal. „Du musst dich damit abfinden, dass ich nicht mehr dein kleines Mädchen bin.“

„Wie könnte ich auch nur eine Sekunde lang vergessen, wie alt du bist? Jaclyn, eins versichere ich dir: Wenn ein Vater eine siebzehnjährige Tochter hat, dann weiß er das ganz genau. Besonders an den Vormittagen, nachdem er am Abend vorher nicht zu Hause war.“

„Was willst du damit sagen?“

„Ach …“

„Ich werd mir schon keinen Typen ins Haus holen.“ Demonstrativ schloss sie die Tür. „Bis heute Abend“, rief sie ihm versöhnlich zu. Er hasste es, wenn sie mit ihm stritt. Meistens bekam er Probleme mit dem Magen, und sein Gesichtsausdruck wurde ungefähr so sauer wie das Sodbrennen, über das er dann klagte.

Aber egal, wie trübselig alles aussehen mochte: Jaclyn wusste, wie wichtig der neue Job für ihren Vater war. Deshalb wollte sie nicht, dass er die ersten Gespräche mit irgendwelchen vertrockneten Gelehrten der Universität in Davenport schlecht gelaunt führte.

Es reichte ja, dass sie schlechte Laune hatte. Vielleicht die schlechteste in ihrem ganzen Leben, obwohl sie allgemein sicher nicht unbedingt ein fröhlicher Mensch war.

Es regnete. Das passte wie die Faust aufs Auge. Genau das richtige Abschiedswetter für Costa Morica. Doch es konnte sie nicht trauriger machen, als sie ohnehin schon war.

Sie fuhr auf ihrem klapprigen alten Rad, dessen Schutzblech bei jeder Unebenheit im Boden schepperte. Ihre Jeans waren inzwischen klatschnass; die Regenjacke schützte wenigstens Kopf und Oberkörper. Ihre Frisur würde zwar völlig ruiniert sein, aber …

Ein Hupen holte sie brutal ins Hier und Jetzt zurück. Reifen quietschten laut auf dem Asphalt.

Jaclyn war gedankenverloren über die Kreuzung gesaust. Instinktiv bremste sie jetzt, das Hinterrad scherte aus.

Die Zeit schien stehen zu bleiben, als sie das Gleichgewicht verlor. Jaclyn kippte und stürzte auf den Asphalt. Irgendwo quietschten schrille Bremsen, doch am lautesten war das Knacken. Ihr Bein schmerzte furchtbar.

Dann ein Krachen. Wie im Kino, schoss es ihr seltsamerweise durch den Kopf. Das war das Geräusch von kreischendem Metall. Ein Auffahrunfall.

Aber vor allem ging ihr dieses Knacken nicht aus dem Kopf, das sie ganz nah gehört hatte, wahrscheinlich in ihrem eigenen Körper. Sie glaubte, es immer noch zu hören, aber aus einer seltsamen Distanz, als würde sie neben sich stehen und sich selbst beobachten. Na super. Hatte sie sich etwas gebrochen? Die Schmerzen waren jedenfalls stark genug.

Sie lag mitten auf der Straße, stützte sich ab und versuchte aufzustehen. Ihr war schwindelig. Unablässig platschten Regentropfen in die Pfützen auf dem Asphalt. Die weiße Seitenmarkierung lag nur einen Meter entfernt.

Ein Meter.

Viel zu weit.

Sie sackte wieder zusammen. Kein Wunder. Wie sollte sie auch auf einem gebrochenen Bein stehen?

Jemand packte sie erst an den Armen, dann um die Taille und zog sie auf den Bürgersteig.

„… was passiert?“

Wieder hupte es. Eine drahtige Frau in mausgrauem Rock...



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