E-Book, Deutsch, 174 Seiten
Tessin Ästhetik des Angenehmen
1. Auflage 2008
ISBN: 978-3-531-91088-8
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Städtische Freiräume zwischen professioneller Ästhetik und Laiengeschmack
E-Book, Deutsch, 174 Seiten
Reihe: Humanities, Social Science (German Language)
ISBN: 978-3-531-91088-8
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Architekten haben andere ästhetische Vorstellungen als Laien. Zudem täuschen sie sich auch über den Laiengeschmack und dies umso mehr, je weiter ihre professionellen ästhetischen Vorstellungen vom Laiengeschmack abweichen. Diese Diskrepanz zwischen professioneller Ästhetik und dem Laiengeschmack ist Gegenstand dieser Untersuchung. Es soll also einerseits herausgearbeitet werden, welche ästhetischen Ansprüche die Bevölkerung an städtische Freiräume hat, andererseits inwieweit und worin sich diese von der professionellen Ästhetik der Landschaftsarchitekten unterscheiden. Die These ist, dass diese Unterschiede gerade in den letzten Jahrzehnten eher größer geworden sind.
Dr. Wulf Tessin ist Professor für Planungsbezogene Soziologie an der Fakultät für Architektur und Landschaft an der Leibniz Universität Hannover.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Inhaltsverzeichnis;5
2;Einleitung;6
3;1. Einführung in die Rezeptionsästhetik;12
3.1;1.1 Bedingungen ästhetischer Wahrnehmung;12
3.2;1.2 Ästhetisches Erleben als gelungene Operationalisierung;17
3.3;1.3 Ästhetisches Erleben und Ideologisierung;21
3.4;1.4 Zur Individualität und Konventionalität ästhetischen Erlebens;26
4;2. Ästhetik des Angenehmen;34
4.1;2.1 Das Angenehme als rezeptionsästhetische Schlüsselkategorie;37
4.2;2.2 Freiraumtypspezifische Aspekte des Angenehmen;45
4.3;2.3 Das Interesse an ‚Gestaltung’;53
4.4;2.4 Der Freiraumbesuch ein ‚ästhetisches Erlebnis’?;60
4.5;2.5 Hochkultur im Grünen?;67
4.6;2.6 Null Bock auf’s Angenehme?;77
5;3. Kritik der professionellen Ästhetik;86
5.1;3.1 Zwischen Werk- und Rezeptionsästhetik;88
5.2;3.2 Gestalt oder Geschehen?;96
5.3;3.3 Der begrenzte ästhetische Reiz der ‚Stadtnatur’;106
5.4;3.5 Die Zwischenstadt als ästhetischer ‚Unort’?;127
5.5;3.6 Das ‚Vermittlungsproblem’ der professionellen Ästhetik;136
6;4. Die Ästhetik des Angenehmen als Entwurfshaltung;147
6.1;4.1 Zur Entwurfsrelevanz der Rezeptionsästhetik;147
6.2;4.2 ‚Geschmacksbildung’ qua professioneller Ästhetik?;155
7;Literaturangaben;165
2. Ästhetik des Angenehmen (S. 34-35)
Die dieser Arbeit zugrunde liegende ‚Ästhetik des Angenehmen’ (vgl. hierzu Tessin 2005b) basiert auf zwei wesentlichen Annahmen. Landschaftsarchitektur, sofern sie sich ‚künstlerisch-gestalterisch’ versteht, erliegt systematisch und allzu gern der Versuchung, ästhetische Fragen mit Gestaltungsfragen mehr oder weniger gleich zu setzen. Dieser Sichtweise liegt (wenn auch oft unausgesprochen) die Vorstellung, aber zugleich auch der Trugschluss zugrunde, der anspruchsvoll gestaltete Platz, Garten oder Park werde ‚besichtigt’, gewissermaßen wie ein Kunstobjekt, als ‚Werk’ ästhetisch rezipiert. Dem ist natürlich nicht so. Die Ästhetik des Angenehmen geht demgegenüber davon aus, dass der Besucher städtischer Freiräume weniger die Gestalt als vielmehr das Geschehen im jeweiligen Freiraum ästhetisch erlebt und er zugleich primär an einem ‚angenehmen Aufenthalt’ interessiert ist als an einem gestalterisch besonders reizvollen Ort.
Dieser Ansatz hat gewisse Ähnlichkeiten mit der sog. ‚psychological restoration theory’ (Calvin, Dearinger, Curtin 1972, Dearinger 1979, Kaplan, Kaplan 1989, Hartig, Mang, Evans 1991, Ulrich et al. 1991, Kaplan 1995, Korpela, Hartig 1996, Korpela, Hartig, Kaiser, Führer 2001, Purcell, Peron, Berto 2001). In deren Rahmen wurden einerseits Probanden unzählige Abbildungen von räumlichen Umweltsituationen auf dem Stadt-Natur-Kontinuum vorgelegt mit der Bitte um Auskunft, welche dieser räumlichen Situationen ihnen am besten bzw. am wenigsten gefallen würde. Natur- bzw. kulturlandschaftlich geprägte Situationen wurden, so das einhellige Ergebnis dieser Untersuchungen, den baulich bzw. städtisch geprägten Situationen ganz eindeutig vorgezogen. Andererseits wurden Probanden aufgefordert, Orte zu beschreiben, an denen sie sich besonders wohl bzw. gerade nicht wohl fühlen würden.
Hier waren es wiederum natur- bzw. kulturlandschaftlich geprägte Orte, die unverhältnismäßig häufig genannt wurden, wenn auch das ‚eigene Heim’, die ‚eigene Wohnung’ am allermeisten als der Ort genannt wurde, wo man sich am wohlsten fühlen würde. Die Befragten sollten dann ausführlich beschreiben bzw. begründen, warum sie sich an diesem oder jenen Ort so besonders wohl bzw. unwohl fühlen würden. Diese Aussagen wurden inhaltsanalytisch ausgewertet. Schnell stellte sich heraus, dass es überwiegend Orte bzw. Situationen waren, in denen Formen der psychischen Regeneration gesucht bzw. gefunden wurden. Wohlfühl-Orte sind Orte der psychischen Regeneration bzw. der ‚psychological restoration’.
Und es waren fast ausnahmslos Orte, wo keine bestimmte (interessierte) Aufmerksamkeit erfor derlich war wie etwa in Straßen, an Arbeitsplätzen, in Restaurants oder Bars. Selbst Vergnügungsparks, Sportstadien, Kinos, Zoos wurden nur ganz selten mal als Orte genannt, an denen man sich selbst besonders wohl fühlen würde. Eine genauere Inhaltsanalyse der Beschreibungen und Begründungen der Probanden ergab, dass sich der Wohlfühleffekt überwiegend in Situationen einstellte, „that involve psychological distance from aspects of one’s usual routines (…), effortless attention as drawn by objects in the environment or engaged in the process of making sense of the environment (…), immersion in a coherent physical or conceptual environment that is of sufficient scope to sustain exploration (…), and a good match between personal inclinations and purposes, environmental supports for intended activities, and environmental demands for action (…)." (Korpela, Hartig, Kaiser, Führer 2001: 576) Man könnte einen Wohlfühl-Ort also als eine räumliche Situation umschreiben, wo man von seinem Alltag ein Stück weit befreit ist (soziale Entlastung, Natur, ‚Freiheit’). Kaplan bezeichnet diesen Aspekt mit „being away" (Kaplan 1995: 174). Darüber hinaus verlangt ein Wohlfühl-Ort keine konzentrierte, sondern eine eher beiläufige Aufmerksamkeit (Übersicht, Ordnung, Vertrautheit, Sicherheit, Dauerhaftigkeit, Stimmigkeit, ‚schöne Kulisse’).




