Tessnow | Knallhart | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 156 Seiten

Tessnow Knallhart


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7641-9061-3
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 156 Seiten

ISBN: 978-3-7641-9061-3
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



An meinem fünfzehnten Geburtstag wurde ich aus dem Paradies vertrieben. Ich ging nicht allein. Meine Mutter kam mit. Besser gesagt ging meine Mutter und ich folgte ihr. Ich wäre auch geblieben, doch Klaus wollte das nicht. Seit der Geliebte seiner Mutter sie rausgeschmissen hat, ist Michael Polischka eindeutig im falschen Film. Statt Villa im Berliner Nobelviertel Zehlendorf heißt es jetzt Bruchbude in Neukölln. Und auf der neuen Schule stellen ihn Erroll und seine Rotjacken gleich vor die Wahl: Kohle oder Terror. Da scheint ein Einbruch in Klaus' Villa eine geniale Idee. Richtig gut wird das Ganze aber erst wieder, als Michael den Dealer Hamal kennen lernt. Den Drogenkurier spielen für Hamals Schutz? Kein Problem. Oder?

Gregor Tessnow, Autor, geboren 1969 in Berlin. In der 7. Klasse flog er vom Gymnasium, er machte seine mittlere Reife auf der Realschule, danach eine Maurerlehre und anschließend das Fachabitur. Sein Bauingenieursstudium brach er nach vier Semestern ab, um Schriftsteller zu werden. Bis er damit Geld verdienen konnte, arbeitete er acht lange Jahre als Taxifahrer.
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5


Der Weg nach Hause dauert eigentlich nur zehn Minuten, aber ich brauche fünfzehn, weil ich einen Umweg gehe. Der Riese und der gegelte Türke halten eine Parkbank besetzt, an der ich eigentlich vorbeimüsste. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sie auf mich warten. Die beiden sind nicht alleine, mindestens zehn oder zwölf Jungs hängen mit ihnen herum. Alle tragen die gleichen Jacken. Sie sehen aus wie eine New Yorker Gang aus den fünfziger Jahren. Ich bin eindeutig im falschen Film gelandet.

Drei Tage lang gehe ich auf dem Umweg nach Hause, Crille und Matze begleiten mich. Wir trennen uns immer vor ihrer Tür, ich gehe nie mit zu ihnen hoch. Am vierten Tag bin ich alleine, denn die beiden sind nicht zur Schule gekommen. Zwei Tage später sind sie immer noch nicht da. Obwohl die Gang heute nirgendwo zu sehen ist, nehme ich meinen üblichen Umweg. Ich bin nur noch zwei Ecken von der Flughafenstraße entfernt, als ich von hinten gepackt und in einen Hauseingang gezerrt werde. Ich stolpere, falle aber nicht. Die Hände, die mich halten, sind beeindruckend stark. Viel zu stark für meinen Geschmack. Ich schreie nicht, obwohl mir die Angst den Schweiß aus allen Poren drückt. Ich wehre mich nicht. Ich bin gelähmt.

»Was glaubst du, kleiner Wichser? Glaubst du, du kannst uns aus dem Weg gehen?«

Es ist der türkische Eddie Murphy mit dem dünnen Oberlippenbart und den schmierigen Haaren. Der Riese hält mich von hinten fest. Um uns herum drängen sich die anderen Jacken und machen Ganovengesichter. Außer dem Riesen scheinen noch drei oder vier Deutsche dabei zu sein, der Rest sind Türken.

Eddie Murphy lässt ein Messer aufschnappen. Es hat eine schmale Klinge und sieht unangenehm scharf aus.

»Du bist ein dummes Arschloch. Du kannst nicht vor uns weglaufen. Wir kriegen dich immer. Wann wir wollen und wo wir wollen. Ist das klar?«

Er legt mir die Klinge auf die Wange und sieht mich fragend an. Ich komme mir vor wie im Kino, aber was er meint, ist klarer als klar. Ich nicke ängstlich. Er lächelt zufrieden und sagt:

»Ich hab gehört, du kommst aus Zehlendorf. Reiche Arschlochgegend.«

»Wir sind nicht reich«, sage ich und höre mich dabei weinerlich an.

Sie lachen und machen Bemerkungen über meine Klamotten. Und natürlich haben sie Recht. Es muss wie ein Witz klingen, dass ich kein Geld habe. Ich trage sogar Designersocken. Dafür hat Klaus gesorgt. Es wäre ihm peinlich gewesen, wenn ich mit No-Name-Kleidung aus seinem Haus gekommen wäre.

»Gib mir dein Handy«, sagt Eddie Murphy. »Wenn du ein billiges Handy hast, glaub ich dir.«

Die anderen Jacken nicken, das ist ihnen Beweis genug.

»Ich hab gar kein Handy«, sage ich und wieder lachen alle.

Eddie Murphy gibt dem Riesen ein Zeichen und der reißt mir die Jacke samt Rucksack von den Schultern. Sie schütten meine Schulsachen auf den Boden und durchwühlen meine Jacke. Einer steckt meinen Taschenrechner ein, ansonsten finden sie nichts von Wert. In Zehlendorf hatte ich natürlich ein Handy, aber das musste ich Klaus zurückgeben. Eddie Murphy guckt mich an, als hätte ich ihm ins Gesicht gespuckt. Er packt mich an den Haaren und steckt mir die Messerspitze in mein linkes Nasenloch.

»Du willst uns verarschen, hä? Du hast gewusst, dass wir dich kriegen. Du blöder Wichser.«

Er sticht mir in die Innenseite der Nase. Ich weiß nicht, wie tief, aber der Schmerz ist unerträglich. Er zieht sich hoch bis zu meinem Auge, das sofort zu tränen anfängt. Wenn er so weitermacht, wird er jeden Moment mein Gehirn erreichen. Ich schreie und versuche den Kopf wegzuziehen, doch Eddie Murphy hält mich an den Haaren.

»Morgen bringst du dein Handy mit, klar?«

Ich stoße ein Jaulen aus.

»Außerdem zahlst du fünfzig Euro Strafe, weil du uns verarschen wolltest.«

Wieder ein Jaulen von mir.

»Das Handy und die Kohle bringst du mir, ohne dass ich nachfragen muss. Wenn ich dich suchen muss, kommen wir zu dir nach Hause und ficken deine Mutter. Ist das klar?«

Er sticht noch einmal zu, dann zieht er das Messer aus meiner Nase. Jemand tritt mir in die Kniekehlen, ich schreie und falle rückwärts zu Boden. Auf meinen Lippen schmecke ich das Blut, das mir aus der Nase läuft.

Eddie Murphy zeigt auf meine Füße.

»Zieh deine Schuhe aus. Du schuldest mir noch ein Paar.«

Ich fühle mich absolut machtlos. Schwach und klein mit dem Willen einer Marionette. Ich ziehe meine Schuhe aus und gebe sie ihm. Er steckt sie in meinen Rucksack und wirft ihn sich über die Schulter. Eine Sekunde später sind alle verschwunden und ich liege alleine im Hausflur. Meine Jacke haben sie auch mitgenommen. Erleichterung und Angst wechseln sich ab. Ich setze mich auf, lehne mich an eine Wand und heule los.

Nach Hause will ich jetzt nicht. Meine Mutter würde bestimmt ausrasten und sofort die Polizei rufen oder am nächsten Tag mit mir zur Schulleitung gehen. Ich weiß nicht, was schlimmer wäre. Wenn ich zahle, lassen sie mich wenigstens in Ruhe. Allerdings habe ich keine Ahnung, wo ich bis morgen fünfzig Euro und ein Handy auftreiben soll.

Crille und Matze wohnen keine fünf Minuten entfernt, und obwohl das nicht weit ist, schmerzen meine Füße, als ich ankomme. Wenn man auf Socken durch die Straßen läuft, merkt man erst, wie viel Dreck und Steine auf den Bürgersteigen liegen. Ich muss fünfmal klingeln, bevor sich Crille mit quäkender Stimme über die Sprechanlage meldet:

»Wer ist da?«

»Hey, Crille. Mach auf, ich bin’s, Polischka.«

Kurze Pause, dann erklingt das Summen des Türöffners. Weil meine Arme mit den Schulsachen beladen sind, stoße ich die Haustür mit der Schulter auf. Ein Radiergummi fällt dabei hinunter und rollt auf den Bürgersteig. Ich mache mir nicht die Mühe, ihn aufzuheben. Er hat sowieso immer mehr verschmiert als radiert. Kein großer Verlust.

»Woher wusstest du, dass ich es bin?«, begrüßt mich Crille an der offenen Wohnungstür.

»Das hört man doch«, sage ich keuchend, als ich die letzte Stufe zum vierten Stock erreiche.

»Ich habe extra meine Stimme verstellt, du konntest mich gar nicht erkennen.«

»Crille, lass mich erst mal rein, okay?«

Ein Hefter rutscht runter. Ich versuche ihn mit dem Ellenbogen gegen die Rippen zu drücken und erwische ihn nicht. Crille hebt ihn für mich auf und folgt mir in die Wohnung.

»Was ist denn mit dir passiert. Das ganze Blut in der Fresse. Und warum rennst du hier auf Socken rum?«

Ich lasse meine Sachen fallen und ziehe die Nase hoch. Crille zeigt mir, wo das Badezimmer ist, und lässt mich allein. Ich wasche mir das Gesicht. Die Nase hat aufgehört zu bluten. Besonders tief hat Eddie Murphy nicht zugestochen. Von außen ist jedenfalls nichts zu sehen.

Als ich ins Wohnzimmer komme, sitzen Crille und Matze vor der Playstation und spielen Kickboxen III. Erst jetzt merke ich, was für eine komische Wohnung das ist. Das Wohnzimmer ist riesig, dafür gibt es keinen Flur. Alle Zimmer und die Küche gehen direkt von hier ab, und wenn man durch die Wohnungstür kommt, steht man gleich mittendrin. Auf dem Couchtisch stehen acht offene Dosen Bier, ich schüttle eine, leer.

Crille und Matze beachten mich erst wieder, nachdem Crilles Kämpfer durch einen ultraschnellen Drehkick gesiegt hat. Ich lasse mich auf das Sofa fallen und erzähle meine Geschichte.

»Scheiße auch«, sagt Crille, als ich fertig bin. »Die werden dich nie in Ruhe lassen. Du musst zahlen, ganz klar.«

»Aber dann glauben sie nie, dass ich kein Geld habe.«

»Stimmt auch wieder.«

»Scheiße«, sagt Zwerg Matze, während ich mir ein Steinchen aus dem Hacken pule. Es ist das erste Wort, das ich von ihm höre.

»Könntet ihr mir ein paar Schuhe leihen?«, frage ich. »So kann ich zu Hause nicht auftauchen.«

»Kein Problem«, sagt Crille und stößt Matze an.

»Kein Problem,« sagt auch Matze, »ich guck mal, was wir so dahaben.«

Crille hält ihn auf.

»Hol uns doch erst mal noch ’n Bier.«

Crille grinst mich an, Matze kommt mit drei Dosen aus der Küche.

»Das ist ja warm«, sage ich, als er mir ein Bier in die Hand drückt.

»Kalt schmeckt es ätzend«, sagt Crille und knackt seine Dose. »So flutscht es besser«.

»Knallt auch besser«, sagt Matze und wir stoßen an.

Es ist das erste Bier meines Lebens und ich trinke es wie Apfelschorle. Nach drei Minuten ist meine Büchse leer. Wir rülpsen eine Weile und lachen dämlich dazu. Danach sieht die Welt schon besser aus.

»Warum seid ihr eigentlich nicht zur Schule gekommen?«, frage...



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