Tey | Ein Schilling für Kerzen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten

Reihe: Ein Fall für Alan Grant

Tey Ein Schilling für Kerzen


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70591-8
Verlag: OKTOPUS bei Kampa
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten

Reihe: Ein Fall für Alan Grant

ISBN: 978-3-311-70591-8
Verlag: OKTOPUS bei Kampa
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Westover, ein beschauliches Städtchen an der Südküste Englands. Hier wird an einem klaren, sonnigen Morgen die berühmte Schauspielerin Christine Clay tot an den Klippen gefunden. Was zunächst nach Selbstmord oder einem Badeunfall aussieht, entpuppt sich bald als Mord. Verdächtige gibt es wie Sand am Meer, allen voran der mittellose Tisdall. Er war zur Tatzeit vor Ort - und er profitiert von dem Tod des Weltstars: Kurz zuvor hat sie ihm ein stattliches Erbe zugedacht. Nachdem Tisdall spurlos verschwindet und ausgerechnet die Tochter des Polizeichefs ihn entlastet, wird der Fall noch mysteriöser: Wo war Clays Ehemann zur Tatzeit? Wie konnte die Astrologin Lydia ihren Tod vorhersagen? Und was hat der dubiose Bruder mit der Sache zu tun, dem Clay lediglich einen »Schilling für Kerzen« vermachte? Inspector Alan Grant von Scotland Yard übernimmt den Fall, der bald zum Albtraum wird: zu viele Hinweise, zu viele Motive und zu viele Verdächtige, die der Schauspielerin nichts als den Tod wünschten ...

Josephine Tey ist das Pseudonym der schottischen Autorin Elizabeth MacKintosh (1896-1952), die vor allem für ihre Kriminalromane bekannt geworden ist. Mit dem Schreiben begann sie, nachdem sie ihre Arbeit als Sportlehrerin aufgeben musste, um ihre Mutter zu pflegen, die an Krebs erkrankt war. Nach deren Tod kümmerte sich Tey um den Vater und blieb auch danach in ihrem Elternhaus wohnen. Tey lebte sehr zurückgezogen, mied Interviews und öffentliche Auftritte. Sie starb im Alter von 55 Jahren während einer Reise nach London. Ihr Roman Alibi für einen König wurde von der englischen Autorenvereinigung Crime Writers' Association zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt und 1969 mit dem Grand prix de littérature policière ausgezeichnet.
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2


Sie standen mit ernster Miene im Kreis um die Tote:Potticary, Bill, der Sergeant, ein Constable und die zwei Männer aus dem Krankenwagen. Dem jüngeren der beiden war flau im Magen, und er machte sich Sorgen, dass er sich noch blamieren würde, aber die anderen waren konzentriert bei der Sache.

»Kennen Sie sie?«, fragte der Sergeant.

»Nein«, antwortete Potticary. »Nie gesehen.«

Keiner von ihnen hatte sie je gesehen.

»Kann nicht aus Westover sein. Niemand würde aus der Stadt hierher kommen, wenn er einen schönen Strand direkt vor der Haustür hat. Muss von irgendwo landeinwärts gekommen sein.«

»Vielleicht ist sie in Westover ins Wasser gegangen und wurde hier angespült«, schlug der Constable vor.

»Zu wenig Zeit«, wandte Potticary ein. »So lang hat sie nicht im Wasser gelegen. Muss irgendwo hier ertrunken sein.«

»Wie ist sie dann hergekommen?«, fragte der Sergeant.

»Mit dem Auto natürlich«, antwortete Bill.

»Und wo ist das Auto jetzt?«

»Da wo alle ihr Auto lassen, bei der Baumgruppe am Ende der Zufahrt.«

»Ach ja?«, erwiderte der Sergeant. »Aber da ist kein Auto.«

Die Sanitäter bestätigten das. Sie seien zusammen mit der Polizei aus dieser Richtung gekommen – der Krankenwagen stehe jetzt dort –, aber es sei kein anderes Fahrzeug zu sehen gewesen.

»Komisch«, fand Potticary. »Weit und breit kein Haus, von wo man zu Fuß kommen könnte. Jedenfalls nicht so früh am Morgen.«

»Kann mir nicht vorstellen, dass so jemand überhaupt zu Fuß geht«, meinte der ältere der beiden Sanitäter. »Nobel«, setzte er hinzu, als die anderen ihn fragend ansahen.

Sie musterten die Tote einen Augenblick schweigend. Ja, der Mann aus dem Krankenwagen hatte recht; sie sah aus wie jemand, der viel Geld für sein Äußeres ausgab.

»Und wo sind denn nun ihre Kleider?« Der Sergeant klang besorgt.

Potticary erläuterte seine Theorie, dass sie die Kleider unterhalb der Flutlinie gelassen hatte und dass sie jetzt irgendwo im Wasser lägen.

»Ja, das ist möglich«, sagte der Sergeant. »Aber wie ist sie hergekommen?«

»Seltsam, dass sie allein zum Baden hier war, nicht?«, meldete sich der jüngere Sanitäter, stellte seinen Magen auf die Probe.

»Seltsam ist heutzutage gar nichts mehr«, brummte Bill. »Man wundert sich eher, dass sie nicht mit einem Gleitschirm von der Klippe gesprungen ist. Mit leerem Magen schwimmen gehen, ganz für sich allein, das machen heutzutage alle. Die jungen Schnösel gehen mir auf die Nerven.«

»Hat sie da ein Fußkettchen am Knöchel«, fragte der Constable, »oder was ist das?«

Ja, es war ein Kettchen. Eine Platinkette. Die Glieder kurios geformt. Jedes davon war ein C.

»Tja.« Der Sergeant richtete sich auf. »Bleibt uns nur, den Leichnam ins Schauhaus zu bringen, und dann müssen wir rausfinden, wer sie ist. Dürfte nicht schwer sein, so wie sie aussieht. Eine Streunerin war sie bestimmt nicht.«

»Nein«, stimmte der Sanitäter zu. »Wahrscheinlich ruft der Butler schon in heller Aufregung auf der Wache an.«

»Stimmt.« Der Sergeant war nachdenklich. »Ich wüsste ja trotzdem gerne, wie sie hergekommen ist, und was sie –«

Er hatte hinauf zur Klippe geblickt und stutzte. »Sieh an!«, rief er. »Wir haben Besuch!«

Alle schauten nach oben und sahen den Mann auf der Klippe. Er stand dort und wirkte sehr angespannt. Er beobachtete sie. Als sie hinaufblickten, wandte er sich sofort ab und verschwand.

»Ein bisschen früh für Spaziergänger«, sagte der Sergeant. »Und wieso läuft er weg? Mit dem sollten wir uns mal unterhalten.«

Aber noch bevor er und der Constable die Verfolgung aufnehmen konnten, wurde klar, dass der Mann nicht davongelaufen war, im Gegenteil. Er war nur zu dem Einschnitt gelaufen, wo die Stufen hinunterführten. Jetzt war seine schlanke, dunkle Gestalt unten angekommen, kam aus der Felsspalte herausgeschossen und mit den Armen fuchtelnd auf sie zu, rutschte und stolperte und kam dem Grüppchen, das ihm entgegensah, wie ein Irrsinniger vor. Als er sich näherte, konnten sie seinen keuchenden Atem hören, obwohl es ja keine weite Strecke war, und er war jung.

Er stolperte mitten in ihren kleinen Kreis hinein, ohne sie anzusehen, schubste die beiden Polizisten weg, die sich unwillkürlich zwischen ihn und die Tote gestellt hatten.

»Ja, das ist sie! Das ist sie, das ist sie!«, rief er, und ganz unvermittelt setzte er sich nieder und begann unter lautem Schluchzen zu weinen.

Sechs verdatterte Männer sahen ihm einen Moment lang schweigend zu. Dann klopfte der Sergeant ihm auf die Schulter und sagte, so idiotisch das war: »Ist ja gut, Junge!«

Aber der junge Mann wiegte sich nur vor und zurück und schluchzte umso mehr.

»Kommen Sie«, versuchte der Constable ihn zu beschwichtigen, »kommen Sie!« (Wirklich eine peinliche Szene an einem so schönen Morgen.) »Das hilft doch niemandem mehr. Nehmen Sie sich zusammen – Sir«, fügte er hinzu, als er das teure Taschentuch sah, das der junge Mann hervorzog.

»Eine Verwandte von Ihnen?«, fragte der Sergeant, sein zuvor geschäftsmäßiger Ton nun freundlicher geworden.

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

»Dann war sie nur eine Freundin?«

»Sie war so gut zu mir, so gut!«

»Na, immerhin werden Sie uns helfen können. Wir haben uns gefragt, wer sie wohl ist. Sie können uns das sagen.«

»Ich bin – bei ihr zu Gast.«

»Ja, aber ich wollte wissen, wie sie heißt.«

»Das weiß ich nicht.«

»Das – wissen – Sie – nicht! Hören Sie, Sir, jetzt nehmen Sie sich mal zusammen. Sie sind der Einzige, der uns weiterhelfen kann. Sie werden doch wohl den Namen der Dame wissen, bei der Sie zu Gast waren.«

»Nein, nein; ich weiß ihn nicht.«

»Wie haben Sie sie denn dann genannt?«

»Chris.«

»Und wie weiter?«

»Einfach nur Chris.«

»Und wie hat sie Sie genannt?«

»Robin.«

»So heißen Sie?«

»Ja, ich heiße Robert Stannaway. Nein, Tisdall. Früher hieß ich Stannaway«, fügte er hinzu, als er den Blick des Sergeants sah und wohl merkte, dass eine Erklärung vonnöten war.

Was der Blick des Sergeants sagte, war: »Herr, gib mir Geduld!« Seine Zunge sagte: »Das kommt mir alles ein wenig merkwürdig vor, Mr … ähm …«

»Tisdall.«

»… Tisdall. Können Sie mir sagen, wie die Dame heute Morgen hierher gekommen ist?«

»Aber ja. Mit dem Wagen.«

»So, so, mit dem Wagen. Wissen Sie auch, was aus dem Wagen geworden ist?«

»Ja. Den habe ich gestohlen.«

»Sie haben ?«

»Ich habe ihn gestohlen. Eben gerade habe ich ihn zurückgebracht. Es war wirklich gemein von mir, so etwas zu tun. Ich kam mir wie ein Schuft vor, deswegen habe ich ihn zurückgebracht. Als sie mir auf der Straße nicht begegnete, dachte ich, sie ist hier unten. Dann sah ich Sie alle hier, und etwas, das Sie umringten – oje, oje!« Wieder schaukelte er hin und her.

»Wo haben Sie mit dieser Dame gewohnt?«, fragte der Sergeant, jetzt wieder ausgesprochen geschäftsmäßig. »In Westover?«

»O nein. Sie hat – hatte, sollte ich sagen – oje! – ein Cottage. Briars heißt es. Ein Stück außerhalb von Medley.«

»Ungefähr anderthalb Meilen landeinwärts«, ergänzte Potticary, als der Sergeant, der nicht aus der Gegend war, ihn fragend ansah.

»Waren Sie da allein, oder gibt es Bedienstete?«

»Nur eine Frau aus dem Dorf – Mrs Pitts –, die kommt und kümmert sich um das Essen.«

»Verstehe.«

Eine kurze Pause trat ein.

»Also dann, Jungs.« Der Sergeant nickte den beiden Sanitätern zu, und die beugten sich nieder zur Bahre. Der junge Mann stieß einen Schreckenslaut aus und bedeckte noch einmal sein Gesicht mit beiden Händen.

»Zum Schauhaus, Sergeant?«

»Ja.«

Abrupt schnellten die Hände des Mannes zurück.

»O nein! Das können Sie nicht tun! Sie hatte ein Zuhause. Bringt man denn einen Menschen nicht nach Hause?«

»Wir können nicht den Leichnam einer Unbekannten in einen unbewohnten Bungalow bringen.«

»Es ist kein Bungalow«, verbesserte der Mann abwesend. »Nein. Nein, das können Sie wohl nicht. Aber was für ein schrecklicher Gedanke – das Leichenschauhaus. Ach Gott im Himmel!«, rief er laut, »warum musste das geschehen!«

»Davis«, sagte der Sergeant zum Constable, »Sie fahren mit den anderen zurück und schreiben den Bericht. Ich fahre mit Mr Tisdall rüber nach – wie hieß es – Briars?«

Die beiden Sanitäter schleppten ihre schwere Last über die knirschenden Kiesel, Potticary und Bill folgten ihnen nach. Erst als das Geräusch ihrer Schritte sich entfernte, sprach der Sergeant weiter.

»Auf den Gedanken, Ihre Gastgeberin beim Schwimmen zu begleiten, sind Sie also nicht gekommen?«

Einen Augenblick lang stand etwas wie Verlegenheit in Tisdalls Zügen. Er zögerte.

»Nein. Ich – nicht ganz nach meinem Geschmack, fürchte ich. Vor dem Frühstück schwimmen zu gehen. Ich – ich habe mich immer vor Sport und solchen Sachen gedrückt.«

Der Sergeant nickte, seine Miene verriet nichts. »Um welche Uhrzeit ist sie schwimmen gegangen?«

»Das weiß ich nicht. Sie hat mir gestern Abend gesagt, wenn sie früh wach ist, will sie beim Gap schwimmen gehen. Ich selbst bin auch früh aufgestanden, aber da war sie schon weg.«

»Verstehe. Gut, Mr Tisdall, wenn Sie sich so weit erholt haben, sollten wir uns auf den Weg machen.«

»Ja. Ja...


Allié, Manfred
Manfred Allié, geboren 1955 in Marburg, übersetzt seit 20 Jahren Literatur, u.a. Edith Wharton, Scott Bradfield, Ralph Ellison, Richard Powers, Yann Martel, Michael Innes und Patrick Leigh Fermor, den er »kongenial übersetzt« hat (Hardy Ruoss, Literaturclub). Für seine Übersetzung von Patrick Leigh Fermors Die Zeit der Gaben erhielt er 2006 den Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis. In seiner Übersetzung erschienen zudem Zwischen Wäldern und Wassern sowie Der Baum des Reisenden und Mani (alle drei zusammen mit Gabriele Kempf-Allié), Drei Briefe aus den Anden, Die Violinen von Saint-Jacques und Rumeli von Patrick Leigh Fermor sowie Der Prüfstein von Edith Wharton und Der verschwundene Kater von Mary Gaitskill.

Tey, Josephine
Josephine Tey ist das Pseudonym der schottischen Autorin Elizabeth MacKintosh (1896–1952), die vor allem für ihre Kriminalromane bekannt geworden ist. Mit dem Schreiben begann sie, nachdem sie ihre Arbeit als Sportlehrerin aufgeben musste, um ihre Mutter zu pflegen, die an Krebs erkrankt war. Nach deren Tod kümmerte sich Tey um den Vater und blieb auch danach in ihrem Elternhaus wohnen. Tey lebte sehr zurückgezogen, mied Interviews und öffentliche Auftritte. Sie starb im Alter von 55 Jahren während einer Reise nach London. Ihr Roman Alibi für einen König wurde von der englischen Autorenvereinigung Crime Writers’ Association zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt und 1969 mit dem Grand prix de littérature policière ausgezeichnet.



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