E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Thayne Tage in Emerald Creek
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7499-0868-4
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wo wir uns wiedersehen | Gefühlvoller Schwesternroman | Kleinstadtidylle mit großen Geheimnissen
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-7499-0868-4
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Niemand kennt dich so gut wie deine Schwester
Ava Howell schien alles zu haben. Sie verließ die Kleinstadt Emerald Creek, heiratete und veröffentlichte ihre Memoiren, die zum Bestseller wurden. Aber sie hätte nie erwartet, dass ihr Mann sie verlassen würde, sobald er von dem Geheimnis aus ihrer Vergangenheit die Wahrheit erfährt. Jetzt ist Ava wieder zu Hause in Emerald Creek und sucht Zuflucht bei der einzigen Person, die sie wirklich verstehen kann: ihre Schwester.
Nach Jahren der Heilung ist Madison Howell endlich glücklich. Das von ihr aufgebaute Tierheim erfüllt sie und auch der charmante Tierarzt Luke versüßt ihr die Zeit.
Als die Vergangenheit, die Ava und Madison hinter sich gelassen haben, alles bedroht, was sie sich aufgebaut haben, ist das Wiedersehen der Howell-Schwestern bittersüß. Sie versuchen, die Risse in ihrem Leben zu kitten und erkennen einmal mehr, dass nichts über die Liebe der eigenen Schwester geht.
RaeAnne Thayne hat als Redakteurin bei einer Tageszeitung gearbeitet, bevor sie anfing, sich ganz dem Schreiben ihrer berührenden Geschichten zu widmen. Inspiration findet sie in der Schönheit der Berge im Norden Utahs, wo sie mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern lebt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Die Gegenwart ist ein heikler Drahtseilakt zwischen Befreiung und dem Spuk der Erinnerungen, der uns auf den Fersen ist. Der Duft der Freiheit ist berauschend und beängstigend zugleich, und jeder Schritt nach draußen fühlt sich an wie ein kleiner Sieg über die Dunkelheit, die uns zu verschlingen drohte.
– Ghost Lake, Ava Howell Brooks
Madison
»Hier, lass mich das für dich machen. Du sollst keine schweren Futtersäcke alleine aus dem Regal nehmen. Nicht, dass du dir wehtust, Schätzchen.«
Angesichts der zwar gut gemeinten, wenn auch etwas misslungenen Bemühungen ihres siebzigjährigen Nachbarn gab sich Madison Howell Mühe, nicht mit den Zähnen zu knirschen.
Unter anderen Umständen hätte sie vielleicht gedacht, der alte Rancher sei frauenfeindlich, weil er annahm, dass jede junge Frau zu schwach und zerbrechlich wäre, um einen schweren Zweizentnersack Hundefutter auf ihren Wagen zu laden.
Leider wusste sie, dass dies nicht der Fall war. Calvin Warner war einfach der Meinung, dass sie es nicht konnte.
Wie konnte sie es ihm verübeln, wenn fast ihre ganze Nachbarschaft seiner Meinung war und glaubte, sie sei für immer und ewig geschädigt?
»Es ist in Ordnung. Hab ihn«, beharrte sie und klammerte sich fest an den Futtersack.
»Jetzt sei nicht so stur. Lass mich dir helfen.«
Er legte seinen Stock ab – ja, er hatte tatsächlich einen – und schubste sie fast damit beiseite.
Da sie sich nicht gleich hier im Futtermittelladen Hals über Kopf in einen griechisch-römischen Ringkampf mit einem Griesgram stürzen wollte, der Arthritis und kaputte Knie hatte, blieb Madi nichts anderes übrig, als frustriert zuzusehen, wie er den Futtersack auf ihren großen Einkaufswagen hievte.
»Danke«, sagte sie so liebenswürdig, wie sie nur konnte. »Jetzt brauche ich noch weitere fünf Säcke.«
»Fünf?« Calvin wirkte fassungslos.
»Ja. Wir haben im Moment zweiundzwanzig Hunde im Tierheim. Sie brauchen nicht zufällig einen neuen Australian Shepherd? Wir haben vier Welpen aus einem verwaisten Wurf.«
»Nein, ich fürchte nicht. Ich bin selbst Border-Collie-Vater und habe schon drei davon. Zweiundzwanzig Hunde. Meine Güte. Die machen sicher eine Menge Arbeit.«
Ja, der Arbeitsaufwand für die Pflege der Tiere im Emerald-Creek-Tierheim war unermesslich. Alle zweiundzwanzig Hunde, zehn Katzen, zwei Lamas, drei Hängebauchschweine, vier Ziegen, zwei Minipferde und ein Esel brauchten unentwegt Futter, Zuwendung, medizinische Versorgung, Auslauf, und natürlich mussten auch ihre Hinterlassenschaften entsorgt werden.
Madi machte das nichts aus. Sie liebte die Arbeit und vergötterte jedes einzelne ihrer Tiere. Nach Jahren des Träumens, Planens und Kämpfens war es für sie eine Art Wunder, dass das Tierheim nun voll einsatzfähig war.
In den letzten drei Monaten war sie auf Hochtouren gelaufen, hatte ihren Job als Tierarzthelferin und die vielen Stunden, die sie brauchte, um ihr Team von Freiwilligen zu organisieren, eine Vollzeit-Büroassistentin einzustellen und sich um die Tiere zu kümmern, unter einen Hut gebracht.
Jetzt war sie endlich bereit, ihr Vertrauen in das Projekt zu setzen. In nur wenigen Wochen würde sie ihren Job als Tierarzthelferin in der örtlichen Klinik aufgeben, um in Vollzeit als Leiterin des Tierheims arbeiten zu können.
Die Panik, die sie ergriff, wenn sie an den Sprung ins Ungewisse dachte, versuchte sie, zu ignorieren.
»Die Hunde sind pflegeleicht«, antwortete sie jetzt. »Aber die Ziegen und die Hängebauchschweine – davon will ich gar nicht erst anfangen.«
»Ich habe gehört, dass du drüben in Gene Pruitts altem Haus etwas angefangen hast. Ich hatte ja keine Ahnung, dass du bis über die Ohren mit den Tieren ausgelastet bist.«
»Ja. Wir haben das erste tötungsfreie Tierheim in dieser Gegend gegründet. Unser Ziel ist es, jedes ausgesetzte, verletzte oder misshandelte Tier in Not aufzunehmen, es aufzupäppeln und ihm ein neues Zuhause zu vermitteln.«
Er blinzelte überrascht, und seine buschigen Augenbrauen berührten sich in der Mitte. »Tatsächlich? Gibt es hier wirklich so viele hilfsbedürftige Tiere in der Nähe?«
»Ja. Zweifellos. In dieser Gegend von Idaho gibt es keine anderen tötungsfreien Tierheime. Ich bin froh, dass wir diesen dringenden Bedarf abdecken können.«
Seit Madi das College beendet hatte und nach Emerald Creek zurückgekehrt war, hatte sie sich jahrelang darum bemüht, das Tierheim gründen zu können. Sie verzeichnete ein paar Erfolge bei der Beantragung von Zuschüssen und der Suche nach nationalen und lokalen Spenden- oder Stiftungsgeldern, aber es schien immer noch ein unerreichbares Ziel zu sein.
Vor einem Jahr war das Tierheim der Verwirklichung näher denn je gekommen, als ein mürrischer alter Junggeselle aus der Gegend, der keine Familie mehr hatte, seine 20-Hektar-Farm sowie ein kleines Haus auf dem Grundstück der Emerald-Creek-Tierheim-Stiftung vermachte.
Sie war bis heute noch überwältigt von Eugene Pruitts Großzügigkeit.
Dennoch hatte es eine weitere, unglaublich großzügige anonyme Spende gebraucht, um die anfänglichen Betriebskosten des Tierheims tragen zu können, ohne das Grundstück mit einer großen Hypothek belasten zu müssen.
So hart sie auch gearbeitet hatte, um ihren Traum zu verwirklichen, es gab immer noch viele Menschen in der Stadt, die in ihr nichts anderes sahen als das arme Howell-Mädchen mit der Beinschiene und dem ständigen schiefen Lächeln.
»Danke für Ihre Hilfe, Mr. Warner«, sagte sie, nachdem sie den Transportwagen gemeinsam beladen hatten.
Er schien leicht außer Atem zu sein, und seine Hand zitterte, als er nach seinem Stock griff. Sie hätte sich nicht von ihm helfen lassen sollen. Die starke, selbstbewusste Frau, die sie sein wollte, hätte ihn höflich gebeten, weiterzugehen. Danke, aber nein danke. Sie konnte es alleine schaffen, alle Herausforderungen meistern, seit ihre Mutter gestorben war, als Madi zwölf Jahre alt war.
Doch sie hatte noch einen weiten Weg vor sich, um wirklich diese starke, selbstbewusste Frau zu werden.
»Ich bin froh, dass ich hier war.« Calvin ergriff seinen Stock. »Weißt du, sie haben hier Personal, das dir nächstes Mal helfen kann. Sie können dir die Sachen zu deinem Auto bringen. Dafür sind sie schließlich da.«
Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Das werde ich mir merken. Vielen Dank. Und wenn Sie einen Australian Shepherd brauchen, sagen Sie Bescheid. Sie sind wirklich schlaue Tiere und haben schon alle Impfungen. Dr. Gentry kümmert sich vorbildlich um jedes einzelne Tier im Tierheim.«
»Er ist ein guter Mann. Nicht ganz der Tierarzt, der sein Vater war, aber er ist auf dem besten Weg.«
Bevor sie für Luke Partei ergreifen und erwidern konnte, dass er selbst ein ausgezeichneter Tierarzt war, weiteten sich die Augen des Ranchers, und er schien plötzlich über seine eigenen Worte entsetzt zu sein.
»Es tut mir leid. Ich habe nicht nachgedacht. Ich hätte den alten Doc Gentry dir gegenüber nicht erwähnen sollen.«
Madi spürte, wie sich jeder Muskel entlang ihrer Wirbelsäule anspannte. »Warum nicht?«, brachte sie hervor.
Calvin warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu. »Du weißt schon. Wegen … wegen des Buches.«
Das Buch. Dieses verfluchte Buch.
»Meine Frau hat am selben Tag ein Exemplar gekauft, als es herauskam, nachdem sie die ganze Aufregung im Internet mitbekommen hatte. Sie ist eine eifrige Leserin. Ich nicht so sehr. Ich mag Hörbücher, aber wir haben es an einem einzigen Abend gemeinsam gelesen. Es ist furchtbar, was dir alles passiert ist.«
Madi umklammerte den Griff des Transportwagens und kämpfte gegen den Drang an, ihn umgehend zur Kasse zu schieben.
Das Letzte, worüber sie sprechen wollte, waren die Memoiren ihrer Schwester, die sich vor zwei Wochen in den Buchläden zum Dauerbrenner des Sommers entwickelt hatten und bereits auf die dritte Auflage zusteuerten.
Madi wollte nicht über Ghost Lake sprechen, nicht hören, wie andere Leute darüber redeten, nicht einmal daran denken.
»Richtig. Nun, nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe, Mr. Warner. Ich sollte jetzt weiter ein-ein-einkaufen.«
Jetzt griff sie fester nach dem Wagen und biss die Zähne zusammen.
Sie hasste ihr Stottern, das manchmal wie aus dem Nichts kam. Sie hasste es, dass ihr Mund die ganze Zeit zu einem schiefen Lächeln erstarrt war, dass sie ihre linke Hand nur teilweise benutzen konnte und dass ihr Bein manchmal komplett versagte, wenn sie die Schiene nicht trug.
Und ganz besonders hasste sie es, dass ihre Schwester ihre gemeinsame Geschichte, ihre Vergangenheit, ihren Schmerz vor der ganzen Welt offengelegt hatte.
»Pass auf dich auf«, sagte Calvin mit einer Sanftheit in seinem barschen Ton, der ihr das Gefühl gab, gleichzeitig schreien und weinen zu wollen.
»Danke«, sagte sie so freundlich, wie sie nur konnte, und steuerte den unhandlichen Wagen in Richtung Kasse.
Als sie ankam, schob die Frau, die auf einem hohen Hocker an der Kasse saß, ein Buch mit weiß-blutrotem Einband, der...




