Theisen Ontika
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8387-0674-0
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Vermächtnis des Drachen
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Reihe: Baumhaus
ISBN: 978-3-8387-0674-0
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elfen, Trolle, Drachen: Abenteuer und Magie werden in Köln lebendig!
Fesselndes Fantasy-Epos aus Köln: Deutschlands bekanntestes Bauwerk ist Schauplatz einer mitreißenden Geschichte
Für alle Leser von Kai Meyer, Christoph Marzi und Jonathan Stroud
Hochwertige Ausstattung mit Kartenmaterial
Autor steht für Lesungen zur Verfügung
'Kaum dass Dr. Helen King mit ihren Ausführungen geendet hatte und weitergehen wollte, bebte die Erde unter ihren Füßen. Die Teilnehmer der Führung durch den Kölner Dom bekamen es mit der Angst zu tun.
'Was ist das?', fragte die grauhaarige Frau panisch. Weiter kam sie nicht, und Dr. Helen King vermochte auch keine Antwort zu geben, denn die Erde selbst antwortete mit einem weiteren Beben. Es schien, als würde sich alles um sie herum bewegen und sich verschieben. Der Kirchenboden über ihnen bekam Risse, die schnell größer wurden. Steine fielen hinunter. Dann gab es einen Knall und die Erde zitterte ...'
Unter dem Kölner Dom beginnt ein fantastisches Reich: Terra. Hier wohnen Elfen und Alben, Drachen, Trolle und Zwerge. Einst bewohnten sie gemeinsam mit den Menschen die Erde, bis diese ihnen den Platz in der Welt nahmen. Seither leben die Fabelgestalten im Reich unter der Erde. Doch alle 5000 Jahre wird ein Mensch geboren, der den Drachenstab tragen soll, und die Zeit dafür ist gekommen. Ein gewaltiges Erdbeben erschüttert Köln, und in Terra geht ein Junge auf eine Reise, die das Schicksal der Domstadt für immer verändern wird ...
Mit seinem spannungsgeladenen Fantasy-Abenteuer entführt Manfred Theisen in eine faszinierende Welt voller Elfen, Trollen und Drachen - unter den Straßen der Dom-Metropole.
Autoren/Hrsg.
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Ontika, Übungsplatz
Marons Augen besaßen auch ein Weiß. Es war das Weiß der Menschenaugen. Es unterschied ihn nicht nur von den Bewohnern Ontikas, sondern von allen Wesen Terras. Denn Marons Augen sahen so scharf, dass er sogar die feinen Sandkörner am Tartunmeer unterscheiden konnte. Er zog aus seinem Köcher, den er nach Elfenart am Gürtel der Hose befestigt hatte, einen Pfeil, legte ihn in den Bogen, spannte ihn mit drei Fingern, zielte kurz und traf die Attrappe einer schwarzen Albe mitten in die Brust.
»Schnell und genau«, sagte sein Ziehvater Nangolf. »Aus dieser Albe wäre kein Blutsauger mehr geschlüpft.« In den Körpern der echten Schwarzalben verbargen sich Vampirfledermäuse. Nangolf schwang sich mit einem Flügelschlag auf den Rücken seines Einhorns Khetam. Seine bräunlichen Flügel waren schlank und wendig. Die großflächigen, zerbrechlichen Schwingen, die so manchen Elf Ontikas wie einen gigantischen Schmetterling wirken ließen, waren seit Jahrtausenden nutzlos geworden. Ein Überbleibsel aus der Zeit der Weltenwanderung, als die Elfen noch oben, auf Menschenerde, auf der Suche nach Nahrung über die Kontinente gezogen waren.
Der sonst stets gut gelaunte Elf, der das kurzgeschorene Haar eines Kriegers trug, machte eine traurige Miene. Maron traute sich nicht, ihn anzusprechen, stattdessen stieg er auf sein Einhorn und galoppierte um den Platz mit den beiden Toren, wo die Elfen und Lichtalben zum Järvemari-Fest Tuul spielten. Von hier oben konnte er ins Elfen-, Zwergen- und Albenland Ontika mit seinen Seen, Wiesen und Dörfern blicken.
Auf einem der sanften Hügel lag Schloss Ontika, unter dessen Hauptturm der Drache Fermlund wohnte. Und nicht weit davon entfernt, gesäumt von sechs knorrigen Eichen, in denen sich die kleineren Feen eingerichtet hatten, ruhte die Elfensiedlung Lindanisa. Auf dem Marktplatz rauchte der Apophyllit, ein durchscheinender Obelisk von magischer Kraft. Einst soll der Zwerg Taara ein Leben lang geweint haben, da die Menschen seine Söhne getötet hatten. Aus jenen Tränen entstanden der Sage nach die Gewässer Ontikas. Taara zu Ehren hatten die Elfen den Apophyllit gemeißelt. Von Zeit zu Zeit entzündeten sie das Feuer darunter, sodass die oberen Steinschichten abblätterten. Die Dämpfe, die dabei entstanden, gaben den Elfen Kraft.
Maron watete auf seinem Einhorn Pepan durch den Silberfluss, galoppierte an und ritt zwischen den TrollAttrappen hindurch, vor denen das Tier nicht einmal zuckte. Das war im vergangenen Jahr noch anders gewesen. Damals hatte ihn Pepan mehrmals abgeworfen. Einhörner fürchteten nichts mehr als Trolle, da diese sie bei lebendigem Leib fraßen. In einem Bogen kehrte Maron zurück zu seinem Lehrer, dessen Stimmung noch immer nicht besser geworden war.
»Was ist los mit dir?«
»Ich habe mich mit Silva gestritten«, sagte Nangolf. Elfenpaare stritten häufig, weil sie durch Streit neue Kraft für ihre Ehe gewannen und sich so wieder ineinander verlieben konnten.
»Und deshalb machst du so ein Gesicht?«
»Sie will sich von mir trennen.«
»Wie bitte?« Für Maron waren Nangolf und Silva wie seine eigenen Eltern.
»Frag mich nicht.« Nangolf stockte, dann sagte er: »Silva ist eine leere Blüte. Sie kann keine Kinder bekommen. Und nun hat sie Angst, auch noch dich zu verlieren.«
»Was redest du da? Du hast mir alles beigebracht. Wir werden immer zusammenbleiben.«
»Nein. Und das weißt du. Du brauchst nur noch etwas Erfahrung im Kampf, um deine Aufgabe erfüllen zu können. Fermlund fühlt sich müde, seine Zeit ist gekommen und er möchte bald zur Grotte reisen, um von dort zu den Lavaschluchten zu segeln, wo er im Herzen Waats seine ewige Ruhe finden kann.«
»Dann solltest du es Fermlund einfach noch nicht sagen, dass ich …«
Nangolf lächelte. »Nein, wir gehen jetzt zu ihm und erzählen ihm von deinen Fortschritten. Er wird sich freuen.«
Das Schloss war das Herz Ontikas und der erfahrene Drache Fermlund der Beschützer des Landes. Ohne ihn würden die Trolle und Kurats Ontika einnehmen und das Licht der Kristalle auslöschen, die das Land wie Sonnen erleuchteten. So hieß es schon in dem alten Elfenvers, der auf der Unterseite der Zugbrücke prangte, welche nun zum Einlass von Maron und Nangolf heruntergelassen wurde:
Es brachten die Elfen
die Augen der Sterne,
die neun Kristalle des Lichts.
Mit ihnen kam Leben.
Drum helft sie bewahren im Kampf
gegen das Nichts.
Auf dem Schlosshof warteten prächtige Kutschen mit Araber- und Einhorngespannen. »Ist heute etwa Järvemari? Oder warum gibt es hier ein solches Aufgebot an Staatskarossen?« Maron versuchte, witzig zu sein, um seinen Lehrer aufzuheitern.
»Nicht, dass ich wüsste«, sagte Nangolf kühl und nahm seinen Helm ab, der wie ein grünes Blatt spitz nach hinten zulief. Die beiden schritten am Brunnen vorbei, wo die Hofdamen mit den Kutschern tuschelten und scherzten. Zu Füßen der Elfinnen wuselten die mausgroßen Schattenfresser und saugten mit ihren spitzen Mäulern den Boden ab, denn Schatten galten am Hof als unsauber. Und auf dem weißen Marmor sah man jeden noch so kleinen Fleck. Maron mochte die possierlichen Tierchen. Manchmal, wenn es sonst keine Schatten gab, fraßen sie gegenseitig ihre eigenen.
Als die beiden den Hauptturm betreten wollten, hielt der breitschultrige Wachelf Wierland Maron zurück.
»Warum darf Maron nicht zu ihm?«, wollte Nangolf wissen.
»Weil …«, begann Wierland stockend.
»Kein Problem. Ich kann hier warten.« Maron wollte Wierland nicht in Verlegenheit bringen. Schließlich kannte er ihn gut.
»Mich interessiert es aber«, sagte Nangolf, der seinen Helm unter den Arm geklemmt hatte. »Ich mag es nicht, wenn mein Ziehsohn nicht bei mir sein darf. Wir wollen mit Fermlund reden.«
»Mag sein, dass du etwas Wichtiges zu sagen hast. Jetzt solltest du aber allein eintreten«, sagte Wierland ruhig.
Maron zuliebe blieb Nangolf gefasst und stieg ohne ihn die Wendeltreppe hinab. Unten in der riesigen Drachenhöhle warteten bereits Vertreter der Völker Ontikas. Hekar, der Obere der weißen Zwerge, war da, ebenso der hitzige Albenkönig Lortan, der Helm, Schild und Kettenhemd trug. Die Elfenfürstin Karmine war zurzeit krank und befand sich am Tartunmeer, wo sie von den Druidinnen gesund gepflegt wurde.
Die Völker der Versammelten lebten alle in Ontika, dem südlichen Teil Terras. Der gesamte nördliche Teil hingegen wurde von Trollen im Westen und Kurats im Osten beherrscht. Während die Trolle somit die kühleren Gebiete mit Namen Pansakur ihr Eigen nannten, war das Kuratreich Silamäe von brennenden Lavaflüssen durchzogen, über denen stets der Geruch von Schwefel lag.
Maron schaute sich derweil im Schlosshof um. Sein Blick fiel auf den Westflügel, den die Feen bewohnten. Die feinen Wesen mit den Puppengesichtern reichten Maron gerade mal bis zur Hüfte, aber ihr kräftiges Haar war lang wie sein Arm. Es wuchs schneller als jede Blume und war wegen seiner Stärke und Belastbarkeit wertvoller als Garn oder Seilfaser.
Die Zugbrücke wurde erneut mit einem Rasseln der Ketten heruntergelassen. Eine von sechs Einhörnern gezogene Kutsche fuhr vor, gefolgt von einem kräftigen, bärtigen Kerl auf einem stabilen Titurel. Das bullige Tier hätte die Kutsche zur Not auch allein aus einem Schlammloch ziehen können. Nur noch das stumpfe Buckelhorn erinnerte an die Verwandtschaft dieser eigenwilligen Rasse mit den feingliedrigen Einhörnern. Titurele kannten keine Angst, und sein Reiter sah auch nicht so aus, als sei er zart besaitet.
Er stieg ab, zog seinen schlichten erdfarbenen Umhang gerade und schritt zur Kutsche. Für einen Elf war er an Händen und Nacken ungewöhnlich stark behaart. Als er die Klinke herunterdrückte, sah Maron, dass in seinem kurzen Zopf etwas schwarz Glänzendes eingewoben war – ein Stein, ein Schwarzopal mit einem grünen Katzenauge in der Mitte.
»Du bleibst gefälligst hier«, drang eine helle Stimme aus der Kutsche.
»Ich will aber mit«, erklärte eine andere Stimme frech, die dünn wie ein Faden war.
»Wenn Enite sagt, du sollst in der Kutsche bleiben, dann bleibst du in der Kutsche«, mischte sich der bärtige Kerl mit dem Katzenauge ein – er klang genervt von dem Passagier.
Maron hätte sonst was dafür gegeben zu erfahren, wer in der Kutsche saß. Doch seine Neugier sollte nicht gestillt werden, denn Wierland tippte ihm von hinten auf die Schulter und befahl: »Du sollst nach unten zu Fermlund kommen.«
Als Maron zögerte, sagte der Wächter: »Sofort!«
Maron kannte jede der 256 Stufen der Wendeltreppe, so oft war er schon bei seinem Lehrer gewesen. Der Drache lebte in einer Höhle aus Granit. Das feuerfeste Gestein war reich an Quarzen und Mineralien, die es ausströmte und die Fermlund wie Vitamine über seine Schuppen aufnahm. Ebenso labte er sich am Brunnen, der ihm jenes flüssige Gold spendete, von dem er sich in seiner Höhle ernährte. Die Schuppen waren seine Haut und sein Schutz. Sie waren so hart, dass aus ihnen Schilde für die Krieger geschlagen werden konnten, wie jenes, das Nangolf auf seiner Brust trug.
Als Maron Fermlund sah, ahnte er schon, dass etwas nicht stimmte. Bevor er jedoch danach fragen konnte, hörte er Schritte hinter sich, und der behaarte Kerl, der eben die Kutsche geöffnet hatte, kam eilig die Treppe hinunter, gefolgt von einem weiblichen Wesen mit spitzen Elfenohren.
»Enite!«, rief ihr Fermlund über Marons Kopf hinweg erfreut zu. »Ihr und Ezeras habt es also doch noch geschafft.«
Enites schlichtes, weit geschnittenes Kleid war aus sandfarbenem Leinen gearbeitet und...




