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E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Theurer Getröstet

Ein geistlicher Begleiter für den Umgang mit schwerer Krankheit bis zum Tod
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7751-7528-9
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein geistlicher Begleiter für den Umgang mit schwerer Krankheit bis zum Tod

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-7751-7528-9
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Meine Zeit steht in deinen Händen Eine Krankheit, die lebensbedrohlich ist. Kein Zurück in ein normales Leben. Das Fragenkarussell im Kopf dreht sich unaufhörlich: Wie geht es weiter? Warum lässt Gott das zu? Wie lange habe ich noch zu leben? Was kann ich noch aus meinem Leben machen? Was gibt mir Halt? Gudrun Theurer ist mit diesem Buch eine sensible Begleiterin durch diesen Prozess und alle Fragen, die sich für den erkrankten Menschen und sein Lebensumfeld stellen können. Mit Einblicken in den psychologischen Bewältigungsprozess öffnet sie Verständnis für diese besondere Situation. In biblischen Perspektiven zeigt sie Trost und Hoffnung. Hoffnung, im Angesicht des Todes. Hoffnung, weil Jesus den gleichen Weg gegangen ist. Ein Buch, das den Weg bis zum Schluss mitgeht und auch den unangenehmen Fragen nicht ausweicht. Lebendig, aktuell, wegweisend, mit der Kraft einer unzerstörbaren Hoffnung.

Gudrun Theurer (Jg. 1963) wohnt im Raum Augsburg. Sie ist Dipl.-Theologin mit Zusatzausbildungen in Palliative Care und Trauerbegleitung. 2020 schloss sie ein Masterstudium Spiritualität ab. Sie arbeitet als Palliativseelsorgerin in Augsburg. Darüber hinaus ist sie als Dozentin in der Ausbildung von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Hospizarbeit tätig und als Referentin zum Thema Spiritualität gefragt. Sie ist verheiratet und hat erwachsene Kinder. Es ist ihr ein Anliegen, mit Menschen über religiöse Themen ins Gespräch zu kommen und Spiritualität so zu entfalten, dass diese im Kontext heutiger Lebenswirklichkeit lebendig wird.
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[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Zweites Kapitel:


AUSZEIT – UM SICH SELBST ZU FINDEN


GEWORFEN AUF SICH SELBST


Im Volksmund heißt es oft: »Geteiltes Leid ist halbes Leid.« Gemeint ist damit eine Solidarität, die sich bereits in der Vergangenheit oft genug bewährt hat und auch in der Gegenwart immer wieder guttut. Und dennoch: Es gibt die Situationen, durch die man nur allein durchkann – gerade in Krankheit und Leid. Man kann hier von einer verschwiegenen Einsamkeit des Leidenden sprechen – und um diese soll es in diesem Kapitel gehen.

Diese Einsamkeit beschrieb ein Mann in einer Angehörigengruppe einmal so: »Oft zieht sich meine Frau in ihr Zimmer zurück – ganz plötzlich. Sie will dann niemanden sehen.«

Solche Phasen des Rückzugs gehören zum Prozess einer schweren Krankheitsbewältigung dazu, sie sind vielen Menschen ungewohnt und anstrengend – zugegeben. Aber es ist weitaus anstrengender, sie zu missachten oder gar zu verdrängen. Das Verstummen und der Rückzug sind oft wichtige Schritte, um in der Tiefe der eigenen Seele tragfähige Kraftquellen für den weiteren Weg zu finden. Man kann auch sagen: Es ist die Stille, in der ein Mensch das innere Geheimnis seines Lebens berührt.

DIE PASSIONSGESCHICHTE: DER WEG JESU


Die biblische Überlieferung erzählt von einer Zeit der Ruhe, die Jesus suchte. Er ging zum Ölberg, er ging nach Gethsemane. Schon oft hatte Jesus sich zurückgezogen. Immer dann, wenn er erschöpft war, ihm körperliche und seelische Kraft fehlte, er seine Gedanken sammeln oder sich bewusst auf Gott hin ausrichten wollte, sonderte er sich ab vom Lärm und der Geschäftigkeit des täglichen Lebens.

Vermutlich war ihm der Garten auf dem Ölberg von früheren Besuchen in Jerusalem vertraut. Jetzt kehrte er dorthin zurück – in der Hoffnung, hier die nötige Kraft zu finden für das, was kommen sollte.

Am Beispiel Jesu zeigt sich, was aus der Stille heraus erwachsen kann: Mut und Zutrauen, Kraft und Perspektive, den kommenden Weg – sei es in das neue Leben nach schwerer Therapie oder die Vorbereitung auf den Abschied – gestärkt zu gehen.

Dann nahm Jesus sie [seine Jünger] mit in einen Olivenhain mit dem Namen Gethsemane. Dort sagte er zu ihnen: »Bleibt hier sitzen, während ich ein Stück weitergehe, um zu beten.«

Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes, nahm er mit. Er war sehr traurig, und schreckliche Angst quälte ihn. Er sagte zu ihnen: »Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir.«

Matthäus 26,36-38

Er ging ein Stück weiter und warf sich zu Boden. Dann betete er […]

Markus 14,35a

»Mein Vater! Wenn es möglich ist, lass den Kelch des Leides an mir vorübergehen. Doch ich will deinen Willen tun, nicht meinen.«

Matthäus 26,39b

Da erschien ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Aber er war von Angst erfüllt und betete noch heftiger […] Schließlich stand er auf und ging zu den Jüngern zurück, die, erschöpft vor Kummer, eingeschlafen waren.

Lukas 22,43

[Er] sah, dass sie eingeschlafen waren. […] Und wieder ließ er sie zurück und betete: »Mein Vater! Wenn dieser Kelch nicht an mir vorübergehen kann, dann geschehe dein Wille.«

Wieder ging er zu den Jüngern zurück und sah, dass sie schliefen, denn sie konnten ihre Augen nicht offen halten.

Matthäus 26,40-43

Und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.

Markus 14,40b

Da ging er ein drittes Mal fort, um zu beten, und sprach die gleichen Worte.

Dann kehrte er zu den Jüngern zurück und sagte: »Schlaft ihr immer noch? Ruht ihr euch immer noch aus? Nun ist es so weit.«

Matthäus 26,44-45a

Die verschiedenen Erfahrungen, die Jesus in der Einsamkeit von Gethsemane machte, zeigen sowohl sein inneres Ringen mit dem bevorstehenden Leidensweg als auch das Erwachsen der Kraft, diesen zu gehen. So können sie Mut machen, an der Seite Jesu auch dem eigenen Leid zu begegnen.

Ein Ort der Ruhe

»[…] in einen Olivenhain mit dem Namen Gethsemane.«

Am Fuß des Ölbergs jenseits der Flusses Kidron gelegen – so wird uns der Ort beschrieben, zu dem Jesus mit seinen Jüngern ging. Vermutlich war es ein kleines Landgut mit dem aramäischen Namen gat s ´mani, übersetzt Ölkelter.33 Ob es ein schöner, idyllischer Ort war? Wir wissen es nicht. Vielleicht beschreibt der Name Ölkelter auch, was Jesus in dieser Nacht empfunden haben mag.

Der Theologe Manfred Köhnlein schreibt dazu: »Jesus fühlt sich gekeltert, ausgepresst wie eine Ölfrucht, «34 zerrieben unter den Mühlsteinen des Lebens, die Gott ihm nun zumutet. Jesus erlebte, was man heute in der Psychologie als »tiefe Niedergeschlagenheit«35 und in Bezug zum menschlichen Leid sogar als »Ich-Auflösung«36 bezeichnen kann.

Mein Leben ist ausgeschüttet wie Wasser und meine Knochen haben sich voneinander gelöst.

Psalm 22,15

So drückt es der Psalmist im Psalm 22 aus und gibt damit all denen eine Stimme, die ähnliche Not erleiden. Die Bildersprache der Psalmen bietet die Möglichkeit, dass ich in den vorformulierten Worten meine je eigene Not erkennen und betend vor Gott bringen kann.

In unserem Zusammenhang könnte dies heißen: »Was ich einmal war, zerrinnt vor meinen Augen! Einsammeln möchte ich es, das Zerfließen aufhalten und schützend bewahren, was noch ist.«

In diesen Bildern finden sich nicht nur viele schwer kranke Menschen wieder, sondern auch diejenigen, die einen schwer kranken Menschen begleiten und die Grenzen ihrer seelischen und körperlichen Kraft – trotz aller Liebe zu ihrem Tun – schmerzlich erfahren.

Sowohl Kranke und Leidende als auch Angehörige und Freunde, ja, letztlich wir alle werden dazu ermutigt, auch für uns selbst solche Orte der Stille zu suchen, an denen wir zur Ruhe kommen können, um in eigenen Worten oder in Worten der reichen christlichen Tradition auszudrücken, was uns bewegt, und uns betend Gott zu öffnen.

Vertraute Gemeinschaft stärkt

»Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes, nahm er mit.«

Es waren die drei treuen Weggefährten, die Jesus noch ein kleines Stück weit begleiten durften. Warum gerade sie?

Wir können es nur vermuten. Mit Petrus, Jakobus und Johannes verbanden ihn besondere Lebenserfahrungen. Auf dem Berg Tabor waren sie Zeugen seiner unmittelbaren Gottesbegegnung gewesen (vgl. Matthäus 17,1-9). Sie hatten gesehen, wie sein Gesicht leuchtete, der Himmel sich gleichsam öffnete und Mose und Elia gegenwärtig wurden.

Nun bat er sie: »Bleibt hier und wacht mit mir.«

Er wünschte sich Menschen an seiner Seite, die aus eigener Gotteserfahrung heraus der Empfindung »Meine Seele ist zu Tode betrübt« standhalten konnten.

Bis heute ist es eine bleibende Erfahrung, dass es in Zeiten großer Not guttut, Menschen an der Seite zu haben, die um geistliche und spirituelle Kraftquellen wissen. Sie können nicht nur Halt gebende Gesprächspartner, sondern zugleich glaubende und betende Zeugen Christi sein.

Sie werden nicht billig vertrösten und auch nicht resigniert den Glauben über Bord werfen, sie werden nicht nur zum Durchhalten auffordern, sondern dem Leidenden Zuversicht und Kraft geben, indem sie – manchmal auch schweigend – die Gottesgegenwart durch ihr Gebet und ihre Fürbitte bezeugen. Sie sind Menschen, zu denen ich sagen kann: »Bleibt hier und wacht mit mir.«

Momente – nur für sich selbst

»Er ging noch ein bisschen weiter […]«

So tröstlich eine innige Gemeinschaft mit anderen Menschen auch sein mag – auch ihr sind Grenzen gesetzt. Jesus spürte das. Er allein musste finden, was ihm die bleibende Kraft geben konnte, den vor ihm liegenden Weg zu gehen. Niemand konnte ihm das abnehmen. Und so ließ er auch seine engsten Vertrauten, die ihm bis dahin wichtige Gefährten gewesen waren, für kurze Zeit zurück, um noch ein Stück weiter in die Einsamkeit des Gartens hineinzugehen.

»Wir hatten nie Geheimnisse voreinander und jetzt zieht mein Mann sich vor mir zurück.«

Es ist kein Zufall, dass uns dies hier so genau geschildert wird. In großer Ehrlichkeit geben uns die Evangelien Einblick in eine Not, die Angehörige und leidende Menschen oft voreinander verstummen lässt: das Gefühl, dem Leidenden nicht zur tiefsten und letzten Trostquelle werden zu können. Viele Menschen verletzt dies.

Jesus zeigt in seiner Leidensgeschichte, dass es einen wesentlichen Aspekt der Leidbewältigung gibt, den der Betroffene allein finden muss und finden kann: den tiefsten und letzten Trost, den Menschen nicht geben können. Es geht um eine tragende Selbstvergewisserung, eine letzte Geborgenheit, die sich nicht mehr im Wesen dieser Welt erschöpfen kann, sondern der Qualität des Ewigen bedarf. Nelly Sachs wusste um die Kraft des Gebetes, als sie diese Zeilen verfasste:

Die Klagemauer –
im Blitz eines Gebets
stürzt sie zusammen.

Gott ist ein
Gebet weit
von uns entfernt.37

Die Grenzen der Begleitung

»[…] die, erschöpft vor Kummer, eingeschlafen waren.«

»Diese Aussage hätte glatt von mir kommen können«, sagte einmal eine Frau in der Bibelgesprächsrunde, »schlafend und erschöpft vor Kummer; das war ich oft in der jahrelangen Pflege meines Sohnes.«

Die seelische Not vieler Angehöriger...


Theurer, Gudrun
Gudrun Theurer (Jg. 1963) wohnt im Raum Augsburg. Sie ist Dipl.-Theologin mit Zusatzausbildungen in Palliative Care und Trauerbegleitung. 2020 schloss sie ein Masterstudium Spiritualität ab. Sie arbeitet als Palliativseelsorgerin in Augsburg. Darüber hinaus ist sie als Dozentin in der Ausbildung von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Hospizarbeit tätig und als Referentin zum Thema Spiritualität gefragt.
Sie ist verheiratet und hat erwachsene Kinder.
Es ist ihr ein Anliegen, mit Menschen über religiöse Themen ins Gespräch zu kommen und Spiritualität so zu entfalten, dass diese im Kontext heutiger Lebenswirklichkeit lebendig wird.

Gudrun Theurer (Jg. 1963) wohnt im Raum Augsburg. Sie ist Dipl.-Theologin mit Zusatzausbildungen in Palliative Care und Trauerbegleitung. 2020 schloss sie ein Masterstudium Spiritualität ab. Sie arbeitet als Palliativseelsorgerin in Augsburg. Darüber hinaus ist sie als Dozentin in der Ausbildung von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Hospizarbeit tätig und als Referentin zum Thema Spiritualität gefragt.
Sie ist verheiratet und hat erwachsene Kinder.
Es ist ihr ein Anliegen, mit Menschen über religiöse Themen ins Gespräch zu kommen und Spiritualität so zu entfalten, dass diese im Kontext heutiger Lebenswirklichkeit lebendig wird.



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