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Thiede | Chance für alle - Anonyme Bewerbung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 120 Seiten, virtuell (Internetdatei)

Thiede Chance für alle - Anonyme Bewerbung


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-451-80518-9
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 120 Seiten, virtuell (Internetdatei)

ISBN: 978-3-451-80518-9
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sollten persönliche Eigenschaften wie Aussehen, Alter oder Herkunft bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz eine Rolle spielen? Während in anderen Ländern bereits seit langem anonyme Bewerbungsverfahren üblich sind, gibt es bei uns nun immerhin erste Erfahrungen. Basierend auf einem Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) bietet dieses Buch spannende Reportagen und Interviews aus verschiedenen Perspektiven.

Rocco Thiede arbeitet als Autor und Fotograf. Zuvor war er bei der WELT, bei SAT.1 und bei der Bertelsmann-Stiftung tätig.
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»Plötzlich löste der Stau sich auf!«


Von Martin Ahrends

Michael Bus fährt durch den sehr frühen Morgen. Er hatte gedacht, die Piste sei leer um diese frühe Stunde, aber es gibt offenbar genug Berufstätige, die schon jetzt auf dem Weg zur Arbeit sind, genug Transportunternehmen, die diese raren Stunden nutzen wollen, da man »noch durchkommt«. Als die Morgendämmerung hereinbricht, wird der Verkehr zäh und zäher. Nach einer Stunde Fahrt bleibt Michael Bus im Stau stecken, und das ganze Unternehmen des heutigen Tages scheint ihm aussichtslos. So aussichtslos, wie es ihm von Anfang an erschienen war. Hatte er nicht schon am Morgen das Gefühl gehabt, das bringt sowieso nichts?

»Ich weiß es noch, als wäre es heute gewesen: Ich bin um halb sechs aufgestanden, wollte natürlich nicht zu spät kommen, saß also mit meiner Frau beim Frühstück und sagte: ›Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust dazu. Das ist zwar jetzt ein erstes Kennenlernen, aber – das bringt doch sowieso nichts.‹ Ich wollte erst gar nicht hin, aber dann habe ich mir gesagt: Gut, jetzt hast du extra einen Tag Urlaub genommen, jetzt fährst du auch! Dann stand ich zu allem Überfluss noch im Stau.«

Ist das ein schlechtes Vorzeichen, dass er jetzt nicht vorankommt? Sollte es so kommen? Er hat nie etwas darauf gegeben – auf äußere Zeichen. Auf seine Intuition schon eher. Und die hat selten getrogen, mit ihr ist er bisher eigentlich immer gut gefahren. Er hatte meistens den »richtigen Riecher«, hatte beruflich Erfolg und vieles im Leben erreicht. Aber neuerdings ist irgendwie »der Wurm drin«; schon seit einigen Monaten sucht er eine neue Beschäftigung, und es will und will nicht klappen. Weil er die Gründe nicht kennt, die ihm in den Absagen natürlich nie mitgeteilt werden, beginnt er an seiner Intuition zu zweifeln, an seinem guten Stern. Trotz des »guten Bauchgefühls« bei einigen Bewerbungen hat es dann am Ende doch nicht geklappt. Das ist neu für ihn und frustrierend, umso mehr, als er bisher recht erfolgsverwöhnt war. Er bewirbt sich zwar weiter und geht auch zum Vorstellungsgespräch, wenn er eingeladen wird, aber an die Stelle von hoffnungsvollen Gefühlen tritt jetzt immer mehr ein gewisses Pflichtbewusstsein. Oft ist es nur noch Routine, wenn er sich jetzt bewirbt. Die guten Gefühle, die großen Erwartungen haben sich inzwischen merklich zurückgezogen, um nicht wieder und wieder eine Enttäuschung zu erleben.

Nun steht er im Stau, und zum ersten Mal wird ihm bewusst, dass er auch in einer allgemeinen Hinsicht »im Stau« steht. Ist das Lebensschiff auf Sand gelaufen? Wie kann er es wieder flott bekommen? Wenn er nur wüsste, was in den Personalabteilungen vorgeht, wie dort die eingehenden Bewerbungen gesichtet und sortiert werden, welche Kriterien wirklich entscheidend sind! Er war sich seiner Stärken und Schwächen immer bewusst, aber diese Sicherheit ist ihm in den letzten Monaten abhandengekommen. Er weiß nicht, was er falsch macht. Und was er vielleicht doch richtig macht, weiß er auch nicht. Wie viel Zufall ist da im Spiel? Ist es wirklich so, dass inzwischen die lukrativen Stellen unter der Hand vergeben werden und Ausschreibungen nur noch reine Formsache sind? Ist er schon zu alt – mit Ende dreißig? Das Bewerbungsverfahren war immer eine Blackbox, aber das hat ihn nicht gestört, solange er Erfolg hatte. Jetzt möchte er doch allzu gern wissen, was in dieser Blackbox abläuft.

»Der potenzielle Arbeitgeber gibt über das Warum seiner Absage keine Auskunft. Ich war im Management eines Callcenters beschäftigt, und dort sind wir ähnlich verfahren mit den Bewerbern: Wir haben uns Fotos angeschaut, wir haben uns das Alter angeschaut, den beruflichen Vorlauf… Und hatten dann zu entscheiden, oft nach Gefühl. Wir hatten zum Beispiel das Gefühl, bei dem oder dem Auftraggeber können wir nicht einen Älteren einstellen, der nicht so technikaffin ist. Man wollte auch keine Frau mit Ende Zwanzig einstellen, weil man da vermuten konnte, dass sie vielleicht wegen einer Schwangerschaft ausfallen würde… Das waren die Dinge, die ich im Kopf abgespeichert hatte. Und so habe ich selbst immer wieder über Bewerber mit entscheiden müssen, ohne dass ihnen etwas über das ›Warum‹ mitgeteilt wurde.«

Michael Bus hat selbst in der Personalwirtschaft gearbeitet, er kennt die Bevorzugung jüngerer Bewerber aus eigener Erfahrung: In der Firma, in der er über die Einstellung von Callcenteragents mit zu entscheiden hatte, waren ungebundene, flexible Leute gefragt, die loyal waren und keine allzu großen Ansprüche stellten. Diese Art von Verfügbarkeit nimmt mit dem Lebensalter ab. Was zunimmt, ist die Berufserfahrung, aber die spielte bei den Agents kaum eine Rolle; sie mussten sich ohnehin auf immer neue Firmen und Produkte umschulen lassen.

Was zählt nun seine eigene langjährige Berufserfahrung? Was zählt seine Erfahrung mit den Beschäftigten in einem Callcenter? Und wo wird diese Erfahrung gebraucht? Jetzt wünscht er sich mehr Transparenz und vor allem mehr Gerechtigkeit bei diesen Bewerbungsverfahren. Immerhin ist er ja schon durch die Vorauswahl gekommen, und wenn man erst einmal eingeladen wird, besteht doch Hoffnung… Michael Bus gewinnt wieder Zuversicht: An der Abfahrt nach Düsseldorf löst sich der Stau plötzlich auf, jetzt geht es flott voran, vielleicht kommt er doch noch rechtzeitig zu seinem Vorstellungstermin bei der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Seine Bewerbung bei der BA Düsseldorf ist eher einem Zufall geschuldet: Weil sich in seinem Callcenter auch immer mal Leute von der Arbeitsagentur vorgestellt hatten, ist ihm eingefallen, er könnte sich – nach all den frustrierenden Absagen der letzten Monate – doch einmal auf deren Website umschauen. Und was er dort findet, hätte er ohne eigene Initiative wohl kaum herausbekommen.

»Wir haben ja auch ganz viele Callcenteragents über Zeitarbeitsfirmen oder die Agentur für Arbeit bekommen. Da habe ich mir gedacht: Wo kommen diese Leute eigentlich alle her? Und bin mal auf die Internetseite der Arbeitsagentur gegangen. Wenn die BA so viele Menschen zu uns schickt, habe ich mich gefragt, was haben die dann selbst so an Stellen zu bieten? Über die Verlinkung ›Über uns‹, fand ich den Satz: ›Auch wir stellen ein.‹ Dort habe ich gesehen: ›Berufspsychologischer Service‹–da wurden Psychologen gesucht. Aber es gab auch einen Link ›Ausbildung‹, ›Traineeprogramm‹. Da stand, dass das Alter keine Rolle spielen würde, die Berufs- und Lebenserfahrung hingegen sei sehr wichtig. Und die kann nur einer haben, der nicht mehr 18 ist. Das fand ich schon ganz sympathisch. Dann gab es den Hinweis, dass es sich um ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren handeln würde, und das fand ich zumindest fair. Im Grunde hatte ich gar keine Lust mehr, ich dachte: Das bringt eh’ nichts. Es war der vorletzte Tag der Bewerbungsfrist, an dem ich dann meinen Bewerbungsbrief geschrieben habe. Ich dachte, Hauptsache weg damit! Ich habe nicht daran geglaubt oder irgendwelche Hoffnungen daran geknüpft, aber ich wollte das Ding im Briefkasten haben. Mehr aus Prinzip.«

Michael Bus hat die Bewerbung auf den letzten Drücker abgesendet, jetzt stellt er sich vor, wie man das Datum des Poststempels beim Empfänger begutachtet, wo die Bewerbungen alle zusammenlaufen. ›Der hat es aber nicht eilig gehabt‹, wird man dort denken, oder: ›Der hat erst den Hintern hochgekriegt, als es fast zu spät war.‹ Aber vielleicht auch...


Thiede, Rocco
geb. 1963, ist als Journalist und Fotograf für Tages- und Wochenzeitungen, den DLF und viele ARD-Hörfunksender zu den Themen Gesellschaft und Soziales tätig.

geb. 1963, ist als Journalist und Fotograf für Tages- und Wochenzeitungen, den DLF und viele ARD-Hörfunksender zu den Themen Gesellschaft und Soziales tätig.



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