E-Book, Deutsch, 120 Seiten
Thiede Himmlische Freude
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-374-07713-7
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vom tiefen Glück des Glaubens
E-Book, Deutsch, 120 Seiten
ISBN: 978-3-374-07713-7
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Himmlisch! Strahlt nicht allein dieses Wort schon Freude aus? Und trägt nicht umgekehrt Freude oft genug eine Berührung mit jenem Umgreifenden in sich, das größer ist als unsere Welt? Die spirituelle Dimension von Freude zu erkunden, ist lohnend und macht Freude. Werner Thiede; der bereits vor Jahrzehnten ein Buch über »Das verheißene Lachen« und 2023 »himmlisch wohnen« veröffentlicht hat, zeigt hier nun kompetent, wie der Horizont der Ewigkeit im Zeichen der biblischen Freudenbotschaft neue Lebenskraft und Hoffnung eröffnet. Er beleuchtet die mystische Dimension von Freude, ermutigt zu »positivem Glauben« und untermauert seine Ausführungen durch Beispiele aus der Kirchengeschichte – von Franziskus bis Bonhoeffer. Himmlische Freude bedeutet eine Glückseligkeit, die schon hier auf Erden beflügeln kann.
Werner Thiede ist Pfarrer im Ruhestand, apl. Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und nach wie vor aktiver Publizist (www.werner-thiede.de). Zuletzt hat er nach etlichen Sach- und Fachbüchern auch eine Gesamtausgabe seiner christlichen Lieder herausgebracht: »In Ängsten – und siehe, wir singen! Glaubenslieder« (2023).
Autoren/Hrsg.
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Freude ist mehr als eine Emotion. Wer sich nach Frohsinn, Glück und positivem Gestimmtsein sehnt, ist oft nicht nur auf ein schönes oder angenehmes Empfinden aus. Vielmehr hängt Freude aufs Engste zusammen mit einem würdigen Anlass, Gegenstand oder Gegenüber. Das heißt: Glückserleben lässt sich nicht auf eine Gefühlsart reduzieren – so wenig Lach-Kurse, in denen mehr oder weniger mechanisch gelacht wird, nachhaltig glücklich machen. Wer sich freut, braucht dafür einen anregenden und überzeugenden Grund. Ohne einen solchen Grund wirkt Freude aufgesetzt, künstlich und ist dann jedenfalls weder erfüllend noch tragfähig. Dabei geht es auf der Suche nach Freude doch letztlich um nicht weniger als um den Gewinn von Lebenskraft aus der Ewigkeit!
»Jede wirkliche befreiende Freude wächst ja aus dem Überschwang des Herzens und nicht aus einem von außen her gekitzelten Zwerchfell, das sofort wie ein leerer Fahrradschlauch in sich selbst zusammensinkt, wenn es nicht ständig wieder von außen her aufgepumpt und von den Unterhaltungsmasseuren geknetet und beklatscht wird.«
Helmut Thielicke
1852 starb mit dem Tübinger Psychologie-Professor Carl August Eschenmayer einer der letzten Vertreter der Alten Schule: Er hat noch argumentiert, die Seele sei unsterblich und rage ihrem Wesen nach über die Endlichkeit hinaus, ja sie sei das Organ für die allerhöchste Dimension, die sogar noch oberhalb der Dimension des Ewigen liege: die Dimension der Seligkeit. Wird es nicht gerade in unserer Epoche wieder höchste Zeit, sich auf diese weisheitliche Perspektive zurückzubesinnen?
Ist der Anlass oder Grund einer Freude irdischer Natur, also vergänglich, mehr oder weniger kurzlebig, so mag die dadurch erzeugte Erheiterung, Unbeschwertheit oder Beglückung vorübergehend aufmuntern – doch insgeheim wohnt auch noch in solch positivem Fühlen hintergründig das Bewusstsein seiner Hinfälligkeit. Deshalb sind die vergänglichen Freuden freilich keineswegs schlecht zu reden oder pauschal gering zu schätzen. Vielmehr ist gerade von theologischer Warte aus zu betonen: Sie zählen zu den Gaben, mit der Gott der Schöpfer seine Schöpfung gerne ausgestattet hat und die er seinen Kreaturen im Prinzip herzlich gönnt. Liegt nicht ein Zauber in der Welt, den selbst Gottlose manchmal spüren?
Problematisch wird es freilich, wenn irdische Freuden als Selbstläufer betrachtet oder gar vergötzt, also nicht mehr in ihrem Zusammenhang mit dem Schöpfer und Vollender der Welt gesehen und genossen werden. Und wenn von daher der Mensch selbst sich zum maßgeblichen Glücksproduzenten oder Freudengarant erheben zu müssen meint – was ihn auf die Dauer notgedrungen überfordern und in Lüge oder Verzweiflung stürzen muss. Ist nicht der kritische Zustand unseres Planeten in diesem Sinne Ausdruck eines materialistischen Glücksstrebens, mit dem der Mensch gewiss bewundernswerten Fortschritt erzeugt und doch seine gesamte Lebenswelt an den Rand des Abgrunds getrieben hat?
»Ihr werdet euch freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.«
1. Petrus 1,8–9
Man kann gewissermaßen von einer „verzweifelten Freude“ reden, die den Gottesglauben negiert oder ignorieren zu können meint und alle Lebenslust bewusst oder unbewusst auf nihilistischem Hintergrund zu genießen versucht. Sie stellt ungefähr das Gegenteil von himmlischer Freude dar. Die aber gibt es eben auch – jene stärkende, beglückende Freude von Menschen, die um den tragenden Grund des alles Umgreifenden, des Sinngebers und letzten Zieles vertrauend und hoffend wissen. Solch himmlische Freude beflügelt und beseligt zutiefst – in Tiefen der Seele, die von den irritierenden Strömungen des jeweiligen Lebensganges kaum erschüttert werden können.
Odo Marquard hat 1978 in einem Aufsatz mit dem Titel „Glück im Unglück“ eine „Theorie des indirekten Glücks“ vorgelegt: Er geht von der Feststellung aus, dass menschliches Glück stets nur Glück im Unglück ist. Tatsächlich sind Glück und Freude auf dieser Welt immer umgeben und durchkreuzt von Antagonisten der Freude. So etwas wie vollkommene Freude scheint es von daher nicht geben zu können – und wenn doch, dann eben allein als himmlische, die freilich in unser Leben auf dieser Erde hereinragen kann. Aber von daher stellt sich Marquard zufolge dann die schwerwiegende Frage, wie Gott, dem vollkommene Freude zu attestieren wäre, zusammengedacht werden sollte mit all der Freudlosigkeit, ja all dem Leid in seiner Schöpfungswelt.
So mündet ernsthaftes Nachdenken über die Freude in die sogenannte Theodizeefrage: Wie kann Gott in seiner wesenhaften Güte und Vollkommenheit – denn man darf ihn ja schon vom Begriff her doch nicht, wie Friedrich Nietzsche das versucht hat, quasi als „Teufel“ denken – Leid und Böses zulassen? Wie passt die mit dem verheißenen Gottesreich zu assoziierende Glückseligkeit zu all dem Unglücklichsein in der seufzenden, schmerzensgeplagten Welt, vom Höllengedanken noch ganz zu schweigen?
Weil solche Fragen weithin ohne Antwort geblieben sind, hat sich unsere Kultur gutenteils des Gottesglaubens entledigen zu können gemeint. Philosophen und Theologen haben gar vom „Tod Gottes“ gesprochen – und es von daher dem Menschen überlassen, ob und wie er sich auf den Gedanken der Transzendenz überhaupt noch einstellt. Damit hat unsere ach, so aufgeklärte Kultur freilich auch dem Gefühl tiefer, ja vollkommener Freude zunehmend entsagt. Selbstgemachtes Glück ging dementsprechend mit mancherlei Religionsersatz einher.
»Endlich wehrlos geworden gegen die Freude, die nach Hause zeigt, werde ich leben in hohem Raum, eingehüllt in Geborgenheit, umlagert, befriedet, gesegnet von überallher.«
Michael Trowitzsch
Tatsächlich ist dort, wo der Himmel leer geworden, der göttliche Horizont weggewischt ist, die Dimension himmlischer Freude verloren gegangen – ja obendrein zugleich die Furcht davor, sie zu verfehlen. Es gibt da im Grunde keine wahre Freude mehr, so wie es dann überhaupt keine feststehende Wahrheit und auch kein letztes Gericht über die Unwahrheit mehr gibt, sondern nur noch Relativismus. Dessen Wahrheitsanspruch aber taugt selbst nichts mehr, denn wenn es keine absolute Wahrheit mehr gibt, wie sollte dann der Relativismus absolut wahr sein?
Wahre, himmlische Freude ist nur dort möglich, wo die Welt in ihrer Begrenztheit wahrgenommen und gerade deshalb über sie hinaus gedacht wird – und zwar nicht etwa sich auf ein umfassendes Nichts ausrichtend, so dass in der Konsequenz die Welt doch wieder für sich bliebe, sondern alles Geschaffene positiv transzendierend! Der Gottesgedanke stellt sich insofern angesichts des Weltgedankens wie von selbst ein – freilich als ein eventuell zu negierender, aber zunächst als ein einleuchtender, froh zu glaubender. Transzendenz erfreut im Kern. Aber kaum dass ihr Licht aufleuchtet, erscheint doch mit ihr zusammen das Bewusstsein der Entfremdung von ihr. Es bedarf keiner gesonderten Offenbarung, um als Mensch unmittelbar und vielleicht nur unbewusst zu spüren, dass zwischen dem ewigen, heiligen Gott und seinen Geschöpfen eine Trennung klafft, ein bitterer Spalt, der die mögliche Freude an Gott dämpft oder gar zunichte macht. In religiöser Terminologie ist da von Schuld und Sünde die Rede, vom menschlichen Ungenügen und vom göttlichen Gericht.
»Ich freu’ mich durch des Jahrs und durch des Lebens Zeit, Und aus der Zeit hinaus mich in die Ewigkeit.«
Friedrich Rückert
Freilich setzt genau hier die biblische Freudenbotschaft an. „Fürchte dich nicht“, heißt es hunderte Male in der Bibel. Das Evangelium verkündet die von Gott geschenkte Versöhnung. Im Namen des Gekreuzigten und Auferstandennen ist Friede geworden zwischen Gott und Mensch (Kol 1,18–20). Die Transzendenz ist in Christus erfreulich transparent geworden: Sie hat sich hier glaubwürdig als Liebe offenbart. Dieser Botschaft vom göttlichen Retter nicht zu glauben, dieses Friedensangebot auszuschlagen hieße, der denkbar tiefsten Freude abzusagen. Und Ja zu sagen zu irdischer Traurigkeit, zu allenfalls nihilistischer Fröhlichkeit, die in ihrer durchschaubaren Tristheit dann allein übrig bleibt.
Dabei ist das Ja zur Christus-Botschaft weder ein dümmliches Glauben im Sinne von unbedarftem Nichtwissen noch naive Wunschprojektion. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hat zwar Ludwig Feuerbach den Gottesglauben psychologisch als eine Äußerung des menschlichen Glückseligkeitstriebs zu entlarven versucht. Aber dabei hat er nicht hinreichend bedacht, woher dieses Getriebensein, diese Sehnsucht nach himmlischer Freude stammt. Und mit den Attributen „dümmlich“ und „naiv“ könnte man mit mindestens gleichem Recht den negativen Glauben belegen, der atheistisch oder...




