Thiede | Human Punk For Real | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 150 Seiten

Thiede Human Punk For Real

Eine Autobiografie [Deutschsprachige Ausgabe]
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86287-138-4
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine Autobiografie [Deutschsprachige Ausgabe]

E-Book, Deutsch, 150 Seiten

ISBN: 978-3-86287-138-4
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ich war noch keine zwölf Jahre alt, als ich 1976 das erste Mal von diesem 'Neuen Ding' aus England hörte: Punk Rock! Etwas ganz neues, rotziges, revolutionäres. Eine musikalische und verbale Revolution gegen das Establishment! Ein Faustschlag, mitten ins Gesicht vom dahinsterbenden Love Song-Gedudel! Ich war sofort fasziniert oder besser gesagt: infiziert! Es fing an mit den Sex Pistols und The Damned - doch als ich Jean Jaques Burnels Bassgitarre bei 'Good bye Toulouse' von den Stranglers hörte, war es komplett um mich geschehen! Bis heute hat Punk für mich seine Power und Energie nie verloren, und ich liebe all diese Songs wie am ersten Tag! In diesem Buch möchte ich die Anfänge der Punk-Bewegung in Bremen beschreiben. Über die ständigen Auseinandersetzungen mit rechten Skinheads, und wie man jeden Penny zusammenkratzte, um nur bei jeder guten Show dabei zu sein - zuerst in Bremen, dann in anderen deutschen Städten, dann im gelobten England, sowie später in Kalifornien. Für mich ist es heute noch ein niemals endendes Abenteuer, und ich bin letztendlich 2012 in der Bay Area 'gelandet'. Ich werde im Dezember 2014 fünfzig Jahre alt, und Punk Rock ist nach wie vor die einzige Art von Musik, die mir ständig Gänsehaut macht. Und das wird sich, wie bei vielen 'Infizierten', bis zum letzten Atemzug auch nicht mehr ändern!

Marco Thiede, geboren 1964, schreibt über seine Entdeckung des Punkrock, und wie diese Musik sein Leben veränderte. Er beschreibt seine Erlebnisse seit dem Ende der 70er Jahre bis heute, in denen er von Bremen aus viele Reisen zu Konzerten und Treffen unternahm und dadurch in Kalifornien gelandet ist ...
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Autoren/Hrsg.


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1976-1989


Bremen-Nord war schon ein eigener Stadtteil für sich. In den 70ern waren die meisten in meiner Schulklasse oder Fans.

war wirklich meine Band. Ab und zu spielten sie in Ilja Richters Disco, samstagabends im zweiten Deutschen Fernsehen. Es kam vor, dass der Sänger Brian Conolly (RIP), das Mikrophon zerbrach und in die Ecke schmiss. Oder, dass Mick Tucker, der Drummer, sein Schlagzeug nach dem Song demolierte. Das war dann am nächsten Tag im Pausenhof das Thema Nummer eins.

Hits wie „Blockbuster“ oder „Hellraiser“ sind heute immer noch gern gehörte Kracher. Zu der Zeit als dann die hässlichste Band der Welt, die , die Charts stürmten, wurde es leider auch um meine Lieblingsband sehr komisch. Auf einmal spielten nur noch fuckin‘ Love Songs. Der Höhepunkt der Grausamkeit war dann „Fever of Love“. WTF!

Und dann tauchte da plötzlich, wie aus heiterem Himmel, eine neue musikalisch richtig aufregende Sache aus England auf. Da gab es Artikel in der über dieses abschreckende Ding aus England: Punk Rock!

Das schlug ein wie eine Bombe. Millionen Menschen waren angewidert über das, was sich auf einmal in der britischen Musikszene auftat. Zum Glück gab’s aber unzählige Verrückte und Aufgeweckte, die auf so etwas jahrelang gewartet hatten.

Sofort waren mein Klassenkamerad Voller und ich infiziert. Uns hielten damals viele für verrückt, aber es dauerte nicht lange, da sah man den einen oder anderen der auch mitmachte.

So langsam ging‘s ans Eingemachte und man machte sich auf den langen Weg ins Viertel (Bremen-City). Das dauerte damals, dank der schlechten Busverbindungen, bis zu zwei Stunden. Auf Flohmärkten konnte man hier schon einige Punk-Records erhaschen. Nicht lange, und es gab ‘nen Plattenladen namens , der sich sehr auf Punk Rock konzentrierte. Unglaublich, dass da dann auch noch nette, hübsche Punkmädels hinterm Tresen arbeiteten.

Was für Paradiesvögel!

Julia und Sabine posen im Govi-Schaufenster. [Foto: W. Wiggers]

Ich werde nie vergessen, wie ich dann zuhause mit meinem Bruder „Good bye Toulouse“ von den hörte. Was für ein Bass. Ich hatte so ein Instrument eigentlich noch nie so richtig wahrgenommen. Hammer! Mein Bruder mochte das auch, hasste Punk aber dann aus irgendwelchen Gründen.

Kutter ca. 1979

Irgendwann traf ich dann so ‘nen Typen, den ich immer -Fan nannte, weil er auf seiner Jacke stehen hatte. Als ich ihm dann zurief: Ey, -Fan, entgegnete er mir: Ich bin kein -Fan mehr! Ich bin jetzt -Fan und höre jetzt Punk Rock! Das war Wanne aus HB-Nord. Ein ewig Gestriger. So wie ich.

Im Viertel gab’s dann auch schon Punk- oder Waver-Läden wie das . Man war jedes Mal froh, wenn man einen Punk zu Gesicht bekam. Was für ein Abenteuer damals!

Es war nicht wirklich einfach für uns Bremen-Norder. Ich bin 1964 geboren und war damals zwölf als alles losging. Geld hatten wir eh kaum und der Weg nach Bremen war sehr lang und teilweise noch länger, wenn man Bier getrunken hatte und aus ‘m Bus raus zum Pinkeln musste. Zum anderen hatten wir noch lange Haare, und man hatte das Gefühl, dass einen die Stadtpunks eher verachteten, da sie schon kurze Haare oder Spikes hatten. Dann kam noch hinzu, dass man als Jungspund abends immer zeitig zuhause sein musste, was immer weniger klappte.

Nahe dem berüchtigten Sielwalleck im Bremer Ostertor-Viertel gab’s dann die erste offizielle Punkkneipe namens . Am Wochenende war dort tierisch was los und wir knüpften unsere ersten Kontakte zu Punks aus Oslebshausen - was zwischen Bremen-Nord und der City lag. Aber auch die Oslebs misstrauten uns noch anfangs, der Haare wegen und wegen unserer übergroßen, selbstgemachten „Tellerplaketten“.

Nur einer war von Anfang an äußerst cool zu uns. Hank aus Ritterhude. Ich erinnere mich, dass ich ihn mal auf ‘m Konzert getroffen habe, wo er sich die Haare mit grünem, fluoreszierenden Autolack gespiked hatte! Leider ging das nicht lange gut und er musste sich ‘ne Glatze schneiden.

Durch Hank erfuhr ich dann auch über ein anstehendes Punk-Konzert im Ohlenhof in Gröpelingen.

Am 22. September war es endlich soweit. Mein allererstes Punk-Konzert mit zwei Bands aus Braunschweig: , (die später wurden) und (die sich später in umbenannten). Was für eine Show! Und so viele Punks von überall! Ich war wie im siebten Himmel.

Bombed Bodies

Mein Vater holte mich während der Show direkt vom Konzert ab. Ich war so begeistert, dass ich mir erst ‘mal Bier in die Haare schüttete und ihn in den Konzertraum zwängte! „Das musst du sehen“, stammelte ich. Doch leider konnte er meine Begeisterung überhaupt nicht mit mir teilen und war extrem geschockt.

Der Grundstein für war gelegt…

Mich konnte nix mehr bremsen. Die Punkbewegung auch nicht.

Immer mehr Plattenläden wie Ear, Schallplatte, JPC vertickten Punkscheiben. Fanzines wurden gemacht und es gab immer mehr Konzerte.

Der war das erste Fanzine. Es folgten die , der etc. es dauerte nicht lange, da machte ich mein eigenes Fanzine: – Auflage: zehn Stück. Danach , mit ähnlich großer Auflage.

Irgendwann fuhren meine Eltern in den Urlaub. Als sie zurückkamen, waren meine Haare ab. Meine Mutter war geschockt. Mein Vater fand‘s eher gut. Ich weiß noch wie gestern, dass meine Schulkameraden mich wie ‘nen Außerirdischen angeschaut haben. Eigentlich war ich vorher genau das Gegenteil, und es war immer ein Drama, wenn meine Mutter mir die Haare schneiden wollte.

Punk Rock fand nun auch immer mehr in den Medien statt. Die widmete der neuen „Welle“ monatlich eine Seite. Thomas Gottschalk, der deutschen Omas Lieblingsschwiegersohn, moderierte die Fernseh-Musikshow: ... wo man , , , und andere Bands bewundern konnte. Leider nie die S, dafür aber .

Das Coole bei Iggys Auftritt war, dass er sich gereckt und gerekelt hat, dass aber sein Mund geschlossen blieb. Da das ja meist eh Playback war, dachte er wohl - warum nicht. Ich denke, das war mal ‘ne äußerst peinliche Situation fürs Deutsche TV!

In Bremen gründeten sich so einige Bands: , , (Bremens einzige Frauenband seither!) , S, , , , S, , , und, und, und...

Substral [Foto: W. Wiggers]

In der sowie in der und natürlich im gab’s die ersten auswärtigen Bands zu bewundern: aus Hamburg, (später die berühmten ) immer wieder gern gesehen mit , ‘ner englischen Band, die bei Bielefeld lebte, (später ), (später , und (beide aus Hannover), u.s.w.

Es gab da auch so ‘nen mysteriösen Typen, den ich nur auf zwei Punkshows in der Marienwerder Straße (Gröpelingen) gesehen hatte. Er war komplett wie Spiderman gekleidet und hielt sich immer im Hintergrund. Ab und an hatte er dann seinen kurzen Pogoabdreher und sämtliches Mobiliar neben ihm wurde in akribischer Weise zu Kleinholz geraspelt. Echt beeindruckend. Keiner weiß, wer er war, oder woher er kam.

Vielleicht war er ja der echte Spiderman…

In den Medien ging‘s dann immer mehr ab. Die Cops standen überhaupt nicht auf Punks und es gab ständig Reibereien und Festnahmen. In Hamburg machten die Teds den Punks schwer zu schaffen, und es wurde ständig in Zeitungen über diesen Bandenkrieg gehetzt.

Wir hatten auch Teds in Bremen. Einige davon kannten wir sogar persönlich. Wir fanden es zu dusselig auf einmal irgendwelche Teds zu attackieren, nur weil die Presse es forderte. Es gab nur einen von den Teds in Vegesack, der eher das Hamburger Modell bevorzugte. Als ich ihn mir dann eines Tages vorknüpfen wollte, floh er hastig in einen Schuhladen. Das war dann unser Bandenkrieg in Bremen. Der sogenannte Popperkrieg sollte folgen, war aber eigentlich ebenso schwachsinnig und nicht besonders erwähnenswert – im Gegensatz dazu, was uns später mit den rechten Skinheads erwarten sollte!

Im Oktober 1979 sorgte Sid Vicious mit dem angeblichen Mord an Nancy Spungen weltweit für Aufsehen. Mein Vater stellte mich zur Rede, während er mir die Vorderseite der -Zeitung mit Sid Vicious vor die Nase hielt. Was sollte ich dazu sagen?

In England und anderswo gab es derweil unzählige geniale Bands:



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