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E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Thiel Nachtfahrt


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-99200-304-4
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-99200-304-4
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Johannes, Lukas, Markus und Matthäus kennen einander seit dem ersten Schultag und sind, obwohl sie von Temperament und Wesen unterschiedlicher nicht sein könnten, eng befreundet. Diverse Frauengeschichten, bewusstseinsverändernde Substanzen und eine Leiche später finden sie sich auf einem rasanten Roadtrip wieder, der für die vier gänzlich anders verläuft als geplant. Georg Thiels neuer Roman steht unter dem Motto 'Die Katastrophe fängt damit an, dass man aus dem Bett steigt' und ist, ungeachtet der Namensgebung seiner Protagonisten, alles andere als ein Evangelium. Darüber hinaus auch viel kurzweiliger.

Georg Thiel, geboren 1971, lebt als freier Autor und Ausstellungskurator in Wien.
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Die Versuche, Markus zu erreichen, später Luke, da ihm als Zeitangabe zu unpräzise erschienen war, waren gescheitert. Keiner hob ab. Verärgert ging er die Straße entlang, überlegte, was er als Nächstes tun könnte. Blumen. Er würde Blumen für Markus’ Neue brauchen.

Das Geschäft hatte bessere Zeiten gesehen. Die Türglocke schepperte. Nichts. Er rief. Ein nachlässig gekleideter junger Mann schlurfte herbei. Der Teint fahl, die Haare strähnig. „Ja?“, fragte er desinteressiert. Die Größe seiner Pupillen passte nicht zu den Lichtverhältnissen. Ein Resozialisierungsprogramm für Junkies, vermutlich.

„Ich brauche einen Strauß.“

„Tatsächlich?“ Es klang herablassend. „An was haben Sie gedacht?“

Johannes nannte einen Preis.

„Also keine ernsten Absichten“, meinte der Junkie. „Oder Armenbegräbnis?“

Johannes sagte, er würde gerne mit dem Geschäftsführer sprechen.

Der Junkie jaulte auf: „Bitte, bitte nicht!“

„Schon gut“, beschwichtigte Johannes.

Der junge Mann wandte sich ab und begann ein paar Blumen zusammenzubinden. Das Ergebnis war eher kümmerlich.

„Ich möchte, dass Sie noch etwas dazugeben. Schleierkraut oder so.“

Die Augen des Junkies verengten sich zu schmalen Schlitzen. Schleierkraut habe er nicht, aber etwas anderes … Der Herr möge sich einen Augenblick gedulden … Als er zurückkam, trug er Handschuhe. Der Strauß sah jetzt viel besser aus. Üppiger. Johannes betrachtete ihn mit Wohlgefallen. Der Junkie wickelte ihn mit übertriebener Sorgfalt in Papier und Cellophan. Dabei kicherte er unentwegt. Johannes interpretierte es als Folge des Drogenkonsums.

Mit dem Strauß in der Hand schlenderte er die Straßen entlang und dachte an mögliche Ausstiegsszenarien. Hinaus aus dem Institut, hinaus aus der Wohnung. Dazu eine neue Gefährtin. Sie sollte gut aussehend sein, belesen und ein heiteres Wesen haben. Im Alltag möglichst unsichtbar. Am besten mit einer Wohnung, groß genug, dass man sich bei Bedarf aus dem Weg gehen könnte. Er sah auf die Uhr. Viel zu früh für ein Abendessen. Es begann zu regnen.

Wenig später hatte er sein Ziel erreicht. Ein Neubau. Er betrachtete ihn eingehend. Wo Menschen nicht überall wohnten … Er sollte ehebaldigst ausziehen, wollte er nicht Gefahr laufen, in seinem Mausoleum zugrunde zu gehen. Aber in so einem Gebäude würde man womöglich noch schneller umkommen. Keine Erfahrung, die man aus eigenem Erleben machen musste.

Der Regen wurde stärker. Lange stand er unter dem Vordach vor der Gegensprechanlage, las Namen wie Seidenschwang, Braun, Datz, Grimminger, Gierbauer, Petzendorfer und versuchte sich die dazugehörigen Personen vorzustellen. Sie gerieten allesamt unerfreulich.

Plötzlich war da ein Knurren. Johannes schreckte hoch. Er wurde von einem Herrn mit Hund angestarrt. Der Hund war groß. Ein Molosser. Lektüreerinnerungen kamen hoch: Chiffon Rouge. Wie hieß die Neue noch einmal? Er zog Lukes Zettel aus der Tasche. Malatesta. Hastig läutete er. Niemand antwortete. Sein Gesicht wurde heiß. Der Hund knurrte lauter. Johannes läutete erneut. Die Schrecken der sich dehnenden Zeit. Obwohl er dem Mann den Rücken zugewandt hatte, wusste er, was nun geschah. Der Maulkorb wurde abgenommen. Er läutete Sturm. Endlich ein aggressives „Ja?“

„Jo!“

„Sag einmal, spinnst du? Jetzt? Zwei Stunden zu früh!“

„Bitte Markus!“ Der Hund bellte. Markus knurrte.

„Letzter Stock.“ Das Summen der Entriegelung. Ein lieblicher Ton. Er machte den Fehler, zum Lift zu gehen. Der Pensionist hinterher. „Letzter Stock“, sagte er grimmig. Der Lift war eng und quälend langsam. Johannes presste sich gegen die Wand. Der Hund stank und zeigte gähnend seinen Todesrachen. „Sitz!“, sagte der Pensionist. Johannes war sich sicher, dass er lieber gerufen hätte.

Markus stand in der Tür, ein Handtuch um die Hüften geschlungen, im Banne heftiger Erregungen. Er ließ Johannes nicht zu Wort kommen, bezeichnete ihn als . Es störte ihn nicht im Geringsten, dass der Alte mit dem Hund Zeuge seines Auftritts wurde. Johannes drückte ihm den Strauß in die Hand. „Könntest du bitte drinnen weitermachen?“ Markus’ Handtuch rutschte hinunter. Der sexuelle Teil seiner Erregung war offensichtlich noch nicht ganz abgeklungen. Johannes war zu einem wirklich ungünstigen Zeitpunkt gekommen.

Er folgte dem schimpfenden Freund in die Wohnung.

Es sei jedes Mal dasselbe! Jo komme zu früh, Luke zu spät, und bei Matthis wisse man nie, ob er überhaupt komme. In dieser Hinsicht seien sie alle drei hoffnungslos, und er frage sich, wieso er immer noch ihre Gesellschaft suche. Vor ihnen huschte eine Frau durch das Zimmer. Wallendes Haar, ein Leintuch um den Leib, mehr war nicht zu erkennen.

„Liebling!“, rief Markus.

Die Frau verschwand im Nebenzimmer. Markus drückte Johannes nervös auf eine Sitzgarnitur und hastete ihr nach. Johannes hörte, wie Markus im Nebenraum auf sie einredete. Beschwörend. Devot. Ihm sei bewusst, dass Jos Auftritt eben kein glücklicher gewesen sei. Jo habe seine Ecken und Kanten. Er sei sozial etwas – wie solle er das jetzt sagen – gewöhnungsbedürftig, aber im Grunde ein netter Kerl. Sie werde ihn mögen.

Johannes war klar, was dann geschah: Sie sahen einander an. In ihren Gesichtern Entschlossenheit, das Begonnene zu Ende zu führen. Sie küssten sich. Hand- und Leintuch fielen zu Boden. Johannes fiel aus ihrer Welt. Er blickte auf den Couchtisch, auf dem fünf Sektgläser standen, legte den Kopf zurück, starrte an die Decke. Eine mythologische Szene aus Stuck. Tanzende Männer, Frauen und Tiere. Auch Mischwesen, soweit er es im dämmrigen Licht erkennen konnte. Aus dem Nebenraum drangen keuchende Geräusche. Als Johannes’ Blick auf einen springenden Hasen fiel, brachen sie jäh ab. Aus Gründen, die ihm selbst nicht klar waren, hatte er in Markus immer schon mehr den Hasen gesehen. Auch wenn er im Sternzeichen des Löwen geboren war.

Eine Weile war es still. Dann hörte er, wie Mela nach der Küchenrolle verlangte. Blätter wurden abgerissen, Johannes versuchte sich nicht vorzustellen, was damit abgewischt wurde. Er würde hier nichts essen. Offenbar deutete Mela jetzt auf die Blumen, denn Markus sagte, sie solle eine Vase holen, er werde sie auswickeln. Auch das ein Zeichen, dass sich Jo gerade in einer schwierigen Phase befinde; normalerweise würde er Blumen nie in Papier überreichen. Nicht lange darauf vernahm Johannes lautes Wehklagen. Etwas zerschellte am Boden. Mela fragte, was los sei. Markus brüllte: Der Strauß! Da habe irgendein Trottel Ambrosia dazugebunden, das Zeug sei hoch allergen! Mela machte sich erbötig, eine selbst gerührte Salbe zu holen. Markus schrie, das sei kein Fall für selbst gerührte Salben, Homöopathie oder sonstigen Scheiß. Er müsse in die Ambulanz. Sofort! Das Zeug könne auch asthmatische … Der Satz blieb unvollendet.

Ihm folgte eine Begegnung zwischen Gastgebern und Gast, die insofern bemerkenswert war, da sich – ungeachtet des Umstandes, dass Mela und Markus praktisch nichts am Leibe trugen – zwischen Johannes und der Gastgeberin eine Konversation entspann. Sie ging von Johannes aus, der nicht umhinkam zu bemerken, dass Markus wieder einmal übertreibe. Von Lu stamme der schöne Satz, dass es keine Allergien gäbe. Nur Willensschwächen. Er selbst würde nicht ganz so weit gehen, doch solle Markus es doch erst einmal mit dieser Salbe probieren.

„Siehst du?“, sagte Mela.

Markus hielt ihnen seine Hände entgegen. Der Ausschlag war nicht schön anzusehen.

Mit der Salbe wäre es schon viel besser, meinte Mela. Markus atmete schwer. Die Hände brennen! Außerdem habe er Schwierigkeiten zu atmen. Er in die Ambulanz. Mela sagte, er solle sich schon einmal anziehen. Sie komme gleich nach. Markus taumelte aus dem Zimmer. Mela machte keine Anstalten, ihm zu folgen.

„Er ist ein Einzelkind“, erklärte Johannes.

Sie lächelte. „Dann bist du wahrscheinlich keines.“

„Nein, ich habe einen Bruder. Der lebt aber in Amerika.“

„Was hat ihn dorthin gezogen?“

„Der Wunsch nach einer möglichst großen Distanz zwischen ihm und unserer Mutter.“

Aus dem Schlafzimmer waren Klagelaute zu vernehmen. Sie drangen nicht über ihre Aufmerksamkeitsschwelle. Johannes erwähnte, dass ihn die Decke beeindruckt habe. Er...


Georg Thiel, geboren 1971, lebt als freier Autor und Ausstellungskurator in Wien.



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