E-Book, Deutsch, 391 Seiten
Thies Dreamer
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7584-9745-2
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dream of the past
E-Book, Deutsch, 391 Seiten
ISBN: 978-3-7584-9745-2
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jacqueline Thies, Jahrgang 1989, ist Autorin phantastischer Jugenbuch und All-Age Romane. Zudem schreibt und illustriert sie Kinderbücher. Sie hat Biologie und Chemie in ihrer Heimatstadt Wuppertal studiert, wo sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern lebt und ihrer Schreibleidenschaft folgt.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Niemand war in der benachbarten Toilette. Elise war froh darüber, während sie würgend über dem Porzellan hing. Die Galle blieb als pelziger Belag an ihrer Zunge haften. So hatte sie sich den ersten Tag nach den Semesterferien nicht vorgestellt. Sie würgte erneut, doch es kam nur noch Magensäure. Elise spuckte aus in der Hoffnung, den sauren Geschmack loszuwerden. Ohne Erfolg. Genervt betätigte sie die Spülung. Das Rauschen hallte in ihrem dröhnenden Kopf.
Wilde Bilderfetzen der Nacht schwirrten durch ihre Gedanken. Wenn dieser Albtraum sie weiter verfolgte, würde es sie noch umbringen oder zumindest in den Wahnsinn treiben.
Mit einem kräftigen Tritt gegen die Kabinentür trat sie in den Vorraum und zum Waschbecken hinüber, um sich den Mund auszuspülen. Mit zitternden Fingern drehte sie den Wasserhahn auf und ließ das brennend kalte Wasser über ihre Hände laufen. Ihre Haut war blass wie Käsekuchen.
Bei dem Gedanken an Essen wurde ihr erneut flau im Magen. Das war nicht neu. Genauso wenig wie das Zittern ihrer Hände. Sie wusste, dass sie die Schuld daran trug. Schließlich nahm sie in letzter Zeit mehr Tabletten als Nahrung zu sich. Der stechende Schmerz des eisigen Wassers drang gedämpft zu ihr durch, wie vieles andere auch. Nur die Albträume waren geblieben, ein verschwommener Nebel aus Angst. Die Tabletten halfen nicht, genauso wenig wie die Gespräche mit ihrem Neurologen. Jedes Mal, wenn Dr. Peterson ihr riet, über eine Therapie nachzudenken, beteuerte sie, dass es ihr schon besser ging. Er glaubte ihr nicht, das wusste sie. Sie glaubte sich ja nicht einmal selbst.
Langsam wurden ihre Finger taub vom Wasser. Sie beugte sich vor und spülte den Mund aus. Der widerliche Geschmack ließ kaum nach. Elise richtete sich auf und sah sich wie eine Fremde im Spiegel. Tiefe Schatten zeichneten sich unter ihren Augen ab und die Haare lagen ihr zerzaust auf den Schultern. Wie zwanzig sah sie nicht aus, eher wie diese Mittdreißiger auf den Plakaten der Anti-Drogen-Kampagnen, abschreckend und verkatert. Zumindest der Eyeliner saß perfekt.
Elise wühlte in ihrer Jackentasche, bis sie das verheißungsvolle Klappern hörte. Sie zog die Tablettendose hervor und blieb sie an etwas hängen. Elise betrachtete den Zettel, den sie zusammen mit dem Döschen aus ihrer Tasche holte, mit Abscheu. Und mit Angst.
Eine Überweisung in die psychiatrische Klinik. Dr. Peterson hatte sie ihr mitgegeben. Als letzte Mahnung. Beim nächsten Mal würde er ihr nicht mehr die Wahl lassen. Elise wusste das, und es verstärkte die Angst. Sie ließ den Deckel der Tablettendose aufschnappen und stellte erschrocken fest, dass sie halb leer war. Seit wann schluckte sie Tabletten wie andere Leute Smarties? Wenn sie die Tabletten weiter in diesem Tempo nahm, würde ihr nächster Termin bei Dr. Peterson früher kommen als ihr lieb war. Aber ohne die Tabletten würde sie noch heute zusammenbrechen. Wie hatte es so weit kommen können? Eine Frage, die Elise sich öfters stellte, und auf die sie keine sinnvolle Antwort fand. Da war nur das Flüstern einer Stimme aus ihrem Traum.
Ihre Finger krallten sich schmerzhaft um die Dose. Elise wollte es nicht hören, nicht darüber nachdenken, und erst recht wollte sie nicht reden. Es gab nichts zu bereden.
Die Tabletten klapperten in ihrer zitternden Hand und erneut fiel ihr Blick auf die Überweisung. Der Zettel grinste ihr gehässig zu. Nicht mehr viel und sie würde den Kampf verlieren. Doch Elise war nicht bereit aufzugeben.
Sie zerknüllte die Überweisung und warf sie mitsamt den Tabletten in den Müll. Das billige Papier zum Abtrocknen der Hände knisterte empört und verschluckte beides. Elise atmete tief durch und schritt auf die Tür zu. Ihre Finger schlossen sich um den Türgriff. Nur wenige Zentimeter und sie könnte das alles hinter sich lassen.
Doch sie rührte sich nicht. Wie versteinert starrte sie auf die gräulich weiße Tür vor sich. Der Metallgriff unter ihren Fingern bewegte sich nicht. Es war, als wehre ihr Körper sich dagegen diesen Raum zu verlassen. Nicht ohne diese Tabletten.
Elise wollte dem Drang widerstehen. Ihre Finger zitterten heftig und ihr Atem stockte. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Tränen der Wut. Eine Dose voll unscheinbarer Pillen hatte die Kontrolle über ihr Leben erlangt.
Sie riss sich von der Tür los. Mit einem Schritt war sie beim Mülleimer und wühlte in dem knisternden Papier, bis ihre Hände sich um die Tablettendose schlossen. Sie atmete reflexartig auf.
Mit einer fließenden Handbewegung zog sie die Dose hervor und ließ den Deckel aufschnappen. Die Tablette wanderte in ihren Mund und ohne einen Schluck Wasser hinab bis in den Magen. Der Geschmack des mehligen Bezugs pappte an ihrem Gaumen.
Nach zwei drei kurzen Atemzügen merkte sie, wie sie sich beruhigte. Allein der Gedanke an die Wirkung der Tabletten half. Wenn das nicht der größte Hohn an er Sache war.
Sie seufzte und wandte den Spiegeln den Rücken zu. Sie wollte nur raus hier. Die Tür zu den Damentoiletten fiel hinter ihr ins Schloss. In ihrer Hand hielt sie die Tablettendose. Die Überweisung dagegen ließ sie dort, wo sie ihrer Meinung nach hingehörte.
Im Müll.
Elise trat aus den Toilettenräumen heraus ins Treiben der Universität. Auf den Gängen vor der Bibliothek herrschte Gedränge. Gruppen von schwatzenden Studenten begrüßten einander und erzählten von ihren Reisen und den Exzessen der vorlesungsfreien Zeit. Vereinzelt huschten Professoren an ihnen vorbei und grüßten gezwungenermaßen. Wenige verirrten sich in die Bibliothek. Höchsten, um Bücher zurückzugeben, die in den Ferien zwischen leeren Pizzakartons aufgetaucht waren und nun seit Monaten überfällig waren.
Elise drängte sich an einer Gruppe Studenten vorbei und suchte nach Tabea, einer Studienkollegin, der sie versprochen hatte sich vor der Vorlesung hier zu treffen. Auf Zehenspitzen versuchte Elise sich einen Überblick zu verschaffen, auch wenn die wenigen Zentimeter nicht wirklich halfen. Es war äußerst lästig, wenn man klein war.
Sie wippte auf die Fersen zurück und stieß versehentlich mit jemandem zusammen, der an ihr vorbei hastete. Ihr Gleichgewichtssinn versagte und sie wäre gestürzt, wenn sie nicht von der Seite gepackt worden wäre. Ein Student zog sie sicher auf die Füße zurück. Sein hellblondes Haar leuchtete gute zwei Köpfe über ihr auf.
»Alles in Orndung?«, fragte er mit ruhiger Stimme.
Elise schätzte, dass er ein paar Jahre älter war als sie. In seinem Sakko und den schicken Schuhen sah er aus, wie einer dieser Gentlemen in den alten schwarzweiß Filmen. Seine blassgrünen Augen blickten sie fragend an und ihr wurde bewusst, dass sie ihn anstarrte.
»Ja. Alles ok«, stammelte sie. Peinlicherweise lehnte sie noch halb an ihm. Eilig trat sie einen Schritt zurück. »Danke.«
Er lächelte faszinierend unaufdringlich.
»Nichts zu danken.«
Elise spürte Hitze in ihre Wangen aufsteigen. Sie überlegte, irgendetwas zu erwidern. Doch er nickte ihr nur noch einmal zu und verschwand.
Sie riss den Blick von ihm los und erinnerte sich mahnend daran, dass sie nach Tabea suchte. Erneut sah sie den Gang entlang. Mit wenig Freude erkannte sie ein anderes bekanntes Gesicht. Sie hätte damit rechnen müssen, dass er hier sein würde.
Toni starrte düster zu ihr hinüber. Er stand von einer Bank neben der Bibliothek auf und kam auf sie zu. Elise gab sich alle Mühe nicht zu ablehnend zu wirken, aber Tonis verdrießliche Miene machte es ihr nicht leicht. Wie immer trug er eine abgewetzte Lederjacke und unter dem Arm klemmte sein Motorradhelm. Seine dunklen Haare waren von der Fahrt zerzaust.
Elise wollte ein »Hallo« über die Lippen zwängen, als Toni diesen Teil übersprang.
»Wo sind Tabea und Mario?«, fragte er und sah mit Leichtigkeit über sie hinweg.
So viel zur Höflichkeit.
»Nicht da«, gab sie pampig zurück.
Er zog die dichten Augenbrauen zusammen. Sie waren so schwarz, als habe sie jemand mit Edding nachgemalt. »Das sehe ich auch.«
Innerlich rollte sie mit den Augen. Zum Glück hörte sie hinter sich Tabeas Stimme, bevor sie ihren Sarkasmus auf ihn losließ.
»Habe ich etwas verpasst?«, fragte Tabea fröhlich.
Elise schüttelte hastig den Kopf. »Nein.«
Gleichzeitig sagte Toni: »Deine Freundin rempelt nur jeden Zweiten an und wundert sich, wenn sie irgendeinem Typen in die Arme stürzt.«
Elise stöhnte innerlich auf. Dass, er sie ausgerechnet dabei beobachtet hatte.
»Ein Typ?«, fragte Tabea. Ihre Augen funkelten belustigt hinter ihrem zierlichen Brillengestell. »Sah er gut aus?«
»Ist das nicht egal?«, versuchte Elise das Thema abzublocken. Blöderweise spürte sie, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg.
Was auch Tabea bemerkte. »Und warum siehst du dann aus wie eine gescheckte Tomate?«
»Ach sei ruhig.« Elise stieß ihre Freundin in die Seite.
Kichernd strich sich Tabea die unbändigen braunen Locken hinter die Ohren.
»Kommt Mario auch bald?«, fragte Toni, als gäbe es nichts Schlimmeres als ihre Gesellschaft.
Manchmal fragte Elise sich, warum sie überhaupt mit ihm reden musste. Dabei war die Antwort so einfach wie Mario, der in diesem Moment den Gang entlang schlenderte und sich ein Käsebrötchen in den Mund schob. Remoulade klebte an seinem stoppeligen Kinn.
Tabea nahm seine Serviette und tupfte den Fleck liebevoll weg. Es war schon ekelig, wie sehr die beiden ineinander verknallt waren. Elise war sich sicher, wenn sie an so etwas wie die wahre Liebe geglaubt hätte, dann wären Tabea und Mario der Inbegriff dessen. Mario...




