E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Ellermann ermittelt
Thoma Ein toter Mann ist doch kein D-Zug
17001. Auflage 2017
ISBN: 978-3-492-98359-4
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ellermanns erster Fall
E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Ellermann ermittelt
ISBN: 978-3-492-98359-4
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Victor Thoma ist das Pseudonym eines bekannten deutschen Drehbuch- und Romanautors. Thoma, geboren 1964, lebt in München und Berlin.
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Ellermanns Geschichte
Eins
Mindestens zweimal die Woche besucht Ellermann das Grab seines Großvaters auf dem Friedhof. Gleich hinter dem Eingang biegt er rechts um die Ecke zu dem Komposthaufen, an dem nebeneinander aufgereiht unterschiedlich große Gießkannen an einer Holzstange hängen. Es sind Kannen, die sich der Friedhofsbesucher umsonst ausleihen kann.
Ellermann kümmert sich gerne um das Grab seines Großvaters. Er mochte den alten Mann sehr, war er doch der einzige Verwandte, der ihm im Leben zuletzt verblieben war. Er hatte nach dessen Tod vor einigen Monaten das alte Häuschen geerbt, das er, so der letzte Wunsch des Alten, immer hegen und pflegen sollte. Was der lebenslustige Großvater seinem Enkel vor seinem Ableben allerdings verschwiegen hatte, war, dass er mit dem Häuschen auch eine Menge Schulden erben würde. Aber Ellermann wollte dennoch das Erbe nicht ausschlagen, schließlich hatte er dem Alten auf dem Totenbett ein Versprechen gegeben.
Ellermanns Traum, mit dem Erbe nie wieder Klavierstunden geben zu müssen, erfüllte sich allerdings nicht. Er versucht auch weiterhin verzweifelt, unbegabten Töchtern oder Söhnen, Hausfrauen oder Pensionären seine geliebte Musik zu vermitteln. Doch selbst das Geld aus diesen Stunden reichte und reicht nicht aus, um die Schulden abzutragen. Sicherlich, mit den Einnahmen aus dem Klavierunterricht kann Ellermann ein bescheidenes Leben führen, aber die geerbten Schulden zwingen ihn, immer wieder auch nach anderen Einnahmequellen zu suchen.
An jenem Sonntag hielt es Ellermann wie immer. Er füllte eine Kanne mit Wasser, nahm das Sträußchen Wiesenblumen, das er noch schnell in dem Laden um die Ecke gekauft hatte, und ging den Kiesweg hinunter, an dessen Ende er zu dem Grab seines Großvaters nach rechts abbiegen musste. Genau genommen hüpfte er leicht, weil er an diesem Tag gut gelaunt war. Dabei ist er mit seinem leichten Bauchansatz und seinem Übergewicht normalerweise jedem Sport gegenüber abgeneigt. Und für Ellermann zählen schon Hüpfen und Laufen zu sportlichen Aktivitäten. Er hätte wahrscheinlich selber nicht sagen können, was seine gute Laune ausgelöst hatte. Vielleicht war es der Konzertbesuch am Abend zuvor. Er hatte den Mozart-Abend einer jungen russischen Violinistin besucht. Ihre Intonation hatte ihn wirklich berührt. Vielleicht war es aber auch der Umstand, dass Martha ihm heute Morgen endlich mal wieder frisch gefundene Steinpilze mit Rührei gemacht hatte. Ellermann liebt Steinpilze, wenn sie denn kross, fast schwarz angebraten werden.
Ellermann hatte Martha mit dem Häuschen seines Großvaters sozusagen mitgeerbt. Die etwas stämmige Frau, Anfang fünfzig, hatte sich schon viele Jahre um den Großvater und das Haus gekümmert. Sie ist pragmatisch und liebt das Gradlinige. Sie hat keine Zeit für übermäßige Gefühle, Sentimentalitäten, hat sie doch neben der Arbeit bei Ellermann bei sich zu Hause noch einen bettlägrigen Ehemann zu versorgen. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht Dinge direkt aus. Und das kann wahrlich komisch sein, und Ellermann mag herzlich lachen, auch wenn er selber oft die Zielscheibe ihrer Kommentare ist. Ich weiß das, weil er es mir einmal verraten hat. Es ist ihm eher so rausgerutscht.
Ellermann hatte zunächst gezögert, Marthas Dienste nach dem Tod des Großvaters in Anspruch zu nehmen. Doch dann überlegte er es sich anders. Besser gesagt – Martha ließ nichts anderes zu. Sie wollte die Stelle behalten. Also blieb sie. Ganz abgesehen davon, hatte auch sie dem Großvater eine nicht unerhebliche Summe geliehen. Sie, die Haushälterin! Kurzum: Ellermann hat auch bei Martha Schulden. Geerbte Schulden.
Im Grunde genommen ist er sehr froh, dass Martha sich um ihn kümmert. Nicht nur, dass sie für ihn einkauft und ihn bekocht und all das andere erledigt, das in einem Haushalt so anfällt. Dabei könnte das Ellermann auch selber. Schließlich war er all die Jahre vor dem Tod seines Großvaters auch so zurechtgekommen, hatte sich in seiner kleinen Mietwohnung allein versorgt. Doch er freut sich ganz einfach, dass mit Martha regelmäßig ein anderer Mensch im Haus ist und dieses mit Leben erfüllt.
Hin und wieder setzt sich Ellermann unvermittelt an den Flügel im kleinen Salon im Erdgeschoss. Dann spielt er unbeschwert und frei all die geliebte Musik, die ihm zufliegt, wie etwa Chopins Etüden und Walzer, während Martha nebenan Staub wischt oder den Boden putzt. Ellermann macht es nichts aus, wenn ihm Martha zuhört. Auch das verbindet die beiden auf eine geheimnisvolle Weise. Denn so ein brillanter Pianist Ellermann auch von jeher war und ist, hat ihm doch seine Nervosität immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Vor Publikum scheiterte er regelmäßig an seinen Nerven, und damit scheiterte auch eine Karriere als gefeierter Konzertpianist. Sein Lampenfieber brachte ihn um alle Chancen, und keine Therapie vermochte ihm zu helfen.
Während Martha putzt, spielt er, glücklich und ohne Hemmungen. Manchmal setzt sie sich dann auf ein Bänkchen im Flur, macht eine Pause und lauscht den wunderbaren Klängen. Nach diesen glücklichen Momenten wischt sie sich schnell die Tränen aus den Augen und verschwindet in der Küche. Das Essen muss schließlich vorbereitet werden. Darüber hinaus haben die beiden noch eine besondere gemeinsame Passion: Sie lieben es, an schönen Tagen einfach mal für eine Stunde irgendwo in der Stadt auf einer Bank zu sitzen und dem Treiben der Menschen zuzusehen, und dieses Treiben zu kommentieren. Natürlich gibt Martha dabei den Ton an, doch unter ihrer Leitung entwickelt auch Ellermann großen Spaß an Schmäh und kleinen Gehässigkeiten. Dazu gibt es für beide ein Eis – jeweils zwei Kugeln im Becher – vom besten Eismacher in der Stadt. Auch wenn diese Ausflüge nicht sehr oft vorkommen, wollten Ellermann und Martha sie auf keinen Fall missen. Beide wissen, dass sie einander überhaupt nicht mehr missen wollen, auch wenn das so nie ausgesprochen wird.
Als Ellermann am Ende des breiten Kiesweges nach rechts abbiegen wollte, sah er mit einem Mal eine junge Frau am Grab seines Großvaters stehen. Sie mochte etwa Mitte dreißig sein. Kurze blonde Haare, Sommersprossen. Helle Augen. Ellermann schluckte, erstarrte und war gefangen. Was für ein bezauberndes Geschöpf, dachte er sich und war für einen Moment unfähig, sich zu bewegen. Nur seine Augen wanderten hin und her. Nervös fuhr er sich mit einer Hand durch seine strähnigen Haare. Dieses Wesen hatte er noch nie auf dem Friedhof gesehen. Aber er hatte, je länger er so stand, das eigenartige Gefühl, sie von irgendwo zu kennen. Ja, er war sich dessen sicher, wusste aber nicht, wann und wo dieses Zusammentreffen stattgefunden haben könnte. Er ließ sie nicht aus den Augen. Wie hieß sie noch mal? Auch daran erinnerte er sich nicht mehr, doch gab er ihr spontan den Namen Annabelle. Er liebte den Namen, und diese schöne Erscheinung bezauberte ihn.
Sie stand still vor dem Grab seines Großvaters, und Ellermann hatte den Eindruck, dass ihre Lippen sich leicht bewegten, so als spräche sie mit dem Toten. Er selber hielt sich hinter dem riesigen Grabstein einer Familiengruft versteckt, wollte sich nicht zu erkennen geben. Er hatte keine Ahnung, was er zu ihr hätte sagen sollen. Er stand da, bis er merkte, dass eine andere Friedhofsbesucherin ihn skeptisch aus der Ferne beäugte. Er versuchte, mit einem lässigen Winken und einem ebenso lässigen wie angedeuteten »Hallo« die Situation zu entkrampfen, was ihm aber nicht gelang, wenn man nach der Miene der Besucherin ging. Sie fixierte ihn und ließ ihn nicht aus den Augen. Also musste er schließlich seinen Posten aufgeben und schlenderte scheinbar teilnahmslos den Kiesweg zurück, nicht ohne bei erstbester Gelegenheit, als er sich unbeobachtet fühlte, hektisch umzudrehen und zurückzurennen. Doch an der Abzweigung angekommen, sah Ellermann, dass die junge Frau verschwunden war. Annabelle stand nicht mehr vor Großvaters Grab. Enttäuscht eilte er zum Ausgang des Friedhofs, doch auch dort war sie nicht.
Ellermann schwitzte leicht, obwohl er sich nicht von der Stelle bewegte. Er spürte eine Verzweiflung in sich hochsteigen. Still stand er da und starrte auf den kleinen Parkplatz direkt neben dem Friedhof, als plötzlich sein Handy klingelte. Es war Martha, wie er auf dem Display sehen konnte. Ihm war klar, dass er besser rangehen sollte. Martha liebt es nicht, wenn ihr nur die Mailbox antwortet.
Martha sagte mit einem bestimmten, schneidenden Klang in der Stimme, den Ellermann kennt, aber nicht sehr schätzt, er solle schnell nach Hause kommen. Es sei Besuch für ihn da: Herr Markowski. Ellermann überlegte nur einen Moment, dann stieg er ins Auto und fuhr nach Hause. Herrn Markowski wollte er lieber nicht warten lassen, stand dessen Name doch für eine der wenigen wirklich lukrativen Einnahmequellen.
Auf dem Nachhauseweg war Ellermann so unkonzentriert und in Gedanken, dass er gegen die Fahrtrichtung in eine Einbahnstraße fuhr, wobei er allerdings keinen weiteren Schaden anstellte, wenn man davon absieht, dass sich ein älterer Herr darüber so sehr aufregte und dermaßen laut schrie, dass er einen kleinen Schwächeanfall erlitt.
Nicht wegen Markowski war Ellermann verwirrt. Annabelle, die junge Frau am Grab seines Großvaters, ging ihm nicht aus dem Kopf. Er hatte sie aus den Augen verloren, aber wenn er sie wirklich schon einmal irgendwo gesehen hatte, bestand doch auch die Hoffnung, sie bald wiederzusehen. Diese Hoffnung zauberte ein kleines Lächeln auf seine Lippen. Allerdings konnte er zu dem Zeitpunkt noch nichts von den Ereignissen ahnen, die ihn bald überrollen würden. Und alles sollte mit dem Besuch...




