Thomas | Der fehlende Mann | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Thomas Der fehlende Mann

Psychologischer Roman aus Mannheim
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-4629-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Psychologischer Roman aus Mannheim

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-7412-4629-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In detektivischer Kleinarbeit versucht Psychotherapeutin Monika Klein das mysteriöse Verschwinden Jacob Rinnsteins aufzuklären, ein älterer Mann, der sich als Kunstsammler und spendabler Gönner in Mannheim einen Namen gemacht hat. Die Stadt, die ihrerseits alles daran setzt, sich einen Ruf als Kulturhauptstadt aufzubauen, beeilt sich seinen Forderungen nach Neubau einer Ausstellungshalle für die wertvollen Exponate nachzukommen. Während Luise Rinnstein, die Frau des Verschwundenen, der Verzweiflung nahe ist, gerät die langjährige Beziehung der Psychotherapeutin aus den Fugen, nachdem Lebensgefährte Albert sich einer Kundin nicht nur geschäftlich widmet. Das Fehlen der Männer spitzt sich zu. Die Erzählung rankt sich um Beziehungen zwischen Männern und Frauen, Geschlechterrollen, das Alleinsein als Single oder zu zweit und die unterschiedlichen Versuche, damit zurecht zu kommen. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei Frauen aus zwei Generationen, die über 80jährige Luise Rinnstein und die über 50jährige Therapeutin Monika Klein. Fast beiläufig wird ein kritisch-ironischer Blick auf die Kommunalpolitik geworfen und das in der medialen Darstellung oft schräge Bild der psychotherapeutischen Arbeit zurechtgerückt.

Ulrike Thomas, 1956 geboren, wuchs in Frankenthal/Pfalz auf. Seit 1997 arbeitet die promovierte Diplom-Psychologin als Psychotherapeutin in eigener Praxis in Mannheim. Die Mannheimer Kommunalpolitik kennt sie aus ihrer Zeit als Stadträtin genau. Mit der Erziehung zu stereotypen Geschlechterrollen und ihren Folgen im Lebenslauf hat die Autorin sich auch in ihren politischen und wissenschaftlichen Tätigkeiten beschäftigt. Ihr erster Roman »Der Schöne und das Biest« erschien 2013.
Thomas Der fehlende Mann jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


4


Wir gingen zunächst ein Stück durch den , den Abschnitt des Parks, der öffentlich war. Unmengen von Menschen waren unterwegs, das ungewöhnlich laue Wetter hatte sie ins Freie zum spärlichen Grün gelockt. Auf den Wiesen tollten Hunde, junge Männer traten nach Bällen.

Wie gut, dass eine sehr engagierte Bürgerinitiative vor über 20 Jahren den Bau einer Tiefgarage unter dem an die Renzstraße angrenzenden Teil des Parks verhindert hatte. Das Scheitern der Pläne der Stadtverwaltung hatte vielen alten Bäumen das Leben und der mit Lärm und Dreck ohnehin überlasteten Stadtbevölkerung einen der letzten Reste kostenloser Natur gerettet.

»So sind wir hier immer entlanggegangen, schweigend wie Sie und ich jetzt auch«, platzte Luise Rinnstein in meine Gedanken. »Im Sommer, wenn es warm war, haben wir manchmal stundenlang auf einer Bank gesessen, etwas gelesen, die Leute beim Vorbeiflanieren beobachtet oder den Kindern beim Spielen zugeschaut.«

Wir gingen unter der Otto-Beck-Straße durch in den eingezäunten Teil des Parks – Luise Rinnstein hatte eine Jahreskarte, mich lud sie ein – an den , ein Eldorado für Vögel aller Art, die hier unbehelligt von kläffenden Vierbeinern ihrem Dasein frönen konnten. Auf den schmalen Wegen herrschte Gedränge, Jung und Alt, Groß und Klein schob sich aneinander vorbei – Familiennachmittag.

Am Seerestaurant machten wir kurz Halt, und Luise Rinnstein zeigte mir, wo sie mit Jacob gesessen hatte, am Fensterplatz mit Blick auf den See.

»Am letzten Samstag war es nicht so voll, heute würden wir hier keinen Platz bekommen.«

Das stimmte augenscheinlich. Im Lokal war jeder Stuhl mit Kuchen in sich hineinstopfenden Menschen besetzt.

Unser Weg führte am Pflanzenschauhaus vorbei, auch dort reges Treiben, wie schön musste es sein, diesen Park unter der Woche ohne Volksauflauf genießen zu dürfen.

Diese Sonntagsidylle blockierte mich, ich schaffte es nicht, mit meiner Begleiterin in ein kontinuierliches Gespräch zu kommen.

Als wir den Luisenpark verlassen hatten und uns dem Planetarium näherten, versuchte ich, die Sache in den Griff zu kriegen: »Wir haben uns zwar schön miteinander die Füße vertreten, aber ich habe nicht das Gefühl, auch nur einen halben Zentimeter vorangekommen zu sein. Haben Sie denn eine ungefähre Vorstellung, was ich für Sie tun soll?«

Meinen leicht ärgerlichen Tonfall überhörend, antwortete sie ruhig und bestimmt: »Ich erwarte von Ihnen, dass Sie alles aufklären und verstehen.«

Hugh, ich habe gesprochen. Ihr Blick traf mich wie ein Wurfgeschoss. Das war keine Verzweiflung, kein Flehen, das war ein Befehl.

Leicht genervt beschloss ich, meinen mir sonst eigenen Perfektionismus in diesem Fall zu zügeln, schließlich musste ich morgen wieder zu meiner eigentlichen Arbeit und hatte weder Zeit noch Lust, mein zukünftiges Leben einer sinnlosen Suche nach einem Herrn Rinnstein zu widmen.

Vielleicht war die Harmonie mit seiner Frau in tödliche Langeweile umgeschlagen, hatte ihn just beim Blick in den Himmel des Planetariums die Torschlusspanik gepackt, und er war geflohen, um vermeintlich Versäumtes nachzuholen, bevor es zu spät sein würde.

Wenn wir schon mal da waren, konnte es kein Fehler sein, den Ort seines Verschwindens genauer zu inspizieren. Wir betraten das Foyer und ich bat Luise Rinnstein auf einem der dort bereitstehenden Stühle Platz zu nehmen, während ich mich zur Kasse begab, deren Aussehen – Vollverglasung mit einem kleinen ovalen Türchen – frappant an die Kartenschalter der Bahn in meiner Kindheit erinnerte, hinter denen die Beamten mit strengem Gehabe thronten. Für kleine Menschen war es unter diesen Bedingungen eine echte Herausforderung gewesen, eine Fahrkarte zu erwerben.

Vor mir war eine lange Schlange aus entnervten Eltern und ungeduldig quengelnden Kindern, denen die ersteren mit Eis und anderen Süßigkeiten den Mund stopften. Es ging dann doch schneller als erwartet, nachdem eine Frau für eine größere Gruppe die Karten besorgt hatte.

Ich fragte die freundliche Dame an der Kasse, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen schien, ob sie zufällig am Samstag letzter Woche auch Dienst gehabt hatte und sich möglicherweise an ein älteres Ehepaar erinnere, das spät nachmittags da gewesen war.

Ich hatte Glück, die Kartenverkäuferin war normalerweise samstags und sonntags im Einsatz, sie arbeite gerne am Wochenende – im Gegensatz zu den jungen Leuten –, weil sie, wie sie mir glaubhaft versicherte, ganz froh sei, wenn sie nicht den ganzen Samstag und Sonntag mit »ihrem Göttergatten« verbringen müsse, der seit er den Garten nicht mehr habe, überhaupt nichts mehr mit seiner Freizeit anzufangen wisse und ihr dann den ganzen Tag im Weg rumstehe und sie bei der Arbeit im Haushalt störe, statt ihr zu helfen ...

Ich hatte das Pech, dass hinter mir niemand mehr anstand und die Frau offensichtlich auf die Gelegenheit, ein wenig zu plaudern, gewartet hatte. Ich unterbrach ihren Redefluss und kam auf mein Anliegen zurück: »Entschuldigen Sie, können Sie sich noch an die Frau da drüben«, ich zeigte mit dem Kopf zu Frau Rinnstein hinüber, »erinnern und an den Mann, der bei ihr war?«

»Wir haben samstags fünf Vorstellungen, später Nachmittag haben Sie gesagt, das muss der ›Hubbles‹ gewesen sein. Unser Publikum ist sehr gemischt, es waren sicher etliche ältere Leute dabei. Die kommen gerne mit ihren Enkeln oder sogar Urenkeln. Ob die Frau auch dabei war? Tut mir leid, da bin ich überfragt. Aber – entschuldigen Sie meine Neugier – warum wollen Sie das denn wissen?«

»Nun, äh, der Mann hat seine Frau während der Vorführung alleingelassen und hinterher behauptet, einen Bekannten gesehen zu haben, mit dem er sich draußen unterhalten hätte, angeblich um sie nicht zu stören, sie war nämlich eingenickt«, log ich wenig überzeugend.

»Ja, ja so sind die Männer, egal wie alt, und dann ist er mitten in der Nacht mopsfidel wieder aufgekreuzt und hat so getan als ob er kein Wässerchen trüben könnte, stimmts?«

»Ja, so ähnlich muss es gewesen sein, und die Frau versucht nun herauszufinden, ob er alleine weggegangen ist oder mit dem Bekannten, wie er behauptet, oder ob der Bekannte nicht viel eher eine Frau war, Sie verstehen?«

»Ah, eifersüchtig, das lohnt sich nicht, das hat kein Mann verdient, sage ich ihnen. Da fühlen sie sich doch erst recht gebauchpinselt, wenn sie merken, wie die Frauen wegen ihnen leiden ...«

»Da haben Sie sicher recht«, versuchte ich sie auf meine Frage zurückzubringen, »aber Sie könnten uns wirklich sehr helfen, wenn Sie sich an den Mann und an einen eventuellen Begleiter oder eine Begleiterin erinnern könnten.«

»Ja, wie sieht er denn überhaupt aus?«

»Er ist 87 Jahre, schlank, ungefähr 1,75 groß, hat graue Haare«, gab ich Luise Rinnsteins Beschreibung an sie weiter.

»Jesses, hört das denn nie auf, 87? Also, ich habe an für sich ein ganz gutes Gedächtnis, aber bei dem Publikumsverkehr, den wir hier haben, kann ich mich beim besten Willen nicht an einzelne Besucher erinnern.«

Ich dankte der Frau für ihre Hilfe, sie wünschte mir noch einen schönen Sonntag und ich sollte doch mit der älteren Frau mal einen trinken gehen, damit sie auf andere Gedanken käme, schließlich gäbe es doch noch mehr schöne Männer auf der Welt ...

Ich begleitete Luise Rinnstein zu ihrem Haus in der Kolpingstraße und überlegte, wie ich an aufschlussreichere Informationen kommen könnte. Das markante Planetariumsgebäude liegt eingeschlossen von zwei mehrspurigen Straßen, die auf die Autobahn bzw. von ihr weg führen. Die Gegend ist im wesentlichen Gewerbegebiet, das am Wochenende ausgestorben ist. Gaststätten gibt es ebenfalls keine, sieht man von der ›Eventgastronomie‹ des sogenannten Palazzo, dessen Zelt sich jeden Winter auf der ›Karnickelwiese‹ breit macht, ab. Dessen Gäste kamen bei den stolzen Preisen vermutlich nur einmal, da gab es keine Laufkundschaft. Ich konnte also niemanden nach Jacob Rinnstein fragen.

Wie war er überhaupt vom Planetarium weggekommen, mit der Straßenbahn, mit dem Taxi oder hatte er sich gar als Anhalter an die Autobahn gestellt und das alles ohne Gepäck oder war er vorher nochmal nach Hause gegangen? Fragen über Fragen.

Als wir vor ihrer Haustür angekommen waren, fiel mir ein, dass Luise Rinnstein wissen müsste oder zumindest nachsehen konnte, ob Kleider und Schuhe von ihm, ein Koffer oder ähnliches fehlten und fragte sie danach.

»Oh, ja, entschuldigen Sie, das hätte ich Ihnen auch wirklich gleich sagen können, das war ja schließlich das erste, was ich überprüft habe, nachdem ich ihn nicht zu Hause vorgefunden hatte. Nein, es fehlt nichts; er hat weder Unterwäsche noch Hemden oder andere Kleidungsstücke mitgenommen, außer dem, was er an diesem Tag am Körper trug.«

»Ist doch merkwürdig, finden Sie nicht oder hatte er größere Mengen an Geld dabei?«, kam mir noch ein Gedanke.

»Das weiß ich nicht genau, hundert, zweihundert Euro hatten wir schon immer einstecken, falls mal was passieren würde, aber größere Summen normalerweise nicht.«

Wenn er – wie ich vermutete – irgendwo hingefahren war, um sich ein paar Tage ohne seine Frau zu amüsieren, brauchte er ohne Zweifel Geld, zumal er all seine Sachen zu Hause gelassen hatte. Er musste entweder vorher einen größeren Betrag vom Konto abgehoben haben oder er hatte Plastikgeld dabei.

»Haben Sie Ihre Kontoauszüge überprüft«, ich ging bei soviel Harmonie ganz selbstverständlich davon aus, dass sie ein gemeinsames Konto hatten, »wurde ein größerer Betrag abgehoben, von dem Sie...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.