E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Thomas Der Tharandter Wald Krimi
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7693-4213-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mord am Hexenhäusel
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7693-4213-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joachim Thomas wurde 1950 geboren. Er lebt mit seiner Frau Dagmar und der Bestimmerin des Hauses, der Hauskatze Lara, in einem kleinen Ort in der Nähe von Dresden - im Kurort Hartha, in dem die vorliegende Geschichte spielt. Oder die drei verbringen ihre Freizeit auf der wunderschönen Insel Rügen, wo sie ihr zweites Zuhause gefunden haben.
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Die Ermittlungen beginnen
Hans Nagel ist eine imposante Persönlichkeit, ein Baum von einem Mann, kräftig und doch sportlich drahtig. Seit vielen Jahren ist er schon als Hauptkommissar in der Kriminalpolizeiinspektion tätig, im Dezernat 1, das auch für Gewalt- und Tötungsdelikte zuständig ist für Dresden und die angrenzenden Landkreise, zu denen auch der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gehört, in dem sich der Tharandter Wald befindet. Er hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt und ist auch jetzt noch Polizist mit Begeisterung. Nur heute, an diesem Freitagabend – nicht. Denn sein Lieblingsfußballverein Dynamo Dresden hat heute Abend ein Heimspiel. Und genauso wie er Kriminaler mit Leib und Seele ist, ist er auch Fan seines Vereines, der gerade jetzt in der Endphase der Spielsaison sehr um den Aufstieg in die 2. Bundesliga kämpfen muss. Er hätte ihn liebend gern unterstützt- zumindest durch seine Anwesenheit und Anfeuerungsrufe. Aber der Beruf geht nun einmal vor. Und der verlangt von ihm, dass er sich unverzüglich mit seinem Assistenten, dem Kommissaranwärter Eike Wertenberg in den Tharandter Wald begeben muss. Dort habe man eine Leiche gefunden - so die knappe Notiz, die man ihm als dringlich auf den Schreibtisch gelegt hatte - und alle Umstände sprächen dafür, dass es sich nicht um eine natürliche Todesursache handele.
Die Spurensicherung sowie die Kriminaltechniker und ein Rechtsmediziner sind schon unterwegs zum Fundort, der sich ca. 25 KM südwestlich der Stadtmitte Dresdens inmitten des Tharandter Waldes befindet. Hans Nagel hat keine Wahl. Ausgerechnet am Wochenende muss das passieren: ein neuer Fall, für den er zuständig ist. Knapp informiert er seinen Kollegen über die ihm mitgeteilten Fakten. Dann brechen auch sie auf. Dynamo Dresden muss heute Abend auf die Anfeuerungsrufe von Hans Nagel verzichten.
Am Ort des Geschehens angekommen, begrüßen Hans Nagel und sein Begleiter Eike Wertenberg zunächst den Leiter des kriminaltechnischen Dienstes, Oberkommissar Erwin Schade, ein seit vielen Jahren vertrauter und auch sehr kompetenter Kollege des mit den Ermittlungen beauftragten Hauptkommissars. Nagel kann nicht anders, er muss ein wenig innerlich schmunzeln, immer dann, wenn er auf Erwin Schade trifft. Obwohl auch dieser Mitfünfziger ist, wie er selbst, wirkt er mit seinen in die Stirn gekämmten noch vollen schwarzen Haaren, mit seiner zu groß geratenen altmodischen Hornbrille und seinen einerseits intellektuellen, andererseits aber durchaus verschmitzten Gesichtszügen nicht nur sehr viel jünger, als er tatsächlich ist. Er verbreitet vielmehr auch das Flair eines etwas tollpatschigen, schelmenhaften großen Jungen. „Unser Harry Potter der Kriminalistik,“ pflegt Hans Nagel bisweilen anzumerken, wenn er über Erwin Schade spricht. Und das nicht zu Unrecht. Denn all die Dinge, die der Kriminaltechniker bei seinen Untersuchungen bisweilen zu Tage fördert, grenzen in den Augen der übrigen Kollegen nicht selten an Hexerei. Und auch jetzt zeigt Erwin Schade sich wieder einmal voll in seinem Element und kann bereits erstaunliche Erkenntnisse präsentieren, obwohl er nicht wesentlich früher als Nagel und Wertenberg am Fundort der Leiche eingetroffen sein kann mit seinem Team sowie auch dem sehr erfahrenen Gerichtsmediziner Dr. Klaus Bauer vom Dresdner Universitätsklinikum. Die Mediziner sind ganz offensichtlich voll bei der Sache und wuseln im Wald herum mit ihrer sterilen Plastikmontur.
Schade geleitet den Hauptkommissar zum Fundort der Leiche. Diese liegt noch, wie von den Jungs vorgefunden, auf dem Boden; inzwischen allerdings vom Laub und Reisig befreit. Die übrigen Beamten untersuchen den Boden, markieren die eine oder andere Stelle, machen Fotos, stellen Messungen an und durchforsten das angrenzende Gelände, während der Chef der Spurensicherung einen ersten Bericht abgibt: „Also, Hans, nicht zu verkennen: es handelt sich bei dem Toten um einen Mann. Alter etwa Mitte fünfzig. Augenscheinlich Mitteleuropäer. Todesursache dürften nach Auffassung Bauers Stichverletzungen ins Herz sein. Ob mittels eines Messers oder eines anderen scharfen Gegenstandes, muss die Obduktion ergeben. Auch der genaue Todeszeitpunkt steht noch nicht fest. Allzulange lag der Tote jedenfalls noch nicht im Wald, da die Verwesungsspuren noch nicht so ausgeprägt sind. Auch das Ungeziefer und die possierlichen Tierchen des Waldbodens, also die Maden und Würmer, Aaskäfer und Schmeißfliegen sind gerade erst dabei, es sich in den Körperöffnungen ihres neuen Zuhauses bequem zu machen“. Erwin Schades Gesicht zeigt trotz des traurigen Anlasses Anzeichen eines leicht makabren Schmunzelnsso ist Erwin Schade, wie man ihn kennt- geprägt durch eine lange, nicht immer einfach zu ertragende, berufliche Tätigkeit: „Maximal eine Woche, eher etwas weniger. Und – das erscheint mir sehr wichtig – er muss hier umgebracht worden sein, da im Umkreis des Tatorts Reste von Blutspuren gefunden wurden. Ob vom Opfer oder vielleicht sogar vom Täter, weiß ich noch nicht. Auch hier muss Dr. Bauer noch genau untersuchen. Vielleicht hat es ja einen Kampf gegeben, zumal am Hemd des Toten einige Knöpfe fehlen. Einen Hinweis auf die Identität des Opfers gibt es allerdings nicht. Mantel oder Jacke mit persönlichen Papieren, Schlüsseln oder einem Handy fehlen. Alles, was auf die Person des Opfers hinweisen könnte, muss der Täter mitgenommen oder vernichtet haben. Ob es noch weitere Spuren gibt, an der Kleidung zum Beispiel, untersuchen wir noch.“
Hans Nagel bedankt sich für diese erste Einschätzung, betrachtet noch einmal die vor ihm liegende Leiche eindringlich und geht dann in Gedanken versunken in Richtung des Hexenhäusels, während sein Kollege die Spurensuche am Fundort der Leiche weiter verfolgt.
Am Hexenhäusel harren noch immer die Mitglieder des Kreischaer Jugendclubs aus. Ihre Zelte haben sie inzwischen abgebaut und ihre Fahrräder wieder beladen. Ein weiterer Aufenthalt an dieser Stelle und auch noch über Nacht ist selbstverständlich kein Thema mehr. Andererseits haben sie sich weitgehend gefasst und interessiert die Ermittlungstätigkeit der Polizei beobachtet. Bisher kannten sie so etwas nur aus den Krimis im Fernsehen. Aber die Realität ist doch etwas anderes. Mitten drin zu sein in einer Mordermittlung und einen echten Toten zu Gesicht zu bekommen: das ist nicht nur wahnsinnig aufregend, sondern wird noch für viel Gesprächsstoff in der Schule und im Freundeskreis sorgen.
Hans Nagel setzt sich zu den Jungs, befragt sie noch einmal, wie es zum Auffinden des Toten gekommen ist und bohrt weiter nach: haben sie etwas anderes gefunden im Wald oder am Hexenhäusl, etwas, das dort nicht hingehört? Ist ihnen vielleicht irgendetwas Unnormales aufgefallen, etwas verdächtig vorgekommen? Haben sie den Toten schon einmal gesehen? Haben sie irgendwelche Spuren in der Nähe des vermutlichen Tatorts bemerkt? Die Jungen verneinen alle Fragen. Für Hans Nagel ist hier also kein Weiterkommen. Er bohrt nach, stellt weitere Fragen, um festzustellen, ob die Jungen psychisch in der Lage sind, alleine die Rückfahrt nach Hause antreten zu können. Als er sich davon überzeugt hat, bedankt er sich und händigt den Jungs seine Karte aus. Er stehe jederzeit zur Verfügung, falls es Probleme gäbe oder falls ihnen doch noch etwas einfallen sollte, was für die Ermittlungen von Belang sein könnte. Sicherlich werde er mit ihnen noch einmal Kontakt aufnehmen müssen. Jetzt aber sollten sie erst einmal nach Hause fahren und zur Ruhe kommen- wenn das für sie überhaupt möglich ist nach einem derart einschneidendem Erlebnis. Er klopft ihnen noch einmal auf die Schultern, wünscht ihnen viel Kraft in der nächsten Zeit und verabschiedet sie dann. Man wird sich sicherlich noch einmal Wiedersehen im Laufe der weiteren Ermittlungen.
Nagel selbst informiert sich noch einmal bei der Spurensicherung, ob es inzwischen weitere Erkenntnisse gegeben hat, ob den Beamten noch irgendetwas aufgefallen ist. Erwin Schade zuckt mit den Schultern: „Nein, nichts, das ich dem Tatgeschehen zuschreiben könnte. Ein Stück Baumrinde ist uns allerdings ziemlich merkwürdig vorgekommen. Es lag fast in Nähe des Toten und machte den Eindruck, als sei es irgendwie gestaltet worden- drapiert mit ein paar Blumen, einem Blatt, das wie ein Segel aussieht. Eine Arche? Kann Zufall sein, vielleicht einfach nur vom Wind so zusammengeweht. Eine Laune der Natur? Vielleicht auch nicht. Wir haben es vorsichtshalber fotografiert und sichergestellt. Ich glaube aber nicht, dass es irgendeine Bedeutung hat.“
Hans Nagel nickt, bittet seinen Kollegen aber gleichzeitig, das Fundstück genetisch untersuchen zu lassen. Man kann ja nicht wissen und man will sich ja kein Versäumnis nachsagen lassen. Und Fotos vom Toten brauche er. Auch von diesem merkwürdigen Blatt- und überhaupt, vom ganzen vermutlichen Tatort und seiner Umgebung. Möglichst bald. „ Am besten schon vorgestern,“ lacht er. „Ich kann ja nicht ermitteln, wenn ich nichts in der Hand habe. Und zum Glück musst du ja heutzutage die Bilder nicht mehr langwierig entwickeln, obwohl ich glaube, du würdest auch das schaffen.“...




