E-Book, Deutsch, 351 Seiten
Reihe: Lübbe
Thomas Ein Herz voll Leben
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-0375-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 351 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-0375-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lebe dein Leben, Isabella. Versprich es mir
Die junge Isabella Kramer lebt ein glückliches Leben an der Ostseeküste: Ihr kleiner Cupcake-Laden läuft ausgezeichnet, und ihre beste Freundin Melanie und deren kleine Tochter Leni sind fast wie eine eigene Familie für sie. Doch als Melanie stirbt, bricht diese Welt zusammen. Ohne zu zögern, übernimmt Isabella die Vormundschaft für Leni. Das kleine Mädchen ist ihr zwar ein Trost, aber es ist auch eine Herausforderung, für die trauernde Leni da zu sein. Dann bekommt Isabella eines Tages eine E-Mail von Melanie, die diese noch vor ihrem Tod geschrieben hat. Darin gibt sie Isabella kleine Aufgaben, um besser mit dem Verlust klarzukommen. Keine Frage, dass Isabella Melanies Aufgaben erfüllen wird - nicht ahnend, dass diese ihr Leben vollständig auf den Kopf stellen werden.
Violet Thomas ist ein Pseudonym der Fantasy-Autorin Ann-Kathrin Karschnick (1985). Sie veröffentlichte bereits zahlreiche phantastische Romane und wurde für Phoenix - Tochter der Asche 2014 mit dem Deutschen Phantastikpreis ausgezeichnet.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2 – Maximilian
»Endlich Feierabend«, murmelte ich und steckte mir die Kopfhörer ins Ohr, während ich den Hof überquerte und zu meinem Stellplatz vorn an der Straße ging. Die Charts spielten leise genug, damit ich die Umgebung wahrnahm, aber laut genug, um die Gedanken auszublenden.
Ich ließ die Scheune und damit meinen offiziellen Arbeitsplatz und gleichzeitig inoffiziellen Wohnsitz hinter mir. Das alte Hofgebäude gehörte meinem Onkel, und er ließ mich darin wohnen. Er war Immobilienvermittler und Vermieter, und ich arbeitete für ihn als Mädchen für alles. Unser Arrangement bestand darin, dass mich mein Onkel anrief, wenn es in seinen Häusern oder Wohnungen etwas zu reparieren gab, Klempneraufgaben oder Hausputz anstanden, er mir einen entsprechenden Auftrag erteilte und danach bezahlte. Daneben hatte ich ein paar feste Aufgaben wie die Gartenpflege der noch nicht vermittelten Grundstücke, was mich täglich ein paar Stunden beschäftigte, ohne dass es ein regelmäßiger Job gewesen wäre, bei dem man morgens um neun Uhr anfing und um siebzehn Uhr den Stift fallen ließ.
Alles in allem kam am Ende des Monats keine übermäßig große Summe zusammen, aber es reichte, um mich über Wasser zu halten.
Ich erreichte die Straße und sog die salzige Ostseeluft ein, die den ganzen Ort erfrischte und die ich morgens nach dem Aufstehen besonders gern auf der Zunge schmeckte. Sie erinnerte mich daran, was für ein entspanntes Leben ich führte, und genau so sollte es bleiben. Natürlich war es nicht perfekt. Dafür fehlten mir ein paar Millionen auf dem Konto und mein Sohn in meiner Nähe, doch das waren beides Dinge, die sich nicht ändern ließen.
Ein Grinsen stahl sich auf mein Gesicht, als ich an meiner Maschine ankam, meinem ganzen Stolz. Eine vollständig restaurierte 1977 BMW R100 RS, die straßentauglich und zugelassen war. Es hatte mich vier Jahre meines Lebens und all mein Erspartes gekostet, aber nun lief sie und brachte mich überallhin.
»Hi Max«, begrüßte mich Tilda, die Nachbarin meines Onkels, mit einem koketten Lächeln. Sie war mit einem deutlich älteren Mann verheiratet, der die meiste Zeit im Ausland arbeitete, und flirtete gern. Ich hatte nichts dagegen, auch wenn es definitiv dabei bleiben würde. Eine verheiratete Frau brachte zu viele Verstrickungen und Probleme mit sich, die ich mir nicht aufhalsen wollte.
»Hi Tilda«, erwiderte ich und setzte meinen Helm auf. Ich konnte ihre Blicke auf mir spüren und schmunzelte. In ein paar Tagen würde ihr Mann von seiner Geschäftsreise zurückkommen und ihr teure Kimonos und die neusten technischen Spielereien aus Japan schenken, wo er viel Zeit verbrachte. Ich hingegen war froh, wenn ich morgen mein Essen bezahlen konnte.
»Nimmst du mich irgendwann mal auf deiner Maschine mit?« Tildas Stimme drang gedämpft durch den Helm zu mir durch.
»Klar. Wenn ich Zeit habe, machen wir das«, antwortete ich wie jedes Mal. Ihr genügte dieses lose Versprechen, das mir Aufschub gab bis irgendwann.
»Ich freue mich darauf.«
Bevor Tilda mich in ein Gespräch verwickeln konnte, startete ich mit einem einzigen harten Kick den Motor und fuhr los. Die Straßen und Gassen des Ostseebads waren verwinkelt und klein, ideal für mein Motorrad. Ich schlängelte mich hindurch, legte mich in die Kurven, genoss die Einheit, die die Maschine und ich bildeten. Die BMW zu fahren bedeutete Freiheit, und jene Menschen, die behaupten, nur Fliegen sei schöner, sind noch nie Motorrad gefahren. Mochten sich ab und an die Anwohner über den Krach beschweren – meine BMW würde ich für nichts und niemanden aufgeben.
An diesem Tag wollte ich zu einer Werkstatt einige Orte weiter fahren in der Hoffnung, dort ein fehlendes Teil für meine Maschine zu finden. Der Weg führte mich von der Ostsee weg landeinwärts. Malerische Küstenstraßen wie im Film sucht man in der Realität an der Ostsee fast überall vergeblich. Stattdessen bretterte ich eine Allee entlang, die Melodie in meinen Kopfhörern mitsummend.
Um den Abend ein wenig zu genießen, wählte ich nicht den direkten Weg, sondern nahm eine kleinere Straße durch die Ortschaften hindurch, brauste an reetgedeckten Häusern vorbei. Auf meiner Maschine vergaß ich die Sorgen und Probleme, die mich im Alltag immer wieder einholten. Wenn die Landschaft an mir vorbeiflog, war ich frei und konnte für den Moment vergessen.
Die Werkstatt, die ich eine halbe Stunde später erreichte, befand sich in einem Hinterhof, der von der Straße aus schlecht einsehbar war, sodass sie nur entdeckte, wer wusste, wo sie sich befand. Das hatte den einfachen Grund, dass sie kein angemeldetes Gewerbe war.
Holger, der Betreiber, besaß eine große Halle auf seinem Hof, die er nutzte, um Auto- und Motorradteile zu lagern. Wer etwas Bestimmtes suchte, der konnte sich dort umschauen und sein Glück versuchen. Manchmal half Holger bei der Suche, doch meistens war man auf sich allein gestellt. Zumindest lagerte er inzwischen die Ersatzteile nach Auto und Motorrad getrennt; als ich die Werkstatt vor zwei Jahren durch den Tipp eines Kumpels entdeckt hatte, stand ich vor einem heillosen Durcheinander und niemand, nicht einmal Holger, hätte sagen können, ob sich unter dem Stapel von Auspuffrohren nicht doch eine Zündspule für meine BMW verbarg.
»Maximilian«, begrüßte mich der dickbauchige, bärtige Mann in dem blauen Overall, den er immer trug. Wäre mir Holger auf der Straße begegnet – in Jeans und Hemd gekleidet, hätte ich ihn sicher nicht erkannt.
Wir schlugen die Hände ineinander. »Holger, alles klar bei dir?«
»Der Ischias nervt seit einigen Tagen, aber das ist nix, was ein guter Korn nicht richten kann.« Holger deutete auf die Scheune. »Suchst du was Bestimmtes?«
»Ja, ich brauche einen neuen Vergaser für die Zündapp.«
»Du schraubst immer noch daran? Hast du sie nicht bald mal fertig? Selbst meine Mutter wäre schneller.« Holger steckte die Fäuste in die tiefen Taschen seines Blaumanns. »Und die sitzt im Rollstuhl.«
»Die arbeitet aber vermutlich nicht nebenbei.« Ich zwinkerte ihm zu und machte einen Schritt auf die Scheune zu. »Hast du eine Idee, wo ich so ein Teil finde?«
Holger zog aus seiner rechten Tasche ein Feuerzeug und aus der linken sein Zigarettenetui hervor. Beides war mit schwarzen Flecken übersät und sicherlich das letzte Mal direkt nach dem Kauf sauber gewesen. Er steckte sich eine Zigarette an und betrachtete mich unter seinen wulstigen Augenbrauen. Holger war ein Bär von einem Mann und aus zweierlei Gründen niemand, mit dem ich mich anlegen wollte. Erstens hatte er zwölf Jahre in der Bundeswehr gedient und war so manches Mal auf Auslandseinsatz gewesen. Angeblich in Afrika, aber das hatte ich nur aus seinen Andeutungen geschlossen. Details verriet Holger grundsätzlich nicht. Und zweitens war er der einzige Händler im Umkreis, der die Teile besaß, die ich brauchte. Zumindest zu Preisen, die ich mir leisten konnte. In den offiziellen Werkstätten verlangten sie eine unverschämte Summe für die alten Ersatzteile und wollten sie meistens auch noch selbst einbauen. Natürlich bestand die Möglichkeit, sich die Teile übers Internet zusammenzusuchen, doch das hatte den Nachteil, dass ich sie vor dem Kauf nicht auf eventuelle Makel untersuchen konnte. Holger blieb die einzige Option.
»Bist du denn wieder flüssig?« Die Frage kam nicht überraschend, trotzdem schluckte ich.
»Weißt du, Holger, was bedeutet schon …«
»Also nicht«, brummte er und drehte mir den Rücken zu. Er zog an der Zigarette und machte sich auf den Weg zu seinem Büro.
»Hey, du weißt doch, dass ich meine Schulden bei dir immer bezahle.« Ich eilte ihm hinterher.
»Ich kann dir nicht ständig alles vorstrecken. Du bist bereits der Kunde mit den meisten Schulden.«
»Nur weil ich so ein guter Kunde bin.« Ich setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Komm schon, Holger. Ich such mir einen weiteren Job und stottere die Kohle bei dir ab. Auf mich kannst du dich verlassen.«
Holger blieb stehen und verzog das Gesicht, die Zigarette hing locker in seinem Mundwinkel. »Ich kann mich zumindest darauf verlassen, dass du wiederkommst.« Er stöhnte, machte kehrt und schlenderte zur Lagerhalle, in der er seine Ware aufbewahrte. »Ein letztes Mal. Dann musst du erst mal was abbezahlen.«
»Versprochen. Ich kümmere mich gleich heute Abend darum.«
»Wenn nicht, schicke ich dir Erpel auf den Hals.«
Ich verkniff mir ein Schmunzeln. Erpel war ein Deutscher Schäferhund, der zwar lauter bellte als jeder andere, den ich kannte, aber noch nie jemandem etwas getan hatte. Im Gegenteil. Erpel war das entspannteste Tier, das man sich vorstellen konnte, was vielleicht auch daran lag, dass ich mich mit ihm von Anfang an gut gestellt und stets ein Leckerli für ihn in der Tasche hatte.
»Er kann mich zerfleischen oder was auch immer er gern tut.«
»Ach«, brummte Holger und winkte ab. »Wahrscheinlich springt er dich nur an und schleckt dir das Gesicht, bis dein dämlicher Dreitagebart freiwillig abfällt.«
Ich hob eine Hand an mein Kinn. »Was hast du gegen meinen Bart?«
»Das ist kein Bart, das ist pure Faulheit.« Holger deutete auf seine eigene Gesichtsbehaarung, einen Vollbart, der ihm beinahe bis zur Brust reichte. »Das, Junge, ist ein Bart, der seinen Namen verdient. ZZ Top wären stolz auf mich.«
Ich runzelte die Stirn und fragte mich, wen er meinte, als er jedoch nichts weiter erklärte, nickte ich nur und lächelte. Immer mit Holger gut stellen. Ein Lebensmotto, das mir so manchen Rabatt...




