E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical Gold
Thomas Für immer in meinem Herzen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7337-6939-0
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical Gold
ISBN: 978-3-7337-6939-0
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hals über Kopf verliebt sich Lady Alexandra in den Offizier Christopher Donally. Ihn will sie, sonst keinen - auch wenn ihr Vater gegen diese Verbindung ist! Wagemutig brennt sie mit dem Mann ihres Herzens durch, um ihn zu heiraten. Aber das Glück währt nur kurz: Alexandras einflussreicher Vater zwingt das junge Paar, die Ehe annullieren zu lassen. Doch die gemeinsamen Stunden bleiben unvergessen - eine Liebe in der Erinnerung. Bis Lady Alexandra - zehn Jahre später - in schreckliche Bedrängnis gerät: Sie wird des Betrugs verdächtigt. Und nur ein Mann kann ihr helfen: Christopher ...
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1. KAPITEL
London, im Frühjahr 1866
Haben Sie den Verstand verloren, Alexandra?“ Professor Atler ließ ihren Bericht mit einer so entsetzten Miene auf den Tisch fallen, dass man hätte meinen können, das Papier sei mit der Pest infiziert.
„Es gibt einen Dieb hier im Museum, Herr Professor“, erklärte Lady Alexandra Marshall. Vor Aufregung klang ihre Stimme ein bisschen heiser. „Einen, der sich sehr gut auskennt. Das gefällt mir ebenso wenig wie Ihnen. Aber es nützt nichts, die Tatsachen zu leugnen. Was ich herausgefunden habe, lässt keine andere Interpretation zu. Deshalb stehe ich zu dem, was ich hier aufgeschrieben habe. Ich bringe keine falschen Anschuldigungen vor. “
„Ihre Schlussfolgerungen sind der reine Wahnsinn! Himmel und Hölle, überlegen Sie doch, was Sie da tun!“
Seine Worte jagten Alexandra einen kalten Schauer über den Rücken. Und plötzlich begriff sie, wie sich früher die Überbringer schlechter Botschaften gefühlt haben mussten. Damals, als man diese noch umbrachte … Sie senkte den Blick.
Es war nicht sehr hell in dem Raum, weil dort eine große Anzahl wertvoller Altertümer aufbewahrt wurde. In einer Ecke standen einige mit Glasplatten abgedeckte Särge, in denen sich uralte Mumien befanden, die stets für einen irgendwie muffigen Geruch sorgten. In langen Regalen waren kleine Kunstwerke versammelt, darunter auch einige chinesische Vasen und Krüge, die dem ähnelten, den Alexandra in der Hand hielt. Sie betrachtete ihn einen Moment lang und wusste plötzlich, dass ihr Schicksal besiegelt war.
Wenn die falschen Leute von ihrer Entdeckung erfuhren, würde das die gesamte akademische Elite gegen sie aufbringen. Unvorstellbar, dass es in den „geheiligten Hallen“ des Britischen Museums einen Dieb gab! Wenn Alexandras Verdacht sich bestätigte – und sie hatte keinen Zweifel daran –, dann würde dadurch der Ruf aller Museumskuratoren und aller mit dem Museum verbundenen Wissenschaftler gefährdet. Am schlimmsten würde es natürlich den Direktor treffen.
Unwillkürlich seufzte sie auf. Fest stand, dass irgendwer sich an den unschätzbar wertvollen Exponaten zu schaffen gemacht hatte. Und dass es sich bei diesem Jemand um einen Menschen handelte, der mit den Abläufen im Museum ebenso vertraut war wie mit den Schätzen, die dort gehütet wurden.
„Ich habe nicht die Absicht, dem Museum auf irgendeine Art zu schaden.“ Sie stellte den chinesischen Krug vor sich auf den Tisch. „Aber ich bin diejenige, die die Kunstwerke bei ihrem Eintreffen in Empfang genommen und untersucht hat. Deshalb weiß ich, dass einige Originale gegen Nachahmungen vertauscht worden sind. Häufiger allerdings wurden nur die echten Edelsteine, mit denen die Becher und Krüge verziert waren, gegen künstliche Steine ersetzt. Alle Fälschungen wurden sehr geschickt ausgeführt.“
„Ist Ihnen klar, dass manch einer Ihnen vorwerfen wird, Sie wollten eigene Fehler bei Ihren Untersuchungen und Klassifizierungen durch diese Anschuldigungen verdecken? Haben Sie darüber nachgedacht, dass Sie sich vielleicht wirklich in dem einen oder anderen Fall geirrt haben?“
„Ich …“ Sie errötete vor Zorn. „Ich habe mich nicht geirrt, Sir.“ Aber die Bemerkung des Professors hatte ihren Zweck erfüllt. Erste Zweifel regten sich in Alexandra. Was war, wenn sie sich wirklich – und sei es nur ein einziges Mal – getäuscht hatte? Sie faltete die Hände im Schoß, damit Atler nicht sehen konnte, wie sie zitterten. „Sir, ich habe keinen Fehler gemacht.“
„Wie können Sie da so sicher sein?“
„Man sieht es, wenn sich das Licht in den Steinen bricht. Schauen Sie sich die Rubine und Smaragde auf diesem Krug aus dem 16. Jahrhundert an. Nicht einer von ihnen ist echt. Und was die anderen Kunstwerke betrifft“, sie wies auf die Gegenstände, die sie auf dem Tisch aufgereiht hatte, „auch sie sind verändert oder ganz ausgetauscht worden. Die Smaragdelefanten zum Beispiel sind keineswegs aus echten Edelsteinen gefertigt. Es handelt sich nicht um die Elefanten, die wir aus China erhalten haben, sondern um hervorragend ausgeführte Fälschungen. Und das ist leider noch längst nicht alles. Ich habe nicht jedes Teil mitgebracht, an dem unser Dieb sich zu schaffen gemacht hat. Und ich kann Ihnen versichern, dass der Dieb sich die größte Mühe gegeben hat, sein Tun zu verheimlichen. “
„Trotzdem haben Sie – und nur Sie – es bemerkt.“
Seine Stimme verriet deutlich, was er damit sagen wollte. Für Alexandra war die Anklage, die seine Worte enthielten, unüberhörbar. Erneut lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Doch sie holte tief Luft und erklärte: „Ich wiederhole: Es war die Lichtbrechung, die mich misstrauisch gemacht hat. Synthetische Edelsteine reagieren auf Licht anders als echte. Daran kann man, wenn man einige Erfahrung hat, eine Fälschung erkennen. Der Austausch der Originale gegen die Nachahmungen kann erst kürzlich stattgefunden haben. Sonst wären mir die Diebstähle schon eher aufgefallen.“
Professor Atler hob die Augenbrauen. „Ach ja?“
Alexandra zwang sich, zumindest äußerlich, zur Ruhe. „Wie Sie wissen, wechseln wir alle drei Monate die Ausstellungsstücke aus, und den Rest lagern wir in der Zwischenzeit unzugänglich für das Publikum ein. Dieser Krug hätte jetzt ausgestellt werden sollen. Als ich ihn hervorholte, um ihn zu polieren, fiel mir auf, dass etwas nicht stimmte. Ich holte meine Notizen zu Hilfe, alles, was ich aufgeschrieben hatte, als ich den Krug untersuchte. Außerdem haben wir natürlich eine Kartei, in der alle Kunstwerke erfasst sind, die wir besitzen. Nun, es ist offensichtlich, dass dieser Krug nicht mit dem Original übereinstimmt, das uns damals aus China geliefert wurde. Jemand hat die echten Edelsteine gegen synthetische Nachahmungen ausgetauscht.“
Ihr Gegenüber schwieg beharrlich.
„Sir“, sagte sie, „ich habe diesen Bericht geschrieben, weil ich eine Untersuchung der Vorfälle wünsche.“
Professor Atler starrte die Papiere an, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Nicht ein einziges Mal hatte er die Kunstwerke beziehungsweise die Fälschungen eingehender betrachtet. Er schien in sich zusammengesunken zu sein. Die braune Wolljacke hing über seinen Schultern, als sei sie ihm plötzlich zu weit geworden. Sein Gesicht wirkte grau und müde.
Unvermutet empfand Alexandra Mitleid mit ihm. Atler war kein junger Mann mehr. Sein Haar war schon seit Jahren ergraut. Und zweifellos trug er schwer an der Verantwortung, die ihm als Direktor des Museum zukam. Ein Skandal würde ihn ruinieren. Verständlich also, dass er nicht wollte, dass etwas von den Diebstählen an die Öffentlichkeit drang. Zudem ging es auch um den Ruf und damit um die Zukunft des Museums.
Darüber hatte sie sich bisher keine Gedanken gemacht. Ihr Herz schlug schneller, und sie empfand fast so etwas wie Schuldbewusstsein. Ihr ganzes Leben lang hatte sie den Professor gekannt. Er war ein Kollege und ein Freund ihres Vaters Lord Ware und hatte wie dieser lange als Diplomat im Ausland zugebracht. Irgendwann, kurz bevor Alexandra ihre Universitätsstudien abgeschlossen hatte, war er nach England zurückgekehrt, um eine Stellung im Museum anzunehmen. Dort hatte er eine steile Karriere gemacht. Und nun war er schon seit einiger Zeit Direktor des Museums.
Als sie, Alexandra, vor vier Jahren die Universität verlassen hatte, war es Atler gewesen, der sich dafür einsetzte, dass sie Arbeit im Museum fand. Das würde sie ihm nie vergessen. Mit Können, Hingabe und Ehrgeiz hatte sie sich all ihren unterschiedlichen Aufgaben gewidmet. Seit ihrer Einstellung hatte sie mehr wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht als die meisten ihrer Kollegen. Am bekanntesten waren ihre Veröffentlichungen zu Themen aus dem anthropologischen Bereich, ihre Aufsätze zur natur- und geisteswissenschaftlichen Entwicklung des Menschen.
Ihre Begeisterung für dieses wissenschaftliche Gebiet hing damit zusammen, dass die Liebe ihres Vaters von jeher der Erforschung der menschlichen Vergangenheit gehört hatte. So hatte sie von Kindheit an Gelegenheit gehabt, verschiedene Ausgrabungsstätten zu besuchen, sich mit den unterschiedlichen Arbeiten dort vertraut zu machen und ein ureigenes Interesse an archäologischen Unternehmungen zu entwickeln.
Das war zweifellos eine Leidenschaft, die sie mit Professor Atler teilte. Damals, als er für ihre Übernahme als Mitarbeiterin des Museums plädiert hatte, war er gerade aus Ägypten zurückgekehrt, wo er mehrere Mumien entdeckt hatte. Er hatte sie nach England gebracht und war dafür von Königin Victoria persönlich geehrt worden. Diese königliche Anerkennung hatte gewiss dazu beigetragen, dass man ihn kurz darauf zum Direktor des Museums ernannt hatte.
Alexandra schätzte den Professor sehr, ja, sie bewunderte ihn, sodass sie stets bestrebt war, sich ihm gegenüber von ihrer besten Seite zu zeigen. Gleichzeitig versuchte sie, ihren ausnahmslos männlichen Kollegen zu beweisen, dass sie eine gute Wissenschaftlerin war, die genauso logisch denken konnte wie sie. Ähnliche Anstrengungen unternahm sie auch, wenn sie Kontakt zu den Besuchern des Museums hatte oder wenn sie – bei den seltenen Gelegenheiten, da sie an gesellschaftlichen Ereignissen teilnahm – mit einflussreichen und hochgestellten Menschen zusammenkam. Ohne sich zu den Frauenrechtlerinnen zu rechnen, jenen Damen, die für mehr Rechte kämpften, wollte sie doch unter Beweis stellen, dass man kein Mann sein musste, um gute wissenschaftliche Arbeit zu leisten. Warum nur glaubten so viele Menschen, dass es jemandem an Verstand...




