Thomas | Goldfasan | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Thomas Goldfasan

Die Bekenntnisse eines Taugenichts
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-3834-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Bekenntnisse eines Taugenichts

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

ISBN: 978-3-6951-3834-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Michael Bornbach - am Tod von fünf Frauen beteiligt, drei Frauen eigenhändig ermordet, drei geheiratet, viermal Fremdgegangen, siebzehn- oder achtzehnmal bei Nutten gewesen und ungezählte Male sich selbst befriedigt - das ist die stolze Bilanz, die Michael Bornbach, als letzter Spross eines alten Adelsgeschlechtes nach dreiundsiebzig gelebten Jahren auf der Habenseite zu Buche bringen kann. Mit vollem Namen heißt er: Michael Maria Ludwig Adelbert Johann Freiherr von und zu Bornbach. Vierzig Jahre musste er sich mit Sozialismus herumschlagen, dann dreiunddreißig Jahre mit Kapitalismus. Vielleicht wären auf der Habenseite seines Daseins noch seine zwei Kinder zu nennen - sowie seine Erfolge als Kabarettist. Alles andere hätte ich mir schenken können! - denkt er rückblickend, ohne sich zu glauben. Er wäre schließlich nicht geworden, was er ist, wenn er nicht das Leben gelebt hätte, das er gelebt hat. Und dazu gehören seine adlige Abstammung ebenso, wie seine verkorkste Sexualität und seine kreative Besessenheit. Aber was ist er denn nun am Ende geworden? Ein Taugenichts! Ein Versager? Ein vergammeltes Genie?

Geboren im Osten Deutschlands kurz nach Gründung der DDR. Schreibt seit früher Jugend Gedichte und Prosa. Verheiratet, zwei Kinder.
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Kapitel 1


Liebesbeziehungen sind nicht den Erwachsenen vorbehalten. Auch bevor die Sexualität erwacht, kann man sich verlieben. Unsterblich!

Als ich im Jahr des Herrn anno 1949 geboren wurde, wohnten wir, ein Zweig der Familie der Grafen von Lerchenburg, im Osten Deutschlands auf dem Schloss meiner Vorfahren in Lerchenburg. Eine dreiflügelige frühbarocke Anlage mit einem weitläufigen Park mit vielen Brunnen und Statuen vom Anfang des 17. Jahrhunderts. Vorn, vor dem schmiedeeisernen Tor, liegt die Ortschaft Lerchenburg, deren erste urkundliche Erwähnung - '..., dass fesde Huse auffe dem Lerchenberge...' - aus dem Jahr 1278 stammt.

Da liegen die Wurzeln der Familie. Die Zweige des Stammbaumes reichen allerdings über ganz Europa. Margaret von Cromwell zum Beispiel, deren Gatte anno 1734 den belgischen Thron bestieg, war eine Geborene von Lerchenburg.

Mein Vater, Albert von und zu Bornbach, diente im zweiten Weltkrieg als Leutnant im Stab von General Paulsen und kehrte am Ende, nach kurzer Gefangenschaft bei den Engländern, leicht versehrt zurück. Ihm fehlten am linken Fuß die Zehen. Die hatte er sich irgendwo in Flandern abgefroren.

Meine Mutter, Anneliese, lernte er auf dem 'Silbersaal' zu Lerchenburg bei der samstäglichen Tanzveranstaltung, die bereits kurz nach der totalen Kapitulation wieder regelmäßig stattfanden, kennen. Es musizierte die 'Kapelle Max Müller'. Albert lief und tanzte auch ohne Zehen recht gut.

Mich zeugten Albert und Anneliese kurz nach ihrer Hochzeit, auch sehr zur Freude meiner Großmutter, Ella Freifrau von und zu Bornbach, geborene Gräfin von Lerchenburg. Dass Anneliese keinen adligen Stammbaum aufzuweisen hatte, war in jenen Nachkriegsjahren nicht mehr von so großer Bedeutung, wie in früheren Zeiten - zumal in der von den Russen besetzten Ostzone.

Meine Eltern bewohnten mit mir die zweite Etage im rechten Flügel des Schlosses. Irgendwie war es dort, meiner schwachen Erinnerungen nach, immer kalt. Und ich war meistens allein.

Großmutter Ella residierte im Mittelteil, dessen große Fensterfront hinunter auf die Ortschaft blickte, gerade eben so, wie in jenen stolzen Jahren, als Deutschland noch keinen der beiden großen Weltkriege verloren hatte.

Die Sanitäranlagen des Schlosses waren beinahe noch mittelalterlich - Plumpsklos. Aber die Wohnräume waren immerhin an eine Zentralheizung angeschlossen.

Es war die Zeit, als noch nicht absolut entschieden war, ob das mit dem Sozialismus etwas werden könnte In Selbigen wurde ich aber völlig ohne eigene Schuld als Adelsspross hineingeboren.

Am 7. Oktober erklärt sich der 2. Deutsche Volksrat zur Provisorischen Volkskammer und setzt die Verfassung der DDR in Kraft. Damit ist die Deutsche Demokratische Republik gegründet.

Man taufte mich in der Schlosskirche zu Lerchenburg auf den Namen Michael Maria Ludwig Adelbert Johann Freiherr von und zu Bornbach. Ich war ein gesundes Kerlchen von reichlich vier Kilo und mit guten Genen, wie sich im Laufe meines Lebens herausstellen sollte. Die Gene verdanke ich wahrscheinlich dem frischen Blut, das meine Mutter in die adlige Sippe einbrachte.

Als meine Mutter mit mir nach erfolgreicher Geburt aus der Frauenklinik zurück auf Schloss Lerchenburg eintraf, soll Großmutter zu ihr gesagt haben: "Ich danke dir! Du hast mir meinen Sohn wiedergeboren!"

Zweifelsohne hatte meine Mutter ihren eigenen Sohn geboren, aber Großmutters Anspruch auf mich war formuliert - Wiedergeburt! -, und dieser Anspruch wurde in den Jahren bis zu ihrem Tod konsequent umgesetzt. Ich war ihr 'Goldfasan'! Ihr Ersatzsohn.

Ersatz für Heinzchen, ihren mit drei Jahren an Diphtherie verstorbenen ersten Sohn. Ihr zweiter Sohn, mein Vater, war ein Nachzügler gewesen und schien das Herz meiner Großmutter nach dem Abnabeln nicht erreicht zu haben.

Meine Eltern, Vater Albert von und zu Bornbach und Mutter Anneliese, waren während der ersten Jahre meiner Kindheit vorhanden, meistens aber auf dem Landgut an der Lahn, oder auf Reisen, oder zu Gast bei mehr oder weniger entfernten adligen Verwandten im Westen. Mein Vater wurde irgendwann Mitglied im Vorstand einer Immobilien GmbH, die in Düsseldorf ansässig war. Also zogen meine Eltern endgültig in den Westen des geteilten Landes.

Großmutter Ella war es recht so. Sie und ihre beinahe gleichaltrige Zofe, Fräulein von Sickwitz, waren meine Eltern. Sie hielten mich sauber, nährten mich redlich und erzogen mich streng.

Die Familie meiner Mutter lebte zwar in der Ortslage Lerchenburg in einem ärmlichen Bauerngehöft, spielte aber keine Rolle für mich. Der Vater meiner Mutter, also mein Großvater mütterlicherseits, war schon vor meiner Geburt gestorben. Die Mutter meiner Mutter starb als ich vier Jahre war. Zu den vier Onkels hatte ich kein erwähnenswertes Verhältnis. Nur der jüngste der Onkels - 'das Klausl' -, wie ihn meine Mutter nannte, beeindruckte mich kurzzeitig.

Das 'Klausl' fuhr nämlich ein schnittiges Motorrad, Marke 'JAWA', und wenn er zu Besuch in Lerchenburg weilte - er lebte in Hennigsdorf im Norden von Berlin, wo er nach seiner Dienstzeit als Grenzpolizist ansässig geworden war -, durfte ich das Motorrad mit ihm gemeinsam putzen und dann eine Runde durch den Ort auf dem Sozius mitfahren. Die Kinder des Ortes beneideten mich um meinen Onkel mit der chromglänzenden 'JAWA' mehr, als um das Schloss, in dem ich wohnte. Für eine Fahrt auf dem Sozius hätten sie glatt eine Tüte Bonbons gegeben!

Auch ohne süße Gaben durften regelmäßig auf 'Klausls' Sozius seine Freundinnen Platz nehmen. Auspuffmiezen! - urteilte Großmutter Ella, die das Geschehen im Dorf sorgfältig beobachtete, abfällig.

Großmutter Ella, Freifrau von und zu Bornbach, geborene Gräfin von Lerchenburg, erzog mich standesgemäß.

Adel verpflichtet!

Doch ihr Standesdünkel hielt sich in Grenzen. Sie war, bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges an der Seite ihres Mannes, des Grafen, wie er von allen nur genannt wurde, auch Geschäftsfrau gewesen. Sie stand mit beiden Füßen im Leben.

Der Graf starb kurz vor meiner Geburt an Herzversagen. Sein Grab im Schlosspark war mir immer etwas gruslig. Auf dem unbehauenen Granitblock, der als Grabmal für Großvaters Gebeine diente, lag ein mit Grünspan beschlagener hohläugiger Totenschädel aus Bronze.

Meine Großeltern führten vor dem zweiten Weltkrieg viele Jahre in der Kreisstadt das größte Vergnügungsetablissement der Region, den 'Wintergarten'. Als der 'Wintergarten' 1937 einem Brand zum Opfer fiel - Großmutter war sich sicher, dass es Brandstiftung war - kamen meine Großeltern mangels einer Feuerversicherung finanziell in Schwierigkeiten und mussten notgedrungen die Stadtvilla an der Neefestrasse aufgeben und sich auf dem Schloss in Lerchenburg einrichten. Ihren Lebensunterhalt erwirtschafteten sie mit den nicht eben üppigen Einnahmen aus Land- und Forst. Nach dem Krieg versuchte Großmutter Ella das allein fortzuführen.

Wenn das Leben nach dem Krieg auch auf Schloss Lerchenburg alles andere als hochherrschaftlich war - in Geist und Seele blieb man natürlich ungebrochen! Man hatte Kultur! Selbst mit über achtzig Jahren kleidete sich Großmutter Ella jeden Tag so, dass sie geschäftsfähig war und jederzeit hätte Gäste empfangen können.

Ihre Erziehungsmethoden waren nicht sehr modern. Eher konservativ und streng. Vornehme Umgangsformen waren Pflicht. Das Wort 'Mensch' auszusprechen in solchen Zusammenhängen wie zum Beispiel - 'Mensch, lass mich jetzt los!' oder 'Mensch, ich will das nicht!' - galt als höchst ordinär. Es war eine schwere Verletzung des guten Tones. Hätte ich das Wort 'gottverdammich' in ihrer Gegenwart verwendet, wäre ich enterbt worden.

Wenn Großmutter wüsste, dass im Fernsehen heutzutage das am häufigsten benutzte Wort 'Scheiße' lautet, auf Platz zwei das Wort 'Ficken' rangiert, und das Wort 'Fotze' in keinem Kriminalfilm fehlen darf, sie würde ihr ergrautes Haupt schütteln und sagen, was sie oft in Betrachtung der Welt gesagt hatte: Der Plebs regiert die Welt!

Ordnung, Fleiß, Höflichkeit, und Pünktlichkeit waren für sie die Eckpfeiler der Tugend. Dazu eine gewählte Ausdrucksweise. Natürlich hochdeutsch! Man stammte ja aus gutem Hause!

Vom dritten Lebensjahr an ging ich allerdings in den Kindergarten von Lerchenburg und unterlag dort dem Einfluss der anderen Kinder sowie dem, der sächselnden Kindergartentanten. Das war für mich völlig unproblematisch. Mit der Zweisprachigkeit kam ich bestens zurecht. Bei Großmutter Ella im Schloss sprach ich Hochdeutsch, ansonsten Sächsisch wie alle.

Und ich ging gern in den Kindergarten. Im Schloss hatte ich niemanden zum Spielen. Es war langweilig. Im Kindergarten waren alle nett zu mir - nicht nur die Kindergartentanten, sondern auch die Küchenfrauen und der Hausmeister. Dabei schloss die Nettigkeit eine gewisse Distanz ein. Wohl auch, weil ich der Enkel des verstorbenen Grafen und der Gräfin und selbst ein 'Freiherr von und zu' war. Man nannte mich 'der kleine Graf'.

Es gab wohl auch keine Richtlinie der führenden Partei, dass man zu Angehörigen des Adels nicht nett sein...



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