Thomas / Spannhorst | Die Gerontopsychiatrie bei Patienten zu Besuch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 210 Seiten

Thomas / Spannhorst Die Gerontopsychiatrie bei Patienten zu Besuch

Erfolgreiche Praxismodelle zugehender Arbeit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-17-037553-6
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erfolgreiche Praxismodelle zugehender Arbeit

E-Book, Deutsch, 210 Seiten

ISBN: 978-3-17-037553-6
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zugehende Arbeit und damit der bewusste Einbezug des räumlichen und sozialen Umfelds psychisch erkrankter älterer Menschen gilt mittlerweile als unverzichtbarer Baustein einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung. Gerade ältere und in der Regel multimorbid erkrankte Patientinnen und Patienten sowie auch ihr unterstützendes Umfeld profitieren in besonderem Maße von einer aufsuchenden Behandlungsoption. Aus psychiatrischer, historischer, politischer und finanzieller Perspektive heraus beschreibt dieses Praxisbuch Möglichkeiten und Herausforderungen der Umsetzung eines aufsuchenden Behandlungsansatzes unter besonderer Betonung der Interprofessionalität. Ausgewählte Best-Practice-Beispiele gerontopsychiatrischer Arbeit geben dazu einen reflektierten Einblick in unterschiedliche Ausgestaltungen zugehender Versorgungsoptionen. Angebote und Modellprojekte, die über den medizinischen Behandlungsansatz hinausgehen, erweitern den Blick auf die Thematik.

PD Dr. med. Christine Thomas ist Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie für Ältere am Klinikum Stuttgart. Dr. med. Stefan Spannhorst ist Leitender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie für Ältere am Klinikum Stuttgart. Unter Mitarbeit von Sarah Weller. Mit Beiträgen von: Christine Thomas, Stefan Spannhorst, Nina Bail, Tanja Beier, Stefan Blumenrode, Carola Bruns, Ingeborg Cuvelier, Claudius Faul, Stefan Frisch, Ewa Furano, Fabian Fußer, Margit Mahler, Eva Franziska Mennig, Brigitte R. Metz, Michael Rapp, Annette Richert, Gerthild Stiens, Tanja Szabo, Rosel Tietze, Rolf Tüschen, Sarah Weller und Dirk Wolter.
Thomas / Spannhorst Die Gerontopsychiatrie bei Patienten zu Besuch jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1 Spezifische Bedarfslagen gerontopsychiatrischer Patienten


Stefan Spannhorst

1.1 Psychiatrische und somatische Krankheitslast im Alter


Als gerontopsychiatrische Patienten werden im Allgemeinen psychiatrisch erkrankte Personen ab einem Alter von 65 Jahren angesehen. In dieser Altersgruppe leidet ca. ein Viertel aller Menschen in Deutschland an einer psychiatrischen Erkrankung (Weyerer und Bickel 2006). Ein gerontopsychiatrischer Behandlungsauftrag ergibt sich häufig aufgrund des Vorliegens einer Depression (ca. 15?% der stationär behandelten Fälle (Cai et al. 2022)). Depressionen prädisponieren zu Suizidalität. Aktuelle Suizidraten von Menschen in Deutschland, erfasst in 5-Jahres-Altersintervallen, sind seit Jahren in der Altersgruppe 80 bis 85 Jahre für Männer wie Frauen am höchsten (Statistisches Bundesamt 2023). Daher kommt auch der Suizidprävention in der Gerontopsychiatrie eine herausragende Rolle zu. Neben Depressionen und Angsterkrankungen stellen Verhaltensstörungen bei Demenz und Delir die häufigste Behandlungsindikation in der stationären Gerontopsychiatrie dar. Dabei haben akut behandlungsbedürftige Verhaltensstörungen bei Demenz laut einer aktuellen Studie mit fast 17?% unter den ambulant behandelten gerontopsychiatrischen Patienten eine besonders hohe Prävalenz (Quispel-Aggenbach et al. 2020). Bis zu 25?% der Patienten über 65 Jahren weisen zum Zeitpunkt einer Klinikaufnahme in ein Akutkrankenhaus ein Delir auf (Gibb et al. 2020). Weitere in der Gerontopsychiatrie behandelte Erkrankungen sind, oft als Komorbidität, auch Abhängigkeitserkrankungen. Auch bei älteren Personen (65 Jahre und mehr) sind alkoholbezogene Störungen häufig (Piontek et al. 2017) und können mit schweren somatischen und psychischen Störungen assoziiert sein. Sie werden aber seltener als bei Jüngeren erkannt und einer Behandlung zugeführt. Weitere in der Gerontopsychiatrie behandelte Erkrankungen sind Angststörungen, Schizophrenien, Zwangsstörungen, aber auch Posttraumatische Belastungsstörungen u.?a. nach Krieg und Verfolgung sowie die in besonderer Weise körperliche wie psychische Symptome einbeziehenden somatoformen Störungen.

Zu beachten ist, dass gerontopsychiatrische Patienten neben ihrer psychischen Erkrankung gehäuft somatische, vornehmlich chronische Erkrankungen aufweisen, wie eine eigene deskriptive Analyse anhand bestehender somatischer Erkrankungen in einer Zufallsstichprobe unter akut in die stationäre Gerontopsychiatrie aufgenommenen Patienten mit Demenz zeigte (Pöschel und Spannhorst 2018). Hier fanden sich unter 100 Patienten mit Demenz zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme in über 80?% der Fälle mindestens eine chronische und in ca. 30?% der Fälle mindestens eine akute somatische Erkrankung; unter letztgenannten waren Harnwegsinfekte mit einer Häufigkeit von 17?% die häufigste Krankheit. Diese aber sind dafür bekannt, Delirien und Verhaltensstörungen zu provozieren oder zu fördern (Krinitski et al. 2021). Dieses Beispiel zeigt die enge Interdependenz somatischer und psychiatrischer Erkrankungen. Insofern gelten für gerontopsychiatrische Patienten (zusätzlich) auch jene medizinischen Behandlungsempfehlungen, die für geriatrische Patienten gelten. Dies ist von erheblicher Relevanz, da sich die Heilungsperspektiven bei zusätzlich zu somatischen Erkrankungen bestehenden psychischen Erkrankungen deutlich verschlechtern können. So konnte gezeigt werden, dass bei Vorliegen einer Depression oder einer Demenz die Langzeitprognose von Operationen erheblich verschlechtert ist, wie Segev-Jacubovski et al. (2022) beispielhaft für hüftgelenksnahe Frakturen nachweisen konnten.

Im Alter lässt auf natürliche Weise die Funktionsfähigkeit der Organe nach. Einige typische Altersveränderungen unterschiedlicher Organsysteme lassen sich aus folgender Tabelle entnehmen. Diese ist angelehnt an die sogenannten »Geriatrischen Merkmalskomplexe« (Willkomm 2016). Damit sind Symptomkonstellationen gemeint, die maßgeblich als Merkmale für hohes Alter und dessen Veränderungen angesehen werden. Viele ältere Menschen sind multimorbide, was bedeutet, dass sie mindestens zwei der in der Tabelle genannten Merkmalskomplexe zugleich aufweisen.

Tab. 1.1:Altersassoziierte Veränderungen verschiedener Organsysteme

Organ(system)

Physiologische Veränderungen im Alter (Beispiele)

Bewegungsapparat

Muskelschwund durch weniger Bewegung,

Gangstörungen (z.?B. nach Stürzen),

Gelenkveränderungen und Arthrose,

Sturzneigung

Gehirn

Abnahme von Plastizität des Denkens und Handelns (Pantel et al. 2021),

Gefäßveränderungen durch Bluthochdruck bis hin zu kleinen Schlaganfällen (Mikroangiopathie)

Herz und Gefäßsystem

Reduzierte Herzleistung,

Neigung zu Bluthochdruck,

Verengung hirnversorgender Gefäße mit erhöhter Schlaganfall-Gefahr

Niere

Reduzierte Filtrationsleistung und damit Störung der Entgiftung

Harnsystem

Schwäche der Blasenmuskulatur,

Prostata-Vergrößerung,

Inkontinenz

Flüssigkeitshaushalt

Unterversorgung mit Flüssigkeit (u.?a. durch nachlassendes Durstgefühl im Alter)

Nervensystem

Abnahme der Nervenleitgeschwindigkeit,

Irritabilität des Gleichgewichtsorgans,

Polyneuropathie,

Schmerzen (u.?a. durch Gelenkveränderungen)

Augen/Sehsystem

Zunehmende Weitsichtigkeit im Alter,

Neigung zu Katarakt (grauer Star, Linsentrübung) und Macula-Degeneration mit zunehmender Sehstörung

Ohren/Hörsystem

Alters-Schwerhörigkeit

Somatische und psychische Beschwerden haben häufig in der Berentung und der dadurch notwendigen oft erschwerten Umorientierung der Lebensziele und der Tagesstruktur sowie den Aktivitäten eine Ursache. Umgekehrt nimmt in Deutschland die Zahl der Erwerbsminderungsrenten wegen psychischer Erkrankungen deutlich zu, von 2000 bis 2020 um 42?% (DRV 2024). Es können dadurch Depressionen entstehen, welche nicht selten zur Vernachlässigung der Selbstfürsorge und zu Unterernährung führen. Auch dieser Zusammenhang zeigt beispielhaft die häufig anzutreffende Interdependenz zwischen psychischen und somatischen Bedarfslagen.

Zu beachten ist ferner die im Alter oft länger dauernde Erholungsphase nach Erkrankungen. Nach einer Hüftfraktur oder einer Influenzaerkrankung benötigen ältere Menschen deutlich mehr Zeit zur Genesung, welche zudem manchmal nicht vollständig erfolgt. So können etwa Gangstörungen trotz erfolgreicher Hüftoperation verbleiben.

Fried et al. (2001) haben eine allgemein anerkannte Definition von »Frailty« dargelegt, welche folgende fünf Bereiche umfasst:

  • Empfinden von Energielosigkeit

  • Ungewollter Gewichtsverlust (mehr als 5 kg pro Jahr)

  • Muskuläre Schwäche (bemerkbar etwa beim Auffordern zu einem sehr festen Händedruck)

  • Langsame Gehgeschwindigkeit

  • Niedriges körperliches Aktivitätslevel (deutlich eingeschränktes Ausmaß an Bewegungsradius und Bewegungsintensität, wenn z.?B. Spaziergänge nicht mehr möglich sind)

Ab dem Vorliegen von mindestens drei der genannten Kriterien sprechen Fried et al. vom Vorliegen einer »Frailty«. Diese Patienten sollten mit besonderer Umsicht behandelt werden, da sie u.?a. zu vermehrten und schweren Infektionen sowie Stürzen neigen.

1.2 Häufige Symptome und Folgen einer Depression im Alter


Laut aktuell gültiger Definition nach ICD-10 (Dilling et al. 2011) werden für die Diagnosestellung einer Depression mindestens zwei der folgenden drei Hauptkriterien, mindestens zwei Wochen lang bestehend, gefordert: Depressive Stimmung, Antriebsmangel und Interessenverlust. Zusätzlich müssen mindestens zwei der folgenden Nebensymptome vorliegen: Suizidgedanken, verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, Schlafstörungen, Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit, vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Appetitminderung, negative und pessimistische Zukunftsperspektiven. Die Anzahl der Symptome gibt Hinweise auf die Schwere der Depression. Hinzu kommen gerade bei älteren Patienten als Zeichen der Depression...


PD Dr. med. Christine Thomas ist Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie für Ältere am Klinikum Stuttgart.
Dr. med. Stefan Spannhorst ist Leitender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie für Ältere am Klinikum Stuttgart.
Unter Mitarbeit von Sarah Weller.

Mit Beiträgen von:
Christine Thomas, Stefan Spannhorst, Nina Bail, Tanja Beier, Stefan Blumenrode, Carola Bruns, Ingeborg Cuvelier, Claudius Faul, Stefan Frisch, Ewa Furano, Fabian Fußer, Margit Mahler, Eva Franziska Mennig, Brigitte R. Metz, Michael Rapp, Annette Richert, Gerthild Stiens, Tanja Szabo, Rosel Tietze, Rolf Tüschen, Sarah Weller und Dirk Wolter.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.