Thomas | Verlorene Spuren | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 390 Seiten

Thomas Verlorene Spuren


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-1593-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 390 Seiten

ISBN: 978-3-7534-1593-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Anna kommt nach Linz, um die Wohnung ihrer Mutter nach deren Tod zu räumen. Dabei findet sie in einem Geheimfach Briefe - Jahre alte Liebesbriefe eines offensichtlichen Geliebten ihrer Mutter. Um mehr über ihre Mutter zu erfahren, mit der sie zeitlebens ein zwiespältiges Verhältnis verbunden hat, beschließt sie, nach dem Geliebten zu suchen und deckt nach und nach ein Familiengeheimnis auf, welches die ganze Familie in einen Strudel der Ereignisse reißt.

Gloria Thomas, geboren 1963 in Wien, ist Mutter einer Tochter und lebt mit ihrer Familie in Wien. Nach langjähriger Tätigkeit in der öffentlichen Verwaltung ist VERLORENE SPUREN ihre erste Romanveröffentlichung.
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Kapitel 2


Anna erwachte mit dröhnendem Kopf. Sie fühlte sich wie zerschlagen. Fast die halbe Nacht hatte sie sich schlaflos in den Kissen gewälzt. Unaufhörlich waren ihre Gedanken um das geheimnisvolle Leben ihrer Mutter gekreist. Um halbwegs munter zu werden und ihre Lebensgeister wieder zu erwecken, bestellte sie sich telefonisch ein Frühstück.

Kurz darauf klopfte es an ihrer Tür und sie nahm eine große Kanne Kaffee und frisches Gebäck entgegen. Nachdem sie zwei Tassen Kaffee getrunken und eine Kleinigkeit dazu gegessen hatte, fühlte sie sich schon etwas besser. Eine ausgiebige Dusche ließ ihre Energie vollends wieder zurückkehren.

Mit dem letzten Rest Kaffee aus der Kanne setzte Anna sich wieder an den kleinen Tisch und überlegte, was sie als nächstes unternehmen sollte. Eigentlich wartete ja die Wohnung, weiter geräumt zu werden, doch nachdem sie am Vortag schon so viel geschafft hatte, konnte sie ruhig einige Stunden pausieren.

Kurz kam ihr der Gedanke, die Vergangenheit ruhen zu lassen, doch sie verwarf ihn rasch wieder. Der Brief hatte ihre Gefühle aufgewühlt. Die ganze Nacht lang hatte sie immer wieder darüber gegrübelt – und nun brannte sie darauf, mehr darüber zu erfahren.

Sie begann, den nächsten Brief zu lesen. Es war ein Schreiben des geheimnisvollen Julian.

Anna stockte. Diesen Kosenamen ihrer Mutter hatte sie noch nie gehört. Ihr Vater hatte sie immer mit vollem Namen gerufen – Irene. Ihre Eltern hatten einander immer mit dem Vornamen angesprochen, sie konnte sich an keine zärtlichen Koseworte zwischen ihnen erinnern. Undeutlich fiel ihr jedoch ein, dass Mutter ihre Schwester hin und wieder mit diesem Namen angesprochen hatte, Irene jedoch hatte diese Verniedlichung ihres Namens gar nicht gemocht. Als hätte sie geahnt, dass dies eigentlich der zärtliche Rufname der Mutter durch ihren Geliebten gewesen war. Für ihre Mutter war es wohl ein Versuch gewesen, eine Erinnerung aufrecht zu erhalten. Anna schmunzelte, dann las sie weiter.

Der Brief war so romantisch und gleichzeitig so traurig, dass Anna die Tränen in die Augen stiegen. Was war geschehen, dass ihre Mutter und Julian nicht hatten glücklich sein dürfen? Und warum hatten sich ihre Eltern nicht einfach scheiden lassen? War Julian vielleicht auch verheiratet gewesen? War er es noch immer? Lebte er überhaupt noch? Und wenn – wo? War er vielleicht der Grund gewesen, dass ihre Mutter in Linz geblieben war, fern von ihren Töchtern?

Grübelnd drehte sie einen der Briefumschläge zwischen ihren Fingern. Bei Julians Absender stand seine Adresse.....- sollte sie sich vielleicht mit ihm in Verbindung setzen? Aber was konnte sie ihm sagen?

Vielleicht hatte er ja die Verbindung später abgebrochen und wollte von der alten Geschichte auch gar nichts mehr wissen? Aber die Aussicht, etwas mehr über die Frau, die ihre Mutter gewesen war, erfahren zu können, war plötzlich zu verlockend.

Anna hatte ihre Mutter als unglückliche und harte Person in Erinnerung, hatte dies jedoch stets mit dem viel zu frühen Tod ihres Vaters verbunden. War der Grund dafür aber tatsächlich ein ganz anderer gewesen?

Sollte sie zuerst mit ihrer Schwester sprechen? Irene wusste gewöhnlich, was zu tun war. Ihr rationaler Verstand fasste stets logische Entschlüsse. Aber sie konnte sich schon denken, was ihre große, vernünftige Schwester sagen würde: „Mutter und einen Geliebten? Das hätte ich ihr gar nicht zugetraut! Und wenn, dann lass es doch einfach ruhen!“ Sie sah sie direkt vor sich – achselzuckend und zur Tagesordnung übergehend.

Anna konnte fast das stets etwas überlegene Lächeln in Irenes Gesicht vor sich sehen „Aber was nützt es dir denn, wenn du jetzt die alten Geschichten ausgräbst? Mutter ist tot und wir sollten mit ihr auch die Vergangenheit ruhen lassen!“ Irene lebte nur in der Gegenwart und hielt nichts von langem Nachdenken über Dinge, die längst geschehen waren. Warum auch? Ihrer Meinung waren sie passé und auch nicht mehr zu ändern. Nein, wenn sie etwas über diese Sache erfahren wollte, musste sie ihre Schwester aus dem Spiel lassen, zumindest vorerst. Sie konnte sie ja immer noch später, wenn sie etwas in Erfahrung gebracht hatte, darüber informieren.

Sie nahm Zettel und Stift und notierte darauf Name und Adresse:

Julian Lessing

Kaiserstraße 15

4020 Linz

Dann ging sie hinunter in die Lobby, um ein Telefonbuch ausfindig zu machen. An einer Seite, gleich neben dem Empfang, befand sich eine kleine altmodische Telefonzelle und darin lag, wie Anna es vermutet hatte, eine Ausgabe des Telefonbuchs der Stadt Linz. Mehr als eines war nicht nötig, in der oberösterreichischen Landeshauptstadt lebten überschaubare 170.000 Menschen und ihre Telefonanschlüsse fanden alle Platz in einem einzigen Telefonbuch.

Sie schlug die Seite bei „L“ auf und suchte mit dem Finger die Zeile mit dem Namen „LESSING“.

Es gab drei „J. Lessing“, Anna notierte alle drei Nummern und fuhr mit dem Lift zurück in ihre Zimmeretage.

„Ja, bitte?“ Die Stimme klang spröde und nicht allzu einladend. Am liebsten hätte Anna gleich wieder aufgelegt. Dann fasste sie sich ein Herz und sagte: „Guten Tag, ich suche nach Julian Lessing.“ „Hier gibt es keinen Julian, nur mich!“, kam die nicht sehr freundliche Antwort. „Was bedeutet denn das J -...?“

Sie kam nicht dazu, die Frage zu beenden, denn mit einem Knacken wurde die Leitung unterbrochen. Ihr Gesprächspartner hatte aufgelegt. „Na, sehr freundlich“, murmelte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Dann strich sie die betreffende Nummer von der Liste. Sie war sicher, dass es sich nicht um die richtige handelte.

Beim zweiten Versuch erklang nach dem dritten Läuten eine helle Kinderstimme: “Hallo! Hier ist die Familie Lessing - Johann, Susanne und Bianca. Leider ist derzeit keiner von uns da, hinterlass uns bitte deine Nachricht nach dem Klingelton, dann rufen wir ganz bestimmt zurück!“ Danach war fröhliches Kinderlachen zu hören.

Anna beendete die Verbindung noch vor dem Signal. Wieder Fehlalarm!

Nun stand nur mehr eine notierte Nummer auf dem Zettel.

Sie zögerte. Was, wenn sie auch hier nichts erreichen konnte? Nervös massierte sie ihre Unterlippe. Das war eine alte Angewohnheit aus ihrer Kindheit, und selbst jetzt noch, mit über 30 Jahren, tat sie es in bestimmten Situationen noch immer automatisch. Dann griff sie rasch nach dem Hörer und wählte die Nummer.

Es läutete. Einmal. Zweimal.

- Nach dem achten Läuten legte sie enttäuscht wieder auf. Es war offensichtlich niemand zu Hause. Gut! Das verschaffte ihr eine Nachdenkpause.

Es war später Vormittag, und Anna beschloss, zuerst eine Kleinigkeit zu essen und danach wieder in Mutters Wohnung zu fahren, um dort weiter zu arbeiten.

Eine Stunde später saß sie wieder in dem kleinen Wohnzimmer und beschäftigte sich mit den vielen Dingen, die ihre Mutter tagtäglich umgeben hatten. Die kleinen Glasfiguren wollte sie behalten, die hatte sie schon als kleines Mädchen immer sehr bewundert, wohl auch aus dem Grund, weil sie für die Mädchen immer tabu gewesen waren. Sie packte jede einzelne liebevoll in einen Bogen Papier und verstaute sie dann vorsichtig in einen Karton.

Als sie eine Elefantenfigur zur Hand nahm, stieg eine Erinnerung in ihr hoch. Sie untersuchte die kleine graue Figur genauer – der Rüssel war genau in der Mitte abgebrochen und sorgfältig wieder angeklebt worden, der feine Streifen war kaum zu sehen. Sie wusste noch genau, wie sie mit knapp 4 Jahren ungestüm durch das Zimmer gerannt war – sie hatte für ihre Mutter auf der Wiese einen Blumenstrauß gepflückt und wollte ihn ihr so schnell wie möglich überreichen. Dabei war sie gegen die Kommode gestoßen und ein paar Figuren waren zu Boden gefallen. Ihre Mutter hatte sich darüber so aufgeregt, dass sie sich danach nie wieder schneller durch das Zimmer bewegt hatte, sondern ganz vorsichtig und langsam. Drei Figuren hatte Mutter wegwerfen müssen, die waren in mehrere kleine Stücke zersprungen, den Elefanten jedoch hatte sie mühsam wieder zusammenkleben können.

Ihre blauen Flecken, die sie dabei auch davongetragen hatte, hatte sie...



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