E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Lübbe
Thomas Wie ein Stern in dunkler Nacht
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2117-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-2117-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine bittersüße Geschichte über Liebe und Loslassen
Die deutsche Ärztin Christina braucht dringend eine Auszeit. Das Angebot, als Urlaubsvertretung eine kleine Landarztpraxis hoch oben im Norden Schottlands zu übernehmen, kommt ihr da gerade recht. Einer ihrer ersten Patienten ist jedoch kein Mensch, sondern mangels Tierarzt ein verletztes Fohlen, das der Farmbesitzer Aidan zu ihr bringt. Christina ist sofort fasziniert von diesem Mann, der für seine Tiere anscheinend alles tun würde. Doch zunächst bleibt Aidan merkwürdig zurückhaltend. Erst als Christina herausfindet, dass Aidan genau wie sie schmerzhafte Verluste in der Vergangenheit erlebt hat, kommen sie sich näher. Können die beiden unter dem weiten Himmel Schottlands ihr Glück finden?
Violet Thomas ist ein Pseudonym der Fantasy-Autorin Ann-Kathrin Karschnick (1985). Sie veröffentlichte bereits zahlreiche phantastische Romane und wurde für Phoenix - Tochter der Asche 2014 mit dem Deutschen Phantastikpreis ausgezeichnet.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Zitternd saß ich auf dem gynäkologischen Stuhl. Grauweißes Papier bedeckte das schwarze Leder, das die Hitze meines Körpers dort reflektierte, wo das Papier nicht hinreichte. Alles an mir schien zu brennen. Meine Haut, meine Organe, mein Denken. Vor allem jedoch mein Herz. Nur meine Finger nicht. Die lagen eiskalt auf meinem nackten Bauch, und ich war mir sicher, dass sie niemals wieder warm werden würden.
Ich starrte an die Decke, zwang mich dazu, den Monitor nicht anzusehen. Auf keinen Fall wollte ich auf dem Ultraschallbild das erkennen, was mein Verstand längst ahnte, mein Herz jedoch nicht akzeptieren wollte. Dieses bescheuerte, hoffnungsvolle Herz, das mir beständig zuflüsterte: Vielleicht sind es nur Schmierblutungen. Vielleicht hast du eine Vorderwandplazenta, die an die richtige Stelle wandert und deswegen Blutungen verursacht. Vielleicht …
All die Hoffnungen, die mir dieses dumme Herz gab, obwohl ich es besser wusste. Helles Blut. Kein geronnenes, dunkles Rot. Nein. Aus mir heraus floss glühende Lava. Ein unbarmherziges Rot, das mich mit seiner Intensität verhöhnte. Mir vorhielt, was offensichtlich war: Nichts überlebt, wenn solch ein Strom den Vulkan verlässt.
Dr. Ines Mußhorn, eine ältere Kollegin in der Äskulap-Klinik, in der ich selbst arbeitete, steckte das Ultraschallgerät zurück in die Halterung und strich sich mit dem Handrücken über die Stirn.
»Christina, es fällt mir nicht leicht, das zu sagen, aber so wie es aussieht, sind deine Befürchtungen korrekt.«
Ihre sanfte, klare Stimme durchdrang die Mauer aus Eis kaum, die sich in mir aufbaute und sämtliche Hitze erstickte. Kälte, die mich wehrlos zurückließ. Immer noch starrte ich an die Decke, konnte mich nicht rühren. Nur meine Finger krallten sich in meinen Bauch, kniffen fest zu. Ich wollte den Schmerz überdecken, den ich nur zu gut kannte. Der mich bereits zum zweiten Mal in meinem Leben ereilte und dem ich erneut hoffnungslos ausgeliefert war.
Überspielen. Mehr wollte ich nicht. Vergessen, die Konsequenz von Ines’ Aussage ignorieren und nicht darüber nachdenken. Weitermachen wie vorher.
Mein eigener Organismus machte mir einen Strich durch die Rechnung. Ich spürte, wie es in mir brodelte, wie meine aufschäumenden Gefühle den Wunsch, alles zu unterdrücken, überdeckten und mich in einer steilen Spirale hinabrissen. In die Dunkelheit, in der es kein Licht gab, das mich durch die Zukunft hätte leiten können.
Ines stand von ihrem Stuhl auf, wusch sich die Hände und legte ihre Finger schließlich auf meinen Oberarm. Heiße Punkte auf meiner eiskalten Haut. »Christina?«
»Ja, ich höre zu.« Die Worte stolperten aus meinem Mund, abgehackt, brüchig, kaum wahrnehmbar. »Entschuldige, ich …«
Weiter kam ich nicht, denn meine Stimme versagte, und ich musste mich abwenden, um die Tränen zu verbergen, die mir in die Augen schossen.
»Nimm dir ein paar Minuten«, sagte Ines und streichelte meine eisige Haut. Ihre Wärme hätte sicher gutgetan, wäre ich empfänglich dafür gewesen. Aber in diesem Augenblick wollte ich einfach nur heulen, mich in eine Decke einkuscheln und mich von der Außenwelt verabschieden. »Hast du Steffen schon angerufen oder soll ich das für dich erledigen?«
»Er weiß Bescheid und ist auf dem Weg hierher«, erwiderte ich unter Schluchzern, sodass ich nicht wusste, ob Ines mich verstanden hatte.
Sie drückte erneut meinen Arm, bevor sie zu ihrem Computer ging. Sie wusste, dass ich Tränen in der Öffentlichkeit hasste. Sowas machte ich mit mir aus. Eventuell noch mit Steffen, alle anderen jedoch ertrug ich nicht um mich herum. So war ich Ines dankbar, dass sie mich für den Moment allein ließ und doch in der Nähe blieb. Dass sie für mich da war, ohne sich aufzudrängen.
Ich stand von dem Stuhl auf. Bereits beim Aufrichten merkte ich, dass meine Beine mich nicht tragen würden. Alles um mich herum drehte sich. Also lehnte ich mich wieder zurück und schloss die Augen, ließ meiner Verzweiflung freien Lauf. Stumm zitternd lag ich da und versuchte, zu atmen. Einfach atmen, um die Kontrolle über meinen Körper zurückzuerlangen.
Um mich abzulenken, dachte ich an etwas Banales, Gutes, wie der Tagesbeginn, der so entspannt verlaufen war. Ein wunderschöner Frühlingsmorgen mit Vogelgezwitscher und Sonnenstrahlen, die durchs Fenster fielen. Steffen war früh wach geworden und zum Bäcker in der Innenstadt gejoggt, um mir meine Lieblingsbrötchen zu bringen. Das Einzige, was ich aktuell in mir behielt, waren diese Roggenbrötchen mit Leinsamenschrot. Steffen hatte mir zwei geschmiert, damit ich sie zur Arbeit mitnehmen konnte – für eine ausführliche Mahlzeit blieb mir als angehende Ärztin meist keine Zeit.
Während er mich zur Arbeit fuhr, unterhielten Steffen und ich uns über die geplanten Umbauten unserer Eigentumswohnung. Ein Kinderzimmer wollte eingerichtet werden, und wir überlegten, ob wir eine Wand ziehen sollten, um ein Stück des riesigen Wohnzimmers abzutrennen, oder ob ich mein Arbeitszimmer leerräumte, das ich ohnehin nicht benutzte, weil ich viel zu selten zu Hause war.
In der Klinik angekommen hatte ich die Morgenvisite mit Dr. Abraham erledigt und mich gerade auf den Weg zu einer weiteren Patientin begeben, als ich ein feines Stechen im Unterleib spürte. Nur kurz, aber deutlich, und ich war sofort auf die Toilette gerannt. Das Blut war nicht zu übersehen gewesen.
Ruckartig riss ich die Augen auf. Nein, nicht daran denken. Ich atmete tief ein, sog die unfreundliche Klinikluft in mich ein, stieß sie wieder aus. Wiederholte diesen Ablauf zehn Mal, bis mein Herz nicht mehr bis in meinen Hals pochte, sondern nur noch in meiner Brust zu explodieren drohte.
Mühsam richtete ich mich auf und zwang mich dazu, das Zittern zu ignorieren. Mit meinen eiskalten Fingern klammerte ich mich an die Armlehnen des Stuhls, um mich von dort in die Umkleidekabine hinter den simplen Vorhang zu schieben. Ich spürte Ines’ Blick auf mir, aber noch wollte ich sie nicht ansehen, und sie war einfühlsam genug, mir den Moment zu geben.
Mit einem lauten Rascheln zog ich den Vorhang zu und lehnte den Kopf gegen die Wand. Warum? Warum passierte mir das zum zweiten Mal? Die Frage stürzte auf mich ein, als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich aufstand und mich bewegte und mein Herz all die Vorwürfe in mich hineinpumpen konnte.
Bei der ersten Fehlgeburt hatte ich geglaubt, dass ich etwas falsch gemacht hatte. Zu viel Sport getrieben oder zu viel Stress bei der Arbeit gehabt. Ohne einen tatsächlichen Grund zu finden, hatte ich zumindest Erklärungen angenommen. Doch diesmal? Diesmal hatte ich in derselben Sekunde auf sportliche Aktivitäten verzichtet, in der meine Frauenärztin mit einem breiten Lächeln im Gesicht das positive Ergebnis des Schwangerschaftstests bestätigte. Sogar beruflich war ich kürzer getreten, obwohl ich mich als gerade ausgelernte Ärztin erst einmal beweisen musste und entsprechend viel zu tun hatte. Dem Kopfschütteln einiger Teammitglieder zum Trotz hatte ich meine Stunden reduziert, mich gesund ernährt und mich bewegt, ohne zu übertreiben. Und bis heute früh hatte ich mich, abgesehen von der morgendlichen Übelkeit, wunderbar gefühlt.
Das alles ließ nur den einen Schluss zu, der wie eine Lawine auf mich herabstürzte und mich unter sich begrub: Es war die Strafe für meine Entscheidung vor zehn Jahren.
»Christina, bist du bereit?« Ines musste direkt vor dem Vorhang stehen, denn ihre Stimme war zwar leise, jedoch nah genug, damit ich sie deutlich hörte.
Ich antwortete nicht, zog mich wie in Trance an. Die Hoffnung, die mein Herz bis vor wenigen Minuten gehegt hatte, verkroch sich in die Ecke zurück, aus der sie hervorgeschlüpft war. Zurück in die Dunkelheit, die mich immer stärker in Besitz nahm.
Wie ein Zombie schob ich den Stoffvorhang schließlich beiseite und sah Ines mit besorgtem Blick vor mir. »Brauchst du Hilfe beim Laufen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Geht schon.« Noch immer klang meine Stimme tränenerstickt, und meine Worte waren gelogen, das wussten wir beide. Ines jedoch akzeptierte meine Lüge, während wir zu ihrem Schreibtisch schlichen, auf dem ein Monitor stand. Das Dokument mit meiner Akte war geöffnet, und ich konnte das eine Wort lesen, das sofort wieder mein unkontrolliertes Zittern auslöste. Teilabort.
Ines öffnete das Fenster hinter sich, bevor sie sich mir gegenübersetzte. Die Sonne schien noch immer und blendete mich durch den halb geöffneten Lamellenvorhang. Ich senkte den Kopf.
»Auch wenn es nicht leicht für dich ist, müssen wir darüber reden, wie wir weiter vorgehen. Bist du bereit dafür oder sollen wir einen neuen Termin machen?«
Ich schloss die Augen, Tränen kullerten über meine Wangen und tropften auf meine Hände, die ich knetete. »Jetzt. Ich weiß nicht, ob ich noch mal die Kraft habe, herzukommen.«
»In Ordnung.« Ines räusperte sich und drehte den Monitor. »Normalerweise würde ich jetzt erklären, was passiert ist. Aber da du bereits eine Fehlgeburt hattest, lasse ich das weg. Es war ein Teilabort, sodass wir eine Ausschabung vornehmen müssen, für die wir in den nächsten Tagen einen Termin benötigen.«
»Mhm, ja. Sag einfach, wann du was frei hast.« Die Dunkelheit umschlang mich immer stärker, breitete eine Wolke der Bedeutungslosigkeit über mich aus. Alles war egal. Nichts war mehr wichtig. Ich hatte das zweite Baby innerhalb eines Jahres verloren.
Aus Medizinersicht hätte ich sie noch nicht als Babys bezeichnen dürfen, denn beide befanden sich noch im fötalen Stadium. Doch mein Mutterherz...




