Thompson | Hell's Angels | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Thompson Hell's Angels


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-09724-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-641-09724-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wenn einer wirklich über die Hells Angels schreiben darf, dann Hunter S. Thompson

»Der harte Kern, die Outlaw-Elite, das waren die Hells Angels.« Für seinen brisanten Insiderbericht über den Aufstieg der Hells Angels zur größten und berüchtigtsten Motorradgang der Welt nahm Thompson Mitte der sechziger Jahre über ein Jahr lang am exzessiven, gewalttätigen und freiheitsliebenden Leben der Angels teil. Das Kultbuch, das Hunter S. Thompson bekannt machte – jetzt zur Debatte als Neuausgabe.

Hunter S. Thompson wurde 1937 in Louisville, Kentucky, geboren. Er begann seine Laufbahn als Sportjournalist, bevor er Reporter für den Rolling Stone und als Begründer des Gonzo-Journalismus zu einer Ikone der Hippiebewegung wurde. Zu seinen großen Büchern zählen neben Fear and Loathing in Las Vegas die journalistischen Romane Hells Angels, Königreich der Angst und Rum Diary. Thompson nahm sich am 20.02.2005 in seinem Wohnort Woody Creek, Colorado, das Leben.
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1


Kalifornien, Labour-Day-Wochenende. Frühmorgens, der Ozeannebel noch in den Straßen, brechen Outlaw-Biker, die Ketten, Sonnenbrillen und speckige Jeans tragen, aus muffigen Garagen, durchgehend geöffneten Dinern und düsteren Absteigen in Frisco, Hollywood, Berdoo und East Oakland zur Monterey-Halbinsel auf, nördlich von Big Sur. Die Landplage ist wieder los, die Hell’s Angels, die Hundert-Karat-Schlagzeile. Sie dröhnen über den frühmorgendlichen Freeway, tief auf dem Sattel, keiner lächelt, schlängeln sich wie die Irren durch den Verkehr, brausen mit hundertvierzig Sachen den Mittelstreifen entlang, haarscharf an den Autos vorbei – wie Dschingis Khan auf einem Eisengaul, auf einem Monsterross mit rot glühendem Anus, mit Vollgas durch die Lasche einer Bierdose und dann die Schenkel deiner Tochter rauf, Gefangene werden nicht gemacht; zeigt den Spießern mal, was ’ne Harke ist, gebt ihnen ’ne Ahnung von den Kicks, die sie nie kennen werden. Ah, diese selbstgerechten Kerle, sie lieben es, richtig Stoff zu geben. Little Jesus, the Gimp, Blind Bob, Gut, Buzzard, Zorro, Hambone, Clean Cut, Tiny, Terry the Tramp, Frenchy, Mouldy Marvin, Mother Miles, Dirty Ed, Chuck the Duck, Fat Freddy, Filthy Phil, Charger Charley the Child Molester, Crazy Cross, Puff, Magoo, Animal und noch mindestens hundert weitere. Tatendurst, lange Haare im Wind, wilde Bärte und flatternde Bandanas, Ohrringe, Achselhöhlen, Kettenpeitschen, Hakenkreuze und chromblitzende, gestrippte Harleys, und die Autofahrer auf dem 101 fahren ängstlich rechts ran, um die Formation vorbeiziehen zu lassen wie eine dreckige Donnersalve ...

Sie nennen sich Hell’s Angels. Sie plündern und vergewaltigen wie eine marodierende Kavallerie. Und sie prahlen, keine Polizei könne ihre kriminelle Motorrad-Bruderschaft sprengen. – True, The Man’s Magazine (August 1965)

Für sich genommen sind das keine schlechten Kerle. Ich will Ihnen mal was sagen: Ich habe es lieber mit einem Haufen Hell’s Angels zu tun als mit diesen Bürgerrechtsdemonstranten. Wenn’s drum geht, uns Scherereien zu machen, sind die Demonstranten viel schlimmer. – Gefängniswärter, San Francisco City Prison

Einige von denen sind die reinsten Tiere. Die würden sich in jeder Gesellschaft wie Tiere aufführen. Diese Typen sind Outlaws, die hätten hundert Jahre früher zur Welt kommen sollen – dann wären sie Revolverhelden geworden. – Birney Jarvis, Gründungsmitglied der Hell’s Angels und später Polizeireporter des San Francisco Chronicle

Wir sind die Einprozenter, Mann: Das eine Prozent, das nicht dazugehört und dem das scheißegal ist. Also erzähl mir nichts von deinen Arztrechnungen und Haftbefehlen wegen Verkehrsvergehen  – schnapp dir deine Frau, deinen Bock und dein Banjo und dann ab dafür. Wir haben uns aus Hunderten von Schlägereien rausgehauen, mit unseren Stiefeln und unseren Fäusten, und wir sind immer noch am Leben. Wir sind die Könige der Biker-Outlaws, Baby. – Ein Hell’s Angel, Worte für die Ewigkeit

Der Run hatte begonnen, »Outlaws« aus dem ganzen Bundesstaat brausten hordenweise nach Monterey – aus San Bernardino und Los Angeles auf dem Highway 101 nach Norden; aus Sacramento auf dem 50 nach Süden; aus Oakland, Hayward und Richmond auf dem 17 nach Süden; und aus Frisco auf dem Küsten-Highway. Der harte Kern, die Outlaw-Elite, das waren die Hell’s Angels. Sie trugen einen geflügelten Totenkopf hinten auf ihren ärmellosen Jacken, und sie setzten ihre Mamas hinter sich auf große Chopped Hogs – aller überflüssigen Teile entledigte Motorräder. Die dreckige Horde fuhr mit einer gepflegten Arroganz, sich ihres Rufs als verkommenste Motorradgang in der Geschichte der Christenheit sehr wohl bewusst.

Aus San Francisco kamen die Gypsy Jokers in einer eigenen Formation, alles in allem drei Dutzend Mann, die Nummer zwei unter den Outlaw-Clubs Kaliforniens. Gierig nach Publicity und mit nur einem Chapter konnten die Jokers dennoch herabsehen auf die Presidents, Road Rats, Nightriders und Question Marks, ebenfalls aus dem Gomorrha Bay Area, dessen Sodom fünfhundert Meilen weiter südlich die riesige Irrsinnsschüssel von Los Angeles ist, dem Heimatrevier der Satan’s Slaves, der Nummer drei in der Hierarchie der Gesetzlosen, Custom-Bike-Spezialisten mit einem Faible für Welpenfleisch, auffällige Stirnbänder und zärtliche junge Blondinen mit hirnamputiertem Blick. Die Slaves waren die Herren über Los Angeles, und ihre Frauen klammerten sich an die Lederrücken dieser Hunde fressenden Idioten mit dem prallen Schritt und fuhren mit ihnen nach Norden, zur alljährlichen Party mit den Hell’s Angels, die den »Haufen aus L. A.« schon damals mit freundlicher Herablassung betrachteten, was die Slaves nicht störte, weil sie dadurch die anderen Clubs aus dem Süden ungestraft von oben herab behandeln konnten – die Coffin Cheaters, Iron Horsemen, Galloping Gooses, Comancheros, Stray Satans und obdachlose Randelemente menschlichen Abschaums, derart abscheuliche Gestalten, dass nicht einmal die Outlaw-Clubs  – weder des Nordens noch des Südens – sie für sich beanspruchten, es sei denn, eine zusätzliche Kette oder Bierflasche hätte einmal den Ausgang einer Schlägerei entscheiden können.

Wieder und wieder habe ich betont, dass kein Weg aus der gegenwärtigen Sackgasse herausführt. Wären wir wirklich wach, so würden wir vom Horror des Alltagslebens überwältigt. Wir würden unser Werkzeug fallen lassen, unsere Stelle kündigen, unseren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen, keine Steuern mehr zahlen, kein Gesetz mehr befolgen und so weiter. Könnte irgendjemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, die verrückten Dinge tun, die jetzt in jedem Augenblick von uns verlangt werden? – Henry Miller, The World of Sex, (Privatdruck von J.N.H. in einer Auflage von 1.000 Exemplaren, »für die Freunde Henry Millers«, 1940)

Die Leute müssen eben lernen, uns aus dem Weg zu gehen. Wir machen jeden platt, der sich uns in den Weg stellt. – Ein Hell’s Angel im Gespräch mit der Polizei

Lieber in der Hölle herrschen als im Himmel dienen. – John Milton, Das verlorene Paradies

Am Morgen des Monterey Run zum Labour Day 1964 erwachte Terry the Tramp nackt, und alles tat ihm weh. In der Nacht zuvor war er vor einer Kneipe in Oakland von neun Mitgliedern der Diablos, einem rivalisierenden Motorradclub aus der East Bay Area, zusammengetreten und mit Kettenpeitschen geschlagen worden. »Ich hatte einem von denen früher mal eine geknallt«, erklärte er, »und das hat ihnen nicht gepasst. Ich war mit zwei anderen Angels da, aber die sind kurz vor mir gegangen, und kaum waren die weg, haben sich die verdammten Diablos vor dem Laden auf mich gestürzt. Sie haben mich ganz schön übel zugerichtet, und dann haben wir die halbe Nacht nach ihnen gesucht.«

Doch die Suche blieb erfolglos, und kurz vor Tagesanbruch kehrte Terry zu Scraggs’ kleinem Haus in San Leandro zurück, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern wohnte. Scraggs, ein 37-jähriger ehemaliger Boxer, der einmal gegen Bobo Olson gekämpft hatte, war damals der älteste aktive Angel und hatte selbst eine Frau und zwei Kinder. Als Terry in diesem Sommer mit seiner Familie aus Sacramento hergekommen war, um sich in der Bay Area einen Job zu suchen, hatte Scraggs sie bei sich aufgenommen. Die beiden Frauen verstanden sich gut, die Kinder spielten miteinander, und Terry fand in einer nahe gelegenen General-Motors-Fabrik einen Job am Fließband – eigentlich ein erstaunliches Beispiel dafür, was in der amerikanischen Arbeiterbewegung auf praktischer Ebene an menschlicher Flexibilität noch möglich ist, denn Terry sieht auf den ersten Blick hoffnungslos uneinstellbar aus, wie eine Mischung aus Joe Palooka und dem Ewigen Juden.

Er ist 1,88 groß, wiegt 95 Kilo, hat mächtige Arme, einen Vollbart, schulterlanges schwarzes Haar und eine ungehobelte, brummige Art, die nicht dazu angetan ist, einen Personalchef in entspannte Stimmung zu versetzen. Darüber hinaus hat er in seinen 27 Lebensjahren eine umfangreiche Polizeiakte gefüllt: zahlreiche Festnahmen – von Diebstahl und Körperverletzung bis hin zu Vergewaltigung, Drogendelikten und Cunnilingus in der Öffentlichkeit –, das alles jedoch ohne eine einzige strafrechtliche Verurteilung, offiziell also lediglich dessen schuldig, was auch jeder andere temperamentvolle Staatsbürger unter Alkoholeinfluss oder in einem anderweitig schwachen oder aggressiven Moment möglicherweise verbricht.

»Ja, aber diese ganze Liste ist doch Bullshit«, beharrt er. »Die meisten dieser Anschuldigungen sind erstunken und erlogen. Ich habe mich nie als Verbrecher gesehen. Ich leg’s nicht darauf an; dafür bin ich nicht gierig genug. Ich plane das nicht, es passiert einfach.« Und dann, nach kurzer Pause: »Aber ich glaube, ich lasse es schon darauf ankommen, auch wenn ich kein Verbrecher bin. Demnächst werden sie mich bestimmt wegen irgendeinem Scheiß drankriegen, und dann heißt es für lange, lange Jahre: Tschüss, Terry, mach’s gut. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich mich vom Acker mache und nach Osten gehe, vielleicht nach New York oder Australien. Weißt du, ich war mal Mitglied der Schauspielergewerkschaft und hab in Hollywood gewohnt. Scheiß drauf, ich schaff es überall, auch wenn ich noch so ’ne Niete bin.«

An jedem anderen Samstag hätte er womöglich bis nachmittags um zwei oder drei geschlafen und wäre dann mit einem Dutzend Gleichgesinnter wieder losgezogen, um die Diablos zu suchen und Hackfleisch aus ihnen zu machen....


Thompson, Hunter S.
Hunter S. Thompson wurde 1937 in Louisville, Kentucky, geboren. Er begann seine Laufbahn als Sportjournalist, bevor er Reporter für den Rolling Stone und als Begründer des Gonzo-Journalismus zu einer Ikone der Hippiebewegung wurde. Zu seinen großen Büchern zählen neben Fear and Loathing in Las Vegas die journalistischen Romane Hells Angels, Königreich der Angst und Rum Diary. Thompson nahm sich am 20.02.2005 in seinem Wohnort Woody Creek, Colorado, das Leben.



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