E-Book, Deutsch, Band 15, 464 Seiten
Reihe: Die Scot-Harvath-Serie
Thor Der Verräter
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-86552-990-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 15, 464 Seiten
Reihe: Die Scot-Harvath-Serie
ISBN: 978-3-86552-990-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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6
BRÜSSEL, BELGIEN
In Budapest wartete am Kai ein grauer Mercedes der CIA auf sie. Lara fuhr ins Four Seasons. Harvath zum Flughafen. Sie waren beide erschöpft.
Keiner von beiden wollte sich den großen Gefühlen einer Trennung stellen. Es war einfacher gewesen, das Ganze mit zwei Flaschen Champagner so gut wie möglich zu betäuben, und sie hatten eine letzte, wilde Nacht hinter sich.
Sie gaben ein großartiges Paar ab – elegant, leidenschaftlich, und es knisterte, wenn sie zusammen waren. Die Tatsache, dass sie es nicht hinkriegten, dass etwas so Gutes in ein und derselben Stadt funktionierte, war irrsinnig.
Als es Zeit für den eigentlichen Abschied wurde, gab Lara ihm einen der besten Küsse, die er je bekommen hatte. Lang, langsam, sexy. Dann stieg sie aus dem Wagen, holte ihre Tasche aus dem Kofferraum und ging ins Hotel.
Harvath saß auf dem Rücksitz und starrte auf die polierten Glastüren. Was zum Teufel ist gerade passiert, fragte er sich. Es war, als hätte man ihm soeben den gesamten Sauerstoff aus der Lunge gesaugt. Habe ich sie wirklich gehen lassen?
Einige Momente vergingen, während er dasaß und alles zu begreifen versuchte. Schließlich unterbrach der Fahrer seinen Gedankengang. »Können wir jetzt zum Flughafen fahren, Sir?«
Die kurze Antwort lautete Nein. Er war nicht bereit, zum Flughafen zu fahren. Er wollte Lara auf ihr Zimmer folgen, die Tür abschließen und so tun, als hätte er nicht Ja zu Brüssel gesagt. Doch das konnte er nicht. Er hatte sein Wort gegeben.
Normalerweise reiste Harvath gern per Privatjet, insbesondere mit etwas so Luxuriösem wie einer Dassault Falcon 5X. Aber selbst das dramatische Panoramadach vermochte ihn heute nicht zu beeindrucken.
Er verrührte Salz, Zucker und eine Aspirin-Brausetablette in einem hohen Glas Tomatensaft mit Eis. Es schmeckte fürchterlich.
Nachdem er ein zweites Glas hinuntergekippt hatte, streckte er sich mit einer großen Flasche Wasser auf der weißen Ledercouch aus.
Die CIA verwendete eine verschlüsselte App, mit der er sich das Anbar-Video nur einmal ansehen und die Bilddateien anzeigen konnte. Das reichte auch.
Der IS war ein islamischer Todeskult, der versuchte, die Apokalypse einzuleiten. Je größer sie wurden, desto verkommener wurden sie.
Letztlich bestand ihr Ziel darin, die Ungläubigen in Dabiq, einem winzigen Kaff in Nordsyrien, zum Kampf zu bewegen. Nach einer entscheidenden Bodenschlacht würde der muslimische Messias wiederkehren. So ungefähr lautete zumindest eine uralte Prophezeiung. Harvath ging jede Wette ein, dass der Prophet Mohammed sich Kernwaffen niemals auch nur vorgestellt hatte.
Wenn es nach Harvath ging, würde er gleich die Atomraketen losschicken. Nach dem Abwurf von Flugblättern, in denen die Bewohner zur Flucht aufgefordert wurden, würde er erst Dabiq und dann Raqqa, die Hauptstadt des IS, dem Erdboden gleichmachen. Eine Bodenschlacht würde es nicht geben. Nur ausgedehnte Glasflächen. Die Barbaren des IS waren keinen weiteren Tropfen amerikanischen Blutes wert.
Aber es ging nicht nach Harvath. Es war Sache des Präsidenten der Vereinigten Staaten, und dieser verfolgte im Moment einen anderen Plan.
Er wollte wissen, wie es kam, dass das SAD-Team im Irak angegriffen wurde. Woher hatte der IS gewusst, dass sie dort waren?
Harvath hatte die Informationen für die Operation gesammelt. Er war derjenige, der die hochrangige IS-Zielperson identifiziert und lokalisiert hatte. Die Informationen stammten von seinen Kontaktleuten. Nun waren 13 Amerikaner tot.
Die CIA hatte umgehend eine Untersuchung eingeleitet. Sie brachten in Erfahrung, dass Ashleigh Foster eine Beziehung zu einem Mann des SAD-Teams hatte. Sie hatte zwei Freundinnen aus der Botschaft überredet, mit ihr das Wochenende zu verbringen und im Safe House zu feiern. Telefonaufzeichnungen, SMS und E-Mails stützten dies. Es war ein Fall von durch die Bank ausnehmend schlechtem Urteilsvermögen. Der IS-Angriff jedoch stand auf einem völlig anderen Blatt.
Die Dschihadisten waren kampfbereit angerückt. Sie hatten nicht nur das SAD-Team überwältigt, sondern auch zwei CIA-Hubschrauber abgeschossen. Sie wussten ganz genau, womit sie es zu tun hatten. Hatten sogar ein Videoteam mitgebracht. Hatten sie auch gewusst, dass die Frauen sich dort aufhalten würden?
Harvath hatte man damit beauftragt, all dies herauszufinden. Und der Ausgangspunkt war in Brüssel.
Die Stadt war zu über 25 Prozent muslimisch, das Viertel mit der dichtesten islamischen Bevölkerung war Molenbeek. Auf der falschen Seite des Kanals gelegen, befanden sich dort mehr als zwei Dutzend Moscheen.
Hier lebte auch einer von Harvaths besten Kontaktmännern – ein Kontaktmann, der plötzlich nichts mehr von sich hören ließ.
Entweder befand Salah Abaaoud sich in Schwierigkeiten oder er trieb ein Doppelspiel mit Harvath.
Falls Salah Harvath reingelegt hatte, gab es kein Loch, das tief genug war, um sich darin zu verstecken. Harvath würde ihn finden. Immerhin war das sein Job.
Salah war ein Arzt mit einer Praxis in bester Geschäftslage. Jeder in Molenbeek kannte ihn. Er war der inoffizielle Bürgermeister des Viertels. Er legte Streitigkeiten bei, half neuen muslimischen Einwanderern, sich im belgischen Sozialsystem zurechtzufinden, zog schlechte Zähne und arrangierte sogar Ehen.
Er leistete großzügige Spenden für die örtlichen Moscheen und Wohltätigkeitsorganisationen, fuhr einen knallroten BMW und hatte stets Tickets für die besten Sportereignisse.
Nach außen hin war Dr. Salah Abaaoud ein erfolgreicher Mann. Niemand in dem Viertel hatte eine Ahnung von seiner kriminellen Vergangenheit. Sogar die belgische Regierung tappte im Dunkeln.
Zu Hause im Nahen Osten hatte Salah als Schmuggler ein Vermögen gemacht. Seine Position als Arzt ausnutzend, schlug er Kapital aus dem Roten Halbmond, den UN und einer Vielzahl weiterer medizinischer Hilfsaktionen und Konvois. Er schmuggelte alles, von gestohlenen Antiquitäten über Drogen und Waffen bis hin zu Menschen. Es waren jedoch die Waffen, die letztlich dafür sorgten, dass er geschnappt wurde.
Einmal transportierte er eine Kiste mit gestohlenen Raketen von Marokko in den Libanon. Harvath spürte der Zelle hinter dem Diebstahl nach. Eine Information führte zur nächsten, bis Harvath schließlich vor Salahs Haustür landete. Das Einzige, was dem Doktor das Leben rettete, war seine Kooperationsbereitschaft.
Angesichts seiner ganzen Verbindungen war Salah in der Lage, so manches in Erfahrung zu bringen. Er verfügte über ein beeindruckendes Netzwerk, und das wollte Harvath.
Salah stimmte einer großzügigen monatlichen Besoldung zu und durfte weiteratmen. Allah hatte ihn doppelt gesegnet.
Harvath verpasste ihm den Codenamen Sidewinder, nach den Raketen, bei deren Schmuggel Salah erwischt wurde. Aber im Lauf der Zeit erkannte er, dass Klapperschlange eigentlich besser gepasst hätte. Salah war kaltblütig. Er machte viel Lärm, wenn er sich aufregte, und konnte ohne Vorwarnung zuschlagen. Mit dem Mann musste man behutsam umgehen.
Im Moment allerdings war Harvath nicht in der Stimmung, behutsam vorzugehen. 13 Amerikaner waren tot. Zehn von ihnen hatten mit Informationen gearbeitet, die er besorgt hatte. Die übrigen drei waren bloß zur falschen Zeit am falschen Ort. Allerdings hätte keiner von ihnen sich dort befunden, wäre er nicht gewesen. Das war eine Tatsache, und sie lastete schwer auf ihm. Er versuchte, sie aus seinen Gedanken zu verbannen, während er nach Salah suchte.
Als Erstes überprüfte er das Haus des Mannes. Aber dort fand er keine Spur von ihm beziehungsweise dem roten BMW. Als Nächstes kam die Praxis an die Reihe.
Sie war fest verschlossen. Durchs Fenster sah Harvath einen Stapel Post auf dem Boden liegen. Hatte Salah die Stadt verlassen? War er aus dem Land geflohen? Harvaths Besorgnis, dass Salah ihn reingelegt hatte, wuchs. Ihm fiel nur noch ein Ort ein, an dem er ihn suchen konnte.
Salahs Frömmigkeit kannte Grenzen. Sie endete direkt an seiner erogenen Zone. Er unterhielt ein Liebesnest und dazu einen gut sortierten Barwagen im eleganten Viertel Saint-Gilles. Harvath war ihm einmal dorthin gefolgt. Die Wohnung lag in unmittelbarer Nähe der Avenue Louise.
Maß man den wahren Charakter eines Menschen daran, was er so trieb, wenn niemand zusah, wären die Brüsseler Muslime von Dr. Salah Abaaoud schockiert gewesen. Er war nicht nur ein semiprofessioneller Alkoholiker, sondern vögelte auch die äußerst attraktive, sehr viel jüngere und sehr verheiratete Sprechstundenhilfe seiner Praxis, Aisha.
Harvath blieb vor der Tür stehen und lauschte. Was erwartete er eigentlich zu hören? Sex? Nicht einmal ein so unersättlicher Kerl wie Salah würde wegen einer Sauftour tagelang verschwinden. Dazu war er zu vorsichtig, hatte zu viel in sein öffentliches Image investiert. Allerdings nicht so viel, dass es ihn vom Vögeln oder Trinken abhielt. Er hatte sich wohl einfach an ein gewisses Risiko gewöhnt.
Harvath konnte etwas von drinnen hören. Es klang nach Schreien, war aber definitiv kein Sex. Ein Fußballspiel?
Er drehte den Knopf der Messingklingel in der Türmitte und wartete. Das letzte Mal, als er bei Salah hereinplatzte, hatte er etwas Furchtbares zu Gesicht bekommen. Splitternackt hatte Salah dagestanden, ganz zu schweigen von dem vielen Fett, und so haarig. Das war ein Anblick, den er nie mehr erleben wollte.
Niemand kam an die...




