E-Book, Deutsch, 81 Seiten
Thürauf / Naser / Michel AM ENDE Frieden
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7575-8241-8
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fünf Frauen erzählen über das Leben und das Sterben ihrer Mütter
E-Book, Deutsch, 81 Seiten
ISBN: 978-3-7575-8241-8
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Bevor Margit Thürauf mit dem Schreiben begonnen hat, begleitete sie Menschen durch berufliche Veränderungsphasen. Als Autorin interessieren sie vor allem all die Dinge, über die sich nicht so einfach sprechen lässt: Zwischenmenschliches, Gefühle, Wünsche, Lebenseinstellungen. Sie lebt in ihrer Traumstadt Bamberg.
Autoren/Hrsg.
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Das Vergessen
Er konnte nicht mehr. Nein, er konnte noch lange, er wollte nicht mehr. Er würde mit dem Auto gegen einen Baum fahren. Verflucht, wo hatte er seinen Autoschlüssel hingetan?
Was suchte er denn jetzt schon wieder?
„Der macht mich wahnsinnig“, dachte sie und seufzte. So hatte sie sich ihren Lebensabend nicht vorgestellt. Ihre Gedanken schweiften zurück. Ihr Leben war nicht problemlos verlaufen.
Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war sie fünf Jahre alt. Die Trennung von ihrem Vater fiel ihr schwer. Sechs Jahre war er fort, im Krieg und in der Gefangenschaft. Halt fand sie bei ihrer Zwillingsschwester. Mit ihr vermochte sie über alles zu reden. Ihre Schwester war ihr so ähnlich, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich, aber mutiger war sie. Warum auch immer, sie war einfach ein bisschen lebhafter, offener und frecher.
Möglicherweise steckte der Schlüssel ja im Auto. Wenn er jetzt hinaus ginge, würde sie ihn wieder abfangen und fragen, wo er hinwolle. Als ob er ein kleines Kind wäre. Verdammt, er war 85 Jahre, hatte so viel erlebt und gemeistert. Mit sechzehn war er in den Zweiten Weltkrieg gegangen, nach acht Jahren heimgekehrt. Dann kam die schönste Zeit in seinem Leben. Er war Sänger und Trompetenspieler in der Tanzkapelle „Pik 7“, die weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannt und ständig ausgebucht war. Die Mädchen lagen ihnen zu Füßen.
Dann hatte sie ihn kennengelernt. Sie war mit ihrer Schwester beim sonntäglichen Tanzkaffee. Alle Mädels himmelten ihn an. Seine blonden Haare, die sonnengebräunte Haut und die blitzblauen Augen. Aber schon nach kurzer Zeit hatte er nur Blicke für sie. Sie fühlte sich geschmeichelt.
Eine fiel ihm in erster Linie auf, sie sah so schüchtern aus mit ihren rehbraunen Augen. Und wenn sie lächelte … Er nahm sich vor, sie in der Pause anzusprechen.
Sie seufzte erneut, diesmal aber, weil die Erinnerung so angenehm und traurig zugleich war: Ihre Schwester hatte die Idee, ihn ein bisschen zu veralbern. Sie zögerte, ließ sich aber überreden. Und so kam es dann, dass er abwechselnd mit ihr und ihrer Zwillingsschwester tanzte, ohne es zu merken.
Er wunderte sich, weil sie einmal so spröde war und dann wieder so anschmiegsam. Aber genau das reizte ihn. Er bestand darauf, sie unbedingt wiederzusehen. Irgendwann erfuhr er von dem ‚doppelten Lottchen‘ und lachte schallend. In der Zwischenzeit hatte er sich ohne jeden Zweifel entschieden.
Dass er sich ausgerechnet für sie entschieden hatte. Sie war glücklich, ahnte nicht, wie anstrengend ihr Leben verlaufen würde. Beruflich bedingt zogen sie von ihrer Heimat fort. Innerhalb von fünf Jahren bekamen sie vier Kinder. Ohne große Hilfe zog sie diese auf. Ihre Schwester kam manchmal und half. Ihr Mann war beruflich häufig unterwegs. Und wie vielen anderen Familien in jener Zeit mangelte es vor allem an Geld. Fremde Länder sehen und verreisen, das waren Fremdworte. Ihre Eltern sah sie, wenn möglich, einmal im Jahr. Und so vergingen die Jahre.
Wo waren nur all die Jahre geblieben? Er rechnete wieder mal nach. Er hatte Probleme damit. Manchmal wusste er gar nichts mehr. Dann erinnerte er sich noch nicht einmal mehr an die Namen seiner vier Kinder. Heute war er klar im Kopf. Er, der nie ernsthaft erkrankt gewesen war, nur selten im Krankenhaus versorgt werden musste, den jeder wesentlich jünger geschätzt hatte, ahnte, dass sein Gehirn nicht mehr angemessen arbeitete. Die Krankheit dieser Zeit hatte ebenfalls ihn befallen. Lange sträubte er sich gegen die Tatsachen. Vergesslichkeit gehörte zum Altern doch dazu.
Als ihr Schwiegervater erkrankte war sie gerade mal vierzig Jahre alt und hatte vier Kinder im
Teenageralter. Trotzdem holten sie ihn zu sich. Hingebungsvoll pflegte sie ihn, bis er erlöst wurde.
Dann wurden die eigenen Eltern gebrechlich. Ihre Schwester und sie wechselten sich mit der Pflege ab. Am Anfang in deren Wohnung, zweihundert Kilometer entfernt.
Als ihre Mutter starb, war sie 55 Jahre alt. Sie nahm ihren Vater und ihren behinderten Bruder, einen feinen Kerl, der das Down-Syndrom hatte, bei sich auf. Sie liebte ihn über alles. Als Kind hatte sie es gehasst, wenn ihre Mitmenschen sie mit mitleidigen oder verachtenden Blicken beobachteten. Damals war es nicht leicht, mit einem behinderten Menschen in die Öffentlichkeit zu gehen. Da es keine behindertengerechten Einrichtungen gab, besuchte er sogar vier Jahre lang die Regelschule. Der betreuende Arzt sagte immer, dass ihr Bruder für seine Krankheit ausgesprochen intelligent sei. Er hatte ein auffallend effektives Gedächtnis und eine Leidenschaft für Fußball. Er war fähig, alle Fußballvereine und sämtliche relevanten Daten zu allen möglichen Spielen auswendig aufzusagen.
Wie er diese Tage des Erinnerns hasste. Er wusste, sie würden schnell wieder vergehen und dann wäre zum wiederholten Male fast alles weg. Er konnte die mitleidigen Blicke seiner Familie und Freunde nicht ausstehen, wenn er sich nicht erinnerte. Sie glaubten, er merke es nicht.
Er fing an zu weinen. Da hörte er, dass sie zu ihm kam. Schnell wischte er die Tränen weg. Er wollte doch immer noch der starke Mann an ihrer Seite sein. Stets hatte er sich um die Familie gekümmert und wünschte sich, dass es ihnen an nichts fehle. Sein Einkommen war ordentlich, wenn es auch bei einem so großen Hausstand trotzdem nur zum Nötigsten reichte. Urlaub hatten sie sich erst im Alter leisten können. Italien war sein Lieblingsland. Er liebte es zutiefst. Vermutlich lag es daran, dass er im Krieg und in der Gefangenschaft in Rom und der Toskana gelebt hatte. Seine Frau liebte dieses Land mit seiner großartigen Kultur und den warmherzigen Menschen genauso.
Als ihr Vater gestorben war, blieb ihr Bruder vierzehn Jahre lang bei ihnen. Und endlich vermochten sie es, auf Reisen zu gehen, vorzugsweise in ihr Lieblingsland. Sie konnte nicht genug davon bekommen. Leise summte sie ein Lied von ihrem Lieblingskomponisten Puccini vor sich hin. Was hatten sie alles bereist! Rom, Venedig, Florenz, die Toskana und oft waren sie in einem Bungalow am Gardasee gewesen.
Sie seufzte wieder einmal. Ob sie es nochmal in ihrem Leben schaffen würde, dort hinzukommen? Rückblickend war dies offenbar die entspannteste Zeit, obwohl sie selber schon viele Jahre erkrankt war und ein Krankenhausaufenthalt dem anderen folgte. Gut, dass ihr Mann sie bei der Betreuung des Bruders unterstützte.
„Oh, mir ist wieder so übel“, dachte er. „Warum hilft mir denn keiner?“ Ein Stöhnen entwich ihm. Nach einer Weile kam eine alte Frau herein und er sprach sie an:
„Wissen Sie, wo meine Lore ist?“
„Aber ich bin‘s doch, deine Lore.“
„Sie? Aber das ist nicht möglich. Sie sind nicht meine geliebte Lore. Sie sind alt!“ Entsetzt starrte er sie an.
Sie war geschockt und verwirrt. Sie versuchte ihre Tränen zurückzuhalten. Das waren die schlimmsten Momente, wenn er sie nicht mehr erkannte. Das ewige Gejammer, seine ständige Übelkeit, die endlosen Fragen, die immer wieder alten Geschichten, die er erzählte, alles war ertragbar, aber nicht das. Es klingelte an der Tür. Sie öffnete und ihre Tochter kam herein. Kurz schilderte sie ihr das eben Erlebte. Daraufhin trat diese zu ihrem Vater ins Zimmer.
„Aber da bist du ja, mein Rehlein!“ Er strahlte übers ganze Gesicht.
Er flüsterte ihr zu: „Die alte Frau hat behauptet, sie wäre du.“ Die Tochter nahm ihren Vater in den Arm und streichelte ihm über die Wange:
„Ist schon in Ordnung!“
Dann geschah das Unerwartete. Ihre Zwillingsschwester erkrankte mit nur 68 Jahren an Alzheimer. Als deren Sohn die Pflege nicht mehr schaffte, er war Lkw-Fahrer, nahm sie verständlicherweise die Pflegebedürftige auf. Nur gut, dass sie in einem Haus lebten, wenigstens gab es genug Platz für alle.
Die Pflege der Geschwister brachte sie oft an den Rand ihrer Kräfte. Sie war froh, dass sie drei Töchter hatte, die ihr zur Seite standen. Der Bruder wurde bettlägerig. Die Schwester weinte zunehmend, immer dann, wenn sie sich erinnerte. Und sie hatte sich in den Kopf gesetzt, wegzulaufen. Es wurde nötig, besser auf sie aufzupassen und die Türen zu verschließen.
Die Kinder redeten mit ihr. Sie solle den schwer pflegebedürftigen Bruder in ein Pflegeheim abgeben. Sie wehrte sich dagegen. Sie habe ihrer Mutter am Totenbett versprochen, sich um ihn zu kümmern. Aber trotz der Unterstützung der Töchter funktionierte es eines Tages nicht mehr. Schweren Herzens willigte sie schließlich ein und ihr Bruder wurde in das nahegelegene Pflegeheim verlegt.
Er war glücklich, alle waren da, um mit ihm seinen Geburtstag zu feiern: die Kinder, Schwiegersöhne, Enkel und Enkelinnen. Er strahlte und er erzählte alte Geschichten aus dem Krieg und aus der Zeit, als er ein Sänger war. Daran erinnerte er sich mühelos. Und er gab wieder sein Talent zum Besten. Er sang und jodelte. Ja, er war wirklich glücklich!
Dann kam der Tag, an dem sie ihre Schwester ebenfalls in ein Pflegeheim geben sollte. Sie weinte. Sie verstand ja, dass sie es nicht mehr schaffte. Aber es waren doch ihre Geschwister.
Das Laufen wurde mehr und mehr zur Qual,...




