Thumser | Wir sind wie Stunden | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 340 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Thumser Wir sind wie Stunden

Essays
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-347-14403-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Essays

E-Book, Deutsch, 340 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-14403-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
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Mehr oder weniger handeln alle hier versammelten Texte von Zeit und Geschichte, Fortschritt und Vergänglichkeit, von Werten und Werden, Sein und Bleiben, von Wandel und Vanitas. Zwischen 2010 und 2020 entstanden, wollen sie als Essays gelesen werden, folglich weniger als Beiträge zu den Fachwissenschaften, mit denen sie sich berühren, denn als schriftstellerische Versuche. Formal handelt es sich um sprachschöpferische Arbeiten eines klassischen Feuilletonisten, inhaltlich um Produkte von Zusammenschau, Kompilation und Kombination, wobei der Verfasser Ergebnisse eingehender Recherchen mit eigenen Einsichten und Hypothesen verwob, um Grundsätzliches mitzuteilen und nachvollziehbar darüber nachzudenken.

Michael Thumser, geboren 1959 in Hof, studierte Literatur- und Theaterwissenschaft sowie Kunstgeschichte in Erlangen und schloss als Magister Artium ab. Fast 35 Jahre war er bei einer nordbayerischen Tageszeitung tätig, lange als verantwortlicher Kulturredakteur, zuletzt als Chefautor. Seit 2020 betreibt er unter https//:www.hochfranken-feuilleton.de Kulturberichterstattung im Internet. Theodor-Wolff-Preis; Oberfränkischer Medienpreis; Johann-Christian-Reinhart-Plakette für Verdienste um die Kultur der Stadt Hof. Ebenfalls vom Autor im Verlag tredition: Der Hungerturm. Dreizehn Erzählungen
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Das Phantom, Ruhm genannt

Zwischen Grazien und Grenadieren: König Friedrich II. von Preußen

1

Viel lesen wollte er in Rheinsberg, schreiben wollte er und Flöte spielen. Für den Königssohn war die Jugend traumatisierend hart verlaufen. Dann, als Ehemann und designierter Herrscher, durfte der preußische Kronprinz Friedrich auf dem Schloss, zwanzig Kilometer nördlich des brandenburgischen Neuruppin gelegen, wirklich ein paar glücklichere Jahre verleben: ein Wartestand voller Lektüre, Musik … und durchgeistigt vom regen Briefverkehr mit François Marie Arouet alias Voltaire, dem lichtvollen Franzosen. Jenem Philosophen (der später, im „sorgenfreien“ Schloss Sanssouci bei Potsdam, langjährig Gast des royalen Freundes sein sollte) übersandte Friedrich seinen ANTIMACHIAVELL, ein Essay, das Voltaire redigierte und publizierte. Darin beschrieb der Prinz die Person des Regenten zwar als absoluten Herrscher, doch zugleich als Freund der Untertanen, als Förderer der Wissenschaft und Kunst, als Wahrer von Rechtsstaatlichkeit und Frieden. Als Friedrich selber 1740 König wurde, verfuhr er denn auch nach jenem Ideal. Ein paar Wochen lang.

Denn mit all dem wars vorbei, als in Wien Kaiser Karl VI. starb und seine Tochter Maria Theresia sich bereit machte, seinen Thron zu erben. Da kitzelte den Preußen dann doch die Streitlust, der Ehrgeiz des Eroberers. Ausersehen sah er sich, das bislang parvenühaft aufstrebende Preußen der Hohenzollern neben dem ein wenig müden, alt-blasierten Österreich der Habsburger als Spitzenkraft zu etablieren im Mächtekonzert des Heiligen Römischen Reichs.

2

Zum entscheidenden Feldzug wurde der Siebenjährige Krieg, der auch „dritter Schlesischer Krieg“ heißt; was impliziert, dass zwei ähnliche ihm vorausgegangen waren. Kürzer fielen sie aus, weniger blutig, für den König bei weitem nicht so schicksalhaft. Zwei Mal hatte er Maria Theresia überrollt: Gleich 1740 marschierte Friedrich erstmals in ihrem Schlesien ein – das Heer des Vaters hatte er, noch als Pazifist, schon mal um 10 000 Mann verstärkt. Zum zweiten Mal kämpfte er 1744/45 um die Provinz, um den bedrohten Raub zu sichern. Dann schien er satt.

Andernorts indes eskalierte ein weltumspannender Streitfall: Als Kolonialherren standen England und Frankreich einander in Nordamerika und Indien gegenüber. In Österreich ernannte Maria Theresia den Diplomaten Wenzel Anton Graf Kaunitz zum Außenminister: Die beiden vereinte der Hass auf Preußen, die Begier, Schlesien wiederzugewinnen, die Überzeugung, dass der neu entstandene fatale Dualismus entschieden werden müsse, und zwar für Wien.

Bald kreiste und schnürte ein Bündnis die Preußen ein: Zur „Großen Koalition“ hatten Österreich und Russland, Frankreich und Sachsen sich verbündet. Friedrich entschloss sich zum präventiven Erstschlag. Am 29. August 1756 fiel er ins Königreich Sachsen ein. Doch rasch wendete sich die Lage gegen ihn. Dem Anti-Preußen-Pakt trat Schweden bei, und das Reich beschloss den Reichskrieg gegen Friedrich. Zunehmend isoliert und defensiv, verbuchte er immer weniger Erfolge. Hatten seine Heere 1757 bei Leuthen in Schlesien den strahlendsten Sieg ihres Feldherrn erfochten, so markierte das Gemetzel bei Kunersdorf (nahe Frankfurt an der Oder) zwei Jahre später den Tiefpunkt – ein Totalzusammenbruch, der den längst maladen Monarchen hoffen ließ, ihn selber möge eine der „verwünschten Kugeln“ treffen. „Er trug Gift bei sich“, berichtet Thomas Mann, „für den äußersten Fall".

Doch aufs Debakel folgte das Mirakel: Wie ein Wunder half dem am Boden Zerstörten der Tod der russischen Zarin und Erzfeindin Elisabeth auf. Ihr nämlich folgte Peter III. nach, ein glühender Parteigänger des Preußen, der sich mit ihm sogleich auf einen Waffenstillstand einigte – Anlass für eine allgemeine Versöhnungsbereitschaft der samt und sonders ermatteten Kombattanten. Neben manch anderem legte der 1763 geschlossene Frieden von Hubertusburg fest, dass Schlesien bei Preußen blieb; zusätzlich heimste es 1772, bei der Ersten Polnischen Teilung, Westpreußen und weitere Territorien ein. Fortan firmierte das Königreich als Großmacht in Europa – und stand zu Österreich in unausgleichbarer Gegenposition. In Übersee und Indien erstarkte England zur Führungskraft und schickte sich an, Weltreich und -macht zu sein, auf Kosten Frankreichs: Das war ruiniert.

Und blieb es freilich nicht für immer. 1806 sollte der übermächtige Franzose Napoleon Bonaparte Preußen unter seine Stiefel treten. Doch bevor er die Hauptstadt betrat, hielt er in Potsdam. Denn nicht dem gegenwärtigen König Friedrich Wilhelm III. wünschte der Kaiser seine Aufwartung zu machen, sondern dessen totem Großonkel: Friedrich II., „der Große“, ruhte dort, übrigens gegen seinen Willen, in der Garnisonskirche. Zwanzig Jahre vor dem hohen Besuch war der „Alte Fritz“ am 17. August 1786, 74-jährig, auf Schloss Sanssouci verblichen. Vor dem Sarkophag soll Napoleon andächtig geäußert haben, er selber stünde nicht hier, würde Friedrich noch leben.

Für einen Großen hielt jener Bezwinger Europas sich selbst, nicht anders als der Protagonist einer mindestens ebenso zwielichtigen, dabei weitaus pompöseren Visite. Am 21. März 1933 trat Adolf Hitler im selben Gotteshaus auf, um sich am „Tag von Potsdam“ leibhaftig und mehr noch ideell neben dem verewigten Monarchen zu postieren. Hatte der sein Preußen zur europäischen Großmacht erhoben, so dachte der Diktator, die „Macht ergreifend“, über die halbe Welt zu herrschen.

3

Friedrich der Große war ein kleiner Mann, höchstens 1,60 Meter hoch, von zähem, doch eher dürftigem Bau. Auserwählt fühlte er sich dennoch, „das Große zu erniedrigen“, womit er das im Römisch-Deutschen Reich vorherrschende Habsburg meinte. Bevor er „groß“ wurde, drohte er mehrfach von entschlossenen Feinden bezwungen zu werden – ein Draufgänger, bei dessen Triumph das Glück kräftig nachhelfen musste. Vielleicht darum blieb er, was ihn selber betraf, vergleichsweise bescheiden. „Als Philosoph“, verfügte er, wolle er begraben werden, „ohne die geringsten Zeremonien, nachts, im kleinsten Gefolge, beim Schein einer Laterne.“

Friedrich war ein weiches Kind. „Recht fett und frisch“ kam er am 24. Januar 1712 im Berliner Stadtschloss zur Welt, als Sohn eines „Soldatenkönigs“: Der, Friedrich Wilhelm I., führte zwar nur ein Mal und nur kurz Krieg, frönte aber allem Militärischen bis zur Besessenheit. Dem sachten Knaben suchte er jeden Sinn fürs zweckfrei Schöne, die Lust an Dicht- und Tonkunst, auch die enge Bindung an die Schwester Wilhelmine, die spätere Markgräfin von Bayreuth, gründlich auszutreiben. Aufs Grausamste kujonierte er ihn darum und unterließ es nicht einmal, den Thronfolger vor Zeugen prügelnd zu demütigen. Ein Fluchtversuch missriet dem 18-Jährigen – das kostete ihn selbst beinah das Leben und seinen Freund und Helfer Hans Hermann von Katte den Kopf. Bei der Exekution hatte Friedrich von einem Fenster aus genauestens zuzusehen.

Endlich zu Kreuze kriechend, ließ sich Friedrich vom unerbittlichen Über-Vater eine Gemahlin verordnen: Mit jener Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern, um drei Jahre jünger als er und von ihm 1733 ohne Zuneigung geehelicht, verband ihn sein Leben lang nicht das Mindeste; wahrscheinlich war er, mehr oder weniger aktiv, homosexuell. Weitaus intensiveren Umgang als mit der Gemahlin pflegte er mit seinen Hunden. Immerhin betrachtete er die paar Rheinsberger Musenjahre an der Seite Elisabeths als seine schönste Zeit: voll von Poesie und Philosophie, Musik und wacher Plauderei.

Schon den Kronprinzen umschwärmte eine Aristokratin als „le grand Frédéric“. Und Voltaire, lebendes Monument der französischen Aufklärung, erkannte in „Frédéric le Grand“ einen „fürstlichen Philosophen“, umrahmt von „Grazien und Grenadieren“. Mit den Siegesfeiern nach dem zweiten der Schlesischen Kriege setzte sich sein Ehrentitel „der Große“ vollends durch. In offiziellen Urkunden allerdings erscheint er nie.

4

Friedrich war ein harter Mann. Unerwartet stark prägte ihn, der sich zunächst als Pazifist bekannte, das Erbgut des brutalen Erzeugers. Eingestandenermaßen stachelte den Geltungssüchtigen die Begierde an, vor der Mit- und Nachwelt zu glänzen: Ihn packte „die Glut der Leidenschaft, der Ruhmesdurst“. Im Blutbad scheute er kein Risiko. Als Hasardeur war er menschenverachtend bereit, auch auf eine schwache Karte alles zu setzen. „Racker, wollt ihr denn ewig leben?“, soll er einmal seinen fliehenden Kriegern nachgeschrien...



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