Tieck | Der gestiefelte Kater / Märchen aus dem ›Phantasus‹ | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 80 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Tieck Der gestiefelte Kater / Märchen aus dem ›Phantasus‹

Fischer Klassik PLUS
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-401957-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fischer Klassik PLUS

E-Book, Deutsch, 80 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401957-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon.
Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur.
Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK.

Was Ludwig Tieck zu einem so faszinierenden, lebendigen Autor macht, ist sein einzigartiges Doppeltalent: Einerseits ist er ein hochprofessioneller und im besten Sinn populärer Erzähler, der alle Suspense-Tricks beherrscht und als begeisterter Leser von Gruselgeschichten auch grelle Effekte nicht scheut. Andererseits aber spielt er hochironisch mit unseren Erwartungen, und selbst den coolen Lesern der Postmoderne wird bei all den doppelten Böden und desillusionierenden Blicken hinter die Kulissen des Literaturgeschäfts immer noch schwindlig.

Tieck Der gestiefelte Kater / Märchen aus dem ›Phantasus‹ jetzt bestellen!

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Prolog


Die Szene ist im Parterre, die Lichter sind schon angezündet, die Musiker sind im Orchester versammelt. – Das Schauspiel ist voll, man schwatzt durcheinander, mehr Zuschauer kommen, einige drängen., andre beklagen sich. Die Musiker stimmen.

FISCHER, MÜLLER, SCHLOSSER, BÖTTICHER im Parterre, ebenso auf der andern Seite WIESENER und dessen NACHBAR.

FISCHER

Aber ich bin doch in der Tat neugierig. – Lieber Herr Müller, was sagen Sie zu dem heutigen Stücke?

MÜLLER

Ich hätte mir eher des Himmels Einfall vermutet, als ein solches Stück auf unserm großen Theater zu sehn – auf unserm National-Theater! Ei! ei! nach allen den Wochenschriften, den kostbaren Kleidungen, und den vielen, vielen Ausgaben!

FISCHER

Kennen Sie das Stück schon?

MÜLLER

Nicht im mindesten. – Einen wunderlichen Titel führt es: Ich hoffe doch nimmermehr, daß man die Kinderpossen wird aufs Theater bringen.

SCHLOSSER

Ist es denn vielleicht eine Oper?

FISCHER

Nichts weniger, auf dem Komödienzettel steht: ein

SCHLOSSER

Ein Kindermärchen? Aber ums Himmels willen, sind wir denn Kinder, daß man uns solche Stücke aufführen will? Es wird doch wohl nun und nimmermehr ein ordentlicher Kater aufs Theater kommen?

FISCHER

Wie ich es mir zusammenreime, so ist es eine Nachahmung der neuen Arkadier, und es kommt ein verruchter Bösewicht, ein katerartiges Ungeheuer vor, mit dem es fast solche Bewandtnis, wie mit dem Tarkaleon hat, nur daß er etwa statt rot ums Maul, schwärzlich gefärbt ist.

MÜLLER

Das wäre nun nicht übel, denn ich habe schon längst gewünscht, eine solche recht wunderbare Oper einmal ohne Musik zu sehn.

FISCHER

Wie? Ohne Musik? Ohne Musik, Freund, ist dergleichen abgeschmackt, denn ich versichre Sie, Liebster, Bester, nur durch diese himmlische Kunst bringen wir alle die Dummheiten hinunter. Ei was, genau genommen sind wir über Fratzen und Aberglauben weg; die Aufklärung hat ihre Früchte getragen, wie sich’s gehört.

MÜLLER

So ist es wohl ein ordentliches Familiengemälde, und nur ein Spaß, gleichsam ein einladender Scherz mit dem Kater, nur eine Veranlassung, wenn ich so sagen darf, oder ein bizarrer Titel, Zuschauer anzulocken.

SCHLOSSER

Wenn ich meine rechte Meinung sagen soll, so halte ich das Ganze für einen Pfiff, Gesinnungen, Winke unter die Leute zu bringen. Ihr werdet sehen, ob ich nicht recht habe. Ein Revolutionsstück, soviel ich begreife, mit abscheulichen Fürsten und Ministern, und dann ein höchst mystischer Mann, der sich mit einer geheimen Gesellschaft tief, tief unten in einem Keller versammelt, wo er als Präsident etwa verlarvt geht, damit ihn der gemeine Haufe für einen Kater hält. Nun da kriegen wir auf jeden Fall tiefsinnige und religiöse Philosophie und Freimaurerei. Endlich fällt er als das Opfer der guten Sache. O du Edler! Freilich mußt du gestiefelt sein, um allen den Schurken die vielen Tritte in den gefühllosen Hintern geben zu können!

FISCHER

Sie haben gewiß die richtige Einsicht, denn sonst würde ja der Geschmack abscheulich vor den Kopf gestoßen. Ich muß wenigstens gestehn, daß ich nie an Hexen oder Gespenster habe glauben können, viel weniger an den gestiefelten Kater.

MÜLLER

Es ist das Zeitalter für diese Phantome nicht mehr.

SCHLOSSER

Doch, nach Umständen. Könnte nicht in recht bedrängter Lage ein großer Abgeschiedener unerkannt als Hauskater im Palast wandeln, und sich zur rechten Zeit wundertätig zu erkennen geben? Das begreift sich ja mit der Vernunft, wenn es höheren und mystischen Endzwecken dient. – Da kömmt ja Leutner, der wird uns vielleicht mehr sagen können.

LEUTNER drängt sich durch.

LEUTNER

Guten Abend, guten Abend! Nun, wie geht’s?

MÜLLER

Sagen Sie uns nur, wie es mit dem heutigen Stücke beschaffen ist.

Die Musik fängt an.

LEUTNER

Schon so spät? Da komm ich ja grade zur rechten Zeit. – Mit dem Stücke? Ich habe soeben den Dichter gesprochen, er ist auf dem Theater und hilft den Kater anziehn.

VIELE STIMMEN

Hilft? – der Dichter? – den Kater? – Also kommt doch ein Kater vor?

LEUTNER

Ja freilich, und er steht ja auch auf dem Zettel.

FISCHER

Wer spielt ihn denn?

LEUTNER

Je, der fremde Akteur, der große Mann.

BÖTTICHER

Da werden wir einen Göttergenuß haben. Ei, wie doch dieser Genius, der alle Charaktere so innig fühlt und fein nuanciert, dieses Individuum eines Katers herausarbeiten wird! Ohne Zweifel ideal, im Sinn der Alten, nicht unähnlich dem Pygmalion, nur Soccus hier, wie dort Kothurn. Doch sind Stiefeln freilich Kothurne, und keine Socken. Ich schwebe noch im Dilemma des Zweifels. – Oh, meine Herren, nur ein wenig Raum für meine Schreibtafel und Bemerkungen.

MÜLLER

Aber wie kann man denn solches Zeug spielen?

LEUTNER

Der Dichter meint, zur Abwechselung –

FISCHER

Eine schöne Abwechselung! Warum nicht auch den Blaubart, und Rotkäppchen oder Däumchen? Ei! der vortrefflichen Sujets fürs Drama!

MÜLLER

Wie werden sie aber den Kater anziehn? – Und ob er denn wirkliche Stiefeln trägt?

LEUTNER

Ich bin ebenso begierig wie Sie alle.

FISCHER

Aber wollen wir uns denn wirklich solch Zeug vorspielen lassen? Wir sind zwar aus Neugier hergekommen, aber wir haben doch Geschmack.

MÜLLER

Ich habe große Lust zu pochen.

LEUTNER

Es ist überdies etwas kalt. Ich mache den Anfang.

Er trommelt, die übrigen akkompagnieren.

WIESENER auf der andern Seite

Weswegen wird denn gepocht?

LEUTNER

Den guten Geschmack zu retten.

WIESENER

Nun, da will ich auch nicht der letzte sein. Er trommelt.

STIMMEN

Still! Man kann ja die Musik nicht hören.

Alles trommelt.

SCHLOSSER

Aber man sollte doch das Stück auf jeden Fall erst zu Ende spielen lassen, denn man hat sein Geld ausgegeben, und in der Komödie wollen wir doch einmal sein; aber hernach wollen wir pochen, daß man es vor der Tür hört.

ALLE

Nein, jetzt, jetzt – der Geschmack – die Regeln – die Kunst – alles geht sonst zugrunde.

EIN LAMPENPUTZER erscheint auf dem Theater.

LAMPENPUTZER

Meine Herren, soll man die Wache hereinschicken?

LEUTNER

Wir haben bezahlt, wir machen das Publikum aus, und darum wollen wir auch unsern eignen guten Geschmack haben und keine Possen.

LAMPENPUTZER

Aber das Pochen ist ungezogen und beweist, daß Sie keinen Geschmack haben. Hier bei uns wird nur geklatscht und bewundert; denn solch honettes Theater, wie das unsre hier, wächst nicht auf den Bäumen, müssen Sie wissen.

DER DICHTER hinter dem Theater.

DICHTER

Das Stück wird sogleich seinen Anfang nehmen.

MÜLLER

Kein Stück – wir wollen kein Stück – wir wollen guten Geschmack –

ALLE

Geschmack! Geschmack!

DICHTER

Ich bin in Verlegenheit; – was meinen Sie, wenn ich fragen darf!

SCHLOSSER

Geschmack! – Sind Sie ein Dichter, und wissen nicht einmal, was Geschmack ist?

DICHTER

Bedenken Sie, einen jungen Anfänger –

SCHLOSSER

Wir wollen nichts von Anfänger wissen – wir wollen ein ordentliches Stück sehn – ein geschmackvolles Stück!

DICHTER

Von welcher Sorte? Von welcher Farbe?

MÜLLER

Familiengeschichten.

LEUTNER

Lebensrettungen.

FISCHER

Sittlichkeit und deutsche Gesinnung.

SCHLOSSER

Religiös erhebende, wohltuende geheime Gesellschaften!

WIESENER

Hussiten und Kinder!

NACHBAR

Recht so, und Kirschen dazu, und Viertelsmeister!

DER DICHTER kömmt hinter dem Vorhange hervor.

DICHTER

Meine Herren –

ALLE

Ist der der Dichter?

FISCHER

Er sieht wenig wie ein Dichter aus.

SCHLOSSER

Naseweis.

DICHTER

Meine Herren – verzeihen Sie meiner Keckheit –

FISCHER

Wie können Sie solche Stücke schreiben? Warum haben Sie sich nicht...



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