Tiede | Der entschwundene Egbert | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 206 Seiten

Tiede Der entschwundene Egbert


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-7835-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 206 Seiten

ISBN: 978-3-7526-7835-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Egbert geht vor die Tür und kommt nicht wieder zurück. Er bleibt verschwunden. Die Suche nach ihm bestimmt den Verlauf der Handlung, während der sich auch ausgefallene und lustige Begebenheiten einstellen.

1939 geboren, Diplom-Volkswirt, promovierte 1968 zum Doktor der Wirtschaftswissenschaft (Dr. rer. pol.) und habilitierte 1972 an der Universität Heidelberg (Venia legendi für das Fach Statistik). Nach zweijähriger Zeit als Universitätsdozent in Heidelberg wurde er zum Universitätsprofessor an die Ruhr-Universität Bochum berufen. Dort bekleidete er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2004 einen Lehrstuhl für mathematische und empirische Verfahren in der Sozialwissenschaft. Er lebt in Olpe-Eichhagen (Biggesee) und in Santa Maria de Llorell (Tossa de Mar, Costa Brava, Spanien), ist verwitwet und hat vier Kinder.

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Da war ein morgendlicher Gast an einem Ecktisch im Café
Da war ein morgendlicher Gast an einem Ecktisch im Café der Vorstadt, weit von hier. Auf ihn schien bereits die wärmende Frühlingssonne. Frischer Kaffee und ein Stück Erdbeertorte mit Sahne waren auf dem leicht im Winde wehenden rotweißen Tischtuch serviert. Hermann, so hieß der Gast, war heute allein ins Café gegangen, weil seine Hermine zu Hause im Zusammenhang mit dem jährlichen Frühjahrsputz noch zu tun hatte und ihn dort nicht gebrauchen konnte. Er stehe ihr nur im Wege. Vielleicht, so sinnierte er, matt und frühlingsmüde wie er war, sollte er in einer Zeitung blättern und beim Gleiten durch die Spalten etwas rauchen – mit der Zigarette in der Linken Kreise ziehen wie auch gedanklich, die linde Luft einziehen und wieder hergeben, sich schwer nach hinten lehnen und das Leichte eines beginnenden Schlummers genießen? Vielleicht. Er saß bequem in einem Korbsessel, nahm vom Kaffee und Kuchen und schaute in die Runde. Gäste des Cafés orderten – dem Kalenderstand gemäß – die Frucht für den Tortenboden: Erdbeeren, Rhabarber oder unterjährige Himbeeren in Gelee. Auch entnahmen sie dem ausliegenden Blättchen die neuesten vermischten Informationen: Allerorten keime das Grüne und Gelbe, stand dort zu lesen – Kirschblüten zumal, die frühen – zart duftend und schmückend die Gründe. Die Vögel trügen den Sonnenschein auf ihren Schwingen und wie geschaffen sei auch für Wanderer die Zeit, sich auf den Weg zu machen hin zu den atmenden Hügeln und Tälern mit ihren Obstbäumen und bestellten Böden. Hermann spezifizierte später das Begrünen der Natur und das Aufbrechen der Knospen an den Obstbäumen gut gelaunt mit einer eigenen Wortschöpfung, indem er erzählte, die Bäume dort draußen würden „knospeln“. Wie auch immer. Gleich heute am Nachmittag, so dachte Hermann bei sich, geh ich ein Stück in die Natur, hin zu den Bergen und Bächen, zusammen mit Egbert, meinem neuen Freund. Frohgemut griff er nun in seine Tasche und zog einen kleinen Spiegel hervor. Hiermit fing er Sonnenstrahlen ein und warf sie keck gegen Tische, Gäste des Cafès und Kuchen. Nach geeigneter Drehung des Spiegels blickte er sich selbst in die Augen und begann, ein kleines Selbstgespräch zu führen: Das Gesicht, das mir entgegen schaut, hat jene leichte Härte, die häufig auftritt, wenn fünfzigsechzig Jahre vorübergezogen sind. Nach weiteren prüfenden Blicken stellte er fest: Die Stirn ist breiter als hoch, was nichts bedeuten mag. Aber die Längsfalten sind doch bereits verhältnismäßig tief eingekerbt. So hat die ganze Schwarte etwas Müdes und Schwerlastiges. Hermine hatte hierauf in ihrer fürsorglichen und direkten Art unlängst bereits hingewiesen. Ein Sperling, nein: drei Spatzen hüpften auf die Lehne des freien Stuhls neben Hermann und interessierten sich frei heraus für einige Kuchenkrümel, die auf seinem Kuchenteller lagen. Hermann sah dem Treiben vergnüglich und gelassen zu und erwartete einen Angriff auf die verlockenden Krümel. Doch von Seiten der Spatzen, der vorsichtigen, tat sich nichts, außer dass sie piepsten. Der Wind strich hierzu leise durch die frischen Blätter des Lindenbaumes, eines gewaltigen alten Baumes, der hoch über dem Café wuchtete. Es war Zeit zu gehen, wollte er noch mit seinem Freund Egbert eine Wanderung unternehmen. Hermann trank aus, griff in seine Hosentasche, fand Münzen und legte Hartgeld neben die Tasse. Sodann schritt er von dannen. Lang wehte sein weißer Staubmantel. Gegen das Licht gesehen, ein Scherenschnitt, zum Einfangen und in die Schachtel legen. Zu Hause ward er noch nicht gut gelitten; denn seine Frau Hermine war mit dem Frühjahrsputz noch in den Gängen. Deshalb machte sich Hermann, nachdem er seinen neuen Freund abgeholt hatte, auf den Weg hin in die erwachende Natur. Die Morgenstunden waren vergangen und bald lastete ein schon fast zu warmer Frühlingsmittag auf den Schultern der zwei Wandersleute. Hermann zündete sich eine Zigarette an, die wohl letzte des Tages – er war in einer Phase, sich das Rauchen endgültig abzugewöhnen – und sprach zu seiner Begleitung, besagtem Egbert. Dieser machte einen drahtigen Eindruck, ging federnd voran und war guter Laune. Er war ungefähr in Hermanns Alter, das knapp jenseits der Pensionsgrenze lag. „Rauchen ist für nichts gut“, sprach Hermann, „und auf nüchternen Magen schon gar nicht, mein lieber Egbert. Ich habe deshalb vorher noch rasch ein Marzipanschweinchen gegessen.“ Nun, gut. Egbert ging hierauf nicht ein und wanderte schielenden Auges munter voran. Der Silberblick war einer von Egberts Schwächen. In seinem Silberblick lag aber zugleich auch eine gewisse Stärke, weil er ihm ein charakteristisches Aussehen verlieh. Hermann und Egbert befanden sich um die Mittagszeit außerhalb der Ortschaft. Sie schritten bergan und gingen an und für sich zu schnell, um bei ihrem flotten Tempo ohne Pause den Berg an oberster Kuppe erreichen zu können. Sie werden irgendwo am Hang verschnaufen müssen, auch wenn man in Rechnung stellt, dass beide einen sportlichen Eindruck machten. Nicht dass sie an den Beinen etwa durchtrainierte Muskeln hatten, das nicht. Ihre Beine zeigten glatte längliche Muskeln, die beim hellen Sonnenlicht einen leicht gelblichen Stich hatten. Bei näherem Hinsehen war jedoch zu erkennen, dass Egbert im Unterschied zu Hermann praktisch wadenlos daher kam, mit Unterschenkeln also, von denen kein nennenswerter Hub für die Fersen und Fußballen ausgehen dürfte. Gleichwohl schritt Egbert drahtig voran. Beim Bergan-Gehen drückten die zwei die Knie ganz durch, was ihnen einen etwas ulkig anmutenden Schaukelgang einbrachte. Hermanns Daumen waren in den Taschen seiner Hose verhakt. Letztere wiederum hingen an Hosenträgern, die ins Nylonhemd einschnitten. Das weiße Hemd war an den beidenÄrmeln aufgekrempelt und zeigte zwei Büroarme – was die Farbe betrifft und zum Teil auch den Umfang des geaderten Bizeps. Büroarme waren auf den ersten flüchtigen Blick auch Merkmale von Egbert. Im Unterschied zu Hermanns Armen waren die von Egbert jedoch mit hellen Härchen bedeckt. Jetzt war der vermutete Zeitpunkt gekommen: an einem Felsen verhielten sie mit leicht zitternden Knien und wischten sich im Wechsel fahrig und kreuzweise über die Stirn – nicht müde oder abgekämpft, nur fahrig und luftschöpfend. Nach kurzem, eher flüchtigen Rundblick auf das Panorama der schneebedeckten Bergriesen setzten sie sich. Man spürte deutlich, dass sich Hermann verkneifen musste, eine Zigarette zu entzünden. Mochte es daran liegen, dass er wahllos etwas Berggras zupfte und zwischen Daumen und Hand zerrieb, mochte es daran liegen, dass er Steinchen auflas und fortwarf. Doch es kam anders: Hermann griff in seine Hosentasche und zog einen kleinen Spiegel hervor, den wir im Gegensatz zu Egbert bereits kennen. Damit fing er Sonnenstrahlen ein und warf sie munter gegen Felsen, Holz und Wege. „Dieses Geblinke, mein lieber Egbert“, sprach Hermann zu seiner sich wundernden Begleitung, „erzeuge ich gern nach einem zu Fuß bewältigten Weg, weil es entspannt und Du manchmal unerwartete Dinge zum Leuchten bringst. Du darfst es auch gleich einmal versuchen.“ Egbert wandte sich nun Hermann zu, wobei eine sperrige blonde Haarsträhne am Hinterkopf hinter dem Wirbel wie eine Feder nach oben ragte, was auch dem Wind geschuldet war, der böig auf kam. „Du überraschst mich, Hermann“, sprach er. „Wenn Du Dich entspannen möchtest, so leg Dich doch ins Moos und schließe die Augen. Wozu brauchst Du da einen Spiegel? Das Geblinke mit diesem kleinen Spiegel ist grundlos, soweit ich sehe.“ Sprach's und lächelte mit seinem Silberblick zufrieden in Richtung der Bergriesen. „Wie Du meinst“, seufzte Hermann, „Du hast übrigens, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, hinten an Deinem Kopf eine nach oben ragende Haarsträhne, sozusagen eine Indianerfeder, die Du nach unten bügeln solltest. Hierfür könntest Du Spucke verwenden, weil es hier ja weit und breit keine Haarpomade gibt. Doch das ist nicht mein Punkt. Ich möchte Dir einen kurzen Text vorlesen, den ich heute morgen zwischen alten Sachen fand. Später möchte ich um Deine Meinung hierzu bitten. Hör mal, was hier auf dem Zettel steht: Am oberen Philosophenweg schlendern wir und unten dämmert das Neckartal. Warme Luft vom Tag umfächelt uns zwei und die Fliegen gehen schlafen. Und dann schimmert es am grauen Rund des Berges dort drüben. Und ich sage: das ist wohl eine Laterne, sage ich. Sie wettet dagegen und darf sich etwas wünschen, wenn ... ach ja, es ist der Mond. Um Dir die Erfassung zu erleichtern, lieber Egbert, sollte ich vielleicht erwähnen, dass sich die Zeilen auf eine Begebenheit stützen, die sich...



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