E-Book, Deutsch, Band 3, 432 Seiten
Reihe: Immortal Beloved
Tiernan Immortal Beloved (Band 3) - Entfesselt
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7320-0665-6
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 432 Seiten
Reihe: Immortal Beloved
ISBN: 978-3-7320-0665-6
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cate Tiernan wurde 1961 in New Orleans geboren. Nach ihrem Studium der Russischen Sprache und Literatur begann sie in der Kinder- und Jugendbuch-Redaktion von Random House ihre berufliche Karriere, die aber schon bald eine andere Richtung einschlug. 'Umgeben von so vielen tollen Jugendbüchern und Menschen, die sich so stark für Kinderliteratur begeistern ließen, wuchs in mir der Drang, selbst kreativ zu werden.' Nach insegsamt 8 Jahren Verlagsarbeit zog sie mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern zurück nach New Orleans und begann, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben.
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1
Uppsala, Schweden, 1619
Vali! Vali! Wo bleibt das Mädchen?«
Als ich die Stimme meines Arbeitgebers hörte, hetzte ich aus dem Keller wieder nach oben.
»Hier!«, rief ich atemlos und stellte den schweren Kasten mit den Goldfäden auf den Tresen. Die Holztreppe, die in den Lagerraum unter dem Laden führte, war kaum mehr als eine Leiter. Ich hatte mir den Kasten unter den Arm geklemmt und mich mit der freien Hand festgehalten, um nicht kopfüber hinunterzustürzen. Mit der Zeit wurde ich so geschickt wie eine Bergziege, aber ich war erst einen Monat hier, und diese Stufen waren selbst für skandinavische Verhältnisse ungewöhnlich eng und steil. In Kombination mit den langen Röcken und Unterröcken jener Zeit war der Absturz beinahe vorprogrammiert.
Mein Arbeitgeber, Meister Nils Svenson, lächelte seinem Kunden zu. »Vali ist neu hier und muss erst noch lernen, wo alles ist.«
Ich deutete einen Knicks an und hielt den Blick gesenkt.
»Sie macht sich aber schon sehr gut. Nicht wahr, Mädchen?« Meister Svenson nickte mir wohlwollend zu und richtete seine Aufmerksamkeit dann wieder auf den Mann, der sich unschlüssig war, ob große Rüschenkragen wirklich aus der Mode kamen oder nicht.
Ich nahm einen Feder-Staubwedel und begann die Stoffballen abzustauben, die an zwei Wänden des Geschäfts lagerten. Mein Meister war einer der angesehensten Schneider von Uppsala und hatte stets die feinsten Stoffe vorrätig. Fein gewebte Wolle, die sich glatt anfühlte und in tiefen Edelsteintönen gefärbt war; weißes und farbiges Leinen in verschiedenen Qualitäten, von hauchfein bis hin zu den kräftigen Stoffen für Reithosen und Mieder; feine Seide aus dem Fernen Osten in schrillen Papageienfarben, die so exotisch waren, dass sie in diesem Land im November vollkommen fehl am Platz wirkten.
Die Silberglocke über der Eingangstür klingelte und eine sehr elegante Dame trat herein. Ich erkannte sofort, dass die türkisfarbene Straußenfeder, die von ihrem Hut herunterhing, mehr gekostet hatte, als ich in sechs Monaten verdiente.
»Da bist du, meine Liebe«, sagte der Mann und ergriff sanft ihre Hand, um ihr einen Kuss auf den Handschuh zu hauchen. »Entschuldige meine Verspätung.«
»Ach, das macht doch nichts«, sagte die Frau geziert. »Beende in Ruhe deine Geschäfte.« Sie schien auf ihren feinen Lederschuhen förmlich durch den Laden zu schweben. Einen Moment später stand sie in meiner Nähe. Ich wedelte mit dem Federbüschel und versuchte, ihren wundervollen zartgrauen Umhang mit den aufgestickten schwarzen Blumen nicht zu offensichtlich anzustarren.
»Was für ein exquisites Material«, murmelte sie und fuhr mit den Fingerspitzen über den pfirsichfarbenen Brokat, der durch die Silberstickerei schwer und steif war. Sie wandte sich an ihren Mann. »Schatz, du solltest dir wirklich eine Weste –«
Ich weiß nicht, wieso sie mich in diesem Augenblick ansah, aber sie tat es. Ihre blauen Augen glitten gleichgültig über mich hinweg, doch plötzlich hielt sie inne. Mein Gesicht schien ihren Blick anzuziehen wie ein Magnet. Sie verstummte mitten im Satz, die Augen weit geöffnet. Ihre Hand krallte sich in den Brokat, als würde sie ohne diesen Halt umfallen.
»Ja, Liebes?«, sagte ihr Mann.
Sie ließ den Brokat los und lächelte etwas gequält. Dann drehte sie den beiden Männern graziös den Rücken zu und sah mir wieder ins Gesicht.
»Du«, sagte sie so leise, dass die beiden es nicht hören konnten.
»Ja, Madame?«, antwortete ich beunruhigt. Und dann – ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Es ist mir heute noch ein Rätsel. Ich weiß nicht, woran wir es erkennen oder was es ist. Aber unsere Blicke trafen sich und da wussten wir es. Mein Unterkiefer klappte herunter und ich hätte beinahe laut aufgejapst.
Wir hatten einander als das erkannt, was wir waren: unsterblich. Seit fast fünfzig Jahren hatte ich keinen anderen Menschen getroffen, der so war wie ich – nicht in drei Ländern und acht Städten.
»Wer bist du?«, flüsterte sie.
»Mein Name ist Vali, Madame.«
»Woher kommst du?«
Die jahrzehntealte Lüge kam mir glatt über die Lippen. »Nóregr, Madame«, murmelte ich und hoffte nur, dass es in Norwegen tatsächlich Unsterbliche gab. Ich hatte jedenfalls keine getroffen, während ich dort lebte.
»Schatz?«, rief ihr Mann.
Nach einem weiteren durchdringenden Blick wandte sich die Frau von mir ab und kehrte zu ihrem Ehemann zurück. Kurze Zeit später gingen sie hinaus in den kalten, dunklen Nachmittag. Es war zwar erst halb drei, aber hier im hohen Norden war die Sonne natürlich längst untergegangen.
Ich stand da wie erstarrt und in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, bis ich bemerkte, dass Meister Svenson mich beobachtete. Sofort fing ich wieder an, den Staubwedel zu schwingen.
Am nächsten Tag rief mein Lehrherr mich von dem Glaskasten mit den Seidenschleifen weg, die ich gerade neu ordnete.
Er wickelte etwas in braunes Papier ein, faltete es sorgsam und band es mit einer gewachsten Schnur zusammen. »Ich möchte, dass du das zu Madame Henstrom bringst«, sagte er. »Sie hat mehrere Stoffproben verlangt.« Er nahm seine Füllfeder heraus, tauchte sie in die Tinte und schrieb in seiner gebildeten, etwas schrägen Handschrift ihre Straße und Hausnummer auf das Paket. »Und nicht bummeln, Vali. Hier – kauf dir auf dem Rückweg etwas Süßes.« Er gab mir ein paar Kupfermünzen.
»Vielen Dank, Herr«, sagte ich. Er war wirklich ein freundlicher Mann und bis jetzt war es ganz angenehm, für ihn zu arbeiten.
Ich zog mir den Schal, den ich immer trug, fester um den Hals, warf mir meinen grünen Lodenumhang um und verließ eilig das Geschäft. Diese Madame Henstrom lebte etwa eine halbe Stunde Fußweg entfernt. Ich wich dem Straßenschmutz aus, den Pferden und den Leuten, die sich vor den Geschäften der Hauptstraße drängten, und war wieder einmal froh, in einer Stadt zu wohnen und nicht mehr auf dem Land. Uppsala war mit Abstand die größte Stadt, in der ich seit Reykjavík gelebt hatte. Auf dem Land senkte sich die Dunkelheit um einen wie eine Metallglocke, die über eine Kerze gestülpt wird, still und unerbittlich. Aber hier hörte man sogar um Mitternacht noch gelegentlich das Klappern von Pferdehufen auf dem Kopfsteinpflaster, das Schreien eines Babys und manchmal auch den etwas schrägen und lautstarken Gesang von Männern, die zu viel getrunken hatten. Und hier, in dieser Stadt, lebte mindestens noch eine weitere Unsterbliche.
Die Straßen waren verschlungen und ich landete mehr als einmal in einer Sackgasse und musste umkehren und einen anderen Weg einschlagen. Ich ging so schnell ich konnte, vor allem, um mich warm zu halten, aber die feuchte Kälte kroch unter meinen Umhang und in meine knöchelhohen Stiefel. Als ich endlich die richtige Hausnummer gefunden hatte, war ich durchgefroren bis zu den Zehennägeln und bibberte vor Kälte.
Das Haus war groß und ansehnlich, erbaut aus braunen Ziegelsteinen mit einem Muster aus andersfarbigen Steinen und einem angedeuteten Türmchen. Es hatte drei Stockwerke und zur Eingangstür ging es mehrere steile Stufen hinauf. Ich schlug den Messingtürklopfer in Form eines Löwenkopfes mehrmals gegen das Holz. Die schwarz gestrichene Tür wurde fast augenblicklich von einer großen, kräftigen Frau in einer makellos weißen Schürze geöffnet. Sie hatte die geröteten und rauen Hände einer Dienstkraft, strahlte aber trotzdem eine gewisse Wichtigkeit aus. Also vielleicht die Haushälterin.
»Meister Svenson schickt mich«, sagte ich. »Mit Stoffproben für Madame.« Ich hielt ihr das Päckchen entgegen, aber sie öffnete die Tür weiter.
»Sie erwartet dich im Empfangszimmer.«
»Mich? Ich bin doch nur ein Lehrmädchen.«
»Geh schon.« Die Haushälterin deutete mit einer Kopfbewegung auf eine hellgrau gestrichene Doppeltür.
Drinnen saß eine Frau vor einem weißen Marmorkamin, in den Früchte und Girlanden eingemeißelt waren. Blaue und weiße Fliesen mit Schiffsmotiven umgaben den Feuerraum und ich hätte mich am liebsten davorgekniet, mir jede einzelne angesehen und dabei die Wärme des Feuers genossen. Aber stattdessen blieb ich verlegen an der Tür stehen, bis sich die Frau bewegte und ich ihr Gesicht sehen konnte. Mein Herz schlug sofort schneller: Es war die Frau aus dem Laden, die von gestern Nachmittag. Die Unsterbliche.
»Oh, gut – die Proben von Meister Svenson«, sagte die Frau. Sie hatte eine angenehme, wohlklingende Stimme. »Ich möchte, dass du wartest, während ich sie mir ansehe. Dann kannst du deinem Lehrherrn gleich mitteilen, wofür ich mich entschieden habe.«
»Ja, Madame«, sagte ich verblüfft.
»Danke, Singe«, sagte die Frau zu ihrer Haushälterin, die sich jedoch nur zögerlich entfernte. Offensichtlich machte sie die Anwesenheit eines gewöhnlichen Ladenmädchens im vornehmen Salon ihrer Herrschaft neugierig und empörte sie zugleich.
Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, winkte mich Madame Henstrom zu sich heran. »Entschuldige den Vorwand, aber ich konnte kein Lehrmädchen zu mir rufen«, sagte sie leise und ich nickte. »Du sagst, du kommst aus Nóregr?«
Ich nickte wieder. »Und Sie, Madame – woher kommen Sie?«, fragte ich kühn.
»Frankreich«, antwortete sie. Ich wusste damals so wenig über Unsterbliche, dass ich total schockiert war. Gab es überall welche? In jedem Land?
Ich war Anfang zwanzig gewesen, als ich erfuhr, dass ich unsterblich war. Davor hatte ich nicht den blassesten Schimmer. Schließlich war meine ganze Familie vor meinen Augen abgeschlachtet worden. Und da sie gestorben waren, würde ich logischerweise...




