E-Book, Deutsch, Band 1, 352 Seiten
Reihe: Ein Fall für Kommissar Adler
Tietz Berliner Monster
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-311-70362-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1947: Kommissar Adlers erster Fall
E-Book, Deutsch, Band 1, 352 Seiten
Reihe: Ein Fall für Kommissar Adler
ISBN: 978-3-311-70362-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jürgen Tietz, geboren 1964 in Berlin, hat eine Ausbildung zum Buchhändler gemacht und anschließend Kunstgeschichte studiert. Seit vielen Jahren schreibt er als freier Journalist über Architektur und Baudenkmale. Die Literatur kam daneben nie zu kurz. Leidenschaftlich gern liest Jürgen Tietz die Klassiker der Kriminalliteratur: »spannungsreiche Spiegelbilder der Gesellschaft, ihrer Abgründe und ihrer Leidenschaften«, findet er. Seine Sylt-Krimis erscheinen unter dem Pseudonym Max Ziegler.
Autoren/Hrsg.
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Tag eins
Kommissar Hans Adler schaute die Reihe der kahlen Kastanien am Reichpietschufer entlang. Er gierte nach Sonne, gierte nach Wärme. Alle Berliner gierten in diesen Tagen nach Frühling. Zaghaft trauten sich erste Knospen aus den schweren braunen Ästen hervor. Erst seit wenigen Tagen war es in Berlin etwas wärmer geworden. Bis tief in den März hinein hatte der Winter die Stadt fest umklammert gehalten. Der Eiswinter. Der Hungerwinter. Der Todeswinter. Der Winter, in dem das große Sterben weiterging und einfach nicht mehr aufhören wollte. Das Sterben war jetzt ganz leise geworden. Es war kein lärmender Tod mehr in tosendem Bombenhagel und zerfetzenden Maschinengewehrsalven. Jetzt kroch er über Nacht in die frierenden kranken Körper. Es war ein stummer Tod der Erschöpfung. Bis auf die Knochen abgemagerte Leichen hatten sie in den vergangenen Monaten reihenweise aus Wohnungen und Verschlägen geholt. Verhungert. Oder erfroren. Wer konnte das schon so genau sagen? Wen interessierte das überhaupt?
Der graue Winter in Berlin war noch nie ein Vergnügen gewesen. Umso grausamer war er ohne Holz, ohne Kohlen, ohne Essen, ohne Medizin. Kein Wetter jedenfalls zum Baden in der Spree oder für die Schifffahrt. Auf dem Landwehrkanal trieben noch lange dicke Eisschollen. Deshalb hatte es wohl auch gedauert, ehe die Leiche des Jungen entdeckt wurde. Blass, aufgedunsen. Angefressen und ohne Augen lag der kleine Körper jetzt auf der Uferböschung des Kanals. Verloren in der Welt. Eine eilends herbeigeholte Decke verhüllte nur notdürftig den kindlichen Körper. Sie vermochte den Jungen nicht mehr zu wärmen.
Adler ging vorsichtig die steinernen Stufen der Böschung hinab und schaute auf das Kind. Zehn mochte der Bub gewesen sein, elf vielleicht. Noch vor der Pubertät jedenfalls. Noch bevor sein eigentliches Leben begonnen hatte. Gezeugt im Sommer der Olympiade vielleicht, hatte er kaum mehr erlebt als Not und Bomben, als Hunger und Ruinen und tausendfachen Tod. Um den Hals des Knaben zog sich eine dunkle Verfärbung. Würgemale. Über die Todesursache musste also nicht lange spekuliert werden.
Schwieriger war festzustellen, wie lange das Kind bereits im Wasser lag. Adler schloss die Augen. Er versuchte, sich das Gesicht des Kindes ohne die Entstellungen vorzustellen. Ein kleiner Junge, blond und schmächtig. Unter dem rechten Knie war eine Narbe. Vom Fußballspielen vielleicht?
Spatzen flatterten hektisch um die Kastanien, als wollten sie die Bäume zur Eile mahnen. Es ist Zeit zum Brüten, raunten sie. Wir brauchen Geäst. Wir brauchen Blätter als Schutz, schlagt endlich aus.
»Schon wieder ein Bub. Dachte mir, Sie wollen das bestimmt gleich sehen.«
Wachtmeister Hoffmann trat neben Adler.
Spielende Kinder hatten die Leiche entdeckt und ihren Eltern Bescheid gegeben.
Was für ein grausiger Fund, dachte Adler.
Aber wer wusste schon, welches Grauen diese Kinder schon zuvor erlebt hatten. Im Luftschutzkeller. In der Dunkelheit. Die Sirenen beim Fliegerangriff, die Müdigkeit, wenn sie aus dem Bett hetzen mussten. Nacht für Nacht die Koffer greifen. Das Nötigste gepackt. Für den schlimmsten Fall. Treppab. Los, schnell, schnell, beeilt euch. Dann die Angst im Bunker. Der Schweiß, der ohrenbetäubende Lärm, das Stöhnen und Jammern der Erwachsenen, das Weinen und Schluchzen, wenn die Angriffe und Bombeneinschläge immer näher rückten. Und dann die letzten Tage vor dem Ende. Gewehrsalven wechselten sich ab mit unerträglicher Stille. Wann wohl der Russe kommt? Pst. Sei still. Bloß nichts riskieren. Nicht jetzt, in letzter Minute, von einem Hundertzehnprozentigen aufgeknüpft werden. Aber vielleicht auch besser, als dem Russen in die Hände zu fallen. Die Angst. Die lähmende Angst des nahen Untergangs.
Die beiden Kinder lehnten an einer Kastanie am Ufer und schauten neugierig hinab, was die Erwachsenen da bei dem toten Kind wohl machten.
»Sie wohnen mit den Eltern gleich um die Ecke in einem der Flüchtlingslager«, fuhr Hoffmann fort.
Bett an Bett, nacktes Leben an nacktem Überleben. Gerettet vor dem Russen und darauf warten, dass irgendetwas wieder begann. Nur was sollte beginnen? Es war ja nichts mehr vorhanden. Etwas, das zumindest den Anschein von Normalität besaß. Von Arbeit und Alltag. Von Geldverdienen und kleinem Glück. Das war das Leben in all den überquellenden Berliner Flüchtlingsunterkünften. Ach was, das war ja gar kein Leben. Das war ein Vegetieren. Wer Verwandte im Westen hatte oder Freunde, der zog weiter und ließ die eingekesselte Stadt hinter sich. Wer konnte schon sagen, was als Nächstes mit Berlin passieren würde?
»Die Familie kommt aus Ostpreußen. Allenstein. Die Eltern suchen nach Arbeit in Berlin. Vergebens bisher.«
Ein Sonnenstrahl fiel Hoffmann ins Gesicht. Er wischte ihn mit der Hand fort wie eine lästige Mücke und drehte sich zur Seite weg.
»Wollen Sie mit ihnen sprechen, Herr Kommissar?«
»Mit den Kindern?«
»Mit den Eltern, dachte ich.«
»Sie haben sie schon vernommen?«
»Jawoll, Kommissar Adler.«
»Und?«
»Haben nichts mit dem toten Jungen zu tun, war mein Eindruck. Auch die Kinder nicht. Niemand kennt den Buben bisher. Scheint nicht von hier zu sein.«
»Gut gemacht, Hoffmann«, lobte Adler den Wachtmeister. »Bringt den Jungen in die Charité. Vielleicht fällt Frau Dr. Fischer ja etwas an ihm auf.«
Doch was sollte das sein?, fragte sich Adler.
Keine Kleider, kein Name, keine Herkunft, kein Hinweis. Nur ein totes nacktes Kind. Es war bereits das dritte, das sie im letzten Vierteljahr so bloß wie tot aufgefunden hatten. Zwei Jungen, ein Mädchen. Alle etwa im selben Alter, etwa zehn Jahre alt. Alle erwürgt. Bei keinem Kind gab es auch nur den Hauch einer Spur, woher es stammte, wie es hieß, wer seine Mutter gewesen sein mochte, wer der Vater. Nichts. Drei unbekannte tote Kinder. Namenlose.
Vorsichtig ging Adler die glitschigen Stufen der Uferböschung wieder hoch zur Straße. Er strauchelte kurz, konnte sich aber fangen, ohne zu stürzen. Das Gleichgewicht war noch immer sein Feind.
»Alles in Ordnung, Herr Kommissar?«
»Danke schön, Hoffmann. Alles gut gemacht. Wir sehen uns nachher im Präsidium.«
Damit ging er zu den beiden Kindern hinüber, um mit ihnen zu sprechen.
Das Mädchen schien etwa im Alter des toten Jungen zu sein. Herausfordernd schaute es den Kommissar aus seinen großen blauen Augen an. Die struppigen blonden Haare, die sie im Seitenscheitel trug, waren nackenlang. Ihr Bruder stand ängstlich neben ihr. Seine Finger umschlangen krampfhaft die Hand seiner großen Schwester. Er mochte zwei Jahre jünger als das Mädchen sein, schätzte Adler.
»Ihr habt den Jungen gefunden?«, begann Adler das Gespräch und ging in die Hocke, um den Kindern in die Augen schauen zu können.
»Ja«, antwortete das Mädchen, während der Junge schwieg und zu Boden blickte.
»Habt ihr ihn vorher schon einmal gesehen?«
»Nein.«
»Es ist keiner eurer Spielkameraden?«
»Wir haben keine Spielkameraden.«
»Ach so, warum denn nicht?«
Adler schob seine Hand in die Tasche seines alten grauen Mantels und holte eine Papiertüte mit Maiblättern hervor. Grüne saure Bonbons, die er den Kindern entgegenhielt.
Der Junge wollte schon zugreifen, überlegte es sich dann aber noch einmal.
»Wir dürfen nichts von Fremden annehmen«, ließ er Adler wissen.
»Das ist sehr vernünftig. Ich denke, bei der Polizei könnt ihr allerdings eine Ausnahme machen, wenn ihr wollt.«
Der Junge schaute zu seiner Schwester hoch. Sie nickte, und beide nahmen sich ein Maiblatt aus der Tüte.
»Wollen wir uns dort drüben hinsetzen? Dann könnt ihr mir erzählen, was ihr gesehen habt, einverstanden?«
Er zeigte auf die Stufen vor dem berühmten Shell-Haus, das wie eine Welle am Ufer des Kanals vor- und zurückschwappte. Doch die Eleganz des Bauwerks hatte schwer gelitten. Aus der Fassade hatten die Bomben riesige Stücke herausgebrochen. Die Fensterscheiben waren sämtlich geborsten. Adler stand auf, und die Kinder folgten ihm über die Straße und ließen sich neben ihm nieder.
»Fritz hat ihn zuerst gesehen«, sprudelte es aus dem Mädchen heraus, kaum dass sie saßen.
»Du bist also Fritz, und wie heißt du?«
»Marie.«
»Und was habt ihr dann gemacht, Marie?«
»Nix.«
Marie zögerte.
»Wir haben bloß geguckt«, traute sich jetzt auch Fritz, etwas zu sagen.
»Der hatte ja keine Augen mehr, dass der tot war, war klar wie Kloßbrühe.«
Adler schauderte über die welterfahrene Gewissheit der Kinder, die schon in ihrem Alter auf den ersten Blick zwischen Tod und Leben zu unterscheiden wussten. Was würde in zehn oder zwanzig Jahren mit ihnen sein? Wie würden ihre Seelen das Erlebte, das Gesehene verarbeiten? Würden sich alle Toten in ihrer Erinnerung festsetzen? Würden sie nachts in ihren Träumen herauskriechen – böse Fratzen, die sie in ihrem unruhigen Schlaf quälten?
»Und dann seid ihr zu euren Eltern gelaufen?«
»Ja, und die Mutti ist mitgekommen und hat geguckt und immer wieder gerufen: ›Der arme Junge, der arme Junge!‹«
»Ja, und dann hat Onkel Ewald die Polizei gerufen«, rief Fritz.
»Wer ist denn Onkel Ewald?«, fragte Adler leise.
»Das ist doch der Hausmeister von da, wo wir wohnen«, klärte ihn Fritz auf, verblüfft über Adlers Unwissenheit.
»Ach so, Onkel Ewald. Und der ist dann auch hergekommen?«
»Nee, der kann doch nicht mehr richtig laufen. Der ist ganz dick und hat nur noch ein Bein. So wie du nur einen Arm...




